Shimano Dura-Ace R9100 Gruppe 2x11 im Test: Eine umfassende Analyse

Lange erwartet, wurden sie endlich vorgestellt: die neuen Versionen der beiden Top-Gruppen des japanischen Herstellers Shimano, Dura-Ace und Ultegra. TOUR hat die neue Shimano Dura-Ace R9200 getestet, um herauszufinden, ob sie der technisch fortgeschrittenen Konkurrenz Paroli bieten kann.

Die wichtigsten Neuerungen im Überblick

  • Die Gruppen werden künftig ausschließlich als elektronische Di2-Versionen angeboten.
  • Die neue Top-Gruppe Dura-Ace R9200 wird demnach künftig als Semi-Wireless-Schaltung mit einem Zwölffach-Antrieb angeboten.
  • Shimano setzt den „zusätzlichen“ Gang an den „Sweet Spot“ im mittleren Teil der Kassette.
  • Dies soll kleinere Gangsprünge in diesem häufig genutzten Gang-Bereich ermöglichen.

Technische Details und Funktionen

Die Schaltung funktioniert nun ohne Kabel, diese können jedoch weiter verbaut werden. Der Grund: Eine erhöhte Sicherheit, falls das Wireless-System ausfallen sollte. Die neue Top-Gruppe soll zudem schneller schalten als das Vorgängermodell. Das Schaltwerk reagiert dem Hersteller zufolge um 58 Prozent, die Umwerfer um 45 Prozent schneller. Für die Funktion der Di2-Technik ist das Schaltwerk entscheidend: Es fungiert als Akkuladestation, als Bluetooth- und ANT+-Empfänger und -Sender sowie als Verbindungsstelle - etwa zur Justage der Gänge.

Das Schaltwerk empfängt die Daten für den Schaltvorgang und leitet sie an den Umwerfer weiter. Im Schaltwerk befindet sich zudem der Ladeanschluss. Dafür ist ein neuer Stecker erforderlich, der zusätzlich die neue Powermeter-Kurbel aufladen kann. Die alten Anschlüsse des Vorgängermodells sind leider nicht mehr mit jenen des neuen kompatibel. Die Wireless-Funktion wird über einen shimano-eigenen Chip geleitet. Die Energieversorgung wird durch einen Stab-Akku im Sitzrohr oder in der Sattelstütze gewährleistet.

Dabei unterscheidet sich die Wireless-Funktion von jener der Konkurrenz. Bei den Modellen des US-Herstellers Sram, der seit einigen Jahren vorrrangig auf kabellose elektronische Gruppen setzt, ist der Akku je direkt am Schaltwerk und Umwerfer angebracht. Eine Akkuladung hält laut Shimano für rund 1000 Kilometer.

Neben der Elektronik und der Funktionsweise wurden auch die Kontaktpunkte und die Optik der Gruppen grundlegend überarbeitet. Die Griffhörnchen wurden leicht erhöht und sollen somit ergonomischer sein und mehr Griff-Positionen ermöglichen als zuvor. Für eine Aero-Position an den Knäufen wurden diese etwas nach innen gestellt. Die Schalttasten sind nun sichtlich - und spürbar - anders positioniert. Damit soll klarer und intuitiver spürbar sein, welche der beiden Schalttasten gerade betätigt wird.

Bremsen: ServoWave-Technologie für mehr Power

Die neuen Scheibenbremsen sollen eine höhere Bremspower als jene der Vorgängergruppen ermöglichen. Shimano bedient sich dafür der ServoWave-Technologie. Diese ist bislang nur für die Mountainbike- sowie die GRX-Gravel-Gruppen verwendet worden. Mit dem ersten Anteil des Bremshebel-Weges bewegt man die Bremsbeläge weit in die Richtung der Bremsscheiben. Danach ändert sich das Verhältnis vom Hebelweg zum Weg: Dadurch kann der Abstand der Beläge um zehn Prozent vergrößert werden, was jegliches Scheiben-Schleifen verhindern soll.

Ultegra R8100: Die Technik der Dura-Ace für ein breiteres Publikum

Die neue Ultegra R8100 wird künftig ebenfalls ausschließlich als elektronische Di2-Version angeboten. Die Neuerungen und Technologien der neuen Dura-Ace kommen so auch bei der Ultegra vor. Die Schaltgeschwindigkeit soll bei beiden Gruppen gleich hoch sein.

Haupt-Unterschiede zwischen der Ultegra- und der Dura-Ace-Gruppe: Die Bremshebel der Ultegra bestehen aus Aluminium statt aus Carbon - und die Kassette aus Stahl statt aus Titan. Serienmäßig wird es an Ultegra-Gruppen nur 52/36- und 50/34-Kettenblätter geben. Die Umwerfer sind jedoch für Blätter mit bis zu 55 Zähnen kompatibel. ...die Ultegra wird mit 52/36- und 50/34-Blättern angeboten.

