Die Shimano GRX Schaltgruppe ist seit einiger Zeit auf dem Markt und erfreut sich großer Beliebtheit. Es handelt sich um die einzige Gruppe von Shimano, die speziell für den wachsenden Gravel-, Bikepacking- und Cyclocross-Bereich entwickelt wurde, spricht aber auch Reiseradfahrer und Randonneure an.
Hintergrund und Zielsetzung
Bisher wurden in diesen Bereichen oft klassische Rennradkomponenten verwendet. Nun tritt Shimano mit dem Anspruch an, erstmals eine eigenständige und vollständig „durchdachte Lösung“ für das Breitreifensegment unterhalb des Mountainbikes entwickelt zu haben: mit einer „auf Schotter abgestimmte[n] Halterungsergonomie“, robusteren Komponenten und geräuscharmen Antrieb.
Praxistest der Shimano GRX 810
Wie aber schlägt sich die Gruppe in der Praxis? Um dies zu beantworten wurde die Shimano GRX über einen Zeitraum von einem Jahr mit einer Laufleistung von 11000 Kilometern auf Herz und Nieren geprüft.
Schaltverhalten
Zum Schaltverhalten kann man nur sagen: Das flutscht. Man muss die Schaltlogik von Shimano mögen, aber die Gruppe funktioniert einwandfrei, ohne große Schaltfehler. Gangwechsel erfolgen sowohl am Umwerfer, als auch am Schaltwerk jederzeit geschmeidig, zuverlässig und schnell. Mit oder ohne Handschuhe klappt die Bedienung hervorragend. Auch ohne Kettenfänger kam es nur sehr selten zu Kettenabwürfen.
Umwerfer und Übersetzung
Beim Herunterschalten mag der Umwerfer allerdings keinen Druck. Einen Vorteil von 1-fach sehe ich nicht. Auch im Gelände möchte ich den Luxus von relativ engen Gangabstufungen genießen. Da es von der GRX keine Schellenversion gibt, habe ich stattdessen auf Shimano 105 FD7000 gesetzt. Die Kassette von Sram harmoniert wunderbar mit den Shimano-Komponenten.
Langlebigkeit und Verarbeitung
Bei der Langlebigkeit gibt es Abzüge: Zum einen löste sich bei mir recht schnell die „Anti-Rutsch-Beschichtung“ an den Hebeln, die laut Werbeaussage von Shimano für extra „Grip“ sorgen soll. Zum anderen stellt sich mir die Frage, warum die Bauweise der Hebel „halboffen“ ausgeführt ist. Dadurch gelangt sehr viel Sand und Staub in die Mechanik. Ein größeres Problem entstand, als die Spannfeder im rechten Hebel anbrach und die Funktionstüchtigkeit des Hebels nicht mehr vollständig gegeben war.
Überraschend war für mich hierbei, dass die kleine Wippe nach genauer Inspektion lediglich von zwei kleinen Federn, beziehungsweise Drähten abhängt. Nach langem Hin und Her wird mir der rechte Hebel schließlich auf Garantie ersetzt. Zuvor wurde immer wieder darauf verwiesen, dass der Schalthebel ein „Verschleißteil“ sei. Die Kettenblätter zeigen bereits deutliche Verschleißzeichen und werden daher nach dem nächsten Kettenwechsel ebenfalls gewechselt werden.
Die Beschichtung der Kurbel scheint relativ robust zu sein. Lediglich grobe Steine haben dem Lack etwas angetan. Allerdings verschwindet das Logo recht schnell, wenn man mit dem Fuß an die Kurbel herankommt. Die Schaltröllchen vom Shimano 105 Schaltwerk waren nach etwa 8000km verschlissen. Vermutlich ist dies auch auf die veränderte Kettenlinie zurück zu führen (& das Fahren der „verbotenen“ Kombination zwischen Ritzel und Kettenblatt).
Etwa zeitgleich musste ich die Ritzel meiner „Lieblingsgänge“ wechseln.
Hydraulische Bremsen
Von der Notwendigkeit hydraulischer Bremsen war ich lange nicht überzeugt: „Was macht man bei einem Defekt, wenn man mitten in in der Pampa steht?“ oder „Warum soll man eigentlich mit nur einem Finger den Hebel durchziehen können?“. Man gewöhnt sich aber recht zügig an den Komfort, die automatische Belagsnachstellung und vor allem die Dosierbarkeit der Hydraulik. Das Bremsverhalten würde ich als sehr knackig und mit deutlichem Druckpunkt beschreiben. Entlüften musste ich bisher nicht.
Die mitgelieferten Bremsbeläge halten außerordentlich lange: vorn nach ca. 6000km getauscht und hinten läuft immer noch der erste Satz. Ein baldiger Wechsel wird dort aber notwendig sein. Fading habe ich noch nicht gehabt: selbst bei einem 500 Meter langen Teilstück (ca. Einen Schwachpunkt stellt jedoch die Befestigung der Bremsbeläge dar: Warum verwendet Shimano hier eine Schlitzschraube als Befestigung?
