Viele Radsportler kennen das Problem: Der Sommer ist da, das Wetter ideal, und eine ausgiebige Ausfahrt lockt. Doch schon beim Aufsitzen macht sich ein stechender Schmerz am Gesäß bemerkbar. Der "Furunkelteufel" hat zugeschlagen, und die Tour wird zur Qual oder gar unmöglich.
Sitzbeschwerden sind ein weit verbreitetes Problem, das selbst Profisportler trotz aller Vorbeugungsmaßnahmen betrifft. Im Folgenden werden die Ursachen von Sitzbeschwerden in Bezug auf Hautveränderungen, sowie mögliche Lösungsansätze erläutert. Nervenschmerzen (Ausstrahlen der Schmerzen, Kribbelgefühl, Taubheitsgefühl), Schmerzen im Bereich der Hoden oder Prostata bzw. sollten von einem Arzt abgeklärt werden.
Ursachen von Sitzbeschwerden
Es gibt mehrere Faktoren, die zu Sitzbeschwerden beim Radfahren beitragen können:
- Genetische Faktoren: Menschen mit trockener, empfindlicher Haut, Akne oder Neurodermitis in der Vorgeschichte haben ein höheres Risiko für Sitzprobleme. Ebenso sind Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche häufiger betroffen.
- Hautabschürfungen und Wundscheuern: Oberflächliche Hautabschürfungen und Wundscheuern ("Wolf") treten häufig an der Oberschenkelinnenseite auf und werden durch Reibung der Haut an der Sattel-Außenseite verursacht.
- Bakterielle Infektionen: Die Haut ist dicht mit Bakterien besiedelt. Unter bestimmten Umständen (feuchtes Milieu, Immunschwäche, Wunden) können diese Bakterien Hautentzündungen verursachen. Im Intimbereich ist die Bakteriendichte höher, und es kommt zu ständigem Druck durch das Sitzen sowie Mikroverletzungen. In Kombination mit einem warmen, feuchten Milieu und stundenlanger Ausdauerbelastung kann dies zu Follikulitis (Entzündung der Haarfollikel) oder Furunkeln (abgekapselte Eiteransammlung) führen.
- Übergewicht: Bei Übergewicht ist der Druck im Sitzbereich höher, und es kommt zu stärkeren Reibeeffekten und Wundscheuern.
- Ernährung: Lebensmittel, die zu Blutzuckerspitzen führen (Zucker, raffinierte Getreideprodukte) oder den Wachstum von IGF-1 fördern (Milchprodukte, tierisches Eiweiß), können sich negativ auf das Hautbild auswirken und die Ausbreitung von Bakterien erleichtern.
- Doping: Anabolika und Kortisonpräparate können zu Hautproblemen führen.
- Falsche Sitzposition: Eine suboptimale Sitzposition kann zu Problemen mit den Sitzknochen und dem Steißbein führen. Wenn dein Sattel zu breit oder zu schmal für deinen Sitzknochenabstand ist, kann dies zu ungleichmäßiger Druckverteilung, die zu Fehlhaltungen und somit zu Schmerzen führen.
- Falsche Sattelhöhe und -neigung: Eine falsch eingestellte Sattelhöhe oder -neigung kann den Druck auf das Steißbein erhöhen. Ein zu hoher oder zu niedriger Sattel kann zudem die Tretbewegung beeinträchtigen und zu einer Fehlstellung führen, die ebenso Schmerzen im Steißbein und im Knie verursachen kann.
Die Rolle des Sattels
Der Fahrradsattel ist einer der häufigsten Gründe für Schmerzen am Steißbein. Ein zu harter oder unergonomisch geformter Sattel kann Druck auf das Steißbein ausüben und so Schmerzen verursachen. Ein zu weicher Sattel kann dazu führen, dass die Sitzknochen zu tief einsinken und so letztlich auf die harte Sattelschale drücken. Dann wird Druck auf den Genitalbereich ausgeübt. Oft wird zur Entlastung das Becken gedreht, was zu Belastung des Steißbeins führen kann. Deswegen ist geschlechtsspezifische Genitalentlastung besonders wichtig.