Neue Dura-Ace-Laufradsätze

Neben der neuen Gruppe stellt Shimano drei neuentwickelte Dura-Ace-Laufradsätze vor: die Modelle C36, C50 und C60. Die Laufräder werden für Tubeless- und Tubetypesysteme angeboten sowie für Disc- und Felgenbremsen, in letzterer Variante allerdings nur in Verbindung mit Schlauchreifen. Das C36 ist das Leichtgewichtsmodell mit 36 Millimetern Felgenhöhe. Das C50 ist das Allroundlaufrad. Es soll ein geringes Gewicht mit guten Aerodynamikwerten kombinieren. Laut Shimano schneiden die C50-Laufräder im Windkanal um ein Watt „besser“ ab als die „alten“ Aero-Topmodelle C60.

Der neue Direct-Engagement-Freilaufmechanismus soll zu einer deutlich erhöhten Antriebssteifigkeit führen. Bei diesem ersetzen zwei gegenüberliegende Verzahnungen die bisherige Sperrklinken-Konstruktion. Sie verfügen, im Unterschied zu den Dura-Ace-Modellen, noch über Sperrklinken. Sie sind zudem etwas schwerer als die Top-Version: Die Tubeless-Variante der C36-Ultegra-Laufräder soll, laut Shimano, 1488 Gramm wiegen.

Preis und Gewicht

Beide Gruppen werden günstiger - die Dura Ace sogar signifikant. Die Gründe: Es werden weniger Teile verbaut und benötigt - weniger Kabel und Züge, keine Verbindungsstücke, generell weniger Technik. Ein finaler konkreter Gruppenpreis stand zum Redaktionsschluss dieses Magazins jedoch noch nicht fest. Das Gesamtgewicht der neuen Dura-Ace-Gruppe beträgt als Version ohne integrierten Powermeter laut Shimano 2438 Gramm - rund 35 Gramm mehr als jenes der Vorgänger-Variante. Die Powermeter-Einheit ist rund 58 Gramm schwer. Die neue Ultegra- Gruppe ist mit einem Gesamtgewicht von 2716 Gramm um rund elf Gramm schwerer als die Vorgänger-Version R800.

Erste Fahreindrücke und Testfahrt

Schon am Start die erste positive Überraschung: Die zunächst größer wirkenden Griffkörper fallen schlank aus und lassen sich auch mit kleinen Händen wunderbar umgreifen. Dafür ist mehr Platz für die Finger zwischen Bremshebel und Lenker, ein klarer Komfortgewinn. Die leicht nach innen geneigten Höcker bieten eine echte Griff­position, die beiden Schalttasten sind klarer voneinander abgegrenzt und auch mit Handschuhen im Dauerregen eindeutig zu fühlen. Ein erster Druck auf den Schaltknopf gibt deutliche Rückmeldung mit einem spürbaren „Klick“.

Die wohl wichtigste Innovation aber ist unsichtbar: Die Schalt­befehle gelangen jetzt per Funk zum Schaltwerk. Kabel müssen am Lenker nicht mehr verlegt werden, jedenfalls nicht zwingend. Das dürfte vor ­allem Radhersteller und -mechaniker freuen, die bei der Montage an integrierte Lenker viel Zeit sparen. Beim Einrollen zum ersten Gebirgszug lernen wir nicht nur den fast lautlosen Lauf des Shimano-Getriebes, sondern auch schon den Vorteil des zwölften Ritzels schätzen. Der verbauten 12-30-Kassette wurde ein zusätzlicher Kranz mit 16 Zähnen spendiert. Die viel genutzten „Arbeitsgänge“ sind damit extrem fein abgestuft, in welligem Terrain gibt es immer den richtigen Gang.

Bei vielen Schaltvorgängen im kupierten ­Gelände zeigt sich, dass die Japaner das Schaltverhalten der Dura-Ace-Kassette mit neu gestalteten Schaltweichen nochmals verfeinern konnten. Vor allem Schaltvorgänge auf kleinere Ritzel unter Last, bei denen die Kette bislang mit einem mehr oder minder lauten Knall einfach herunterfiel, wirken nun geschmeidiger. Auch auf größere Ritzel klettert sie etwas weicher, aber nicht so signifikant.

Am ersten steileren Anstieg liefert ein Druck auf den linken Schaltknopf den nächsten Aha-­Effekt: Der schlankere Umwerfer arbeitet hörbar schneller. Auch das Schaltwerk soll laut Shimano über 50 Prozent zügiger wechseln als bislang. Praxisrelevant ist beides in unseren Augen aber nicht, denn schon bisher wechselten die Gänge rasend schnell, der absolute Unterschied beträgt nur Bruchteile von Sekunden.

