Shimano GRX Felgenbremse im Test: Eine Analyse

Neben der Physis der Fahrer ist das „Material“ schon längst ein Sieg-Faktor bei den großen Gravel-Rennen. Schneller Radfahren mit der gleichen Leistung - das ist das, was die meisten Radprofis und Hobbysportler wollen. Mit die beliebtesten „Tuningteile“ sind in diesem Zusammenhang: die Laufräder. Wir haben zehn verschiedene Laufradsätze im Labor und in der Praxis getestet.

Der Trend zu aerodynamischen Laufrädern

Um den Trend zu schnellen, aerodynamischen Hochprofil-Laufrädern abzubilden, haben wir alle Modelle im Windkanal unter realen Fahrbedingungen untersucht. Wir wollten wissen: Machen hohe Felgen auch Gravel-Bikes klar schneller? Es kann sich aus mehreren Gründen lohnen, ein serienmäßig ausgestattetes Gravel-Bike mit einem neuen Laufradsatz auszurüsten und in den meisten Fällen aufzuwerten.

Gravelbikes im Preisbereich von 2500 bis 4000 Euro sind meist mit einem Carbon-Rahmen und einer hochwertigen mechanischen oder sogar elektronischen Schaltung ausgestattet. Serien-Laufräder wiegen oftmals zwischen 1900 bis 2100 Gramm - sie sind damit vergleichsweise schwer. Die beiden leichtesten Test-Laufradätze von Specialized und Leeze wiegen 1263 beziehungsweise 1363 Gramm. Aktuelle Modelle weisen oft höhere Felgen im Bereich von 40 bis 45 Millimetern auf. Einige Hersteller wie DT Swiss und Scope haben inzwischen Laufräder mit 50 Millimetern Felgenhöhe und mehr im Portfolio. Als „aerodynamisch“ erachten wir Felgen ab 30 Millimetern Höhe. Die zehn Laufräder in diesem Vergleich weisen Felgenhöhen zwischen 18 und 42 Millimeter auf.

Windkanaltest

Im GST-Windkanal in Immenstaad am Bodensee prüften wir den Luftwiderstand der zehn Gravel-Laufräder, genauer: die benötigte Leistung bei 35 km/h. Bei einer alleinigen Betrachtung der beiden Laufräder macht das Vorderrad rund 80 Prozent des gesamten Luftwiderstands aus, das Hinterrad dagegen nur 20 Prozent, da es sich im Windschatten des Sitzrohres dreht. So ist es für aussagekräftige Ergebnisse ausreichend, nur die Vorderräder im Windkanal zu messen - dies entspricht auch den üblichen Testverfahren.

Alle Messungen wurden mit einer Windgeschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde durchgeführt. Während der Messungen dreht sich der Prüfstand von plus nach minus 20 Grad - damit fließen auch Seitenwindverhältnisse, wie sie in der Realität vorkommen, in das Gesamtergebnis ein. Straßen-Laufräder werden mit 45 km/h gemessen, die Werte sind somit nicht direkt vergleichbar.

Die Auswertungs-Software von GST berechnet abschließend die jeweils „gewichtete Leistung“ in Abhängigkeit der Anströmwinkel. Das heißt: Jeder einzelne Winkel wird mit der dazugehörigen Leistung in dem Maße prozentual gewichtet, wie er im Fahreinsatz unter realen Bedingungen vorkommt. Ausgewiesen wird auch die benötigte Leistung bei der Frontalanströmung, also bei null Grad.

Alle Messungen führten wir mit profilierten Continental-Terra-Speed-Gravel-Reifen mit 40 Millimetern Breite durch. Für unsere zehn Testlaufräder ergaben sich bei 35 km/h gewichtete Leistungen von 15,6 bis 19,4 Watt. Niedrige Werte sind besser, da weniger Leistung benötigt wird, um die gleiche Geschwindigkeit zu halten. Die niedrigsten und damit besten Werte erzielen die 40 Millimeter hohen Leeze CC40 Allroad Evo Waso. Ihre gewichtete Leistung: 15,6 Watt. Es folgen, knapp dahinter, mit jeweils 16,3 Watt gewichteter Leistung, die Laufradsätze von DT Swiss und Swiss Side - beide sind 42 Millimeter hoch.

Grundsätzlich erzeugen breitere Reifen einen höheren Luftwiderstand, da sie dem Wind eine größere Anströmfläche bieten. Exemplarisch montierten wir deshalb einen 35 Millimeter breiten Terra-Speed-Reifen auf den DT-Swiss-GRC-1400-Laufradsatz.