Es ist wichtig, dass der Sattel eine Breite hat, die zum Abstand der Sitzbeinhöcker passt, und dass die Kontaktpunkte ausreichend höher liegen als der Rest des Sattels. Die anatomische Varianz des Abstands der Sitzbeinhöcker zueinander liegt einer eigenen Untersuchung zufolge beim Mann zwischen 9 und 16 cm, (n = 275, Median 13,32 cm), bei der Frau zwischen 11 und 17 cm (n = 445, Median 12,05 cm). Ermittelt wird dieser Wert durch einen Abdruck der Sitzbeinhöcker im Sitzen auf einer Wellpappe (Maß = Mitte - Mitte).
Es braucht unterschiedliche Features, wie beispielsweise eine entlastende Aussparung für die empfindlichen Genitalien oder eine kurze Sattelnase für mehr Beinfreiheit.
Plane Sitzflächen sind günstiger als konvexe, da konvexe Formen mehr Druck auf den medialen Damm ausüben.
Lösungsansätze und Vorbeugung
Um Sitzbeschwerden vorzubeugen, gibt es verschiedene Maßnahmen:
- Bike Fitting: Eine professionelle Radvermessung ist empfehlenswert, um die optimale Sitzhöhe und -position zu finden. Die Sitzhöhe ist der wichtigste Parameter. Sitzt man zu hoch, rutscht man seitlich hin und her, was zu Reibung führt. Sitzt man zu niedrig, kommt es zu punktuellen Druckbelastungen. Während einer Ausfahrt sollte regelmäßig die Sitzposition gewechselt werden, und man sollte regelmäßig in den Wiegetritt gehen.
- Sattelwahl: Eine gute Beratung beim Händler und eine längere Testfahrt sind wichtig, um den passenden Sattel zu finden. Lieber viele Sättel durchtesten, bis man den richtigen gefunden hat.
- Radhose: Die Radhose ist das wichtigste Kleidungsstück. Entscheidend ist die Art und Beschaffenheit des Sitzpolsters. Moderne Sitzpolster sollten wenige Nähte aufweisen, rasch trocknen und elastische Einsätze besitzen, die den Druck gut verteilen können.
- Cremen und Salben: Gute Cremen zur regelmäßigen Hautpflege im Intimbereich sind zu empfehlen. Vorsicht ist beim Kauf geboten, da gewisse Cremen die Haarfollikel verstopfen und die Ansiedelung von Bakterien fördern können. Man sollte die Haut großflächig behandeln, d.h. auch den Bereich um den Anus, Hoden und Oberschenkelinnenseite.
- Trainingsplanung: Auf regelmäßige Erholungstage ist zu achten. Bei Einsteigern sollte auf jeden Trainingstag am Rad ein Tag ohne Radfahren folgen. Bei erfahrenen Radfahrern sind ein bis zwei radsportfreie Tage pro Woche ausreichend.
- Rasur: Entweder konsequent (praktisch täglich) rasieren oder es ganz sein lassen, da sehr kurze Haare leichter einwachsen können.
- Hygiene: Nach dem Radfahren sollte man alsbald duschen und den Intimbereich gründlich trocknen lassen. Die Radhose soll gründlich mit einem antibakteriellen Mittel gewaschen werden und komplett getrocknet sein, bevor sie wieder verwendet wird. Im Haushalt keine Hygieneartikel teilen und häufig Hände waschen.
- Indoortraining: Warme, durchgeschwitzte Radkleidung beim Indoortraining ist ein idealer Nährboden für Bakterien.
- Ernährung: Ein gesundes Körpergewicht und ein normwertiger Blutzucker sollten angestrebt werden. Milchprodukte, Zucker und schnelle Kohlenhydrate sollten reduziert und der Konsum tierischer Eiweiße eingeschränkt werden.
Behandlung von Sitzbeschwerden
In leichten Fällen von Follikulitis reichen zumeist ein bis zwei Tage Pause. Auf trockene und reibungsfreie Verhältnisse im Intimbereich ist zu achten. Kurze Sonnenbäder oder Solariumbesuche mit Bestrahlung der betroffenen Region sind sinnvoll. Häufig kommt eine jodhaltige Seifenzubereitung zur Anwendung. Weitere lokaltherapeutische Cremes enthalten keimtötende Substanzen wie Chlorhexidin oder Triclosan. Zinkcremen aus der Apotheke halten die Haut trocken und wirken leicht antibakteriell. Nur noch sehr selten werden antibiotikahaltige Cremen verwendet.