Die Bremsen im Härtetest

Merkliche Fortschritte gibt es bei den Scheibenbremsen der Dura-Ace, denen wir in sehr steilen, teilweise buckligen, verschmutzten und regennassen Abfahrten viel Vertrauen schenken mussten. Die vom Mountainbike übernommene Technologie „Servo Wave“ ist das Geheimnis eines überragenden Ansprech­verhaltens: Zieht man am Hebel, legen die Beläge anfangs viel Weg zurück, ab dem Druckpunkt wird der Weg immer kleiner, die Bremskraft dafür größer. Hohe Bremsleistung und die beste Bremskraft-Kontrolle in der Konkurrenz sind die Folge - selbst Vollbremsungen aus hohen Geschwindigkeiten lassen sich locker mit zwei Fingern aus Bremsgriffhaltung erledigen.

Auch die neue Bremsscheibe kommt von der Mountainbike-Gruppe XTR. Sie ist leichter, aber deutlich steifer, in den Bremszangen lassen die Beläge zudem mehr Abstand zur Scheibe. Das zeitweise Schleifen nach stärkeren Bremsungen, das jeden Shimano-Disc-­Fahrer bislang begleitete, ist damit fast geheilt. Geblieben ist ein lautes Quietschen bei Nässe, auch wenn es gefühlt etwas weniger häufig und weniger lange auftritt.

Alternativen für Felgenbremsen-Fans

Eine gute Nachricht gibt es für Fans von Felgenbremsen: Auch damit lässt sich der Zwölffach-Antrieb kombinieren. Die neuen Hebel dafür erinnern von der Form eher an das Vorgängermodell und verfügen nicht über die Funktechnologie, die Bremsen selbst bleiben unverändert zur Dura-Ace R9100.

XTR-Technologie für die Kette

Ebenfalls der XTR-Mountainbike-Gruppe entnommen ist die Zwölffach-Kette - was in mehrerer Hinsicht eine gute Nachricht ist: Zum einen ist es dadurch einfacher, Ersatzteile für mehrere Räder zu bevorraten. Außerdem zeigen Verschleißtests im Labor, dass die Kette in dieser Dis­ziplin zu den Besten gehört.

Das TOUR-Fazit aus dem Praxistest

Gegen Ende unserer Tour können wir resümieren, dass Shimano mit der neuen Dura-Ace keine Revolution auslöst, aber sich in vielen Details verbessert. Besonders die starken Bremsen bleiben uns in Erinnerung. Unsere Gruppe hat viele Höhenmeter, viel Dreck und viel Wasser gesehen - Funktionsstörungen oder gar Ausfälle gab es keine. Kette und Ritzelpaket zeigen nach 500 unwirtlichen Kilometern noch keinen mess­baren Verschleiß, die Kettenblätter sind nur minimal angegriffen. Der anfangs vollgeladene Di2-Akku zeigt noch 50 Prozent Restkapazität, wobei wir überdurchschnittlich viel geschaltet haben. Shimano gibt eine Reichweite von zirka 1.000 Kilometern an, in weniger anspruchsvollem Gelände dürften es deutlich mehr werden. Wer die Hebel direkt mit dem Akku verkabelt, kann noch mal 50 Prozent mehr Reichweite rausholen - das ist mehr als komfortabel.

Preis und Verfügbarkeit

Für das getestete Ensemble ruft Shimano - ohne die Laufräder - knapp 4.200 Euro auf. Das klingt viel, ist in Wahrheit aber 440 Euro günstiger als der bisherige Listenpreis in vergleichbarer Konfiguration. Ob es die üppigen Rabatte, die Käufer in Online-Shops in den vergangenen Jahren gewohnt waren, auch für die neuen Gruppen geben wird, muss sich erst noch zeigen. Gleiches gilt für die Verfügbarkeit.

Shimano Dura-Ace R9100 im Vergleich

Die folgende Tabelle vergleicht die Shimano Dura-Ace R9100 mit anderen Top-Gruppen auf dem Markt:

Gruppe Gewicht (ca.) Preis (ca.) Besonderheiten
Shimano Dura-Ace R9100 2438 g 4200 € Di2, Scheibenbremsen, Wireless-Option
SRAM Red eTap AXS 2056 g 4500 € Wireless, X-Range-Übersetzung
Campagnolo Super Record EPS 2255 g 4800 € Elektronisch, traditionelle Ergonomie

Alternativen und Wettbewerber

Shimano oder SRAM oder am Ende doch Campagnolo? Das ist so etwas wie eine Glaubensfrage, wenn es um die Ausstattung von Rennrädern geht. Diese Frage ist durch die Entwicklung elektronischer Schaltungen und Scheibenbremsen nicht gerade einfacher geworden. Im Folgenden geht es darum, die grundlegenden Unterschiede zwischen den Schalt- und Bremssystemen darzustellen und die Eigenheiten der verschiedenen Gruppen zu verdeutlichen.

