Shimano Alfine 11 im Test: Eine Getriebenabe für sportliche Touren?

Die Shimano Alfine 11 ist eine Nabenschaltung, die von Shimano als Premiumversion für sportliche Fahrräder mit Nabenschaltungen entwickelt wurde. Sie soll sich genau in die Mitte zwischen der Alfine 8 und der Rohloff Getriebenabe platzieren. Fast alle Radhersteller haben im Schlüsseljahr 2011 darauf reagiert. Entsteht eine neue Fahrradklasse?

Technische Details und Ausstattung

Die Alfine S500 verfügt über eine optisch wie technisch aufgewertete 8-Gang-Nabe, hydraulische Scheibenbremsen, eine Kurbelgarnitur, spezielle Bremsgriffe und RapidFire Plus-Schalthebel. Shimano geht voll aufs Gas: Die völlig neu konstruierte Alfine 11-Nabe packt genauso viele Gänge in ihre polierte Nabenhülse, ist extrem wartungsarm und leise. Mit nur etwa 1660 Gramm wiegt die Nabe ungefähr genauso viel wie ihre 8-fach-Schwester.

Gesteuert wird die Neue über einen modernen Rapid-Fire-Schalter, der mit je einem Schalthebel die Gänge rauf oder runter schaltet, bei Bedarf auch zwei auf einmal („Multi-Release“). Wie von der Kettenschaltung her bekannt, lässt sich per „Two-Way-Release“ der Hebel zum Runterschalten von beiden Richtungen entweder mit dem Daumen oder dem Zeigefinger bedienen.

In der Nabe selbst funktioniert die Kraftübertragung durch Rollen aus beiden Getriebeteilen auf die Nabe (bei der 8-Gang ist es nur eine Rollenübertragung). Auch ist die Alfine im Gegensatz zur üblichen 8-fach-Nabe gewichtsoptimiert (Prototyp ca. 1590 g). Verwendet werden übrigens Nadellager wie bei der 8-Gang-Premiumversion gegen Verschleiß und besonders hohe Effizienz - gar „die höchste aller von Shimano produzierten Nabengetriebe“, strahlt Peiffer. Zudem besitzt die Alfine ein edel poliertes, geschmiedetes Nabengehäuse - und als auffälligstes Merkmal einen filigranen Kettenspanner, der Radherstellern das Verbauen einer Alfine in Serienrahmen mit senkrechtem Ausfallende erlaubt.

Damit ist der Weg frei für Hersteller, in jeden Rahmen (egal ob fürs Trekkingrad, Fitnessbike, Crossrad, Mountainbike oder Reiserad) anstelle einer Kettenschaltung ein Nabengetriebe zu verbauen. Ganz nebenbei erleichtert der Kettenspanner auch den Radausbau beziehungsweise -einbau bei Transport oder einer Reifenpanne erheblich. Im blauen Shimano-Testrad entdeckten wir eine an die Nabe angeflanschte Scheibenbremse (auch im Vorderrad). Noch handelt es sich um eine XT-Version aus dem Mountainbike-Regal, später wird es eine Alfine-Discbrake geben. Montiert am Testrad ist vorerst ist eine 2-fach-Rennradkurbel (50/34 Zähne, entliehen aus der „Tiagra“-Gruppe). Sie wird später durch eine technisch gleiche, aber wunderschön fließend geformte Alfine-Kurbel ersetzt, die uns schon präsentiert wurde.

Übrigens besitzt die Alfine-Kurbelgarnitur (Einfach- oder Doppelblatt-Version) ein integriertes Achsrohr für erhöhte Steifigkeit, Gewichtsersparnis und einfache Montage. In der Ein Kettenblatt-Version ist sie mit einem integrierten Kettenschützer ausgestattet, damit die Bekleidung nicht verschmutzt. Ihr Übersetzungsumfang entspricht den erprobten Nexus 8-Gang-Nabenschaltungen. Zwei Ritzelalternativen fürs Hinterrad bietet Shimano an: mit 18 Zähnen oder 20 Zähnen für Räder, die in alpine Regionen gekauft werden.

