Shimanos jüngste Generation der Ultegra soll mit einem nie dagewesenen Variantenreichtum die Anforderungen aller Rennrad-Kategorien erfüllen. Von der Schaltgruppe gibt es allein vier Grundversionen: neben der mechanischen Schaltung auch eine elektronische Di2, und beide sowohl für Felgen- wie für hydraulische Scheibenbremsen. Dazu kommen spezielle Teile für Zeitfahrräder und ein erweitertes Spektrum an Übersetzungen, vor allem mit mehr leichteren Gängen. Vom klassischen Straßenrenner über Cross- und Zeitfahrräder bis zum Gravelbike mit dicken Reifen und Scheibenbremsen lässt sich mit der Ultegra künftig fast alles bestücken, was einen Rennlenker trägt.
Technische Details und Design der Shimano Ultegra R8000
Dass sich die Ultegra, traditionell die Nummer zwei in Shimanos Produkt-Hierarchie, technisch wie optisch stark an der aktuellen Top-Gruppe Dura-Ace orientiert, überrascht nicht. Sie übernimmt wesentliche Merkmale von der Nummer eins, etwa das Schaltwerks-Design, die Gestaltung der Kurbel und den kompakten Umwerfer. Optische Unterschiede zur Top-Gruppe beschränken sich auf einfachere Oberflächen: Die graphitgraue Ultegra schimmert matt, wo die tiefschwarze Dura-Ace mit polierten Flächen glänzt. Die Bremshebel ziert Klarlack statt aufwendigem Spiegellack, auch die Oberflächen des Schaltwerks erscheinen etwas rauer. Verarbeitet sind die Komponenten indes auf höchstem Niveau, wie man es von Shimano gewohnt ist.
Am Schaltwerk sind Geometrie und Zugführung neu, ein Geheimnis der geringen Bedienkräfte der Ultegra R8000 11fach-Schaltung.Gewicht und Innovationen
Die erste echte Überraschung teilt das Display der Feinwaage mit: Kein Gramm leichter ist die neue Ultegra geworden. Die meisten Teile wiegen nur wenige Gramm mehr oder weniger als die alten. Zwar hat der japanische Hersteller niedriges Gewicht nie zum Hauptziel seiner technischen Entwicklungen erklärt, dennoch war jede neue Generation der Ultegra in der Vergangenheit auch stets leichter geworden. Die Argumente für die neue Gruppe müssen also anderer Art sein.
Ergonomie und Schaltperformance
Beim ersten Griff an die Schaltbremshebel fällt deren leicht geänderte Form auf. Die Griffkörper sind schlanker, die Oberseite ist etwas flacher, sodass die Hände bequem aufliegen. Die Überzüge haben wie bei der Dura-Ace ein eingearbeitetes Profil, das den Gummi rutschfester machen soll. Ob das nötig ist, sei dahingestellt, aber es stört nicht, auch wenn man keine Handschuhe trägt. Dass die Bremshebel weiter nach außen geschwungen sind und der kleine Schalthebel leicht vergrößert ist, spürt man hingegen. Alle Hebel sind dadurch leichter zu erreichen. Geblieben ist, dass man den Abstand des Bremshebels zum Lenker mit einer Schraube unter dem Griffgummi einstellen kann.Wirklich frappierend ist, um wie viel besser die neue Gruppe schaltet. Mit der aktuellen Generation wird Shimanos Vorsprung gegenüber der Konkurrenz deutlich (unabhängig vom Funktionsprinzip), einen spürbaren Unterschied zwischen Ultegra und der viel teureren Dura-Ace hingegen gibt es nicht. Hier macht sich vor allem die veränderte Schaltwerksgeometrie bezahlt: Die von den Mountainbike-Gruppen übernommene Shadow-Technik verringert mit einem besser geführten Schaltzug die Reibung deutlich, die ohnehin schon leichtgängigen, teflonbeschichteten Shimano-Züge sind auch bei der neuen Ultegra Standard. Obwohl die Federspannung des Schaltwerks etwas erhöht wurde, sind die Bedienkräfte und Hebelwege bei den neuen Shimano-Gruppen geringer als je zuvor. Dabei wirkt das System keinesfalls teigig, der Hebel meldet mit einem hör- und spürbaren „Klick“ den vollzogenen Schaltschritt.
