Im Jahr 2019 hatte Shimano mit der 11-fachen GRX-Gruppe einen sofortigen Erfolg. Die erste speziell für Gravelbikes hergestellte Schaltgruppe war eine sichere Wahl für alle, die ein neues Geländefahrrad ausrüsten wollten. Kunden und Hersteller vertrauten darauf, dass das Unternehmen, mit seiner langjährigen Expertise in Mountainbike- und Rennradschaltungen, schon das Beste aus beiden Bereich kombinieren und die gewohnte Shimano-Qualität liefern würde.
So fand sich die Gruppe in verschiedensten Qualitätsstufen an Serienrädern. Egal ob als Einsteiger-Version mit nur zehn mechanisch betätigten Gängen oder mit Oberklasse-Flair als 2x11-Elektroschaltung: Die passenden Shimano-Komponenten für das Gravelbike waren dabei besonders gefragt.
Obwohl die meisten Käufer zufrieden waren, stellte Shimano sein Angebot hauptsächlich auf günstige und mittlere Preisklassen aus. Anspruchsvollere Gravelfahrer/innen, die nach etwas Besonderem suchten, könnten daher enttäuscht gewesen sein. Sram nutzte bei seiner fast zeitgleich vorgestellten AXS direkt 12 statt 11 Ritzel und ließ Shimano damit schon nach der Vorstellung hinter sich zurück.
Die "XPLR"-Modelle der Rennrad-Gruppen bieten interessante Optionen mit einem einzelnen Kettenblatt und Kassetten, die Ritzelgrößen wie bei Mountainbikes haben. Mit Antrieben ohne Umwerfer wurde Sram besonders populär und erreichte mit hochpreisigen Fahrrädern eine beachtliche Marktpräsenz.
Campagnolo präsentierte 2020 die Ekar Schaltgruppe, die mit 13 Ritzeln das derzeit umfassendste Einfach-Getriebe für das Gelände bietet. Hinsichtlich der 1x11-Gruppe war die GRX von Shimano ein eher schlechter Kompromiss; und nahezu unbrauchbar ist die preiswerte 1x10 Schaltung im Gelände, da die Übersetzungsbandbreite zu schmal war.
Mit Campagnolo und Sram können deutlich leichtere (wenn auch teurere) Räder gebaut werden. Ein kompetitives High-End-Produkt für hochwertige Gravelbikes fehlt den Japanern bisher in ihrem Portfolio.
Shimano GRX Di2 - Hohe Erwartungen
Niemand hätte erwartet, dass eine Neuauflage der Shimano GRX Schaltung die bestehende Ordnung komplett umstürzen würde, da die Japaner meist eher konservative Strategien verfolgen. Trotzdem waren die Erwartungen an eine Aktualisierung der GRX Di2 recht hoch - nicht zuletzt, weil das Update der mechanischen GRX im vergangenen Sommer eher zurückhaltend und wenig atemberaubend ausgefallen war.
Parallel zur mechanischen 105-Straßengruppe erhielt sie zwar ein zusätzliches zwölftes Ritzel, ein neues Schaltwerk und leicht modifizierte Schaltgriffe, aber sie blieb insgesamt weitgehend unverändert. Sie kann theoretisch als 1x12-Antrieb mit Komponenten aus dem Mountainbike-Bereich konfiguriert werden, aber es gibt in der entsprechenden XT-Gruppe nur zwei Ritzeloptionen (10 ‐45 und 10 ‐51), die aufgrund des kleineren Anfangsritzels einen Microspline-Freilauf benötigen.
Dieser ist jedoch nur für wenige Rennrad- bzw. Gravelbike-Laufräder verfügbar, was die Konfiguration ziemlich komplex macht.
Die Gravelschaltung Shimano GRX Di2 im Test
Bereits ein erster Blick auf das neue Gravel-Topmodell des Branchenführers offenbart, dass das Update der Elektronikgruppe GRX Di2 lediglich ein behutsames Facelift von Shimano darstellt. Es übernimmt die Brems- und Antriebssysteme der mechanischen Version, wobei nur die Schaltbremshebel, der Umwerfer und das Schaltwerk wirklich neu sind. Die Änderungen an diesen Elementen sind jedoch eher gering, aber dazu später mehr.
In der Praxis lässt die Funktionalität der Gruppe kaum Raum für Kritik. Die Griffe sind nun, wie bei den neueren Rennradgruppen, drahtlos mit den Schaltkomponenten verbunden, wobei Shimano eine Batterielebensdauer von bis zu vier Jahren verspricht. Form und Befestigung wurden leicht angepasst, um besser zu den typischen, ausgestellten Lenkerenden von Gravelbikes zu passen.