Seitenwindempfindlichkeit

Je höher die Felgen sind, desto „empfindlicher“ sind sie auch für Seitenwind. Dieser Effekt ist messbar. Ursprünglich wurde der GST-Windkanal entwickelt, um Flugobjekte und Tragflügel zu messen. Deshalb können nicht nur der Auf- und der Abtrieb untersucht werden, sondern auch das Dreh- und das Lenkmoment bei einer seitlichen Anströmung.

Die GST-Software kann somit auch einen einheitenfreien „Lenkmoment-Beiwert“ für die Vorderräder ausweisen. Je größer dieser Wert ist, desto stärker beeinflusst der Seitenwind das Lenkverhalten. Aufgetragen wurde das Lenkmoment in Abhängigkeit von den Winkeln des Seitenwindes, von minus 20 bis plus 20 Grad.

Die niedrigsten und damit besten Werte erzielten die Modelle von DT Swiss und SwissSide - mit je 42 Millimetern Felgenhöhe sind sie die höchsten Modelle im Test. Sie stehen damit stellvertretend für einen Trend im Gravel-Race-Sektor zu höheren und damit aerodynamisch günstigeren Laufrädern. DT Swiss präsentierte kürzlich mit dem Modell GRC Dicut einen neu entwickelten Laufradsatz mit 50er Felgenhöhe, der für 40 Millimeter breite Reifen optimiert ist.

Weitere wichtige Faktoren

Auch für Gravel-Bikes gilt: Ab einer Geschwindigkeit von rund 15 Kilometern pro Stunde ist der Luftwiderstand der größte Fahrwiderstand, gefolgt vom Rollwiderstand der Reifen. Beinhaltet eine Tour viele Höhenmeter, so gewinnt auch das Gewicht an Bedeutung. Weiter nehmen die Laufräder beim Beschleunigen eine Sonderstellung ein, da sie zwei Mal beschleunigt werden müssen: Erstens in die Vorwärtsbewegung des Systems aus Rennrad und Fahrer. Zweitens als Beschleunigung bei der Drehbewegung des Laufrades selbst. Auch gerade deshalb sind Laufräder besonders effektive „Tuningobjekte“.

Das Gewicht aller Testmodelle wurde je einschließlich der aufgezogenen Felgenbänder ermittelt. Das erklärt teilweise die Differenzen zu den Herstellerangaben. Ein weiterer wichtiger Parameter ist die Seitensteifigkeit der Laufräder. Wir belasteten die Felgen im Labor je seitlich mit einem Fünf-Kilogramm-Gewicht - dies entspricht rund 50 Newton. Wir nahmen die Nachgiebigkeit beziehungsweise Elastizität mit einer mechanischen Messuhr auf und verrechneten die Werte zur Seitensteifigkeit. Sie gibt an, welche Kraft nötig ist, um die Felge seitlich einen Millimeter zu bewegen. Gute Werte liegen zwischen 30 und 35 Newton pro Millimeter, sehr gute darüber.

Wir belasteten die Laufräder zur rechten und zur linken Seite und bildeten daraus den Mittelwert. Bei den Hinterrädern ergeben sich in der Regel etwas geringere Werte, da auf der rechten Seite aufgrund des Ritzelpakets die Speichen steiler stehen. Seitliche Kräfte an den Laufrädern entstehen etwa im Wiegetritt und beim Durchfahren von Spurrillen. Vorderräder mit einer hohen Seitensteifigkeit punkten hier durch ihre Lenkpräzision - und sie „laufen“ den Spurrillen weniger hinterher. Mit der Anzahl der Speichen und deren Spannung steigt die Seitensteifigkeit. Insbesondere für schwere Fahrer und Bikepacker ist sie von größter Wichtigkeit.

Auch das maximal zugelassene Gewicht ist für schwere Fahrer und Bikepacker ein zentraler Punkt. Das Fahrergewicht ist selbsterklärend, das Systemgewicht beinhaltet Fahrer, Fahrrad, Trinkflaschen und Gepäck. Die Mavic-Allroad-SL-Laufräder liefern mit einem maximal zulässigen Systemgewicht von 135 Kilogramm den höchsten Wert im Test.

Bei Leeze können die Laufräder gegen 400 Euro Aufpreis mit Keramik-Lagern geordert werden, bei den Specialized Roval Terra CLX II sind sie serienmäßig verbaut. Je nach dem Fahrergewicht und der Geschwindigkeit können durch eine reduzierte Lagerreibung rund zwei bis vier Watt „eingespart“ werden.

Shimano GRX im Detail

Die Shimano GRX-Gruppe ist eine Schaltgruppe für das Gravelbike. Die Shimano GRX-Gruppen bieten eine breite Palette an Ausstattungsmöglichkeiten, darunter 10-fach, 11-fach, Einfach- und Zweifach-Antriebssysteme.

