Shimano Saint Bremse Hinten Test: Umfassender Vergleich und Analyse

Scheibenbremsen gehören zu den wichtigsten Teilen an eurem Bike. Solange sie gut funktionieren, nehmen wir sie gar nicht wahr, aber wenn sie ihren Dienst verweigern, merken wir erst, WIE wichtig sie sind. Kraftvolle Bremsen gehören zum wichtigsten, was an unseren Bikes dran ist; sie erlauben uns, schnell zu fahren, geben uns Selbstvertrauen und vor allem sorgen sie für unsere Sicherheit. Nichts schadet der Performance mehr als eine schlecht funktionierende Bremse.

Im letzten Jahrzehnt haben sich die Scheibenbremsen enorm entwickelt. Das Grundprinzip - Bremskolben, die auf eine Stahlscheibe drücken, die am Rad befestigt ist - hat sich zwar nicht verändert, doch bei den verwendeten Materialien, dem Aufwand beim Entlüften und der Zuverlässigkeit gab es immense Fortschritte. Eine gute Scheibenbremse liefert heute alle Bremskraft, die wir brauchen - und das bei sehr guter Dosierbarkeit. Und: man muss sie eine ganze Saison lang nicht entlüften oder anderweitig anfassen.

Wer richtig schnell sein will, muss auch schnell langsam werden können. Starke Bremsen helfen, maximale Verzögerung auf den Boden zu bringen und die Kontrolle auf immer anspruchsvolleren Strecken zu behalten. Aber nicht nur für Racer und Sekundenjäger ist eine starke Bremse, die wenig Fingerkraft erfordert, wichtig. Gerade Einsteiger tendieren dazu, mehr auf der Bremse zu hängen - das geht nicht nur aufs Material, sondern auch auf die Unterarme. Wer viel Kraft zum Bremsen braucht, kriegt schnell Arm-Pump. Das kostet Sicherheit und zwingt euch dazu, langsamer zu werden oder sogar stehen zu bleiben, während eure Kumpels davon ziehen - mies. Die Lösung dafür lautet starke Bremsen, die dennoch gut zu dosieren sind.

Testkriterien und Methodik

Um eine Bremse zur besten erklären zu können, müssen wir viele Annahmen über Fahrer und Fahrstil treffen. Allerdings gibt es mittlerweile eine Menge Bremsen, denen eine großartige Balance zwischen Bremskraft und Dosierbarkeit gelingt und deren Hebel an diverse unterschiedliche Vorlieben angepasst werden können.

Für den Vergleichstest 2018 testeten wir 19 Scheibenbremsen (also eigentlich 20, aber eine davon war noch zu geheim, um darüber zu sprechen). Jeder Hersteller schickte uns pro Modell drei komplette Bremsen, Entlüftungssets, Ersatzbeläge und drei Sätze 180/200er-Scheiben (insgesamt verheizten wir im Lauf des Tests über 90 Bremsscheiben).

Für den Test fuhren wir nach Barnoldswick, Großbritannien, ins Technologielabor am Firmensitz von Hope. Hope stellt seit Jahrzehnten Bremsen immer auf dem neuesten technischen Stand her, und hat daher ein vollausgestattetes hauseigenes Testlabor, das wir freundlicherweise ge- und missbrauchen durften. Eine nach der anderen wurden die Bremsen auf dem Prüfstand montiert.

Laborprüfungen

Der Motor simuliert die Bewegungsenergie von 100 kg (Bike und Fahrer) und misst dann mittels extrem präziser Dehnungsmessstreifen die Kraft, die die Bremse aufbringt, um diesen simulierten Fahrer abzubremsen. Der Bremshebel wird im Test durch einen hydraulischen “Finger” aktiviert, der immer wieder und mit unablässiger Präzision den gleichen Druck ausübt - hier gibt’s keinen Armpump.