Für den Fall, dass sich schon ein oder mehrere Furunkel gebildet haben, gelten vorerst dieselben Regeln wie bei der Follikulitis. Ganz allgemein sollte jede größere Eiteransammlung eröffnet werden, entweder durch Abwarten auf eine spontane Eröffnung oder durch das Messer des Arztes. Zunächst kann ein Versuch mit einer Zugsalbe aus der Apotheke durchgeführt werden, in der Hoffnung einer rascheren „Reifung“ des Furunkels mit spontaner Eiterentleerung. Führt die Therapie mit einer Zugsalbe nicht zur gewünschten Eröffnung des Abszesses, sollte man einen Arzt aufsuchen, der mit einem kleinen Schnitt die Eiterbeule entlasten kann.
Wenn die Schmerzen massiv sind, Fieber auftritt, die Hautentzündung sehr ausgeprägt, der Heilungsprozess nach zwei Wochen nicht abgeschlossen ist oder wenn es sehr häufig zu Hautentzündungen kommt, ist ein Arztbesuch unumgänglich, um die entsprechende Therapie einzuleiten bzw. die Ursachen zu ergründen.
Steißbeinschmerzen
Es gibt mehrere Ursachen, die Schmerzen am Steißbein auslösen können, darunter Stürze auf das Gesäß (natürlich auch beim Radfahren möglich), Verspannungen im Beckenboden als Folge einer Geburt, Fehlstellungen von Becken und Wirbelsäule, Überbelastung beim Sitzen, Muskelverspannungen (wie zum Beispiel Piriformis-Syndrom oder allgemeine Rückenschmerzen), hormonelle Schwankungen, Nervenreizungen, Knochenhautentzündungen oder rheumatische Ursachen. Sind eine oder mehrere dieser Vorbedingungen gegeben, kann es auch beim Fahrradfahren zu multifaktoriellen, komplex bedingten Beschwerden kommen.
Es gibt Lösungen. Um jegliche Form von Schmerzen zu vermeiden, solltest du darauf achten, dass die Sattelbreite für deinen Sitzknochenabstand passend und der Sattel für deinen Einsatzzweck geeignet ist.
Weitere Beschwerden und therapeutische Radoptimierung
Neben Sitzbeschwerden können auch Rücken-, Nacken- oder Knieschmerzen beim Radfahren auftreten. Diese können durch eine falsche Körperhaltung verursacht werden. Ein Stehfahrrad kann hier Abhilfe schaffen.
Es ist wichtig, dass die Sitzposition und komplette Rahmengeometrie passen. Denn diese beeinflusst immer auch die Kontaktstelle Fahrradsattel mit. Die Druckverteilung des Fahrradsattels wird digital und dynamisch gemessen, immer in der Position, wie Sie auf dem Rad sitzen und fahren. Das heißt: Sie pedalieren während des Messvorgangs.
Therapeutische Radoptimierung kann bei gesundheitlichen Handicaps helfen. Eine dynamische Methode ist die Königsdisziplin im Bikefitting. Selbst Einschränkungen im Bewegungsablauf können analysiert und optimiert werden. Beim dynamischen Bikefitting werden alle Parameter immer in der Radfahrposition ermittelt.
Im Idealfall wird Ihr Therapeut oder Arzt mit einbezogen. In dieser Kombination haben Sie die Möglichkeit, parallel zur Reha oder im direkten Anschluss Ihre Beweglichkeit auf Ihrem Zweirad kontinuierlich weiter auszubauen. Bei geschädigten Gelenken ist zusätzlich zur optimalen Ergonomie die Belastung weiter zu reduzieren.
Es gibt ein Sortiment von über 80 verschiedenen Sattelmodellen, darunter auch eine große Anzahl medizinischer Problemlöser. Diese Fahrradsättel sind im Pharmazie-Zentralregister eingetragen und haben dann eine entsprechende PZN (Pharmazie-Zentral-Nummer).
Sobald ein passender Sattel für Sie gefunden wurde, können Sie diesen bis zu 4 Wochen zur Probe fahren.
