Die neuen Offroad-Gruppen von Shimano und SRAM sind besser auf die Bedürfnisse von Gravelbikern abgestimmt als je zuvor. Mit sinnvollen Übersetzungen, einfacher Bedienung und gelungener Ergonomie überzeugen sie Einsteiger wie Vielfahrer gleichermaßen - und folgen dennoch komplett unterschiedlichen Konzepten.
Shimano aus Japan und der US-amerikanische Konkurrent SRAM prägen das Erscheinungsbild des Gravelbikes maßgeblich, indem sie betont sportliche, aber auch für Freizeit- und unerfahrene Radler und Radlerinnen maßgeschneiderte Komponenten anbieten. SRAM tummelte sich bislang eher im oberen Preisbereich, während Shimano auch Komponenten für günstigere Bikes anbot. Doch mit den neuen Teilen buhlen beide zunehmend um die gleiche Zielgruppe.
Fast gleichzeitig präsentieren Shimano und SRAM nun Produkte, die gezielt für preiswerte Räder konzipiert sind, auf dem Papier aber dennoch mit High-End-Technik punkten. Shimano setzt seine Erfahrungen mit der populären GRX, der ersten erklärten Gravel-Gruppe überhaupt, in einer zweiten Generation um.
Shimano GRX: Ein Überblick
Seit 2019 ist die GRX-Gruppenfamilie von Shimano erhältlich. Alle großen Sportrad-Hersteller haben inzwischen Gravelbikes im Programm. Die Breitreifen-Rennräder ermöglichen das Fahren auf Straße, Schotter und Waldwegen gleichermaßen und eröffnen damit völlig neue Möglichkeiten, sich auf dem Rad zu bewegen. Ausgestattet waren die Räder bis vor kurzem mit Rennrad-Schaltgruppen (Shimano 105, Tiagra, Ultegra) oder Mountainbike-Antrieben mit einem Kettenblatt (Sram Apex, Rival, Force). Beides nicht konsequent auf den Gravel-Einsatz ausgerichtet. Diese Lücke möchte Shimano mit seiner GRX-Familie schließen.
Verfügbare Ausführungen der Shimano GRX:
- RX400 mit 2x10 Gängen
- RX600 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
- RX810 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
- RX815 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen und elektronischer Schaltung (GRX Di2)
Hydraulische Scheibenbremsen sind bei allen Gruppen Standard.
Wir haben die Variante RX600 mit Zweifach-Antrieb (46/30) und 11-34-Kassette getestet.
Für Shimano hat die Zweifach-Kurbel trotz zwölf Ritzeln weiterhin eine Berechtigung am Gravelbike. Die Gänge sind sehr fein abgestuft, der Umwerfer verkompliziert aber die Bedienung und schränkt die Reifenfreiheit ein.
Die zweite GRX-Generation von Shimano bekommt ebenfalls ein zwölftes Ritzel spendiert. Doch sie wird, wie an unserem Testrad von Arc8, bis auf Weiteres nur mit den gewohnten Schaltbremsgriffen und Bowdenzügen bedienbar sein. Eine elektronische Di2-Version, die es in der ersten Generation parallel gab, ist zum Marktstart nicht erhältlich. Der Zweifach-Antrieb mit Umwerfer dagegen ist am Gravelbike noch eine selbstverständliche Option - auch wenn Shimano das Angebot an Einfach-Übersetzungen jetzt deutlich ausgebaut hat. Zusätzlich zur getesteten GRX 820 gibt es eine preiswertere GRX 610, die auf einige technische Finessen verzichtet. Die Gruppen sind untereinander fast uneingeschränkt kompatibel und bilden eine Art Baukasten.
Ergonomie und Haptik
Optisch sieht bei Shimano alles aus wie gewohnt, fein poliertes, dunkel eloxiertes Alu bestimmt den Eindruck. Doch schon beim Erstkontakt mit den neuen GRX-Hebeln fällt auf, dass an deren Form gefeilt wurde. Die Bremshebel sind weit nach außen angestellt, extrem breit und bieten den Fingern eine satte Auflagefläche; von oben lassen sie sich wunderbar greifen, und man kann viel Kraft aufbauen. Die Auflagefläche auf den Griffgummis ist größer und bietet nun ein regelrechtes Tableau für die Hände. Weniger auffällig ist, dass die Geometrie an die weiter ausgestellten Gravellenker angepasst wurde. Neigte sich die Handauflage bei solchen Bügeln bisher etwas nach innen, liegt sie nun waagrecht. Die recht scharfen Konturen auf dem Griffgummi, die auf ruppigen Passagen mehr Halt bieten sollen, könnten empfindliche Handballen auf Dauer allerdings reizen, sofern man häufig ohne Handschuhe fährt. Die Neuerungen betreffen nur die GRX 820, die preiswerteren GRX-610-Hebel bleiben auf dem bisherigen Stand.