Dies sorgt für einen ergonomischeren Übergang zum Lenker und lässt die Bremshebel weniger zur Seite stehen. Ansonsten sind die Kontaktpunkte größtenteils unverändert geblieben.
Haptik an den Kontaktpunkten
Das ansprechende Design der Schaltgriffe ist nach wie vor unübertroffen, insbesondere wenn die Hände auf den Griffkörpern liegen. Die Handauflage ist groß und rutschfest; der kleine, steil aufstehende Griff am vorderen Ende bietet guten Halt. Die Griffe sind zudem sehr schlank, damit auch kleinere Hände sie gut greifen können, besonders bei ruppiger Fahrt.
Die Finger finden auch auf den Bremshebeln eine breite Auflagefläche. Durch den hohen Ansatzpunkt des Bremshebels und die "Servo Wave" genannte Bremskraftunterstützung ist auch in steilen Abfahrten kein Wechsel zum Unterlenker nötig, da genügend Bremskraft bereitsteht.
Ein frei konfigurierbarer Zusatzknopf, der bisher unter dem Griffgummi versteckt war, wurde nun in Daumennähe auf der Innenseite des Hebels platziert. Dieser ist allerdings etwas schwergängig etwa für eine Schaltfunktion.
Das Schaltenverhalten
Wie erwartet, ist das Schaltverhalten der neuen Shimano GRX Di2 sowohl vorne als auch hinten hervorragend, allerdings arbeitet der Umwerfer ziemlich laut. Das heulende Motorgeräusch erinnert an die frühen Di2-Generationen, während die aktuellen Rennrad-Umwerfer deutlich leiser und optisch unauffälliger sind.
Das neue Schaltwerk am Hinterrad arbeitet schnell und präzise. Der bewährte Dämpfer verhindert zuverlässig, dass die Kette bei Erschütterungen klappert. Die Übersetzung mit zwei Kettenblättern vorne und einer 11-36-Kassette - technisch auf dem Niveau von 105 - dürfte für die meisten Anwendungen gut passen.
Es sind sowohl Untersetzungsoptionen für Bergfahrten als auch schnelle Gänge vorhanden, und die zwölfstufige Getriebeauslegung ist angenehm fein abgestuft. Wer aber Bikepacking mit Gepäck im alpinen Gelände machen will, wird die ganz leichten Gänge schnell vermissen bei der GRX Di2.
Nur für 2-fach-Kurbeln gemacht
Im Gegensatz zur mechanischen Version ist das Schaltwerk nicht dafür ausgelegt, Ritzel mit mehr als 36 Zähnen zu bewältigen. Auch eine Alternative zum Zweifach-Kurbelsatz mit 48/31 Zähnen ist nicht verfügbar. Daher ist der Betrieb mit einem Einfach-Kurbelsatz ohne Umwerfer schlicht bei der neuen GRX Di2 nicht möglich.
Es besteht zwar die Option, die etwas sportlicher abgestufte 11-34-Variante aus den Rennradgruppen zu verwenden, aber weitere Alternativen sieht Shimano nicht vor.
Shimano GRX Di2 - Das Wichtigste in Kürze
Shimano macht mit der neuen GRX Di2 vieles richtig. Technisch ist sie auf der Höhe der Zeit und funktional ohne Tadel. Doch neue Akzente fürs Gravelbike, wie man sie von einem High-End-Produkt erwarten könnte, setzt die Gruppe nicht.
Das schmale Angebot an Übersetzungen ist auf die breite Masse zugeschnitten, wird jedoch der wachsenden Vielfalt in der Gravel-Welt nicht gerecht. Vor allem die fehlende Option, mit nur einem Kettenblatt fahren zu können, dürfte viele Interessenten stören.
On Top: Laufräder und Pedale
Um die GRX-Schaltgruppe zu vervollständigen, fügt Shimano entsprechende Laufräder und SPD-Pedale in sein Sortiment ein. Der RX880-Laufradsatz wird mit 32 Millimeter tiefen Carbonfelgen bei einer Innenbreite von 25 Millimetern geliefert. Reifen von 32 bis 50 Millimetern Breite werden von Shimano empfohlen.
Der Hersteller gibt das Gewicht mit etwas unter 1400 Gramm an. Eine Besonderheit ist der schnell austauschbare Freilaufkörper; es gibt sowohl den klassischen HG-Standard als auch einen Microspline-Freilauf, der die Montage von XT-Mountainbike-Kassetten ermöglicht.
Der Verkaufspreis beträgt 1649 Euro. Das dazu passende GRX-SPD-Pedal ist keine Neuerung, sondern das Mountainbike-Pedal aus Shimanos XT-Gruppe im passenden Design. Die Pedale wiegen 342 Gramm und kosten 135 Euro.