Unterwegs ist mit dem Multitool schnell mal ein Malheur passiert und der Schraubenkopf beschädigt. Das sollte man schleunigst tauschen.
Alternativen und Marktübersicht
Mittlerweile gibt es diverse Gravel-Schaltungen am Markt. Wir geben Dir einen Überblick. Die ersten Gravelbikes wurden noch hauptsächlich mit Rennrad-Komponenten ausgestattet. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Anforderungen an eine Gravel-Schaltung etwas andere sind.
Während am Rennrad eine feine Abstufung der Gänge wichtig ist, muss die Schaltung am Gravelbike mehr können: Biegst Du ins Gelände ab, sind leichtere Übersetzungen sinnvoll, wie zum Beispiel auch beim Bikepacking. Robust und unempfindlich gegen Dreck darf die Schaltung am Gravelbike ebenfalls gerne sein. Längst musst Du dazu nicht mehr Mountainbike- und Rennradteile mischen: Gravel-Schaltungen vereinen die entscheidenden Aspekte aus beiden Welten.
Komplettgruppen, Upgrade-Kits und Verschleiß-Sets
Wenn Du Dein neues Bike selbst aufbaust und dafür eine Komplettgruppe bestellst, gehst Du sicher, dass alle Teile zueinanderpassen - optisch und funktionell. Upgrade-Kits kommen meist ohne Kurbeln und Bremsen, einige auch ohne Kassette und Kette. Sie erlauben Dir, bestimmte Teile aufzurüsten und andere beizubehalten oder individuell zu wählen. Mit Verschleiß-Sets hast Du die Möglichkeit, nur die Verschleißteile zu tauschen.
Anzahl der Ritzel und Kettenblätter
Das Einsatzspektrum von Gravelbikes ist groß, dementsprechend vielfältig sind auch die möglichen Übersetzungsbandbreiten und -abstufungen. Gruppen mit Einfach-Kurbel haben Vorteile im Gelände: Sie sind leise, leicht, funktionieren im Dreck besser und sehen aufgeräumt aus. Bei Schaltungen mit Kassetten zwischen zehn bis dreizehn Ritzeln hast Du die Wahl zwischen feiner Abstufung und großer Spreizung. So kannst Du die Gruppe auf Deine Anforderungen abstimmen.
Kettenblätter mit schmalen und breiten Zähnen im Wechsel (narrow-wide) sorgen dafür, dass Deine Kette nicht abspringt. Durch das Weglassen des zweiten Kettenblattes und des Umwerfers bleibt mehr Platz für breite Reifen und die Kettenstreben können zudem kürzer ausfallen. Dadurch sind einige Gravel-Rahmen aber auch nur mit Einfach-Kurbeln kompatibel.
Erlaubt Dein Rahmen die Montage einer Zweifach-Kurbel und eines Umwerfers, hast Du so die Möglichkeit, eine feine Abstufung und eine große Übersetzungsbandbreite zu bekommen. Mit den Filtern in unserem Shop kannst Du die Auswahl gezielt nach Schaltstufen an Kurbel und Kassette eingrenzen.
Scheibenbremsen
Scheibenbremsen sind am Gravel-Rad Standard. Die aktuellen Gruppen kommen mit kraftvollen hydraulischen Bremsen, die super zu dosieren sind und dank automatischer Belagsnachstellung zuverlässig und nahezu wartungsfrei funktionieren. Damit Du die Bremsen an Dein Bike montieren kannst, solltest Du die Art des Bremssattels beachten.
Shimano, SRAM und Campagnolo bieten ihre Gruppen passend zu den meisten Gravel-Rahmen-Sets mit Flatmount-Bremsen an. Sollte Dein Rad stattdessen Postmount- oder IS-Aufnahmen haben, dann kannst Du in einigen Fällen Flatmount-Bremsen mit Adaptern montieren. Informiere Dich dazu am besten beim Hersteller des Rahmens. SRAM bietet Postmount-Bremsen mit Schaltbremshebeln einzeln an.
Tipp: Bestell am besten gleich ein oder zwei Paar passende Ersatzbremsbeläge mit.
Shimano GRX Varianten
Die Komplettgruppe Shimano GRX gibt es in mehreren Varianten, die sich in Anzahl der Gänge, Schaltsystem, Preis, Gewicht und Verarbeitung unterscheiden. GRX RX825, RX820, RX815 und RX810 sind die leichten Top-Gruppen. Hier kommen die hochwertigsten Materialien zum Einsatz. Die Kurbelarme sind hohl, um Gewicht zu sparen.
Knapp unter den Top-Gruppen findest Du die GRX RX600. Sie übernimmt Schaltwerk und Umwerfer aus der 800er-Serie und spart bei den anderen Teilen zugunsten des Preis-Leistungs-Verhältnisses. Die Kurbelarme sind zum Beispiel nicht hohl. Mit etwas günstigeren Materialien und Herstellungsmethoden wird die Gruppe etwas schwerer - funktionell macht sie allerdings keine Kompromisse.
Als günstigen Einstieg in die Welt der Gravel-Gruppen bietet Shimano außerdem die GRX RX400 an.
