Sitzprobleme beim Radfahren: Ursachen und Lösungen

Viele Radsportler kennen das Gefühl: Endlich ist Sommer, das Wetter ist perfekt, und eine ausgiebige Ausfahrt lockt. Doch schon beim Aufsitzen macht sich ein stechender Schmerz am Gesäß bemerkbar. Sitzende Sportarten, wie Radfahren oder Reiten, bereiten Ihnen keine Freude mehr. Die ganze Woche hat es geregnet, man hat sich fleißig auf dem Rollentrainer fit gehalten. Und nun das. Der „Furunkelteufel“ hat wieder einmal zugeschlagen, die Ausfahrt wird extrem schmerzhaft bis unmöglich, das Wochenende ist gelaufen.

Natürlich haben die meisten von uns schon alle möglichen Mittel ausprobiert, doch es gibt leider viele, welche ihr Rezept für das leidige Problem noch nicht gefunden haben und immer wieder damit konfrontiert sind. Dies betrifft sogar Profisportler, trotz professioneller Vorbeugungsmaßnahmen und viel Erfahrung. Im Folgenden möchte ich kurz den (bescheidenen) Stand der Wissenschaft und eigene Erfahrungen widergeben und hoffe auf eine gemeinsame Diskussion. Abgehandelt werden hierbei primär Sitzbeschwerden in Bezug auf Hautveränderungen.

Kein Fahrradsattel kann weich genug sein, die Radlerhosen sind schon voll aufgepolstert, aber nach kurzer Zeit sind die Druck- und Reibe-Stellen unerträglich. Schmerzen und Reizung der Vulva (z. B. Urologische Operationen, z. B. Taubheitsgefühle und starker Druck auf die Prostata sind die häufigsten Sitzprobleme beim Radeln. Diese peinigen den Radfahrer oft bereits nach kurzer Zeit. Längere Strecken werden zur Qual und nur durch Aufstehen vom Sattel (Pause, Fahren im Stehen) kurzzeitig gelindert. Manche Schmerzen führen auch zu Reizungen mit tagelanger Nachwirkung, Druck auf die Prostata erhöht den PSA-Wert. Diese Warnzeichen, wie Taubheitsgefühle, sollten auch schon in jungen Jahren beachtet werden, da dies langfristig zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Ursachen von Sitzproblemen

Die Ursache sämtlicher urologischer und gynäkologischer Sitzprobleme sind Druck und Reibung an verkehrter Stelle. Um hier eine grundsätzliche Lösung herbeizuführen, ist es wichtig, den Verursacher Ihrer Schmerzen auszuschalten. Viele haben schon mit gepolsterten Hosen und zig Satteln laboriert. Unsere erfahrenen Ergonomieberater gehen das Problem strukturiert an. Wichtig ist natürlich, dass die Sitzposition und komplette Rahmengeometrie passen. Denn diese beeinflusst immer auch die Kontaktstelle Fahrradsattel mit. Aber auch dies überprüfen wir und passen alles bei Bedarf an.

Grundsätzlich muss man festhalten, dass genetische Faktoren eine sehr wichtige Rolle spielen. Menschen mit trockener, empfindlicher und anfälliger Haut, mit Akne oder Neurodermitis in der Vorgeschichte, haben ein deutlich erhöhtes Risiko Sitzprobleme zu erleiden. Ebenso sind Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche (wie z. B. Diabetiker, Patienten mit Niereninsuffizienz, HIV-Patienten u.a.) viel häufiger betroffen. Zunächst kommt es zu oberflächlichen Hautabschürfungen und Wundscheuern („Wolf“). Reine Schürfwunden finden sich häufig an der Oberschenkelinnenseite und werden durch ständiges Reiben der Haut gegen die Sattel-Außenseite verursacht. Die gesamte Haut ist auch bei Gesunden dichtest mit Bakterien besetzt (physiologische Hautflora). Auch diese physiologische Bakterienflora kann unter gewissen Umständen (feuchtes Milieu, Immunschwäche, Wunden) Hautentzündungen verursachen.