Vergleich mit Wettbewerbern
Die Shimano GRX Di2 steht im Wettbewerb mit anderen Gravelbike-Schaltungen auf dem Markt, insbesondere von SRAM und Campagnolo. SRAM hat mit seinen AXS-Gruppen bereits frühzeitig auf 12 Ritzel gesetzt und bietet attraktive Optionen mit Einfach-Kettenblatt und Kassetten mit Ritzelgrößen bis in Mountainbike-Dimensionen.
Campagnolo hat mit der Ekar eine 13-fach-Schaltung für den Gravel-Einsatz vorgestellt, die jedoch nicht elektronisch schaltet. Ein wesentlicher Unterschied zur GRX Di2 ist, dass SRAM und Campagnolo auch 1-fach-Optionen anbieten, während Shimano bei der GRX Di2 auf 2-fach-Kurbeln setzt.
Die mechanische Shimano GRX im Praxistest
Im Fahreindruck überzeugte die mechanische Gruppe: Im Praxistest gab es kein Kettenschlagen, keine -abwürfe, -klemmer oder anderen Probleme. Im Gegenteil: Der Antrieb arbeitete präzise, geräuscharm - und schaltete etwas knackiger als die gewohnten Straßenkomponenten.
Was die Übersetzung angeht, fühlt sich die Einfach-GRX "offroad" wohler, da dort die teils großen Gangsprünge weniger stören und auch die Bandbreite ausreicht. Auf Asphalt müssen die Beine bei einer 40/11-Übersetzung ab ca. 45 km/h schon ganz schön wirbeln … 12-fach-Antriebe, wie sie Shimanos Mitbewerber für Straße und/oder MTB anbieten, haben hier etwas mehr zu bieten.
Die elektrische GRX Di2 im Dauertest
Knapp 2500 Kilometer hat die GRX-Di2-Gruppe im RB-Dauertest abgespult, teils unter widrigsten Bedingungen. Und damit genug für einen Testbericht, der fast durchweg positiv ausfällt. Shimano bietet auch im Gravel-Segment weiterhin eine Zweifachkurbel an, mit Offroad-tauglicher Abstufung (48/31) und somit einem ungewöhnlich großen 17-Zähne-Sprung. Ob das funktioniert? Ja, und zwar absolut problemlos.
Im Dauertest gab es nicht einen Kettenklemmer oder -abwurf! Mit stoischer Präzision wuchtet der Umwerfer die Kette hin- und her - maximal verlässlich, untermalt vom typischen Geräusch des E-Motors. Kein Grund also, auf "Zweifach" im Gelände zu verzichten.
Shimano GRX RX827: Die kabellose Zukunft im Gravel-Segment?
Mit der GRX RX827 bringt Shimano erstmals eine kabellose 1×12-fach Di2-Gruppe fürs Gravelbike auf den Markt. Zentrales Bauteil ist das überarbeitete Schaltwerk mit integriertem Akku. Shimano verabschiedet sich damit im Gravelbereich vom bisherigen Di2-Akku im Rahmen und der fummeligen Kabelverlegung.
Stattdessen sitzt der Energiespeicher nun direkt im Gehäuse des RD-RX827, ist geschützt untergebracht, entnehmbar und wird - ganz wie bei SRAM - extern geladen. Shimano gibt die Reichweite mit 700 bis 1.000 km pro Akkuladung an, abhängig vom Einsatz und Schaltverhalten.
Die neue GRX RX827 ist kein Gamechanger für Racer - dafür fehlt es ihr an Übersetzungsfeinheit und Individualisierungsoptionen. Eine 10-51-Kassette bietet zwar enorme Bandbreite, doch mit nur zwei Kettenblattoptionen bleibt die Feinabstimmung zumindest out of the box limitiert.
Wer ein GRX-Kettenblatt mit einer MTB-Kassette kombiniert - etwa mit Flatbar-Hebeln -, bekommt ein robustes, kabelloses Adventure-Bike mit Drop- oder Riser-Lenker. Mit der neuen GRX Di2 Wireless bringt Shimano erstmals kabellose Mullet-Setups ans Gravelbike - ein kleiner, aber entscheidender Schritt in Richtung Modularität und Zukunft.
Shimano GRX: Eine Übersicht
Folgende Ausführungen sind von der Shimano GRX erhältlich:
- RX400 mit 2x10 Gängen
- RX600 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
- RX810 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
- RX815 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen und elektronischer Schaltung (GRX Di2)
Hydraulische Scheibenbremsen sind bei allen Gruppen Standard. Wir haben die Variante RX600 mit Zweifach-Antrieb (46/30) und 11-34-Kassette getestet.