Nach umfassender Optimierung mit Hilfe von Dehnungsmessstreifen entschieden wir uns für eine Handkraft von 40 N zur Aktivierung des Hebels. Das ist in etwa so viel, wie man auch bei einem “schwergängigen” Handtrainer benötigt, oder für das Abbremsen von hoher Geschwindigkeit beim Einfahren in einen Anlieger im Bikepark. Der künstliche Finger aktivierte jede Bremse am natürlichen Kontaktpunkt des Zeigefingers. Bei jedem Durchgang wurden eine neue Bremsscheibe und neue Beläge montiert und der Bremssattel richtig ausgerichtet.

Einbrems- und Bremstests

Die Bremsscheibe wurde hierzu wiederholt auf 20 km/h beschleunigt, und der Bremshebel dann für eine Sekunde betätigt. Diese Prozedur wurde 40 Mal wiederholt. Die zweite Phase bestand aus einem 2 Sekunden dauernden Druck auf den Hebel, wodurch die Bremsscheibe zum Stillstand kam. Auch das wurde 40 Mal durchgeführt. Dann wurde der gesamte Zyklus noch einmal wiederholt, um sicherzugehen, dass die Bremsen wirklich richtig eingebremst waren.

Die Bremsscheibe wurde auf 35 km/h beschleunigt und die Bremse hart gezogen. Dabei erfasste der Computer die aufgebrachte Bremskraft, die Temperaturentwicklung und die Zeit, die benötigt wurde, um die simulierte Masse von 100 kg (Fahrer- und Bike) von 35 km/h auf 15 km/h abzubremsen. Dies wurde 10 Mal in Folge wiederholt, um eine durchschnittliche Bremszeit ermitteln zu können. In der nächsten Phase wurde der Test mit einer Vollbremsung von 35 km/h auf 0 km/h wiederholt.

Zum Schluss folgte die härteste Prüfung: 10 wiederholte Vollbremsungen von 45 km/h auf 0 km/h - ein äußerst strapaziöser Test, der die Bremsbeläge verschmoren ließ und bei dem die Scheiben Temperaturen von über 400 °C annahmen.

Trail Tests

Für vier Monate testeten wir jede Bremse, mit schlecht gewählten Lines, Stürzen, zu späten Bremsungen, Not-Entlüftungen auf dem Parkplatz, Regen, Sonnenschein, auf langen Abfahrten im alpinen Gelände und beim Heizen auf den Hometrails. Jede Bremse wurde bezüglich Bremskraft, Dosierbarkeit und Performance auf dem Trail bewertet. Alle wurden mehrfach auseinander gebaut, entlüftet und an zahlreichen Bikes montiert, um sicherzugehen, dass sie alltagstauglich sind.

Technische Details und Komponenten

Im Test finden sich nur hydraulische Scheibenbremsen, wie sie schon seit Jahren in modernen MTBs als Standard gelten. Bremsen besitzen immer eine Gebereinheit: Das ist der Teil, der am Lenker befestigt ist und umgangssprachlich auch häufig nur Hebel genannt wird. Am Rahmen bzw. der Gabel ist dann die Nehmereinheit montiert. Verbunden sind die beiden Komponenten über die Bremsleitung, die den Druck vom Geber- auf den Nehmerkolben überträgt.

Hydraulisch betätigte Bremsen bedeutet, dass diese die Kraft durch eine Flüssigkeit übertragen. Derzeit sind zwei Arten von Bremsflüssigkeit vertreten: Mineralöl und DOT. Der Vorteil von Flüssigkeiten: Sie lassen sich im Gegensatz zu Luft nicht komprimieren, die Kraftübertragung findet also nahezu verlustfrei statt. Aus diesem Grund ist auch penibles Entlüften - also kleinste Lufteinschlüsse aus dem Bremssystem zu entfernen - so wichtig.