Interessant: Die Umkehr des Zahnprofils sowie ein Plastikring sollen beim Kettenspringen (starke Stöße) und beim Rücklaufen der Kette (Rücktreten) einem Abspringen vorbeugen. Hersteller haben die Möglichkeit, anstelle eines üblichen Umwerfers vorn den Shimano C-600 Power Changer zu verbauen - mit dem der Wechsel auf das benachbarte Kettenblatt mühelos vonstatten geht. In einer unscheinbar unter dem Tretlager montierten Box befinden sich an die Kurbel gekoppelte Mitnehmerklinken, die nach der Gang-Auslösung am Lenker bei einer Viertelkreis-Kurbeldrehung - also mit Fußkraft! - durch eine Straffung des Schaltzugs die Kette verblüffend exakt auf das gewünschte Blatt schieben! Müheloses Schalten hinten wie vorn.

Vorne gibt es für die normale Alfine 8-fach-Version wahlweise ein 39-er (für Berge) oder 45-er Kettenblatt (Flachland). Als dritte Option einen Doppel-Kurbelsatz aus der C600-Gruppe mit 34/46er Kettenblatt in „Komfortauslegung“ mit dem erwähnten PowerChanger-Umwerfer.

Fahreigenschaften und Schaltverhalten

Als Schalthebel gibt es einen RapidFire-Hebel, der sich in Optik und Ausführung kaum von den Kettenschaltungs-Hebeln im mittleren Preissegment unterscheidet, ein orangener Balken im Sichtfenster gibt eine Ahnung davon, in welchem Gang man sich ungefähr befindet (vielleicht kann man das durch einige nachträglich angebrachte Punkte verbessern). Komplett nackt (ohne Muttern etc.) auf die Waage gelegt die erste Enttäuschung: Auf die versprochenen 1600 Gramm wurden noch mal 85 drauf gelegt.

Die Gangabstufungen sind über den gesamten Bereich recht gleichmäßig zwischen 13 und 14 Prozent, mit Ausnahme des ersten Gangs: der Sprung vom ersten zum zweiten beträgt 28%. Für das gleichförmige Fahren scheint mir eine solche Abstufung gut geeignet, um nicht in unangenehme Trittfrequenzen zu geraten. Insbesondere beim Stop and Go in der Stadt kommt eine Übersetzung wie bei der Spectro 7-Gang von SRAM mit ihren 21-22-Prozent-Sprüngen im mittleren Bereich den meisten eher entgegen.

Die Schaltvorgänge funktionieren gewohnt butterweich (wie bei den Nexus 7- und 8-Gang-Naben oder der i-motion 9), aber prinzipbedingt nicht so eindeutig wie bei der Rohloff-Nabe, die zwangsgesteuert ist und deswegen sofort beim Drehen des Schalthebels im entsprechenden Gang ist. Dieser Effekt wirkt sich beim Fahren in der Ebene nicht negativ aus, aber am Berg ist er schon sehr gewöhnungsbedürftig. Vielleicht bin ich da auch nur komisch empfindlich und von der Rohloff-Nabe ein ganz anderes Fahren gewohnt.

Langzeiterfahrungen und Probleme

Mittlerweile wurde die Nabe insgesamt 4000 km gefahren, und ich stelle fest: Fast alle Einschätzungen stimmen so weit immer noch, nur das Thema Leertritte muss noch etwas erweitert werden. Ich hatte die Nabe mittlerweile auch aus eben diesem Grund zur Kontrolle/Fehlerbehebung eingeschickt, und sie nach 4 Wochen (in Worten: vier Wochen!

Insbesondere wegen dieser Service-Geschwindigkeit und -Qualität werde ich nun definitiv wieder die Rohloff-Nabe verwenden. Die Schaltung wurde dann eingeschickt an Paul Lange. Es wurde ein neues Getriebe eingebaut. Aufklärung über die Ursache bekam ich keine.