Die Shimano GRX im Praxistest
Ist die GRX nun eine sinnvolle Ergänzung für die Anforderungen, die das Gravel-Profil stellt? Oder der Versuch, den Offroad-Trend auch mit einer weiteren Neuheit zu bedienen?
Beim Losfahren macht sich zunächst das bemerkbar, was man in den Händen hält: die Brems- und Schaltgriffe. Diese unterscheiden sich spürbar von den bekannten Shimano-Griffen der 105er- oder Ultegra-Serie. Der Hebelpunkt liegt etwas versetzt, die Hebel sind leicht nach außen gestellt und ergonomischer geformt; der Bereich für die Handablage ist schön breit und rutschfest.
Das alles sorgt dafür, dass der erste Eindruck von der neuen GRX äußerst positiv ist und sich auch im weiteren Verlauf nicht wandelt. Der Druckpunkt ist hervorragend gewählt, die Bedienkraft ist genau richtig. Da stellt sich eigentlich nur noch die Frage, warum der japanische Hersteller dies nicht auf die Straßengruppen überträgt.
Die hydraulischen Scheibenbremsen - in puncto Performance nicht zu toppen - lassen sich über die Hebel butterweich ansteuern, auch Schaltwerk und Umwerfer führen klaglos alle Befehle von oben aus. Präzision und Performance der Schaltvorgänge liegen auf Niveau der Straßengruppe Shimano 105; mindestens. Wer das Maximum herausholen möchte, kann den Schaltwerk-Stabilisator (Shadow RD+) an- und ausschalten. Dies vermindert das Schlagen und Abfallen der Kette bei ruppigem Untergrund; man sollte nur nicht vergessen, die Funktion vor dem Laufrad-Ausbau wieder zu deaktivieren.
Einfach- oder Zweifach-Antrieb?
Alle, die überwiegend im Gelände unterwegs sind, könnten von der Einfach-Ausführung mit weit abgestufter Kassette profitieren. Wer indes auch auf der Straße und auf gemischten Untergründen unterwegs ist, fährt nach unserer Erfahrung besser mit einem Zweifach-Antrieb. Das Prinzip ist, grob gesagt: Auf der Straße kann man mit dem 46er-Blatt alle leichten An- und Abstiege bewältigen und in den größten Gängen auch mal Gas geben. Sobald man die befestigten Wege verlässt, lässt man die Kette aufs 30er-Blatt fallen und sucht sich den richtigen Gang für Schotter und Erde.
Die menschliche Hand funktioniert weniger präzise als elektronische Stellmotoren, was sich beim geringeren Ritzelabstand des Zwölfer-Pakets offenbar bemerkbar macht: Beim Wechsel auf größere Ritzel streift die Kette schon den übernächsten Zahnkranz, bevor der Hebel wieder losgelassen wird. Ein echtes Problem ist das aber nicht, die Gänge rasten sauber ein. Die 11-34-Kassette ist sehr fein abgestuft, das macht besonders in flachem bis welligem Terrain Spaß. Dafür muss an steileren Anstiegen der Umwerfer einbezogen werden; Shimano-typisch arbeitet der aber leicht und zuverlässig.
Bringt man die Erfahrung mit, die 24 Gänge sinnvoll zu nutzen, macht der Umwerfer auf einen Umstand aufmerksam, den wir an unserem Arc8-Testrad beobachten konnten. Er lässt offiziell Platz für bis zu 42 Millimeter breite Reifen; der montierte 45er-Pirelli-Pneu schleift im Wiegetritt am Wechsler. Mehr Platz bleibt mit Einfach-Kettenblatt, dem Shimano mittlerweile mehr Bedeutung beimisst. Es gibt Kettenblätter von 38 bis 42 Zähnen, die passenden Ritzelpakete stammen aus der Mountainbike-Gruppe XT mit 10-45 oder 10-51 Zähnen, benötigen jedoch einen speziellen Microspline-Freilauf.