Im Intimbereich besteht eine höhere Bakteriendichte als auf der restlichen Haut. Zudem kommen der ständige Druck durch das Sitzen und oft auch kleinste Hautabschürfungen und Mikroverletzungen hinzu. Gepaart mit dem feuchten und warmen Milieu im Intimbereich, verschlechtert durch Schwitzen und Reibung, sowie der stundenlangen körperlichen Ausdauerbelastung (vorübergehende stressbedingte Immunschwäche) kommt es somit recht häufig zum mildesten Grad der Haarfollikel-Entzündung, der Follikulitis. Hierbei handelt es sich um oberflächliche Entzündungen der Haarfollikel. Bei länger bestehender oder schwerer Follikulitis kann es durch Verstopfung des Haarfollikel-Ausganges im nächsten Stadium zum Furunkel. Hierbei handelt es sich um eine abgekapselte Eiteransammlung (Abszess) des gesamten Haarfollikels. Wenn man die betroffene Stelle abtastet, fühlt sich der Furunkel wie eine prall gespannte, ein bis mehrere Zentimeter große Beule an.

Alle Kriterien einer Entzündung sind erfüllt: Rötung, Schwellung, Schmerzen, Überwärmung und eingeschränkte Funktion (in dem Fall: Radfahren). Finden sich mehrere Furunkel an einer Stelle, spricht man von Karbunkel. Regelmäßig ist auch die umgebende Haut mitentzündet. Bei Schonung und Therapie, z. B. mit einer Zugsalbe, „reift“ der Furunkel und öffnet sich oft spontan, Eiter entleert sich und es erfolgt eine Abheilung mit Narbenbildung.

Bedingt durch urologische Operationen kann es notwendig sein, massive Entlastung in diesem Bereich sicherzustellen. Das Pumpsystem im Hodensack und der Druck auf künstlichen Harnröhrensphinkter muss frei von Druck und Kontakt zum Sattel sein. Schmerzen am Damm und Reizung der Vulva können viele Aktivitäten stark beeinträchtigen. Schmerzen im Dammbereich haben oft Narben als Ursache. Eine schlecht verheilte Narbe von einem Dammriss oder Dammschnitt ist hart und berührungsempfindlich. In den Monaten und Jahren nach einer Geburt sind die Narben oft weich, und erst im Laufe der Zeit wird das Bindegewebe in der alten Wunde härter und weniger elastisch. Hauterkrankungen im Intimbereich, wie Lichen Sclerosus. Operationen nach Karzinomen (z. B.

Lösungsansätze und Vorbeugung

Wenn man sich die vier Entstehungsphasen vor Augen hält wird sofort klar, dass ein primäres Ziel die Vorbeugung von Wundscheuern sein muss.

Bikefitting

Meiner Meinung nach sollte jeder ernsthaft Radsport Betreibende einmal im Leben eine professionelle Radvermessung durchführen lassen. Dabei reicht das Angebotsspektrum von modernsten technologischen Verfahren bis hin zur „oldschool“ -Vermessung mit Meterband durch erfahrene Radmechaniker. Die Sitzhöhe ist der wichtigste Parameter. Sitzt man zu hoch rutscht man praktisch bei jedem Tritt seitlich hin und her, was lokal zu starker Reibung führt. Sitzt man zu niedrig kommt es punktuell zu größeren Druckbelastungen im Sitzbereich. Bereits vor dem (teuren) Radkauf sollte man sich diesbezüglich gut beraten lassen, um Fehlkäufe zu vermeiden. Während einer Ausfahrt sollte regelmäßig die Sitzposition gewechselt werden, mal leicht weiter vorne sitzen, mal leicht weiter hinten, und regelmäßig z. B. alle zwei bis drei Minuten für einige Tretzyklen in den Wiegetritt gehen.

Aber auch ultraleichte Sättel müssen nicht zwangsweise die besten sein. Eine gute Beratung beim Händler des Vertrauens und noch wichtiger eine längere Testfahrt sind ganz essentielle Bausteine zur Vermeidung von Sitzproblemen. Lieber viele Sättel durchtesten bis man den für sich passenden gefunden hat.

Radhose

Die Radhose ist zweifelsohne das wichtigste Kleidungsstück für den Radsportler (auch wenn viele behaupten es seien die Socken J). Entscheidend ist die Art und Beschaffenheit des Sitzpolsters. Auch hier gilt: nicht für jeden ist dasselbe Material das passendste und dicker und teurer heißt nicht automatisch besser. Moderne Sitzpolster sollten wenige bis keine Nähte aufweisen, rasch trocknen bzw. Feuchtigkeit ableiten und elastische Einsätze besitzen, welche den Druck gut verteilen können. Ich empfehle, sich vor dem Kauf gut vom erfahrenen Händler vor Ort (möglichst kein Internetkauf, v.a. nicht beim Erstkauf) beraten zu lassen und die verschiedenen Modelle anzuprobieren.