Diese Gruppe ist vom Niveau her mit der Shimano Ultegra Rennradgruppe vergleichbar. Die GRX 600 ist Shimanos Mittelklassegruppe für Gravelbikes. Diese Gruppe ist vom Niveau her mit der Shimano 105 Rennradgruppe vergleichbar. Es handelt sich um eine 11-Gang-Gruppe (optional ist auch eine 10-Gang-Kurbel erhältlich).

Die Shimano GRX 400 Gruppe ist die ideale Gruppe für Gravelbike-Einsteiger. Du kannst diese Gruppe mit der Shimano Tiagra Gruppe für Rennräder vergleichen. Im Vergleich zu den anderen GRX-Gruppen ist die GRX 400 eine 10-Gang-Gruppe.

GRX Komponenten im Überblick

Kurbelgarnituren:

Jede GRX-Kurbelgarnitur mit einem Kettenblatt verwendet das Dynamic-Chain-Zahnprofil von Shimano. Die Kurbeln haben längere Zähne, die abwechselnd breiter und schmaler sind. Nicht unwichtig zu wissen ist auch, dass jede GRX-Kurbelgarnitur mit einer um 2,5 mm weiter außen liegenden Kettenlinie als bei normalen Rennrad-Kurbelgarnituren ausgestattet ist. Dies wurde gewählt, da die breiteren Reifen eines Gravelbikes zusätzlichen Platz im Rahmen benötigen.

Umwerfer:

Sowohl der RX810 als auch der RX815 Di2-Umwerfer sind in der Lage, eine Differenz von 17 Zähnen zwischen den beiden Kettenblättern zu überbrücken.

Schaltwerke:

Wie bei den Umwerfern gibt es auch bei den GRX-Schaltwerken verschiedene Ausführungen (mechanisch und elektronisch). Egal für welches Schaltwerk du dich entscheidest, alle sind mit der Shadow RD+-Technologie ausgestattet. Dies wird dadurch erreicht, dass unnötige Bewegungen des Schaltkäfigs minimiert werden. Die GRX-Schaltwerke sind mit einem Stabilisator ausgestattet. Jedes Schaltwerk hat auch einen Stabilisator. Die GRX-Schaltwerke sind weiter unterhalb der Kassette positioniert als herkömmliche Rennradschaltwerke. Auch bei Verwendung der kleinsten Ritzel ragen sie weniger weit aus dem Rahmen heraus.

Kassetten und Ketten:

Für GRX werden keine eigenen Kassetten und Ketten hergestellt. Es ist daher üblich, eine Kassette aus der Renn- oder MTB-Serie zu verwenden.

STI-Hebel (Brems- und Schalthebel kombiniert):

Speziell für GRX hat Shimano STI-Hebel (Brems- und Schalthebel kombiniert) sowohl für mechanische als auch für elektronische Schaltungen entwickelt. Diese STI-Hebel verfügen über ein ergonomisches Hebeldesign, das speziell auf Gravel abgestimmt ist.

Felgenbremsen im Test

Ein Test mit felgengebremsten Rennrädern im Jahr 2024 - ist das nicht anachronistisch? Immerhin hat die hydraulische Scheibenbremse klassische Seilzug-Stopper in den vergangenen Jahren fast vollständig verdrängt: Neue Rennräder, Schaltgruppen und Laufräder kommen inzwischen "Disc-only", Technologiesprünge oder gar neue Produkte für und mit Felgenbremsen sind kaum noch zu erwarten.

Gute Gründe für ein Rennrad mit Felgenbremsen

Weil sich auch im Jahr 2024 durchaus gute Gründe für eine Felgenbremse am Rennrad finden: Felgenbrems-Renner kosten weniger als vergleichbar ausgestattete Disc-Modelle, und sie sind spürbar leichter. Die Technologie ist auch für Laien durchschaubar, Beläge, Züge und Zughüllen lassen sich einfach selbst pflegen, warten oder tauschen.

Muss ein Schönwetterradler, der im Flachland oder Mittelgebirge lebt, zwingend eine Disc nutzen, wie sie für Ganzjahrespendler oder bei verregneten Passabfahrten sicher die bessere Lösung ist? Zumindest die Wahlfreiheit zu haben, wäre für viele Radsportler*innen nach wie vor durchaus wünschenswert.

Stevens und Storck zeigen, dass man als Rennradhersteller auch 2024 preislich und technisch attraktive Carbon-Modelle mit Felgenbremsen anbieten kann - neben innovativen Disc-Rennern. Beide Anbieter betonten zudem, dass sie auch künftig Felgenbrems-Rennräder anbieten wollen, sofern die Nachfrage weiterhin anhält und notwendige Anbauteile verfügbar bleiben.