Druckbelastung des Dammbereichs
Der physiologische Sitzbereich (hinterer äußerer Beckenboden mit Sitzbeinhöcker) ist anatomisch relativ einfach und robust aufgebaut. Das mediale Perineum hingegen beinhaltet multiple vulnerable Strukturen (Tab. 1). Eine passagere oder langfristige Druck- und Scherbelastung der sensiblen Strukturen im medialen Damm beim sitzenden Fahrradfahren kann verschiedenste sowohl akute als auch chronische Symptome und Funktionsstörungen auslösen.
Eine Druck- und Scherbelastung des medialen Perineums beim Radfahren sollte unbedingt vermieden werden. Dies ist jedoch mit den meisten erhältlichen und auf den Rädern montierten Satteln nicht möglich, da diese formbedingt - zu schmal und konvex - dem medialen Damm von vorne bis hinten mit mehr oder weniger Druck anliegen (Abb. 1). Sattel mit Loch- bzw. Schlitzkonstruktionen zeigen keine signifikante Reduktion von gefährdender Belastung. Die Kanten der Aussparungen erzeugen nachweislich kritische Druckspitzen [1, 17].
Daher bietet es sich an, den Druck gezielt auf die beiden Areale um die Sitzbeinhöcker zu verteilen (Abb. 2). Die Gewebsstrukturen dort haben im Allgemeinen eine höhere Toleranz für Druckbelastungen, wie man sie vom normalen Sitzen kennt. Die optimale Druckverteilung auf die Sitzbeinhöcker kann nur gewährleistet werden, wenn der Sattel a) eine Breite hat, die zum Abstand der Sitzbeinhöcker passt und b) diese beiden Kontaktpunkte ausreichend höher liegen als der Rest des Sattels (Stufe zur Sattelnase) [16].
Zur Vermeidung wesentlicher Beschwerden im Damm durch das sitzende Radfahren ist eine definierte Druckbelastung der Areale um die Sitzbeinhöcker unter weitest gehender Aussparung des medialen Perineums die beste Lösung. Der individuellen Anatomie sollte mit der Messung des Sitzbeinhöckerabstands und einer dazu passenden Sattelbreite Rechnung getragen werden. Daneben ist es essentiell, dass der Sattel einen Höhenunterschied zwischen hinterer Sitzfläche und Sattelnase aufweist.
Zusätzliches Gewicht (z. B. Gepäck) verstärkt die Problematik.
Weiche Sattel erzeugen durch vermehrtes Einsinken der Sitzbeinhöcker eine größere Sitzfläche und sind für kurze Fahrten (< 30 min.) subjektiv am bequemsten. Bei längeren und sportlichen Fahrten jedoch kommt es durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der am Schambein und Sitzbein ansetzenden Muskeln häufig zu Beschwerden (Hüftstrecker/Adduktoren).
Vorsicht ist bei der Wahl eines harten Sattels angebracht, der mit hohem Druck eine kleine Fläche an den Sitzbeinhöckern belastet. Dies kann zu einem schmerzhaften Überlastungssyndrom führen.
Der Faktor Zeit ist nach dem Sattel am schwerwiegendsten. Jeder noch so bequeme, aber ungünstig drückende Sattel wird zum Gesundheitsrisiko, wenn er lange und wiederholt gefahren wird. Genauso kann der Sattel mit dem optimalen Druckbild bei ebenfalls langer, einseitiger Belastung Probleme verursachen.
Zusammenfassung
Sitzbeschwerden beim Radfahren sind ein häufiges Problem, das verschiedene Ursachen haben kann. Durch die Beachtung der oben genannten Tipps und die Anpassung von Sattel, Sitzposition und Fahrverhalten können viele Beschwerden vermieden oder gelindert werden. Bei anhaltenden oder starken Schmerzen sollte jedoch ein Arzt konsultiert werden.
| Problem | Mögliche Ursachen | Lösungsansätze |
|---|---|---|
| Sitzschmerzen | Falscher Sattel, falsche Sitzposition, zu lange Fahrten | Bike Fitting, Sattelwahl, Radhose, Pausen |
| Wundscheuern | Reibung, Feuchtigkeit, schlechte Hygiene | Radhose, Cremen, Hygiene, Trainingsplanung |
| Follikulitis, Furunkel | Bakterielle Infektion, Immunschwäche | Hygiene, Hautpflege, ggf. ärztliche Behandlung |
| Steißbeinschmerzen | Falscher Sattel, falsche Sitzposition, Stürze | Bike Fitting, Sattelwahl, Radhose |
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