Shimano GRX Kurbel und Umwerfer für mehr Reifenfreiheit
Die Shimano GRX Kurbeln sind speziell für den Gravel-Einsatz konzipiert. Die Kurbel sind etwas breiter und die Kettenlinie wandert um 2,5mm nach außen, um für mehr Reifenfreiheit am Hinterrad zu sorgen. Bis zu 42mm Reifenbreite sind möglich.
Außerdem haben die GRX-Kurbeln eine größeren Übersetzungs-Bandbreite. Die 2-fach GRX Kurbel kommt mit 48-31 Kettenblättern (11-fach) bzw. 46-30 Kettenblättern (10-fach). Das ist ein Unterschied von 17 (bzw. 16) Zähnen zwischen den beiden Kettenblättern.
Die 1-fach GRX-Kurbeln kommen mit 40 Zähnen. Um zu verhindern, dass die Kette vom Kettenblatt springt, verfügen die 1-fach Kurbeln über das Dynamic Chain Engagement Zahnprofil. Hierbei ist jeder zweite Zahn etwas breiter, was die Kette fester am Kettenblatt halten soll.
Shimano GRX Schaltwerk mit verschiedenen Käfiglängen
Um auch hinten an der Kassette möglichst viele Übersetzungen abzudecken, gibt es die elektronischen und mechanischen GRX-Schaltwerke in zwei Käfiglängen. Bis 34 Zähne gibt es ein Schaltwerk mit kurzem Käfig. Wer bis zu 42 Zähne auf dem größten Ritzel nutzen möchte, sollte das GRX Schaltwerk mit langem Käfig wählen.
Die GRX Gruppe kommt übrigens ohne eigenen Kassette und Kette. Stattdessen ist die GRX Schaltung mit Rennrad- und MTB-Kassetten kompatibel. Wer 11-fach schalten möchte, kann Ultegra oder 105er Rennradkassetten oder Deore XT oder SLX MTB-Kassetten verwenden. Die 10-fach GRX-Schaltwerke funktionieren mit Tiagra und Deore Kassetten.
Shimano GRX Schalthebel
Auch die Schalthebel unterscheiden sich in einigen Details von den Brems-Schalthebeln der Rennrad-Gruppen. Um für mehr Bremskraft auf Schotterabfahrten zu sorgen, wurde der Drehpunkt der Bremshebel nach oben versetzt (siehe Abbildung unten). So erhöht sich die Hebelkraft des Bremshebels.
Außerdem gibt es trotz hydraulischer Bremsleitungen wieder die Möglichkeit, zusätzliche Bremshebel am Oberlenker zu montieren. So kann auch in der Oberlenkerposition gebremst werden. Dies war bisher nur mit mechanischen Bowdenzug-Bremsen möglich.
Shimano GRX Bremsen und Laufräder
Die GRX Gruppe gibt es nur mit hydraulischen Scheibenbremsen geben. Wie alle anderen Rennrad-Scheibenbremsen von Shimano werden diese per Flatmount-Standard montiert.
Komplettiert wird das Shimano GRX-Sortiment mit zwei Alu-Laufradsätzen. Die GRX-Laufräder sind Tubeless ready, kommen mit 21,6mm Maulweite und in den Größen 28 Zoll und 650B.
Fazit
Die Shimano GRX Di2 ist eine technisch ausgereifte und funktionell einwandfreie Gravelbike-Schaltung. Sie bietet jedoch keine wesentlichen Innovationen und ist in Bezug auf die Übersetzungen auf den Massenmarkt ausgerichtet. Die fehlende Option für ein einzelnes Kettenblatt könnte potenzielle Käufer abschrecken.
Trotzdem ist die Shimano GRX Di2 eine gute Wahl für viele Gravelbiker, insbesondere in Kombination mit attraktiven Komplettrad-Angeboten. Wer jedoch individuelle Ansprüche an sein Gravelbike-Getriebe hat oder eine 1-fach-Option bevorzugt, sollte sich auch die Angebote der Konkurrenz ansehen.
Verwandte Beiträge:
- Shimano GRX Schaltwerk 11-fach: Test & Kaufberatung
- Shimano Dura Ace Kassette 11-fach: Test, Vergleich & Kaufberatung
- Shimano XT Übersetzung: Die optimale Übersetzung finden
- Shimano EP8 App Einstellungen: Optimale Einstellungen für Deine E-Bike Tour
- Warum ein Dreirad die beste Buggy Alternative ist – Ultimative Übersicht für Eltern
- Elektroroller 60 km/h: Test & Kaufberatung 2024
Kommentar schreiben