DOT-Bremsflüssigkeit kommt ursprünglich aus dem Kfz-Bereich. Kleiner Fun-Fact: Sie trägt den Namen vom US-Verkehrsministerium - Department of Transportation. Die DOT-Flüssigkeit ist in Nummern unterteilt, wobei hauptsächlich DOT 4 und 5.1 bei MTBs vertreten sind. Je höher die Zahl, desto höher ist die Siedetemperatur der Flüssigkeit. Das wichtigste Merkmal von DOT-Bremsflüssigkeit ist, dass sie hygroskopisch ist. Das heißt, DOT bindet Wasser (unter anderem aus der Luft) und bildet eine homogene Flüssigkeit. Dadurch ändern sich die Eigenschaften von DOT und der Siedepunkt (regulär bis zu 260° C) sinkt. Darum sollte die Bremsflüssigkeit regelmäßig getauscht werden. Zudem ist DOT gesundheitsschädlich und aggressiv gegenüber Lack, Haut und Klamotten.

Mineralöl als Bremsflüssigkeit ist die Alternative zu DOT. Das Mineralöl wird aus Erdöl gewonnen und hat in der Regel einen niedrigeren Siedepunkt von 190° C. Es ist nicht gesundheitsschädlich oder schlecht für den Lack, nur der Kontakt mit den Bremsbelägen sollte unbedingt vermieden werden. Mineralöl zieht kein Wasser an, bindet es aber auch nicht: Wie beim Salatdressing schwimmt das Öl einfach oben - eine typische Emulsion.

Prinzipiell gilt, dass jeder Bremsenhersteller auch seine eigenen Beläge anbietet. Meist sogar in unterschiedlichen Ausführungen. Zudem sind Nachrüst-Beläge von Drittherstellern wie z. B. Sinter, GALFER oder Kool-Stop verfügbar. Hiermit lässt sich häufig vergleichsweise günstig die Bremspower steigern. Zudem gibt es meist zwei Arten von Belägen: metallische und organische.

Die Bremsscheiben für MTB-Bremsen bestehen alle aus Stahl - zumindest die Reibfläche, an der die Beläge anliegen. Die Dicke der Bremsscheiben variiert hingegen und ist vor allem mit der Wärmeableitung gekoppelt. Mehr Material kann mehr Hitze vom sensiblen Bremssattel abtransportieren.

Noch ein wesentlicher Unterschied bei den Bremsscheiben: Es gibt ein- und zweiteilige. Letztere sind auf einem „Stern“ in der Mitte vernietet und schwimmend gelagert. So wird verhindert, dass sich die Reibscheiben bei Wärme ungleichmäßig ausdehnen und verziehen können.

E-Mountainbikes und Bremsen

Die Bremse ist ein sicherheitsrelevantes Bauteil. Zudem steigen bei E-Bikes die Systemgewichte durch bis zu 25 Kilogramm schwere Räder, die Fahrgewohnheiten ändern sich. Das macht eine gesonderte Betrachtung der E-MTB-Bremsen und der Bremssysteme nötig.

Nimmt man ein durchschnittliches E-Bike Fully mit 22 bis 23 Kilogramm, einen Tourenrucksack inklusive Trinkblase mit etwa 4 Kilogramm sowie einen 90 Kilogramm schweren Fahrer, liegt das Systemgewicht bei knapp 117 Kilogramm. Deshalb setzen wir bei unserem Test 130 Kilogramm als Minimum an.

Um den hohen Ansprüchen gerecht zu werden, empfehlen wir generell den Einsatz von großen 203mm Bremsscheiben am Vorder- und 180mm Discs am Hinterrad. Das Gute dabei: Die Bremse kann so mit nur einem Finger betätigt werden.

Montage und Wartung

Bevor die Bremsen ans Rad geschraubt werden, sollten die Aufnahmen gecheckt werden. Meist sind diese durch Lackauftrag oder dem in der Produktion nicht durchgeführten Frässchritt nicht perfekt plan. Deshalb sollte, wenn nötig, die Bremsaufnahme beim Händler nachgear­beitet werden.

Beim Bremssattel setzen alle Hersteller auf drehbare Leitungs­ab­gänge und den Postmount-Standard. Bei den Bremshebeln gibt es große Unter­schiede: Während BFO, Magura und Sram dank Flip-Flop-Hebel rechts oder links montiert werden können, ist die jeweilige Seite bei Shimano, Trickstuff und TRP vorgegeben.