Mittlerweile zeigen sich bei meiner Nabe des Öfteren erste Alterungserscheinungen: Anscheinend ist die Schaltzug-Rückholfeder der Nabe ihrer Aufgabe auf Dauer nicht gewachsen (die Verfechter des Rohloff-Prinzips der zwei Züge werden sich ein Grinsen nicht verkneifen können) - das Schalten in den elften Gang klappt dann erst nach etwas Wartezeit oder gutem Zureden.

Inzwischen fährt auch die oben getestete Nabe wieder, Fahren und Schalten tut sie super, aber nach mehreren kräftigeren Aussetzern im zweiten Gang ist sie offensichtlich intern so beschädigt, dass dieser Gang immer wieder ausrastet. Also keine Kaufempfehlung, zumindest nicht für Tourenräder!

Und noch einmal der Vergleich mit der Rohloff-Nabe: hier hatte ich bei meiner knapp 15 Jahre alten Nabe auch schon öfter kräftige Aussetzer, aber danach greifen die betroffenen Gänge immer wieder einwandfrei.

Nachdem die Nabe jetzt ein paar Jahre unbeachtet in der Ecke gelegen hat und inzwischen auch die Ersatznabe, die ich besorgt hatte, deutliche Macken gezeigt hat, habe ich mich entschlossen, die beiden Naben zu zerlegen, in der Hoffnung, wenigstens eine retten zu können. Herausgekommen ist dabei zuächst die Erkenntnis, dass der Hersteller doch alle möglichen Ersatzteile des Innenlebens dieser Nabe vertreibt, und zwar zu durchaus bezahlbaren Preisen.

Die zweite Erkenntnis war etwas bitter, weder der Hersteller noch irgendein Technikfreak hat sich bislang an die Innereien der 11-Gangnabe gewagt und die Ergebnisse ins Netz gestellt, man findet nur Explosionszeichnungen und rudimentäre Funktionsbeschreibungen. Herausgekommen ist also die 'Fortsetzungsseite' Alfine 11-Gang-Nabe zerlegen, Fehler suchen und wieder zusammenbauen.

Sehr lesenswert ist der Blog von Bob Wittig, in dem er seine persönlichen Erfahrungen mit der Alfine 11 und dem Importeur schildert und zudem sehr ansehnliche CT-Schnittbilder der Nabe präsentiert.

Alternativen zur Alfine 11

Wer wie viele Radreisenden für sein schwer bepacktes Rad eine Nabenschaltung vorzieht, sieht jedoch als Alternative wenig. Es gäbe da neuerdings noch die Kindernay XIV mit 14 Gängen, die sich mit wenig Aufwand in verschiedene Laufräder wechseln lässt. Aber die ist mit einem Preis von fast 1450 Euro noch kostspieliger als eine Rohloff-Nabe. Bedeutend günstiger ist dagegen die Shimano Alfine 11. Die hat aber erstens nur elf Übersetzungsstufen und einen insgesamt geringeren Übersetzungsumfang von 409 statt der 526 Prozent einer Rohloff.

Also ganz nach Gusto, Pinion oder Rohloff, wenn’s gut werden soll mit dem Reiserad. Dass wir nicht selbstverständlich alle Rohloff oder Pinion fahren, hat einen trivialen Grund: Beide Lösungen sind teuer.

Fazit

„Plus: schnelle Gangwechsel; angenehme, gleichmässige Schaltsprünge.

„Die drei zusätzlichen Gänge sind deutlich sportlich orientiert. Für manche ist das etwas zu viel. Das Schaltverhalten könnte trotz der neuen Technik insgesamt geschmeidiger sein.

Merkmal Shimano Alfine 11 Rohloff Speedhub
Anzahl Gänge 11 14
Übersetzungsumfang 409% 526%
Geringste Entfaltung 2,10 Meter 1,67 Meter
Gewicht ca. 1660g deutlich schwerer

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