Umwerfer und Kurbel
Auch der neue vordere Umwerfer überzeugt. Shimano ist vom vorherigen Design mit dem langen Arm an der Zugklemmung wieder abgerückt, der Umwerfer ist deutlich kompakter. Das schafft Platz, an Adventure- und Gravelbikes kann der Umwerfer dicken Reifen nicht mehr im Wege stehen. Viele Nutzer hatten die komplizierte Einstellung des bisherigen Systems kritisiert: Die verschiedenen Möglichkeiten, den Schaltzug zu klemmen, waren nicht selbsterklärend, und die Schaltqualität litt bei falscher Einstellung deutlich. Das ist nun wieder einfacher geworden, zudem hat der neue Umwerfer auch eine Schraube, mit der man die Zugspannung verändern kann, ohne den Zug lösen zu müssen - ein Novum bei mechanischen Schaltungen. Beim Wechsel der Kette von Blatt zu Blatt sind Kräfte und Wege ebenfalls geringer, aber auch die Charakteristik des Umwerfers hat Shimano verändert: Während man bei den bisherigen Gruppen gleichmäßig Kraft aufbringen musste, um die Kette vom kleinen auf das große Blatt zu bewegen, ist der Widerstand beim neuen Umwerfer am Anfang höher, verringert sich aber gegen Ende des Hebelwegs deutlich. Das fühlt sich direkter an und die Gefahr, dass die Kette wieder herunterfällt, weil man den Hebel nicht komplett durchgedrückt hat, wird kleiner.Die Kurbel als Herzstück des Antriebs ist an das aktuelle Design angepasst, technisch hält sie das hohe Niveau der Vorgängerin. Shimano bleibt bei der bewährten Aluminium-Bauweise und dem Hollowtech-II-Standard mit Stahlwelle für das Tretlager. Das zweiteilige große Kettenblatt besteht auf der Innenseite aus Kunststoff und ist extrem steif, was eines der Geheimnisse der guten Schalteigenschaften ist. Die eingearbeiteten Steighilfen führen die Kette sauber und ohne große Geräusche zwischen den Kettenblättern. Die Kurbel wird es in den gängigen Varianten 50/34, 52/36 und 53/39 sowie als Cross-Variante mit 46/36 geben.
Bremsleistung und Varianten
Auch die Felgenbremse hat Shimano ein weiteres Mal verbessert, obwohl mancher die im Vergleich zur Scheibenbremse vermeintlich antiquierte Technik schon auf dem Abstellgleis sieht. Ein zusätzliches Blech zwischen den Bremsarmen macht die Zange noch steifer, was sich vor allem bei hohen Kräften bemerkbar macht: Aus hohem Tempo lässt sich die Bremse so besser dosieren. Auch die maximale Bremskraft erhöht sich leicht - wobei das in der Praxis kaum eine Rolle spielt.In den neuen Kurbeln ist das Vier-Arm-Design der DURA-ACE R9100 klar zu erkennen. Die neue R8000 Kurbel ist gegenüber ihrer Vorgängerin noch einmal leichter geworden: 674 g, 50-34 Z. Überarbeitet wurden aber auch die Kettenblattabstände, die insbesondere im Hinblick auf die immer weiter steigende Zahl von Rennrädern mit Scheibenbremsen etwas vergrößert wurden. Bei den 11-fach-Kassetten stehen gar sechs Versionen zur Verfügung, sodass in Kombination mit den unterschiedlichen Kurbeln tatsächlich für jeden Fahrertyp, für jedes Gelände und für jedes Einsatzszenario die passende Übersetzung gewählt werden kann. Die CS-R8000 Kassetten sind mit 11-25 Z, 11-28 Z, 11-30 Z, 11-32 Z, 12-25 Z und 14-28 Z verfügbar.Für das Di2-System bietet die erst kürzlich neu eingeführte Voll- oder Semi-Synchro-Shift Funktionalität die Möglichkeit, dass das System in Abhängigkeit vom hinten gewählten Gang vorne automatisch schaltet (Voll-Synchro-Shift) beziehungsweise bei manuellem Schalten vorne hinten automatisch die nötigen Ausgleichsschaltungen vornimmt, um die Trittfrequenzsprünge möglichst gering zu halten (Semi-Synchro-Shift). Darüber hinaus zeichnen sich die Di2-Schaltflächen durch ein noch besser definiertes Klick-Feedback aus, sodass der Fahrer auch mit dickeren Handschuhen jederzeit beste Kontrolle über das System hat.Wie bei der DURA-ACE besitzen auch die ULTEGRA Di2-Schalt-/Bremshebel (ST-R8070/ST-R8050) je einen „geheimen“ Schalter, nämlich direkt auf der Oberseite der Hörnchen, unter der Gummiabdeckung. Zudem verfügen alle Schalter über die