Kabelsalat adé! Mit der GRX RX827 bringt Shimano erstmals eine kabellose 1×12-fach Di2-Gruppe fürs Gravelbike auf den Markt. Die Frage ist, ob Shimanos Einstieg in die kabellosen Gravel-Gruppen hält, was er verspricht.
Einleitung: Shimano betritt das kabellose Gravel-Terrain
Während sich der staubige Wirbel um die brandneue XTR Di2 Wireless Mountainbike-Schaltgruppe noch nicht gelegt hat, rollt Shimano nun auch im Gravel-Segment das kabellose Schaltzeitalter aus. Mit der GRX RX827 erhält die beliebte Gravel-Gruppe ein Update, das auf den ersten Blick klein wirkt - schließlich wurde nur das Schaltwerk ersetzt. Eine Woche nachdem der amerikanische Hersteller SRAM mit der neuen RIVAL- und FORCE-XPLR neue 1×13-Gruppen mit breiterer Übersetzung und langjähriger Mullet-Kompatibilität vorgestellt hat, wirken die Neuerungen der GRX RX827 fast wie eine verschleppte Aufholjagd. Doch die Richtung ist klar: Die Kabel verschwinden.
Technische Details und Features
Zentrales Bauteil ist das überarbeitete Schaltwerk mit integriertem Akku. Shimano verabschiedet sich damit im Gravelbereich vom bisherigen Di2-Akku im Rahmen und der fummeligen Kabelverlegung. Stattdessen sitzt der Energiespeicher nun direkt im Gehäuse des RD-RX827, ist geschützt untergebracht, entnehmbar und wird - ganz wie bei SRAM - extern geladen. Shimano gibt die Reichweite mit 700 bis 1.000 km pro Akkuladung an, abhängig vom Einsatz und Schaltverhalten. Per E-Tube-App lässt sich das System wie gewohnt individualisieren und ist mit allen 12-fach-Wireless-Hebeln kompatibel - egal ob GRX, DURA-ACE, ULTEGRA oder 105 Di2. Auch Flatbar-Fans kommen auf ihre Kosten: Die RX827 harmoniert problemlos mit XTR oder DEORE XT. So ergibt sich ein flexibles Ökosystem, das Shimano endlich näher an den modularen Ansatz von SRAM bringt - allerdings ohne UDH-Zwang.
Technisch lehnt sich das GRX-Schaltwerk stark an die XTR an: ein flaches, keilförmiges Profil soll bei Kollisionen eher ableiten als verhaken. Neu ist auch das Kettenmanagement: Statt einer Clutch setzt Shimano auf eine doppelt gefederte Konstruktion für höhere Kettenspannung. Fest steht: Die RX827 kommt ausschließlich in einer SGS-Version mit langem Käfig - kompatibel mit 10-51Z-Kassetten. Kombiniert wird das mit 40- oder 42-Zähne-Kettenblättern. Mit 449 g ist das Schaltwerk 10 % schwerer als die XTR-Variante mit 408 g, kostet mit einem UVP von 489,95 € jedoch deutlich weniger als das XTR-Schaltwerk für 664,95 €.
Das neue Spielfeld: Mullet-Setups
Was früher als Bastelkompromiss galt, wird mit der RX827 zur offiziellen Option. Wer ein GRX-Kettenblatt mit einer MTB-Kassette kombiniert - etwa mit Flatbar-Hebeln -, bekommt ein robustes, kabelloses Adventure-Bike mit Drop- oder Riser-Lenker. Parallel zur neuen XTR-Gruppe hat Shimano ein überarbeitetes XT-Schaltwerk vorgestellt, das dem GRX RX827 in vielen Punkten ähnelt. Es ist ausschließlich mit langem Käfig erhältlich, nutzt ein nahezu identisches Gehäusedesign und setzt ebenfalls auf ein integriertes Akkusystem. Auch preislich liegt es auf einem vergleichbaren Niveau.