Fans und Sparfüchse freut’s, denn der Roadbike-Labor- und Praxistest zeigt: Das Stevens Izoard und Storcks Aernario machen wenig falsch, dafür viel richtig. Beide Renner sind mit 7,6 beziehungsweise 7,0 Kilogramm echte Leichtgewichte, gefallen mit spritziger Beschleunigung, sportlich-agilem Handling und großer Lenkpräzision. Mit aerodynamischen Rohrquerschnitten (Stevens) und top Dämpfungskomfort am Heck (Storck) zeigen sie sich technisch auf Höhe der Zeit. Der Fahrspaß ist groß, ebenso das Sicherheitsgefühl. Auch beim Bremsen.

Shimanos Ultegra 11-fach-Gruppe, die an beiden Rennern verbaut wird, funktioniert tadellos. Doch auch 12-fach kann man mit Felgenbremse fahren: mit Campagnolo-Gruppen sowieso, aber auch bei den Topgruppen von Shimano und Sram. Nur die immer breiteren Reifen passen nicht durch die Bremszangen: Mehr als 28 mm breite Pneus sind nicht drin. Wer damit gut leben kann, fährt und bremst auch 2024 mit Felgenbrems-Rennern bestens!

Im Test: Stevens Izoard

Das Stevens Izoard mit Carbon-Rahmen ist neben dem Aspin aus Alu-Rohren eines von zwei Felgenbrems-Rennrädern, das Stevens 2024 anbietet. Dass der 7,6 Kilogramm leichte Aufbau dennoch für faire 3100 Euro zu haben ist, klingt da umso erfreulicher. Ohne Sonderwünsche gibt’s das felgengebremste Izoard ab 2399 Euro, mit Shimanos 105-Gruppe gar für 1999 Euro.

Im Test: Storck Aernario.2 Comp

Wie das Aernario.2 Comp, das nach vorn geht wie von der Tarantel gestochen. Interessant ist die Kombination aus agilem Handling und etwas aufrechter Sitzposition: Steile Lenk- und Sitzwinkeln, kurze Kettenstreben und ein kurzer Radstand bewirken, dass sich das Rad ausgesprochen agil, fast schon quirlig fährt. Dennoch gestaltet sich die Haltung auf dem Rad durch die montierten Spacer durchaus rückenschonend.

Storck bietet das Felgenbrems-Aernario als Rahmen-Set in zwei Carbon-Qualitätsstufen an, darüber hinaus sind - sofern die Zulieferer die benötigten Komponenten garantieren können - Kompletträder mit Shimanos mechanischer Ultegra 11-fach sowie Shimanos Ultegra Di2 12-fach erhältlich.

Die Meinung der Industrie

Michael Wild, Leitung Marketing & PR bei Paul Lange:„Allein ein Blick auf neue Rennräder zeigt: Die Felgenbremse ist ein Auslaufmodell, neu entwickelt wird hier Stand heute nichts. Die aktuellen Dura-Ace und Ultegra-12-fach-Gruppen gibt es aber noch für Felgenbremsen, die neuen 105- und GRX-Generationen sind Disc-only. Auch die zukünftige Nachfrage nach Felgenbrems-Teilen wird Shimano mit hochwertigen Produkten bedienen, wenn auch nicht für alle Gruppen. Wer heute ein Felgenbrems-Rennrad mit Shimano-Komponenten besitzt oder neu kauft, kann noch viele Jahre auf die Verfügbarkeit von Ersatzteilen bauen.“

Alvise Rizzi, Europe Road Communication Sram:„Alle derzeit von SRAM angebotenen Felgenbrems-Komponenten werden noch produziert und sind verfügbar. Ersatzteile werden im Rahmen unserer Gewährleistung mindestens für die kommenden fünf Jahre verfügbar sein, Verschleißteile wie Beläge, Züge und Hüllen noch deutlich länger. Wir haben keine Deadline, ab wann wir möglicherweise aus der Produktion von Felgenbremsen aussteigen, sehen aber eine stetig sinkende Nachfrage seitens unserer Kunden - sowohl bei Erstausstattung als auch bei Nachrüstung. Zu Neuentwicklungen äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

Ralf Eggert, Road Marketing Manager DT Swiss:„Radhersteller ordern für ihre Rennräder immer seltener Felgenbrems-Laufräder bei uns, die Endverbrauchernachfrage ist hingegen immer noch da. DT Swiss produziert nach wie vor viele Felgenbrems-Produkte in verschiedenen Preiskategorien. Neu entwickelt wird weniger als früher, wir haben aber zum Beispiel 2021 bei Carbon- und 2023 bei Alu-Felgenbrems-Laufrädern die Felgen, Speichen, Naben und Freilaufsysteme auf den neuesten technischen Stand gebracht.“

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