Cockpitintegration: Um Schalthebel von Shimano oder Sram direkt am Bremshebel zu befestigen, bieten viele Hersteller Adapter an. Damit verringert sich der Bauraum am Lenker und die Optik ist aufgeräumter. Perfekt gelingt das Sram mit dem Matchmaker-System.

Der Bremshebel sollte zudem gut in der Hand liegen und keine störenden Kanten aufweisen.

Mit Blick auf den Bremsenservice wird geprüft, ob der Entlüftungsvorgang einfach von der Hand geht, die Entlüftungsschrauben leicht erreichbar sind, der Hebel dazu verdreht oder abgebaut werden muss, ein durchgängiger Fluss im Bremssattel gewährleistet ist und welches Bremsmedium verwendet wird.

Gewicht und Vergleichbarkeit

Zur direkten Vergleichbarkeit haben wir die Bremsanlage aus Hebel, Leitung und Bremssattel sowie die Brems-scheibe separat gewogen, um eine direkte Vergleichbarkeit zu bekommen. Adapter und Schrauben wurden dabei nicht be-rücksichtigt.

Die direkte Vergleichbarkeit auf dem Prüfstand ist gut, aber was am Ende zählt, ist die Praxis, denn nur hier kann man das Potential aller Bremsen sprich-wörtlich erfahren. Der Einsatzbereich umfasste neben klassischen Feierabend- und Wochenendtouren auch Bikepark-einsätze. Getestet wurde auf den Trails im Donau- und Altmühltal sowie im bayerischen Wald. Alle Bremsen wurden mit 203mm Bremsscheibe am Vorderrad und 180mm Scheibe am Hinterrad getestet.

Ergebnisse und Empfehlungen

Das Gute vorweg: Keine Bremse im Test hatte einen Ausfall zu verbuchen. Das zeigt, dass alle Hersteller ihre Hausaufgaben gemacht haben. Im Detail unterscheiden sich die Bremsen dann aber recht stark, was sich im engen Notenausgang nicht zwingend widerspiegelt.

Beim Preis-Leistungsverhältnis geht kein Weg an Maguras MT5 vorbei. Ganz ehrlich - mehr braucht man eigentlich nicht. Der Testsieg geht diesmal an zwei Hersteller. Bei den Big-Playern holt sich Sram mit der neuen Code RSC durch eine exzellente Vorstellung verdient den Sieg. „Overall“ geht aber kein Weg an der extrem teuren und exklusiven Trickstuff Direttissima vorbei.

Für den Einsatz am E-Mountainbike sind die Shimano Saint und die Magura MT7 die erste Wahl. Die Magura MT7 sichert sich dank ihrer besseren Dosierbarkeit mit dem neuen HC-Bremshebel den begehrten Testsieg!

Zusätzliche Erkenntnisse

  • Das Upgrade von 180er auf 200er-Bremsscheiben verringerte in unserem Labortest nicht nur die Bremszeit um durchschnittlich 18 %, man brauchte auch weniger Kraft, sodass die Arme weniger schnell zu machen und ermüden. Außerdem wird die Dosierbarkeit besser.
  • Egal wie gut die Hebel sind, egal wie groß die Kolben, am Ende sind es die Beläge, die die ganze Kraft übertragen. Gute Bremsbeläge sind der ausschlaggebende Punkt für kraftvolles Abbremsen.
  • Das korrekte Einbremsen macht einen großen Unterschied. Anfangs wiederholte Bremsungen hinterlassen eine dünne Schicht Bremsbelag auf der Scheibe und sorgen für maximale Reibung und Performance.

Insgesamt zeigt der Test, dass es eine Vielzahl von ausgezeichneten Scheibenbremsen auf dem Markt gibt, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben. Die Wahl der richtigen Bremse hängt stark von den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben des Fahrers ab.

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