Fahrtest und Performance
Wie von Shimano gewohnt, laufen die Schaltvorgänge schnell und präzise ab. Die Gänge werden ohne zu verzögern gewechselt. Lediglich beim Hochschalten unter Last knallen die Gänge etwas. Die Akkuentnahme erfordert etwas Fingerspitzengefühl: Zum Herausnehmen muss ein kleiner Hebel umgelegt und anschließend ein Deckel abgenommen werden - dieser kann unterwegs leicht verloren gehen. Im Vergleich zu einem zentralen Akku mit Rahmendose ist das Handling hier etwas umständlicher, dafür entfällt das Verlegen von Kabeln vollständig.
Ergonomie und Haptik
Die Handauflage ist groß und rutschfest; der kleine, steil aufstehende Griff am vorderen Ende bietet guten Halt. Die Griffe sind zudem sehr schlank, damit auch kleinere Hände sie gut greifen können, besonders bei ruppiger Fahrt. Die Finger finden auch auf den Bremshebeln eine breite Auflagefläche. Durch den hohen Ansatzpunkt des Bremshebels und die "Servo Wave" genannte Bremskraftunterstützung ist auch in steilen Abfahrten kein Wechsel zum Unterlenker nötig, da genügend Bremskraft bereitsteht. Ein frei konfigurierbarer Zusatzknopf, der bisher unter dem Griffgummi versteckt war, wurde nun in Daumennähe auf der Innenseite des Hebels platziert.
Schaltverhalten im Detail
Wie erwartet, ist das Schaltverhalten der neuen Shimano GRX Di2 sowohl vorne als auch hinten hervorragend, allerdings arbeitet der Umwerfer ziemlich laut. Das heulende Motorgeräusch erinnert an die frühen Di2-Generationen, während die aktuellen Rennrad-Umwerfer deutlich leiser und optisch unauffälliger sind. Das neue Schaltwerk am Hinterrad arbeitet schnell und präzise. Der bewährte Dämpfer verhindert zuverlässig, dass die Kette bei Erschütterungen klappert. Die Übersetzung mit zwei Kettenblättern vorne und einer 11-36-Kassette - technisch auf dem Niveau von 105 - dürfte für die meisten Anwendungen gut passen. Es sind sowohl Untersetzungsoptionen für Bergfahrten als auch schnelle Gänge vorhanden, und die zwölfstufige Getriebeauslegung ist angenehm fein abgestuft.
Einschränkungen und Kritikpunkte
Die neue GRX RX827 ist kein Gamechanger für Racer - dafür fehlt es ihr an Übersetzungsfeinheit und Individualisierungsoptionen. Eine 10-51-Kassette bietet zwar enorme Bandbreite, doch mit nur zwei Kettenblattoptionen bleibt die Feinabstimmung zumindest out of the box limitiert. Wer auf maximale Gewichtsersparnis setzt und kleinere Kassetten wie 9-45 fahren möchte, könnte mit der XTR plus kurzem Käfig besser bedient sein.
Im Gegensatz zur mechanischen Version ist das Schaltwerk nicht dafür ausgelegt, Ritzel mit mehr als 36 Zähnen zu bewältigen. Auch eine Alternative zum Zweifach-Kurbelsatz mit 48/31 Zähnen ist nicht verfügbar. Daher ist der Betrieb mit einem Einfach-Kurbelsatz ohne Umwerfer schlicht bei der neuen GRX Di2 nicht möglich. Es besteht zwar die Option, die etwas sportlicher abgestufte 11-34-Variante aus den Rennradgruppen zu verwenden, aber weitere Alternativen sieht Shimano nicht vor.
Konkurrenz: SRAM und Campagnolo
Mit Antrieben ohne Umwerfer wurde SRAM besonders populär und erreichte mit hochpreisigen Fahrrädern eine beachtliche Marktpräsenz. Campagnolo präsentierte 2020 die Ekar Schaltgruppe, die mit 13 Ritzeln das derzeit umfassendste Einfach-Getriebe für das Gelände bietet. Hinsichtlich der 1x11-Gruppe war die GRX von Shimano ein eher schlechter Kompromiss; und nahezu unbrauchbar ist die preiswerte 1x10 Schaltung im Gelände, da die Übersetzungsbandbreite zu schmal war. Mit Campagnolo und SRAM können deutlich leichtere (wenn auch teurere) Räder gebaut werden. Ein kompetitives High-End-Produkt für hochwertige Gravelbikes fehlt den Japanern bisher in ihrem Portfolio.