Cremen und Salben

Seit jeher wurden im Radsport die Sitzleder in Radsporthosen regelmäßig mit großen Mengen an Sitzcreme behandelt, da sie sonst nach jedem Waschgang und folgendem Trocknungsprozess mehr oder minder bretthart wurden. Moderne Sitzpolster sind in der Regel so gut verarbeitet, dass sie nicht extra mit Cremen behandelt werden müssen. Guten Cremen zur regelmäßigen Hautpflege im Intimbereich ist somit der Vorzug zu geben. Beim Kauf muss man aber vorsichtig sein, da gewisse Cremen und Salben die Haarfollikel zusätzlich verstopfen und bei übermäßiger Verwendung die Ansiedelung von Bakterien fördern können, sofern nicht antibakterielle Substanzen beigemengt sind.

Verwendet man typische kommerzielle Sitzpolster-Cremes, muss man die Radhosen zwischen den Einheiten umso besser reinigen. Es gibt eine Fülle an verschiedenen kommerziellen Cremen und Salben, sowie Empfehlungen zu Einzelsubstanzen und Naturprodukten, nicht alle sind wirklich uneingeschränkt zu empfehlen, erstens weil manche eine schlechte Rezeptur aufweisen und zweitens weil jeder Hauttyp individuell zu behandeln ist, d.h. eine trockene Haut braucht ein anderes Pflegemittel als eine fettige Haut usw. Hier kann man entweder nach dem try-and-error-Prinzip vorgehen und verschiedene Artikel durchprobieren, bis man das Passende gefunden hat, oder man geht sinnvollerweise zu einem guten und sportmedizinisch interessierten Hautarzt, der einem konkrete Empfehlungen geben kann.

In den meisten Fällen reicht es aus, täglich eine dünne Schicht der Creme im Intimbereich aufzutragen, im Sinne einer generellen Hautpflege, und vor den Ausfahrten neuerlich eine dünne Schicht. Man sollte die Haut jedoch großflächig behandeln, d.h. auch den Bereich um den Anus, Hoden und Oberschenkelinnenseite.

Trainingsplanung

Auf regelmäßige Erholungstage ist zu achten. Bei Einsteigern sollte auf jeden Trainingstag am Rad ein Tag ohne Radfahren folgen, wobei an Letzteren natürlich andere Trainingsreize (alternativer Ausdauersport, Krafttraining) gesetzt werden können. Bei erfahrenen Radfahrern sind ein bis zwei radsportfreie Tage pro Woche ausreichend.

Rasur

Bezüglich Intimrasur gibt es keine wissenschaftliche Empfehlung, sehr wohl jedoch einen großen Erfahrungsschatz. Ich habe mit einigen erfolgreichen Ultraradfahrern darüber gesprochen, die z. B. beim Race Across America über eine Woche nahezu dauerhaft mit fast null Schlaf am Sattel sitzen. Der O-Ton war: ganz oder gar nicht. Und das deckt sich auch mit meinen medizinischen Überlegungen. Wenn Haare sehr kurz sind, neigen sie in die Haut einzuwachsen statt herauszuwachsen, was wiederum eine Hautentzündung nahezu vorprogrammiert. Somit empfehle ich: entweder konsequent (praktisch täglich) rasieren, oder es ganz sein lassen.

Hygiene

Nach dem Radfahren ist es wichtig alsbald zu duschen und den Intimbereich gründlich trocknen zu lassen, bevor man dann eine saubere und trockene Unterwäsche anzieht (Männer: Boxershorts scheuern in der Regel weniger als Slips). Somit wird die Zeit des feucht-warmen Milieus, in dem sich die Bakterien bekanntermaßen wunderbar vermehren können, möglichst eingeschränkt. Die Radhose soll gründlich mit einem antibakteriellen Mittel gewaschen werden, hierzu sind zahlreiche Produkte erhältlich. Vor der nächsten Verwendung muss die Hose komplett getrocknet sein, Lufttrocknung im Sonnenlicht wird empfohlen, da UV-Strahlen zusätzlich Bakterien abtöten können. Problematisch ist die negative Korrelation von Trainingsumfang und Waschlust bzw. Waschmöglichkeit, wie z. B. im Trainingslager, wo man nach vielen Stunden des Trainings kaum mehr Lust und Zeit für die Radklamottenwäsche hat.

