Kaum etwas prägt die Fahrt auf dem Rennrad so nachdrücklich wie die Komponenten: Getreten, geschaltet und gebremst wird schließlich andauernd. Verantwortlich dafür ist ein Ensemble aus Einzelteilen, das in der Regel von einem Hersteller kommt und aufeinander abgestimmt ist. Dass das prima harmoniert und funktioniert, darf man von modernen Komponentengruppen erwarten: Die Grundfunktionen sind über Jahrzehnte gereift und immer weiter verbessert worden. Der Konkurrenzdruck weniger führender Hersteller führte dazu, dass die eigentlich simplen Funktionen heute von kleinen Wunderwerken der Technik erledigt werden, bei denen kaum noch etwas schiefgeht.
Die Entscheidung für einen der Anbieter fällt gerade deshalb vielen nicht leicht. Bei der Wahl der richtigen Schaltung zählen heute vor allem Eigenschaften, die sich nicht leicht messen lassen. Solange Schaltungen ausschließlich mechanisch funktionierten, ging es hauptsächlich um die Bedienlogik als wichtigem Unterscheidungsmerkmal: Campagnolo, Shimano oder SRAM? Es war in der Regel eine Frage persönlicher Vorlieben, wo die Schalthebel sitzen sollen und wie leicht oder schwer sie zu betätigen sind.
Im Zeitalter elektronischer Schaltungen, in dem Gänge nur noch per Knopfdruck und von Stellmotoren gewechselt werden, gehören solche Glaubenssätze doch eigentlich über Bord geworfen; man könnte sich auf harte Fakten konzentrieren. Oder doch nicht? Die Praxis zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. In ihrer mechanischen Performance liegen die Gruppen heute extrem nahe beieinander. Hakelige SRAM-Umwerfer, schleifende Shimano-Bremsen oder schwer erreichbare Campagnolo-Hebel sind Erinnerungen an eine Vergangenheit, die für das moderne Material nicht mehr zutreffen. Die Gruppen aller drei Hersteller schalten perfekt, bremsen hervorragend, laufen leise und zeigen ein vergleichbares Verschleißverhalten.
Neue Eigenschaften sind gefragt
Umso mehr kommt es heute auf „soft skills“ an, die sich nicht so leicht in Zahlen fassen oder in Tabellen abbilden lassen: Passt die Bedienlogik der Schaltknöpfe, oder lässt sie sich ändern? Lassen sich Fahrdaten mit einer Smartphone-App auswerten, die Schaltung per Touchscreen justieren, Leistungsmessung oder Radcomputer einfach einbinden? Kann man die Akkus entnehmen oder muss das ganze Rad zum Laden an die Steckdose? Auch von Elektronik und Software abgesehen gibt es Argumente, die im Zweifel wichtiger sind als 80 Gramm Gewichtsunterschied: Wie gut fassen sich die Hebel an? Welche Übersetzungen gibt es, was kosten die Verschleißteile -und ist die Schaltung mit meinen Wunsch-Laufrädern kompatibel?
Mit drei aktuellen Rädern konnten wir einzelne Funktionen in der Praxis nachvollziehen und vergleichen. Dabei zeigt sich, dass sich auch langjährige Anhänger bestimmter Marken von positiven wie negativen Nutzererfahrungen durchaus umstimmen lassen. Zumindest in der Tendenz kristallisiert sich beim aktuellen Entwicklungsstand der Produkte ein Gewinner heraus: SRAM macht mit der neuen Red AXS offenbar vieles richtig; es gibt eingefleischte Shimano- und Campagnolo-Fans, die mit der neuesten Gruppe der einst belächelten Amerikaner liebäugeln. Gelobt werden vor allem die Bedienlogik, der zur Schaltung passende Radcomputer mit seinen Funktionen, die untereinander tauschbaren Akkus.
Die Top-Gruppen im Vergleich
Super Record, Dura-Ace, Red - schon der Klang dieser Namen versetzt viele Rennradfans in Entzücken. Mit den Schalt- und Bremskomponenten der Topgruppen von Campagnolo, Shimano und Sram sind die großen Stars des Radsports unterwegs. Hier geben die Hersteller in puncto Materialqualität, Verarbeitung und Design alles, investieren ihr ganzes Know-how. Und hier bekommen die Kunden die leichtesten Komponenten sowie - im Idealfall - die beste Funktion. Kehrseite der Medaille: Super Record, Dura-Ace und Red sind mit Abstand die teuersten Gruppen am Markt.
