Shimano XTR Bremsen im Test: Leistung, Innovation und High-End-Qualität

Die Zeiten, wo man sich bezüglich der Bremse Gedanken oder gar Sorgen machen musste, sind zumindest im Highend-Segment vorbei! Jeder der acht Bremsanker in diesem Test kann ich besten Gewissens auch schwersten Ridern sowie für die anspruchsvollsten Trails empfehlen. Die großen Unterschiede liegen nicht in der Power, sondern in den Details sowie bei der Modulation.

Einleitung

Die XTR-Gruppe stand einst nur für den Cross-Country-Rennsport, doch heute verbirgt sich hinter den kryptischen Kürzeln BL-M9120 (Geber) und BR-M9120 (Nehmer) die Highend-Vierkolben-Bremse der Japaner. Sie wird mit großem Erfolg auch von vielen Stars in der Enduro- oder Downhill-World-Series eingesetzt. Shimano hat ein neues Top-Modell in ihrem Bremsen-Line-up gelaunched: einen neuen XTR-Bremshebel und zwei neue XTR-Bremssättel - mit zwei und vier Kolben. Sie soll nicht nur mit einer verbesserten Ergonomie und Dosierbarkeit auftrumpfen, sondern auch eine konstantere Bremsleistung liefern.

Technische Details und Aufbau

Brillantes Finish, famoser Formfaktor, sehr zartes Gewicht: Wo XTR draufsteht, ist XTR drin. Bei der M9120 wirkt alles aus einem (Alu-)Guss. In dem hausen zwei Keramikkolben mit 15 mm Durchmesser und zwei mit 17 mm, was beste Modulation verspricht. Der Drehpunkt des Alu-Hebels ist näher an den Lenker gewandert und hat eine leicht nach oben gebogene Hebelform bekommen, was die Ergonomie verbessern soll. Die Hebelweite könnt ihr - wie beim Vorgänger - werkzeuglos verstellen. Das Verstellrädchen ist dabei formschön im Alu-Hebel integriert und lässt sich auch mit Handschuhen leicht drehen.

Zum neuen Hebel gesellt sich der ebenfalls neue XTR BR-M9220 Bremssattel, der in seinem von uns getesteten Vierkolben-Design für den Trail- und Enduro-Einsatz gedacht ist. Dabei kommen zwei unterschiedliche Kolbendurchmesser zum Einsatz, womit der Hersteller eine verbesserte Dosierbarkeit verspricht. Auch ist im Bremssystem eine neue Bremsflüssigkeit mit geringerer Viskosität vorhanden, die nicht rückwärtskompatibel ist, denn es werden andere Dichtungen dafür benötigt. Ebenfalls neu: Der gesamte Bremssattel wurde aus einem Teil gefertigt, was die Steifigkeit optimieren und das Gewicht senken soll.

Für den XC-Einsatz wurde speziell ein XTR BR-M9200-Bremssattel entwickelt, der auf zwei Kunststoffkolben setzt. Kombiniert wird er gängigerweise mit dem XTR BL-M9200-Bremshebel im Carbon-Design. Dabei handelt es sich allerdings um das bereits auf dem Markt verfügbare Vorgängermodell, bei dem lediglich die Dichtungen angepasst wurden, um mit der neuen Bremsflüssigkeit zu funktionieren. Das heißt, der Hebel setzt auch auf die alte Leitungsführung, hat aber kein Verstellrädchen und keinen ERGO FLOW-Hebel.

Montage und Setup

Wie die TRP DH-R liegt die XTR entlüftet, aber nicht endmontiert in der Box: Sattel und Leitung sind unverbunden, Letztere ist per Stopfen gesichert, muss nur durch den Rahmen gezogen werden. Der Anschluss an den Nehmer erfolgt dann in der Regel ohne Mineralölverlust, sodass kein Entlüften nötig ist. Falls doch, wirkt dieser Vorgang via Trichter wenig zeitgemäß - anders als bei Hope klappt er aber tadellos.

Die Hebelweite lässt sich per Drehrad top einstellen, was für die "fuzzelige" Leerwegschraube nicht gilt. Leicht glückt das Andocken von Shimano- Shiftern mittels I-Spec-EV-Technik, für Sram-Hebel bzw. die der meisten Vario-Sattelstützen braucht es Adapter von Fremdanbietern. Da sich die Axialpumpe zusätzlich und nahe des Griffs am Lenker abstützt, ist für weitere Schellen auch nicht viel Platz.

Ergonomie und Dosierbarkeit

Davon ab verdient die Ergonomie höchstes Lob. Wie kaum ein anderer umgarnt der kompakte XTRHebel den Finger. Dass der nicht mehr wie bei der M9020 aus Carbon besteht? Das macht die Dosierung im Vergleich zur in dieser Beziehung genialen Vorgängerin einen Hauch weniger sensibel, dafür fühlt sich alles steifer, direkter an. Altbekannt bei Shimano ist die Servo-Wave-Technik: Man überbrückt erst schnell den Leerweg, um die Beläge zur Scheibe zu führen. Danach steigt der Übersetzungsfaktor, die Kennlinie wird deutlich progressiver. Wer der XTR noch etwas mehr Biss entlocken will, greift nicht zu den organischen Standard-, sondern zu den zupackenderen Sinter-Belägen.