Etwas verwirrend: Für die Einfach-Konfigurationen ist nicht nur ein eigenes Schaltwerk nötig; den beiden Ritzelpaketen sind auch unterschiedlich lange Schaltkäfige zugeordnet, einfach umbauen lässt sich die Übersetzung also nicht.
Die neuen GRX-Bremsen sind nahezu unverändert; sie wirken spontan etwas weniger bissig als die SRAM-Stopper, mit zunehmender Handkraft übertrumpfen sie diese jedoch - ein Effekt der nicht linearen Bremskraftübersetzung, die allerdings nur die höherwertige GRX 820 bietet. An Scheiben und Belägen wurde nichts verändert.
Shimano GRX 12-fach Gruppe
Mit der Shimano GRX 12-fach Gruppe bringen die Japaner ein großes Upgrade für ihre Gravel-Gruppe. Heute sind weder die Schotter-Allrounder noch die speziell dafür angepassten Komponenten mehr aus der Fahrradwelt wegzudenken. Sämtliche neuen GRX Komponenten schalten auf zwölf Gängen. Das heißt auch direkt, dass ein Mischen mit den „alten“ GRX Bauteilen nicht möglich sein wird. Wie schon beim Vorgänger wird es auch bei der neuen GRX Gruppe verschiedene Kategorien geben. Die Komponenten der 800er Serie bilden dabei nach wie vor die Speerspitze und zielen auf ambitionierte Gravel-Fahrer, wohingegen sich die günstigeren 600er Bauteile eher an Einsteiger richten. Noch günstigere Komponenten in der 400er Serie wie beim Vorgänger gibt es derzeit (noch?) nicht. Ebenso gibt es derzeit noch keine Informationen über eine elektronische Di2 Variante der neuen GRX-Gruppe.
Die STIs waren bislang zweifelsfrei das Highlight der GRX Gruppe und insofern verwundert es nicht, dass sich hier grundlegend nichts ändern wird. Laut eigener Aussage hat man einige ergonomische Verbesserungen vorgenommen, so hat man die Lenkerklemmung verbessert, um den Komfort beim Fahren auf den Hoods zu verbessern. Zudem sollen die STIs besser für die Kombination mit ausgestellten Lenkern optimiert sein. Die STIs der 600er Baureihe unterscheiden sich - zumindest auf dem Papier - nur wenig von ihren höherpreisigen Pendants. Hier kommt nun auch der geriffelte, texturierte Griffgummi zum Einsatz, auf den man an den 600er STIs beim Vorgänger noch verzichten musste.
Mit dem Sprung auf zwölf Gänge und breiter abgestuften Kassetten kann Shimano einen der wahrscheinlich größten Nachteile der bisherigen GRX Gruppe ausmerzen. Wer nämlich bislang auf einen Umwerfer verzichten wollte bzw. musste (z.B. weil viele Rahmen gar keinen Platz mehr dafür haben), bekam im GRX-Kosmos zwar ein 1×11 Setup, das jedoch in puncto Bandbreite weit hinter der US-Konkurrenz von Sram zurücklag. Bei den verwendeten Kassetten setzt Shimano sinnvoller Weise auf das, was man bereits aus dem MTB-Bereich im Programm hat. Neben der breit abgestuften 10-51er Kassette trifft das auch auf die enger abgestufte 10-45er Variante zu, die sich damit auch eher an ambitionierte, fitte Fahrer richtet, die auf einen leichten Berg-Gang verzichten können. Der Wechsel auf die 12-fach Kassetten heißt jedoch auch, dass für die Montage ein Micro Spline Freilauf benötigt wird. Wer also sein bestehendes Rad umrüsten möchte, sollte darauf achten - gerade Besitzer älterer Laufräder könnten hier das Nachsehen haben.
Abhängig von der gewählten Kassette kommt entweder ein Schaltwerk mit langem oder mittellangem Käfig zum Einsatz. Lobenswert: Erstmals bei Shimano ist eben jener Käfig austauschbar. Wer also von lang auf mittellang wechseln möchte oder einen kaputten Käfig hat, kann hier künftig selbst tauschen und muss nicht das gesamte Schaltwerk ersetzen. Selbstverständlich sind die Schaltwerke wieder mit der Shadow RD+ Dämpfung ausgestattet, um Kettenschlagen bzw.