Fazit zur neuen Shimano GRX Di2 Gravelbike-Schaltung
Mit der neuen GRX Di2 Wireless bringt Shimano erstmals kabellose Mullet-Setups ans Gravelbike - ein kleiner, aber entscheidender Schritt in Richtung Modularität und Zukunft. In unserem Test überzeugt das neue Schaltwerk mit leiser, präziser Schaltperformance. Doch während Gravel jetzt kabellos ist, warten Road-Fans weiterhin auf ein Update. Das Fehlen einer Antriebsoption mit einem Kettenblatt könnte Shimano Kunden kosten, denn die einfache Bedienung dieser Antriebe ist für viele Fahrer inzwischen ein wichtiges Kaufkriterium. Auch die Möglichkeiten für breitere Reifen sind dadurch eingeschränkt: Obwohl die maximalen 47 Millimeter für die meisten Schotterfahrer ausreichend sein dürften, könnten diejenigen, die schwereres Gelände und breitere Reifen bevorzugen, gezwungen sein, zur Konkurrenz zu wechseln. Trotzdem ist klar: Die Shimano GRX Di2 wird wieder viele Käufer/innen finden.
Das neue GRX Di2 Modell von Shimano macht technisch und funktional viele Sachen richtig. Jedoch bringt es keine neuen Innovationen für das Gravelbike mit, die von einem High-End-Produkt erwartet werden könnten. Das begrenzte Sortiment an Übersetzungen ist auf den Massenmarkt ausgerichtet und passt somit nicht zu der wachsenden Vielfalt der Gravelfahrrad-Welt. Insbesondere dass keine Option für nur ein Kettenblatt vorhanden ist, könnte potentielle Käufer abschrecken.
Shimano GRX Di2 vs. SRAM Red XPLR im Vergleich
Die zwei aktuell teuersten Komponentengruppen für den Gravel-Einsatz haben einige Gemeinsamkeiten: Sie schalten elektronisch auf Knopfdruck, Schaltbefehle werden per Funk übertragen. Die Disc-Stopper bremsen hydraulisch und brauchen nur wenig Handkraft. Und beide Gruppen glänzen mit hervorragender Ergonomie und Funktion.
Doch die Liste der Unterschiede ist länger: Die Hydraulik arbeitet bei Shimano mit wartungsarmem Mineralöl, bei SRAM mit DOT-Bremsflüssigkeit. Die ist temperaturstabiler, muss aber regelmäßig getauscht werden. Shimano setzt auf einen zentralen, fest verbauten Akku für Schaltwerk und Umwerfer, beide sind per Kabel angebunden. SRAM verbaut einen abnehmbaren Akku, der dafür nicht ganz so lange hält: nach unserer Erfahrung rund 500 km im Vergleich zu ca. 1000 km bei Shimano. Das GRX-Schaltwerk kommt zierlicher und lässt sich an klassischen Schaltaugen befestigen. Es erfordert beim Set-up aber mehr Aufmerksamkeit als das mächtige Sram-Pendant. Das wird im Idealfall ohne Einstellarbeiten montiert, verlangt dafür einen Rahmen mit UDH-Ausfallende.
Der wichtigste Unterschied - und für viele wirklich eine Glaubensfrage: Die Red XPLR gibt’s nur als 1x-Gruppe, die GRX Di2 nur 2-fach. Die GRX im typischen 48/31 x 11-36-Set-up bietet einen etwas leichteren Berggang und eine dickere Übersetzung bei Top-Speed als die Red mit gängigen 40T x 10-46.
Tabelle: Vergleich Shimano GRX Di2 und SRAM Red XPLR
| Merkmal | Shimano GRX Di2 | SRAM Red XPLR |
|---|---|---|
| Antrieb | 2x12 | 1x13 |
| Hydrauliköl | Mineralöl | DOT-Bremsflüssigkeit |
| Akku | Zentral, fest verbaut | Abnehmbar |
| Reichweite Akku (ca.) | 1000 km | 500 km |
| Montage Schaltwerk | Klassische Schaltaugen | UDH-Ausfallende |
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