Komplette Rennrad-Gruppen werden von fünf Herstellern angeboten:

  1. Shimano
  2. SRAM
  3. Campagnolo
  4. FSA
  5. Rotor

Shimano und Campagnolo sind die Hersteller, die schon am längsten im Geschäft sind. SRAM, vormals Sachs, ist noch nicht ganz so lange dabei. Relativ neu auf dem Rennradmarkt sind Rotor und FSA. Diese Hersteller sind als Komponentenhersteller bekannt. Im Jahr 2016 stellten beide eine komplette Rennrad-Gruppe vor. Während FSA - dem Zeitgeist folgend - eine elektronische Schaltgruppe anbietet, hat Rotor mit seiner hydraulischen Schaltgruppe einen neuen Weg eingeschlagen.

Mechanisch, Elektrisch oder Hydraulisch Schalten?

Der grundlegende Unterschied zwischen diesen Systemen besteht in der Übertragung des Schaltimpulses an Schaltwerk und Umwerfer.

  1. Mechanisch: über ein System von Schaltzügen
  2. Elektronisch: über Kabel oder Funk
  3. Hydraulisch: durch Hydraulikflüssigkeit in speziellen Hydraulikleitungen

Mechanische Rennradschaltungen:

Vorteile:

  • + Gewicht
  • + Leichte Reparatur unterwegs (z.B. bei gerissenen Zügen)
  • + (relativ) preiswert

Nachteile:

  • - Verschleiß der Züge
  • - Schwergängig bei ungünstiger Verlegung der Züge

Elektronische Rennradschaltungen:

Vorteile:

  • + Stets optimale Funktion
  • + Relativ unempfindlich gegen Schmutz
  • + Cleane Optik

Nachteile:

  • - Abhängigkeit von Stromquelle
  • - Reparatur unterwegs kaum möglich
  • - Meist höheres Gewicht als mechanische Schaltungen

Hydraulische Rennradschaltungen:

Vorteile:

  • + Stets optimale Funktion
  • + Tausch oder Nachstellen von Zügen nicht nötig
  • + Weniger anfällig, schwergängiger in der Funktion als mechanische Schaltungen

Nachteile:

  • - Reparatur unterwegs kaum möglich
  • - Höheres Gewicht als mechanische Schaltungen

Felgenbremse oder Disc?

Auch in Sachen Bremsen hat es in den letzten Jahren interessante Entwicklungen am Rennrad gegeben. Seit ungefähr fünf Jahren werden immer mehr Rennräder mit (hydraulischen) Scheibenbremsen angeboten, sodass nun zwischen zwei Systemen mit ihren Vor- und Nachteilen gewählt werden kann:

Felgenbremse

Vorteile:

  • + geringes Gewicht
  • + leichte Wartung

Nachteile:

  • - Geringe Bremskraft bei nassen Verhältnissen
  • - Verschleiß von Felgen

Scheibenbremsen

Vorteile:

  • + hohe, zuverlässige Bremskraft bei allen Wetterverhältnissen
  • + kein Verschleiß der Felgen

Nachteile:

  • - Schwerer als mechanische Felgenbremsen
  • - Neigen unter nassen Bediengungen gelegentlich zum quietschen
  • - Unterwegs kaum zu reparieren

Shimano Schaltgruppen im Detail

Shimano ist der größte Hersteller von Schaltkomponenten. Die japanische Firma bietet Schaltgruppen jeder Preisklasse an. Bei den hochwertigen Schaltgruppen, Ultegra und Dura Ace, gibt es neben der mechanischen auch eine elektronische Ausführung. Außerdem bieten sie mechanische und hydraulische Bremsen an. Die elektronischen Schaltungen sind mit „Di2“ bezeichnet.

Die Tabelle zeigt die Rangordnung der Shimano Schaltgruppen, von der hochwertigsten zur preiswertesten Gruppe aufgeführt:

Gruppe
Dura Ace (Di2) ; Disc ; 2x11
Ultegra (Di2) ; Disc ; 2x11
105 ; Disc ; 2x11
Tiagra ; Disc ; 3x10 ; 2x10
Sora ; 3x9 ; 2x9
Claris ; 3x8 ; 2x8
Tourney ; 3x7 ; 2x7

Von Gruppe zu Gruppe werden hochwertigeren Materialien und genauere Fertigungstoleranzen verwendet. Das bedeutet, dass die hochwertigen Gruppen aufwändiger zu fertigen sind und die hochwertigen Materialien zusammen mit dem größeren Herstellungsaufwand einen höheren Preis, allerdings auch eine genauere Schaltperformance und geringeres Gewicht erzeugen.

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