Indoortraining

Wie erwähnt, begünstigt ein warm-feuchtes Klima das Bakterienwachstum immens. Warme, durchgeschwitzte Radkleidung beim Indoortraining auf Rollentrainern und Radergometern ist somit der ideale Nährboden für die Plagegeister.

Allgemeine Hygienemaßnahmen

Extrem wichtig für die Prävention und Therapie sind allgemeine Hygienemaßnahmen. Man soll im Haushalt keine Hygieneartikel (Handtücher etc.) miteinander teilen, da die Gefahr der Übertragung von Bakterien gegeben ist. Ich empfehle die Verwendung getrennter Handtücher für obere und untere Körperhälfte. Zudem ist häufiges Händewaschen mit Seife und warmem Wasser unerlässlich. Die infektiösen Bakterien aus befallenen Hautarealen könnten sonst in den Gesichtsbereich gelangen und auch dort zu Hautentzündungen führen. In dieser Lokalisation sind Furunkel besonders gefürchtet, da es zu bleibenden Narben kommen kann. In seltenen Fällen können sich sogar lebensbedrohliche Komplikationen entwickeln, wie z. B. MRSA: MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) ist ein besonders Antibiotika-resistenter und pathogener Keim.

Viele Menschen sind asymptomatische Träger, d.h. sie sind zwar mit MRSA besiedelt (hauptsächlich in der Nase), erkranken jedoch nicht daran, außer sie übertragen das Bakterium an wunde Stellen, z. B. an vorgeschädigte Haut im Sitzbereich. Menschen mit häufig wiederkehrenden Hautinfektionen trotz Beachtung der Präventionsmaßnahmen sollten Rücksprache mit ihrem Arzt halten und ggf. auf MRSA testen und ggf. behandeln lassen. Dies erfolgt durch Antibiotika-Tabletten, Antibiotika-Salben für die Nase und eine Ganzkörper-Desinfektion mit Chlorhexidin.4 Auch Familienmitglieder bzw.

Ernährung

Bei Übergewicht ist der Druck im Sitzbereich höher und es kommt durch das Mehr an Fleisch auch zu deutlich höheren Reibeeffekten und Wundscheuern. Zudem ist bekannt, dass sehr hohe Blutzuckerwerte die Entstehung von Infektionen, so auch Hautinfektionen, drastisch begünstigen können. Ein gesundes Körpergewicht und ein normwertiger Blutzucker sollten somit angestrebt werden. Leider ist wissenschaftlich bezüglich Ernährung und Hautinfektionen nicht wirklich viel zu finden. Aus eigener schmerzvoller Erfahrung und der von einigen Sportskameraden, wirken sich generell Lebensmittel, welche zu Blutzuckerspitzen (Zucker, raffinierte Getreideprodukte usw.) oder Anstiegen von Wachstumsfaktoren wie IGF-1 führen (Milchprodukte, tierisches Eiweiß) und auch Alkohol negativ auf das Hautbild aus und erleichtern den Bakterien somit die Ausbreitung.

Wie gesagt, breit wissenschaftlich untermauert ist das nicht, aber wenn jemand häufig Probleme mit Hautinfektionen hat, würde ich mal versuchen erstens Milchprodukte wegzulassen, Zucker und schnelle Kohlenhydrate zu reduzieren, und den Konsum tierischer Eiweiße einzuschränken.

NEIN zu Doping

Unter den Dopingmittel führen insbesondere Anabolika („Steroidakne“) und Kortisonpräparate (Ausdünnung und erhöhte Empfindlichkeit der Haut) zu Hautproblemen.

Behandlung von Follikulitis und Furunkeln

In leichten Fällen von Follikulitis reichen zumeist ein bis zwei Tage Pause, an denen nicht Rad gefahren und optimaler Weise auch nicht stark geschwitzt werden sollte. Auf trockene und reibungsfreie Verhältnisse im Intimbereich ist zu achten, so soll z. B. zuhause möglichst keine Unterwäsche getragen werden („die Haut soll atmen“). Kurze Sonnenbäder oder kurze Solariumbesuche mit Bestrahlung der betroffenen Region sind ebenso sinnvoll. Häufig zur Anwendung kommt eine jodhaltige Seifenzubereitung. Weitere lokaltherapeutische Cremes enthalten auch andere keimtötende Substanzen wie Chlorhexidin oder Triclosan. Zinkcremen aus der Apotheke halten die Haut trocken und wirken leicht antibakteriell. Nur noch sehr selten werden antibiotikahaltige Cremen verwendet.