Eine große Stärke aller Shimano-Bremsen bringt auch die neue XTR wieder mit: Montage und Entlüftung sind ein Kinderspiel. Ebenfalls erfreulich bekannt: die kurze Einbremsdauer. Gekonnt mittig platziert zischen knallhart und weich begeistern die neuen Shimano Bremsen mit guter Dosierfähigkeit. Ohne um die Hintergründe zu wissen, werden den meisten Bikern die Detailverbesserungen bei Ergonomie und Funktion vermutlich kaum auffallen. Die Shimano XTR Stopper kommen von einem hohen Niveau und docken dort in der Neuauflage nahtlos an.

Bremskraft und Standfestigkeit

Obwohl nicht mit größten Kolben bestückt, bringt die XTR richtig "Zug" auf die Disc. Nur mit der Cura4 und der MT7 konnten wir im Vergleich ein paar Zentimeter später "in die Eisen langen", aber mehr Power, als die M9120 bereitstellt, benötigt man eigentlich nie. Dazu beherrscht Shimano das Thema Konstanz, die Bremse fühlt sich jeden Tag gleich an. Bei langen, harten Abfahrten macht sich spät und unkritisch, dezentes Fading bemerkbar. Die in einigen Tests wortwörtlich heraufbeschworenen Probleme mit dem Alu-Kern der leichten Discs hatten wir nie. 2,00 statt 1,80 mm Dicke wäre dennoch besser.

Die Shimano XTR-Bremsen beißen auf dem Trail sehr stark zu und zeigen ein nahezu ähnliches Bremsgefühl wie die Shimano XT. Der Leerweg ist leichtgängig und der Druckpunkt knackig und „kurz“ im Vergleich zu den Modellen von SRAM, Hope oder Trickstuff. So setzt die Power direkt zu Beginn des Druckpunkts stark ein und ist dann mit Fingerspitzengefühl gut dosierbar. Im Labor zeigt sich, dass die Shimano XTR noch einen Tick kräftiger zubeißen als die Konkurrenten im Test - sie muss sich nur hinter SRAMs neuem Bremsanker MAVEN einreihen.

Bremsbeläge

Neben anderen passenden Belägen haben die Japaner vor allem die für die neuste Generation ihrer Vierkolben-Bremsen entwickelten Beläge mit charakteristischen Kühlfinnen im Programm. Getestet haben wir den mitgelieferten, organischen Belag (N03A-RF) und den metallischen (N04C-MF). Ersterer lässt sich feiner dosieren, der gesinterte greift eine Spur beherzter zu. Schön: Das Klappern der IceTech-Bremsbeläge gehört endlich der Vergangenheit an.

Tuning und Alternativen

Seit Einführung der Ice-Tech-Scheiben vor bald 15 Jahren sorgen diese für Diskussionen. Wie im Testbericht beschrieben, hatten wir aber nie Probleme mit einer Alu-"Kernschmelze" oder Delamination. Wer den Hightech-Rotoren dennoch nicht traut, findet bei Shimano selbst Alternativen. Oder bei Fremdanbietern: Ein "cooler" Tipp sind die 2,00 mm dicken Shark-Scheiben von Galfer, die mit ihren Kühlfinnen prima zum Konzept der XTR passen.

Testergebnisse und Vergleich

Die Shimano XTR M9220-Vierkolbenbremse liefert eine feinere Dosierbarkeit, ohne den gewohnt digitalen Charakter und die starke Bremsleistung seines Vorgängers zu verlieren. Das neue und formschön integrierte Verstellrädchen funktioniert gut, jedoch klappern die zu nah am Lenker laufenden Leitungen gegen den Rahmen und die neuen gebogenen Bremshebel erfordern etwas Umgewöhnung. Leider klapperten bei allen Testbikes die Leitungen gegen den Lenker und wir mussten diese zusätzlich befestigen.

Die Bremstemperatur ist 35° C niedriger als bei der XT, was auf die zweiteiligen Rotoren mit Aluminiumkern zurückzuführen ist - obwohl das Bremsmoment das gleiche ist. Das hilft gegen Fading auf langen, steilen Abfahrten.

Vergleich mit anderen Bremsen

Im Vergleich zu anderen Bremsen im Testfeld zeigt die XTR eine hohe Bremsleistung und Standfestigkeit. Sie bietet eine gute Balance zwischen Bremskraft, Dosierbarkeit und Gewicht. Im direkten Vergleich zu Srams AXS Transmission Antrieben liegt die Präzision der neuen Shimano auch unter Last fast auf Augenhöhe - aber eben nur fast. Sram bleibt beim Schalten mit viel Kraftinput an der Kurbel ein My sauberer.

Preis und Gewicht

Mit 630 € ist es die teuerste Bremse von Shimano und wildert damit im Revier von SRAMs CODE Ultimate. Die Shimano XTR Vierkolbenbremse ist vor allem an High-End- und Leichtbau-Bikes zu finden. Dazu tragen nicht nur die 552 g des Bremssystems bei, auch die Bremsscheiben sind mit nur 149 g sehr leicht.

Tabelle: Shimano XTR M9120 - Details und Preise

Komponente Gewicht Preis (ca.)
Bremse (vorne / hinten) 296/312 g je 314,95 Euro (649,95 Euro als Upgrade-Kit)
Preis Bremse (VR/HR) ca. 324,95 Euro
Bremsscheibe (Centerlock, vorne 203 mm / hinten 180 mm) 165/136 g

Die Shimano XTR ist die teuerste und gleichzeitig leichteste Shimano-Bremse im großen Vergleichstest.

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