Motorräder, die nicht umfallen - das ist das Ziel intensiver Forschung großer Hersteller. Honda präsentierte ein fahrbereites, selbstbalancierendes Konzept, und Yamaha zeigte auf der EICMA 2023 erneut eine Studie mit dieser Eigenschaft. Auch Loncin, der Konzern hinter Voge, meldete in diesem Kontext eine Erfindung zum Patent an.
Stützräder am Motorrad
Während die Konzepte von Honda oder Yamaha technisch aufwendig sind, meldete Loncin ein vergleichsweise einfaches Prinzip an. Zwei elektromechanische Arme an der Schwinge senken pro Seite einen Ausleger mit einer kleinen Rolle oder einem Rad ab. Der Ausleger ist längenverstellbar, was den Einsatz auf unebenem oder losem Untergrund erlaubt.

Höhen- und längenverstellbare Ausleger als Stützräder von Loncin.
Eine weitere mögliche Funktion für diese Lösung könnte der Ersatz für den normalen Seiten- und Hauptständer sein.
Thomson Aktuatoren als Umfallschutz
James Powell stattete sein Motorrad mithilfe eines Thomson-Electrak-HD-Aktuators mit einziehbaren Stützen aus. Nach einem Motorradunfall im Jahr 2009, der ihn an den Rollstuhl fesselte, verhalf ihm sein beruflicher Hintergrund als Flugzeugtechniker dazu, wieder auf die Straße zu kommen.
Powell vermisste die Freiheit, das Outback, die Wälder und Strände erreichen zu können. Da Quad Bikes in Australien für Behinderte nicht voll straßenzugelassen sind, suchte er nach Alternativen.
Die Eigenkonstruktion
Powell erkannte, dass die Steuerungselemente eines Motorrads am Lenker kein Problem darstellen würden. Die Abstützung der Maschine beim Anhalten stellte jedoch eine Herausforderung dar. Die am Markt erhältlichen Stützräder waren für seine Bedürfnisse nicht zuverlässig und robust genug. Daher entschied er sich für eine Spezialkonstruktion.
Er benötigte ein leichtes System mit schneller Betätigung, das robust genug war, um sein Körpergewicht zu tragen und langlebig war.
Der Thomson-Aktuator
Nach einigen Fehlschlägen mit Systemen aus doppelten Aktuatoren empfahl ein Automobilzulieferer elektromechanische Hochleistungs-Linearaktuatoren von Thomson.
Der Thomson-Electrak-HD-Aktuator mit Kugelgewindetrieb bietet hohe Verstellkraft, längeren Hub, integrierte Elektronik und Robustheit. Er ist unempfindlich gegen Schlamm, widrige Wettereinflüsse, Staub und Extrembedingungen.
Die integrierte Elektronik des Thomson-Aktuators ermöglichte die Anpassung der Bedienelemente. Ein im Aktuator eingebauter Encoder überwacht dessen Position und leitet sie an einen kleinen Computer am Lenker weiter.
Sobald das Motorrad rollt, klappt er die Stützen ein und senkt die Räder wieder ab, wenn er halten will.
Das umgebaute Motorrad ist umfassend getestet und wird regelmäßig genutzt. Powell genießt seine wiedergewonnene Freiheit, zu fahren - und anzuhalten -, wann und wo es ihm gefällt.
Honda Riding Assist 2.0
Honda hat sein Selbststabilisierungskonzept für Zweiräder weiterentwickelt. Ein Video zeigt die beeindruckenden Möglichkeiten.
Der japanische Zweiradgigant arbeitet an einer Technik, die ein Zweirad in jeder Situation selbständig ausbalanciert, ohne ein weiteres Stützrad nutzen zu müssen.
In einer ersten Version wurde der Honda Riding Assist bereits 2017 auf der Tokyo Motor Show vorgestellt. Kurz vor Weihnachten 2021 präsentierten die Japaner dann die Version 2.0 des Riding Assist.
Die neue Anti-Umfall-Technik ist in einem Video zu sehen. Informationen zur Funktion oder Technik des Systems sind bislang nicht verfügbar.
Version 1.0 war in einer Honda NC 750 implementiert und verfügte über einen in Längsrichtung variablen Lenkkopfwinkel und eine versteckt verbaute gyroskopische Steuerung.
Hinterrad schwenkt aus
Der Riding Assist 2.0 liefert das gleiche Ergebnis - das Zweirad fällt nie um - geht aber offensichtlich einen völlig anderen Weg. An der Honda MN4 Vultus, die in dieser Version als Technologieträger fungiert, ist eine komplexe Hinterradschwinge zu erkennen.
Dort, wo normalerweise die Umlenkung für das Zentralfederbein sitzt, hat Honda zwei in Fahrtrichtung parallel zueinander angeordnete elektrisch angesteuerte Aktuatoren angeordnet.
Die komplette Konstruktion ermöglicht es, das Hinterrad aus der senkrechten Mittelachse durch das Zweirad leicht gekippt herauszuschwenken. Die Verschiebung wird auf bis zu 20 Zentimeter geschätzt.
Diese Verlagerung der Achse gleicht die Einflüsse des Fahrers aus - das Motorrad bleibt stets in der absoluten Balance und kann nicht umfallen.
Wie gut das System funktioniert, zeigt das Video. Der Fahrer sitzt entspannt im Sattel, ohne dass Hände oder Füße mit den Bedienelementen oder dem Boden in Berührung kommen.
Dabei bleibt die Honda in jeder gezeigten Fahrsituation perfekt im Gleichgewicht - der Demonstrator kann sogar rückwärts fahren.
Demonstriert werden allerdings nur Low-Speed-Fahrten. Wie Honda gedenkt, den Übergang zwischen "bloß nicht umfallen im Stand oder bei langsamer Fahrt" und dem "normalen Fahrbetrieb mit Schräglage" zu steuern, ist nicht bekannt. Hier wären eine manuelle Umschaltung oder eine geschwindigkeitsabhängige Automatik denkbar.
Ebenfalls offen bleibt die Gestaltung des Endantriebs bei so einer variablen Schwingenkonstruktion. Der Demonstrator setzt hier auf eine elektrische Antriebseinheit am linken Schwingenarm.
Sollte das System tatsächlich irgendwann Einzug in den Serienmotorradbau finden, erscheint ein Einsatz an einem Elektrozweirad für den urbanen Einsatz am wahrscheinlichsten.
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