Der Praxistest mit den Topgruppen aller drei Hersteller, montiert ansonsten weitgehend bauglichen Rennrädern, zeigt derweil auf beeindruckende Weise: Alle drei Topgruppen schalten und bremsen auf höchstem Niveau. Und doch sind Unterschiede deutlich spür- und in der Praxis erfahrbar. Angesichts spezifischer Charakteristika vor allem bei der Schaltlogik entscheiden auch persönliche Vorlieben, welche Gruppe individuell die beste Wahl ist.
Ergonomie - Griffe
Die Ergonomie an erster Stelle? Unbedingt, denn immerhin sind die Schalt-/Bremsgriffe die zentralen Bedienelemente. Man hält sie stundenlang in Händen - und möchte natürlich ohne einschlafende oder schmerzende Pfoten während der ganzen Tour problemlos schalten und sicher bremsen können.
Die neuen Griffe von Sram und Campagnolo sind so lang, dass alle vier Finger passen, der Daumen umschließt innen. Die Griffauflagen von Campagnolo und Sram sind im jüngsten Evolutionsstadium deutlich länger geworden: Hier passen problemlos alle vier Finger der Hand zwischen Lenker und Bremshebel - das macht die Sitzposition geringfügig länger. Shimanos STI-Griffe sind hingegen deutlich kürzer und lassen nur drei Finger Umschließung zu, der Zeigefinger wandert vor den Bremsgriff. Shimano-Armaturen sind deshalb ein Tipp für Menschen mit kleineren Händen.
Positiv: Alle drei Hersteller bieten die Möglichkeit, den Abstand des Bremshebels zum Lenker per Schraube anzupassen. Und bei allen drei Anbietern kann man die Hand zwecks Positionswechsel auch mal oben um den Griffhöcker legen - am größten fällt der bei Campagnolo aus.
Grundsätzlicher Tipp: Vor dem Kauf idealerweise Probe fahren, denn während man sich an Schaltlogik und Bremseigenschaften gewöhnt, sollten die Griffe ohne Kompromisse zur eigenen Anatomie passen.
Schalten - Schaltvorgänge
Blitzschnelle, knackige und präzise Schaltvorgänge - das bieten alle drei Hersteller, keine mechanische Schaltung kann da mithalten. Im direkten Vergleich offenbaren sich dennoch Unterschiede: Shimano wechselt die Gänge subjektiv am schnellsten. Insbesondere der Kettenblattwechsel ist nach wie vor eine Offenbarung, zumal bei hoher Last auf der Kette.
Sram steht in puncto Geschwindigkeit und Präzision am Schaltwerk aber kaum nach und hat nun - endlich - die Umwerferprobleme früherer Generationen in den Griff bekommen: Auf 2500 Testkilometern mit der neuen Red AXS hatten wir keinen einzigen Kettenabwurf zu beklagen, obwohl wir es mitunter darauf anlegten mit schnellen Kettenblattwechseln, gleichzeitigem Schalten vorn und hinten oder hoher Last auf der Kette.
Positiv bei Campagnolo: Die Italiener schaffen es, den von ihren mechanischen Schaltungen beliebten "gunshot" - den knackigen, von einem Knall begleiteten Gangwechsel am Schaltwerk - auch auf ihre Elektroschaltung zu übertragen. Auch der Kettenblattwechsel gelingt verlässlich, allerdings gönnt sich der Umwerfer minimal Bedenkzeit, bevor er schaltet.
Reichweite
Für die Energieversorgung setzen alle drei Anbieter auf Knopfzellen in den Hebeln. Shimano vertraut außerdem auf einen zentralen Akku, der in Sattelstütze, Unter- oder Sitzrohr sitzt, und Schaltwerk und Umwerfer via Kabel versorgt. Die Montage ist etwas fummeliger als bei der komplett drahtlosen Konkurrenz, die Laufzeit beträgt dafür nach RB-Erfahrung verlässliche 1000 Kilometer. Bei Campa und Sram sind es gut 700 Kilometer.