Für den Fall, dass sich schon ein oder mehrere Furunkel gebildet haben gelten vorerst dieselben Regeln wie bei der Follikulitis. Ganz allgemein sollte jede größere Eiteransammlung eröffnet werden, entweder durch Abwarten auf eine spontane Eröffnung oder durch das Messer des Arztes. Zunächst kann ein Versuch mit einer Zugsalbe aus der Apotheke durchgeführt werden, in der Hoffnung einer rascheren „Reifung“ des Furunkels mit spontaner Eiterentleerung. Führt die Therapie mit einer Zugsalbe nicht zur gewünschten Eröffnung des Abszesses, sollte man einen Arzt aufsuchen, der mit einem kleinen Schnitt die Eiterbeule entlasten kann. In manchen Fällen wird eine systemische (d.h.

Wenn die Schmerzen massiv sind, Fieber auftritt, die Hautentzündung sehr ausgeprägt, der Heilungsprozess nach zwei Wochen nicht abgeschlossen ist oder wenn es sehr häufig zu Hautentzündungen kommt, ist ein Arztbesuch unumgänglich, um die entsprechende Therapie einzuleiten bzw. die Ursachen zu ergründen.

Die Rolle des Fahrradsattels

Die Beliebtheit des freizeitmäßigen sowie sportlichen Radfahrens nimmt seit Jahren stetig zu und hat in der Corona-Ära einen zusätzlichen Schub erhalten. Akute perineale und genitale Beschwerden wie Scheuerwunden, Folliculitis, Furunkel, Schmerzen, perineal-genitale Par- und Dysästhesien (v.a. die regelhaft akzeptierten eingeschlafenen Genitalien) sind bekannte Beschwerdebilder aller Geschlechter. Daneben gibt es häufig Symptome, die subakut sind oder verzögert entstehen und daher von den Betroffenen weniger mit dem Radfahren in Zusammenhang gebracht werden. Dies sind Druckempfindungen im Damm, gehäufter Harndrang, Miktionsbeschwerden und Störungen der Erektion.

Der physiologische Sitzbereich (hinterer äußerer Beckenboden mit Sitzbeinhöcker) ist anatomisch relativ einfach und robust aufgebaut. Das mediale Perineum hingegen beinhaltet multiple vulnerable Strukturen (Tab. 1). Eine passagere oder langfristige Druck- und Scherbelastung der sensiblen Strukturen im medialen Damm beim sitzenden Fahrradfahren kann verschiedenste sowohl akute als auch chronische Symptome und Funktionsstörungen auslösen [2 - 5, 9 - 15, 18 - 21] (Tab.

Eine Druck- und Scherbelastung des medialen Perineums beim Radfahren sollte unbedingt vermieden werden. Dies ist jedoch mit den meisten erhältlichen und auf den Rädern montierten Satteln nicht möglich, da diese formbedingt - zu schmal und konvex - dem medialen Damm von vorne bis hinten mit mehr oder weniger Druck anliegen (Abb. 1). Sattel mit Loch- bzw. Schlitzkonstruktionen zeigen keine signifikante Reduktion von gefährdender Belastung. Die Kanten der Aussparungen erzeugen nachweislich kritische Druckspitzen [1, 17]. Daher bietet es sich an, den Druck gezielt auf die beiden Areale um die Sitzbeinhöcker zu verteilen (Abb. 2). Die Gewebsstrukturen dort haben im Allgemeinen eine höhere Toleranz für Druckbelastungen, wie man sie vom normalen Sitzen kennt.

Die optimale Druckverteilung auf die Sitzbeinhöcker kann nur gewährleistet werden, wenn der Sattel a) eine Breite hat, die zum Abstand der Sitzbeinhöcker passt und b) diese beiden Kontaktpunkte ausreichend höher liegen als der Rest des Sattels (Stufe zur Sattelnase) [16]. Die anatomische Varianz des Abstands der Sitzbeinhöcker zueinander liegt einer eigenen Untersuchung zufolge beim Mann zwischen 9 und 16 cm, (n = 275, Median 13,32 cm), bei der Frau zwischen 11 und 17 cm (n = 445, Median 12,05 cm) (Staudte 2017). Ermittelt wird dieser Wert durch einen Abdruck der Sitzbeinhöcker im Sitzen auf einer Wellpappe (Maß = Mitte - Mitte) (Abb. 3). Für die passende Sattelbreite werden je nach Einsatzgebiet (Rennrad vs. Abb.