Multi-Shift-Funktionalität, die, wie alle anderen Di2-Funktionen über das E-TUBE System per PC-Verbindung oder via Bluetooth per Smartphone und Tablet frei programmierbar ist. Darüber hinaus bieten die E-TUBE Applikationen zahlreiche weitere Features, beispielsweise die Möglichkeit, Firmware-Updates einzuspielen und so jede einzelne Komponente stets auf dem neuesten Stand zu halten. Neu entwickelte Funktionen oder Features lassen sich dadurch unter Umständen ohne Hardwaretausch auch für ältere Systeme „nachrüsten“. Die STI-Hebel für hydraulische Scheibenbremsen (Di2: ST-R8070, mechanisch ST-R8020) zeichnen sich durch einen noch größeren Einstellbereich für Griffweite und Leerweg aus und sind mit 360 g beziehungsweise 550 g nur um 65 g bzw.Die Verwandschaft mit der DURA-ACE wird auch bei den Di2 (RD-8050) und den mechanischen (RD-R8000) Schaltwerken deutlich. Alle ULTEGRA Schaltwerke weisen das bereits im Top-Segment bekannte Low-Profile-Design eines SHIMANO SHADOW RD Schaltwerks auf, das nicht nur aerodynamische Vorteile bringt, sondern auch das Schaltwerk „im Schatten“ der Kassette positioniert und damit noch besser vor Beschädigung schützt. Die Schaltwerke sind als SS-Version mit kurzem Käfig für Kassetten von 11-25 Z bis 11-30 Z und als GS-Version mit mittellangem Käfig für 11-28 Z bis 11-34 Z verfügbar. Um die bereits erwähnten Voll- und Semi-Synchro-Shift Funktionen zu ermöglichen, kommunizieren die Di2-Schaltwerke und -Umwerfer über die E-TUBE Verkabelung miteinander, sodass sich der Fahrer voll und ganz auf die Straße oder die Rennsituation konzentrieren kann.
Hydraulische Bremssysteme
Mit der R8000 erhält zum ersten Mal eine ULTEGRA ein komplett gruppenintegriertes hydraulisches Bremssystem. Neben den bereits erwähnten STI-Hebeln (ST-R8020/ST-R8070) kommen dabei die Direct-Mount-Bremssättel BR-R8070 zum Einsatz und garantieren beste Verzögerungsleistung bei zugleich hervorragender Kontrollierbarkeit und einem schlanken, rennradspezifischen Design. Die Bremsscheiben verfügen über integrierte Kühlrippen, die die entstehende Wärme noch effizienter abführen und die Leistungs- und Standfähigkeit der Bremse weiter erhöhen. Auch auf der Waage halten sich die neuen hydraulischen Scheibenbremsen angenehm zurück. Ein Paar BR-R8070 Bremssättel wiegt gerade einmal 280 g, die Bremsscheibe weitere 212 g, im Vergleich zu den 360 g der mechanischen ULTEGRA Bremsen (BR-R8000) also ein durchaus vertretbarer Gewichtsnachteil.Noch einmal deutlich verbessert und weiterentwickelt, zeigen sich auch die mechanischen Bremsen im Hinblick auf die Performance auf einem ganz neuen Niveau. Neben den klassischen Dual-Pivot-Bremsen sind die Bremsen auch als Direct-Mount-Modelle verfügbar. Alle Felgenbremsen sind mit bis zu 28C-Reifen kompatibel und haben durch einen verringerten Abstand zwischen den Bremsarmen auch optisch noch einmal zugelegt. Die neuen ULTEGRA SPD-SL Carbon-Pedale bieten mit ihrer nochmals um 0,7 mm verringerten Aufstandshöhe ebenfalls einen im Profizirkus bewährten Perfomance-Vorteil. Dadurch erhöht sich die Hebelwirkung der Kurbel nochmals und entsprechend mehr Beinkraft kann direkt aufs Rad übertragen werden. Zudem sparen die neuen Pedale nochmals 12 g beim Gewicht ein, das nun bei 248 g liegt.
Vergleich mit anderen Schaltgruppen
Die Ultegra dominiert: Die Shimano-Schaltgruppe ist aktuell die in der Mittelklasse am häufigsten verbaute Rennradgruppe. Hinzugekommen sind nun auch zwei Gruppen-reine Ultegra-Varianten für Scheibenbremsen: die R8020 mit mechanischer und die R8070 mit elektronischer Schaltung.
Die folgende Tabelle zeigt die Gewichte der verschiedenen Konfigurationen der Shimano Ultegra R8000 Gruppe: | Konfiguration | Gewicht (Gramm) |
| Mechanische Ultegra R8000 mit Felgenbremsen | 2.360 |
| Ultegra R8000 Di2 mit Felgenbremsen | 2.299 |
| Mechanische Ultegra R8000 mit Scheibenbremsen | 2.649 |
| Ultegra R8000 Di2 mit Scheibenbremsen | 2.534 |
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