Campagnolo und Sram nutzen kleine Akkus, die direkt an Schaltwerk und Umwerfer andocken - bei Sram muss man diese zum Laden abnehmen. Bei Campagnolo hat man die Wahl zwischen Demontage und Aufladen an der Station oder direktem Aufladen am Rad dank Ladebuchsen. Vorteil Sram: Die Akkus sind baugleich und lassen sich untereinander tauschen, wenn einer schlappmacht. Campa hingegen muss aufgrund von Patentrechten zwei unterschiedliche Akkus an Schaltwerk und Umwerfer einsetzen.
Schaltlogik
Bei keiner anderen Gruppe geht’s einfacher als bei Sram: nur eine Schalttaste pro Griff, einseitiges Schalten bewegt das Schaltwerk wahlweise nach links oder rechts. Gleichzeitiges Drücken beider Tasten betätigt den Umwerfer - fertig. Die Tasten sind schön groß, ein Verschalten ist nahezu ausgeschlossen.
Shimano und Campagnolo hingegen setzen auf zwei dicht beieinanderliegende Tasten pro Griff - bei Campa liegen die übereinander, bei Shimano hintereinander. Die Tasten des linken Griffes steuern jeweils den Umwerfer, die Tasten des rechten Griffs das Schaltwerk. Unabsichtliches Betätigen ist zumindest nicht ausgeschlossen, insbesondere mit dicken Winterhandschuhen. Bei allen Herstellern lässt sich per App einstellen, welche Taste welche Funktion übernimmt. Hält man die Tasten gedrückt, schalten alle Ensembles auf Wunsch auch mehrere Gänge auf einmal.
Übersetzungskonzept
Alle drei Hersteller setzen auf zwei Kettenblätter vorn und 12 Ritzel hinten. Am traditionellsten kommt Shimano: Erhältlich sind die etablierten Kettenblattabstufungen Kompakt (50/34) und Semikompakt (52/36) sowie die Profi übersetzungen 54/40 (Straße) und 46/36 (Cyclocross). In Kombination mit den beiden Kassetten 11-30 und 11-34 ergibt sich ein ordentliches Entfaltungsspektrum.
Die Bandbreite ist bei Sram und Campagnolo dennoch größer: Beide Hersteller setzen beim kleinsten Ritzel auf ein 10er und können dadurch in Kombination mit deutlich kleineren Kettenblättern sowohl im größten als auch im kleinsten Gang ein Plus an Bandbreite anbieten. Campa achtet dabei am stärksten auf kleine Gangsprünge. Kletterfans aufgepasst: Den leichtesten Berggang bietet Sram.
Angebotene Übersetzungen
Die folgende Tabelle zeigt die verfügbaren Übersetzungen der drei Hersteller:
| Hersteller | Kettenblattabstufungen | Kassetten | Entfaltung kleinster und größter Gang |
|---|---|---|---|
| Campagnolo | 50/34, 48/32 und 45/20 | 10-25, 10-27 und 10-29 | 2,15 m und 10,80 m |
| Shimano | 54/40, 52/36, 50/34 und 46/36 | 11-30 und 11-34 | 2,15 m und 10,60 m |
| Sram | 50/37, 48/35 und 46/33 | 10-28, 10-30, 10-33 und 10-36 | 1,97 m und 10,80 m |
Die größte Gangspreizung und den leichtesten Berggang bietet Sram.
Bremsen - Bremspower
Bei der schieren Bremspower geben sich die Hersteller keine Blöße: Sowohl Super Record- als auch Dura-Ace- und Red-Stopper verzögern auf Wunsch brachial und bringen den Renner jederzeit sicher zum Stehen. Unterschiede bestehen vor allem im Ansprechverhalten und der zum Bremsen notwendigen Handkraft. Große Bremshitze vertragen alle Anbieter mittlerweile sehr gut.
Die Shimano-Scheibe - nach wie vor in Sandwich-Bauweise mit zwei Außenschichten Edelstahl und einem Aluminiumkern - verursacht heiß gebremst am ehesten "Bremsklingeln", kühlt aber im Normalbetrieb nach ROADBIKE-Erfahrungen schnell wieder ab - ohne sich dauerhaft zu verformen.