Welche Varianten der GRX als elektronische Di2 verfügbar sind und welche Optionen bei der Anzahl der Gänge zur Auswahl stehen, siehst Du in der Tabelle:
| GRX | 2x12 Gänge | 1x12 Gänge | 2x11 Gänge | 1x11 Gänge | 2x10 Gänge |
|---|---|---|---|---|---|
| Di2 | RX825 | RX815 | RX815 | - | - |
| Mechanisch | RX820 | RX820 | RX810 RX600 | RX810 RX600 RX400 | RX400 |
Bitte beachte: Es kann vorkommen, dass einzelne Varianten vorübergehend nicht lieferbar sind.
SRAM Gravel-Gruppen
Die Top-Gruppe für Gravelbikes ist die SRAM Red XPLR AXS 1x13. Hier bekommst Du die neuesten Technologien, hochwertigste Materialien und die präziseste Verarbeitung. Ihre wichtigsten Unterschiede zur 1x12-Red sind die größere Bandbreite und angepasste Abstufung der Kassette sowie die UDH-Montage (Universal-Derailleur-Hanger) des Schaltwerks. Die Zwölffach-Red-Gruppen (1x12-XPLR und 2x12-All-Road) stehen dem in Qualität, Leichtbau und Verarbeitung in nichts nach.
Die Force-Gruppen kommen ebenfalls mit hochwertigen Materialien (etwa Carbonkurbeln), sind aber nicht ganz so leicht. Direkt darunter ist die Rival platziert - etwas günstiger, da hier auf die teuersten Werkstoffe verzichtet wird. Apex ist der Einstieg in die Welt der Gravel-Schaltungen von SRAM. Diese Gruppe ist nicht nur in der kabellosen AXS-Variante erhältlich, sondern auch mechanisch, mit Bowdenzug.
SRAM Gravel-Gruppen Übersicht: XPLR AXS, Force, Rival und Apex Eagle-Mullet und All-Road
SRAM unterscheidet die Gruppen für Gravelbikes in drei Kategorien mit unterschiedlichen Abstufungen der Gänge: 1x-XPLR - Mit XPLR (gesprochen wie das englische „explore“) bietet SRAM universelle 1x13- und 1x12-Gruppen speziell für Gravelbikes an. Bandbreite und Abstufung der Kassetten mit 10-44/46 Zähnen vereinen das Beste aus beiden Welten: eine Bandbreite fast so groß wie am MTB und fast so fein abgestufte Gänge wie bei einer Rennradkassette.
Dank der Einfach-Kurbel sind die XPLR-Gruppen simpel, robust, leise und geschmeidig. 1x-Eagle - Der „Mullet“-Antrieb vereint die Robustheit eines MTB-Schaltwerks und die riesige Bandbreite einer Zwölffach-Eagle-Kassette mit 10-50/52 Zähnen mit einer Einfach-Kurbel und AXS-Schaltbremsgriffen. Diese Option ist ideal, wenn Du mit dem Gravelbike oft im Gelände wilderst. Auch beim Bikepacking sind die leichten Gänge eine große Hilfe.
2x-All-Road - Zwei Kettenblätter an der Kurbel, mit 46/33 oder 43/30 kleiner als an reinrassigen Straßenrädern, kombiniert SRAM an den All-Road-Gruppen mit 10-36er oder 10-33er Zwölffachkassetten. Damit hast Du eine sehr feine Abstufung, um auf der Straße genau Deine Trittfrequenz zu fahren. Gleichzeitig hast Du mehr Reserven für die Berge und leichtes Gelände.
Elektronisch oder mechanisch schalten?
Von Shimano, SRAM und Campagnolo bekommst Du auch mechanische Gruppen - also Schaltungen mit Bowdenzug. Die Technik ist zuverlässig und bewährt. Shimano hat als Alternative Di2 im Programm - eine elektronische, teils kabellose Schaltung. SRAM setzt bei den High-End-Komplettgruppen voll auf elektronische Optionen mit der kabellosen Technologie namens AXS. Mechanische Schaltungen sind meist dem Einstiegssegment vorbehalten.
Ob Du eine mechanische oder elektronische Schaltung benutzen willst, ist Geschmackssache - beide Systeme bieten ihre Vorteile. Shimano, SRAM und Campagnolo setzen auf unterschiedliche Lösungen.
Fazit
Würde ich mir die Gruppe nochmal zulegen? Ich denke ja - schon allein wegen mangelnder Alternativen. Das Schalt- und Bremsverhalten ist insgesamt sehr überzeugend. Die Übersetzungsbandbreite der GRX eröffnet zweifellos neue Möglichkeiten.
Dabei erwies sich die Gruppe nicht nur für Räder abseits der Straße geeignet: Sie passt auch hervorragend ins Lastenheft der modernen Randonneure und Bikepacker auf der Straße. Selbst mit Gepäck sollte die GRX-Übersetzung jeglichen Bergen und Passfahrten ihren Schrecken nehmen. An der Haltbarkeit und Verarbeitungsqualität muss Shimano allerdings noch arbeiten.
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