Weiche Sattel erzeugen durch vermehrtes Einsinken der Sitzbeinhöcker eine größere Sitzfläche und sind für kurze Fahrten (< 30 min.) subjektiv am bequemsten. Bei längeren und sportlichen Fahrten jedoch kommt es durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der am Schambein und Sitzbein ansetzenden Muskeln häufig zu Beschwerden (Hüftstrecker/Adduktoren). Vorsicht ist bei der Wahl eines harten Sattels angebracht, der mit hohem Druck eine kleine Fläche an den Sitzbeinhöckern belastet. Dies kann zu einem schmerzhaften Überlastungssyndrom führen. Plane Sitzflächen sind günstiger als konvexe, da konvexe Formen mehr Druck auf den medialen Damm ausüben. Der Faktor Zeit ist nach dem Sattel am schwerwiegendsten.

Jeder noch so bequeme, aber ungünstig drückende Sattel wird zum Gesundheitsrisiko, wenn er lange und wiederholt gefahren wird. Genauso kann der Sattel mit dem optimalen Druckbild bei ebenfalls langer, einseitiger Belastung Probleme verursachen. Zusätzliches Gewicht (z. B.

Zur Vermeidung wesentlicher Beschwerden im Damm durch das sitzende Radfahren ist eine definierte Druckbelastung der Areale um die Sitzbeinhöcker unter weitest gehender Aussparung des medialen Perineums die beste Lösung. Der individuellen Anatomie sollte mit der Messung des Sitzbeinhöckerabstands und einer dazu passenden Sattelbreite Rechnung getragen werden. Daneben ist es essentiell, dass der Sattel einen Höhenunterschied zwischen hinterer Sitzfläche und Sattelnase aufweist.

Empfehlungen zur Sattelwahl
Merkmal Empfehlung
Breite Passend zum Sitzbeinhöckerabstand
Form Plane Sitzflächen bevorzugen
Härte Weder zu weich noch zu hart

Weitere Tipps zur Vorbeugung und Linderung von Sitzbeschwerden

  • Hautpflege: Ist Deine Haut im Sitzbereich fit und gut in Schuss, sinkt das Risiko, dass Du Dir Entzündungen einhandelst.
  • Atmungsaktivität: Um die Haut „trockener“ und auch „kühler“ zu halten, hilft vor allem ein atmungsaktiver Sitzbereich.
  • Haarentfernung: Haarentfernungen solltest Du so terminieren, dass Du am nächsten oder auch darauffolgenden Tag nicht gleich einen „langen Kanten“ fährst. So hat die Haut genügend Zeit, zu heilen
  • Reinigung: Wenn Du jetzt noch nach jeder Fahrt die Haut im Sitzbereich gut reinigst und ggf. mit hautpflegenden Produkten versorgst hast Du sehr gute Voraussetzungen für eine stabile und widerstandsfähige Haut im hochbelasteten Bereich der Sitzzone.
  • Ergonomische Sättel: Wir empfehlen daher einen Sattel mit einem Stufensystem, wie den ergonomischen Sattel SQlab 611 Active, der eine tieferliegende Sattelnase und eine Entlastung des Dammbereichs bietet.
  • Harte Polster: Wir fahren meist OHNE Bib-Short oder bei langen Touren mit einer Radlerhose mit einem HARTEN Polster, das die Scherkräfte aufhebt.
  • Keine Unterwäsche: Wir tragen wie gesagt meist keine Bib-Short (Polsterhose), oder eine Bib-Short mit hartem Polster - tragen aber auf jeden Fall unter der Bib Short keine Unterhose.
  • Sattelbreite messen: Messe also Deinen Sitzknochenabstand aus und wähle einen Sattel, der von der Breite passt.
  • Hygiene: Wir empfehlen daher, die Hose täglich nach dem Gebrauch in der Maschine zu waschen und bestimmte Hygiene-Waschmittel für Sportwäsche zu benutzen.

Abschließend lässt sich sagen, dass Sitzprobleme beim Radfahren vielfältige Ursachen haben können. Durch die Beachtung der genannten Tipps und die individuelle Anpassung von Ausrüstung und Fahrweise lassen sich diese jedoch oft vermeiden oder zumindest lindern. Lassen Sie sich die Freude am Radfahren nicht durch Sitzprobleme verderben!

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0