Handkraft und Dosierbarkeit
Vorteil Shimano und Sram: Die Japaner und Amerikaner verlangen auffällig wenig Kraft zum Bremsen. Angenehm bei Shimano: Dank der sogenannten Servo Wave-Technologie wird der Leerweg des Bremshebels reduziert, die Bremsbeläge greifen früher auf der Bremsscheibe, was wiederum den zur Verfügung stehenden Hebelweg verlängert. Die Folge: viel Spielraum für sehr gute Dosierbarkeit. Aber auch Sram hat gegenüber den Vorgängergruppen einen großen Schritt nach vorne gemacht: Sowohl aus Bremsgriff- als auch aus Unterlenkerposition reicht ein Finger, um den Bremshebel zu ziehen und ordentlich Bremspower aufzubauen.
Auffällig anders ist Campagnolos Ansprechverhalten: Die Bremse greift recht weich zu und erinnert an das Bremsgefühl einer Felgenbremse, baut im Vergleich dazu aber deutlich größere Bremskraft auf. Allerdings verlangen die Campa-Stopper dafür im direkten Vergleich zur Konkurrenz spürbar mehr Handkraft. In puncto Dosierbarkeit gilt: Schon nach wenigen Bremsvorgängen hat man das jeweilige Ansprechverhalten der drei Hersteller verinnerlicht und kann jederzeit kraftvoll bremsen.
Anpassbarkeit
Bei allen drei Anbietern lässt sich die Griffweite der Bremshebel individuell einstellen. Vorteil Sram: Hier lässt sich neben der Griffweite auch der Kontaktpunkt zwischen Belägen und Scheiben individuell einstellen. Das hilft auch beim Laufradwechsel, der nach ROADBIKE-Erfahrungen bei Sram-Rennrädern am einfachsten vonstatten geht - Wechsellaufräder können hier in der Regel ohne weitere Einstellung direkt weitergefahren werden.
Bei Campagnolo und Shimano muss hingegen häufiger mal feinjustiert werden, weil die Bremsscheiben schleifen. Auch was den Entlüftungsprozess angeht, hat Sram die Nase leicht vorne.
Montage
Auch bei Aufbau und Montage gefallen die nutzerfreundlichen Lösungen, die alle drei Hersteller für ihre Topgruppen in petto haben. Dank des kompletten Verzichts auf Kabel gelingt der Neuaufbau mit Campagnolo und Sram noch einen Tick leichter als bei Shimano, wo Schaltwerk und Umwerfer per Kabel mit dem zentralen Akku verbunden werden müssen.
Rennrad-Schaltgruppen von Shimano & SRAM im Detail
Durch die Einordnung der Gruppen in den Ausstattungs- und Preisklassen wird deutlich, dass sich SRAM eher in den oberen Preisklassen bewegt, während Shimano auch Rennradgruppen in der Einstiegsklasse bereithält. Zudem lassen sich die Gruppen von Shimano und SRAM aufgrund leicht unterschiedlicher Preise und Ausrichtungen nicht direkt miteinander vergleichen.
SRAM bietet Rennradgruppen als 10-, 11- und 12-fach an. Die Top-Gruppen „Force“ und „Red“ gibt es als kabellose „eTap“-Varianten und in der „AXS“-Ausführung nun mit 12 oder 24 Gängen.
Der große Unterschied zwischen SRAM und Shimano liegt bei den mechanischen Gruppen in der Bedienung. Bei Shimano dient der große Bremshebel bei seitlicher Bewegung auch zum Runterschalten und es gibt einen weiteren Hebel zum Hochschalten. SRAM setzt hingegen auf „einen Bremshebel, der bremst und einen Schalthebel, der schaltet.“ Der Schalthebel funktioniert daher in beide Richtungen. SRAM nennt diese Technologie „DoubleTap“.
SRAM Rennrad Schaltungen
SRAM ist bekannt für besonders leichte Komponenten und Schaltungen. Ein weiteres Highlight des US-Unternehmens ist YAW-Technologie, mit deren Hilfe der Umwerfer bei jedem Gangwechsel seine Position in einem Bogen verändert und so stets in einem konstanten Winkel zur Kette steht, was für einen direkteren und präziseren Schaltvorgang sorgt.
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