Natürlich bleibt der Umwefer bei Shimano fester Bestandteil des Portfolios. Im Falle der neuen GRX heißt das, dass man mit einem 2×12 Setup das beste aus beiden Welten bekommt. Wie schon bei den Konfigurationen ohne Umwerfer setzt Shimano auch hier auf Kassetten, die sich bereits im Portfolio befinden. Neben der 11-34 Kassette aus der Ultegra-Reihe betrifft das auch den 11-36er Kranz der neuen 105 Di2 Gruppe. Bei den Kurbeln gibt es entweder eine 48/31er Abstufung für die 800er Baureihe oder eine etwas leichtere 46/30 bei der 600er Kurbel.
Die Schaltvorgänge sind weiterhin schnell und präzise, die Ergonomie an den 800er STIs nach wie vor exzellent. Keine Experimente also, keine Revolution - die neue GRX 12-fach ist eine direkte Fortführung der bisherigen Gruppe; mit größerer Bandbreite, mehr Optionen und kleinen Verbesserungen im Detail.
Shimano GRX RX827: Kabellose Mullet-Setups
Mit der GRX RX827 erhält die beliebte Gravel-Gruppe ein Update, das auf den ersten Blick klein wirkt - schließlich wurde nur das Schaltwerk ersetzt. Shimano verabschiedet sich damit im Gravelbereich vom bisherigen Di2-Akku im Rahmen und der fummeligen Kabelverlegung. Stattdessen sitzt der Energiespeicher nun direkt im Gehäuse des RD-RX827, ist geschützt untergebracht, entnehmbar und wird - ganz wie bei SRAM - extern geladen.
Shimano gibt die Reichweite mit 700 bis 1.000 km pro Akkuladung an, abhängig vom Einsatz und Schaltverhalten. Per E-Tube-App lässt sich das System wie gewohnt individualisieren und ist mit allen 12-fach-Wireless-Hebeln kompatibel - egal ob GRX, DURA-ACE, ULTEGRA oder 105 Di2. Auch Flatbar-Fans kommen auf ihre Kosten: Die RX827 harmoniert problemlos mit XTR oder DEORE XT. So ergibt sich ein flexibles Ökosystem, das Shimano endlich näher an den modularen Ansatz von SRAM bringt - allerdings ohne UDH-Zwang.
Technisch lehnt sich das GRX-Schaltwerk stark an die XTR an: ein flaches, keilförmiges Profil soll bei Kollisionen eher ableiten als verhaken. Neu ist auch das Kettenmanagement: Statt einer Clutch setzt Shimano auf eine doppelt gefederte Konstruktion für höhere Kettenspannung. Ob das im rauen Alltag standhält? Das muss ein Praxischeck zeigen. Fest steht: Die RX827 kommt ausschließlich in einer SGS-Version mit langem Käfig - kompatibel mit 10-51Z-Kassetten. Kombiniert wird das mit 40- oder 42-Zähne-Kettenblättern.
Mit der neuen GRX Di2 Wireless bringt Shimano erstmals kabellose Mullet-Setups ans Gravelbike - ein kleiner, aber entscheidender Schritt in Richtung Modularität und Zukunft. In unserem Test überzeugt das neue Schaltwerk mit leiser, präziser Schaltperformance.
Alternativen zur Shimano GRX 600
Wer weniger für ein Gravelbike ausgeben möchte, muss wahrscheinlich mit Shimanos Tiagra oder Srams Apex vorliebnehmen.
Fazit
Der Sektor boomt, kaum ein Radhersteller, der nicht mindestens einen Offroad-Renner im Programm hätte. Da liegt es nahe, auch entsprechende Antriebskomponenten auf den Markt zu haben - zumal, wenn sie so gut funktionieren wie Shimanos GRX.
Wirklich neu sind das vom MTB inspirierte Schaltwerk mit Dämpfer, der für eine konstant hohe Kettenspannung sorgt, und die Schaltbremsgriffe, bei denen insbesondere die Bremshebel überarbeitet wurden. So scheint es nur eine Frage der Zeit, bis Shimano dort - wie schon am MTB - mit 12-fach nachlegt. So gesehen könnten die aktuellen GRX-Teile nur eine Übergangslösung darstellen. Spricht das gegen ihre Funktionalität? Wir denken: Nein.
Die Shimano GRX ist eine wirklich gut durchdachte Ausrüstung, die dauerhaft ihren Platz in der Fahrradgeschichte einnehmen wird.
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