Urinieren während der Tour de France: Ein notwendiges Übel und Tabuthema

Wenn die Fahrer bei der Tour de France fünf Stunden und länger auf dem Rad sitzen, hält sich der Komfort in engen Grenzen.

Keine Halbzeit, keine Trinkpause: Beim größten Radrennen der Welt muss während der Etappen alles auf dem Rad erledigt werden.

Die Pinkelpause ist da keine Ausnahme.

Während einer fünfstündigen Etappe muss jeder mal, viele mehrfach.

Doch obwohl es so häufig passiert, erfährt kaum ein Fan etwas über das große Urinieren.

In diesen Momenten wenden sich die TV-Kameras ab, im Idealfall stehen auch keine Zuschauer in der Nähe.

Dabei ist die Sache kein bisschen trivial und komplexer als man denken könnte.

Die Pinkelpause: Ein Balanceakt zwischen Notwendigkeit und Renntaktik

Traditionell hat sich das Prozedere eines kurzen Zwischenstopps am Straßenrand etabliert, besonders in frühen Phasen des Rennens, wenn das Tempo gerade nicht am Anschlag ist.

Interessant dabei ist, dass das Gelbe Trikot, also der Führende in der Gesamtwertung, das Signal fürs Gruppenpinkeln gibt.

Er ist der Boss, so will es das ungeschriebene Gesetz.

Aktuell bestimmt also der Däne Jonas Vingegaard nach eigenen Bedürfnissen Ort, Zeitpunkt und Dauer der Pause.

Attacken sind während dieser Zeit verpönt.

Die Tempoverschärfung vorne war wohl erfolgt, als ein großer Teil des Hauptfeldes kurz vor der Verpflegungszone gerade für eine Pinkelpause angehalten hatte.

Erst nach der Etappe wurde deutlich, wie es in einer sehr unübersichtlichen Phase des Rennens mit weit in die Länge gezogenem Peloton überhaupt zu dieser Situation gekommen war:.

"Ich habe etwas für den Rest der Tour gelernt: Stoppe nicht mehr zum Pinkeln", schrieb Pogacar am Abend auf seinem Instagram-Kanal.

Viele Fahrer halten fürs Pinkeln an, manche erledigen die Sache auch direkt beim Fahren.

Pinkeln während der Fahrt: Eine Frage der Technik und Etikette

"Manche pinkeln auch vom Rad aus", sagt Pogačar und bestätigt damit die Beobachtungen, die man gewinnt, wenn man in einem Begleitfahrzeug dem Feld hinterherfährt.

Man bleibt jedoch auf dem Rad sitzen.

verabschiedet.

Hand öffnet unten die Hose ein wenig und dann wird laufen gelassen.

Viele Fahrer warten für diese Gelegenheit auf ein leichtes Gefälle im Etappenprofil, um nicht zu viel Geschwindigkeit zu verlieren.

Materialwagen und Rennärzten kennen die Sache schon.

Allerdings halten sich nicht alle Fahrer immer an die Etikette.

Die sieht auch vor, sich niemals in der Nähe von Zuschauern zu erleichtern.

Immer wieder ignorieren Sportler aber diese Vorgabe.

Zuletzt Ben O'Connor und Alberto Bettiol, die jeweils 200 Schweizer Franken Strafe zahlen mussten, weil sie sich vor Zuschauern entleerten.

Andere Fahrer berichten, dass im Hauptfeld mehr und mehr laufen gelassen wird.

"Jeder pinkelt auf jeden.

Der Fall Campenaerts: Pinkeln in die Trinkflasche als Notlösung?

Doch was tun, wenn sich im letzten Etappen-Drittel die Blase meldet?

Rad-Star Victor Campenaerts (32) musste sich gezwungenermaßen etwas einfallen lassen.

Am Dienstag (9. Juli 2024) wollte der Belgier bei der Etappe von Orléans nach Saint-Amand-Montrond 36 Kilometer vor dem Ziel bei einer Geschwindigkeit von 48 Stundenkilometern nicht zurückfallen und den Rest des Rennens als Solist bestreiten.

Statt des Pinkel-Stopps am Straßenrand nahm er daher kurzerhand eine seiner zuvor geleerten Trinkflaschen zur Hand.

Rund eine halbe Minute drapierte er die Flasche im Schritt, das Manöver war bei genauem Hinsehen auch in der Live-Übertragung der ARD beim Blick auf das Peloton erkennbar.

Nach verrichtetem Geschäft bot Campenaerts die Flasche sogar noch scherzhaft dem neben ihm fahrenden Stefan Bissegger (25) vom Team EF Education-EasyPost an, ehe er sie nach links in den Straßengraben schmiss.

In einem Instagram-Video scherzte Campenaerts anschließend mit Teamkollege Brent Van Moer (26) von Lotto Dstny über die Szene.

„Klär uns mal auf, wie man auf einem Fahrrad pinkelt“, wurde Campenaerts von seinem belgischen Landsmann auf den pikanten Moment angesprochen.

Der Übeltäter berichtete später freimütig, er habe seine Trinkflasche „ziemlich gut gefüllt“.

Über sein unappetitliches Angebot an Konkurrent Bissegger berichtete er: „Ich habe es ihm angeboten, aber er hat abgelehnt.“

Reaktionen und Kontroversen

Als Eurosport im deutschen Fernsehen bei der Übertragung der elften Etappe einen Tag später von der Szene berichtete, ärgerte sich Kommentator Karsten Migels (60): „Ich will gar nicht mehr dran denken, das war einfach ekelhaft. Situationsbedingte Komik vielleicht, aber im Endeffekt auch wenig respektvoll den Gegnern gegenüber.“

Seiner Ansicht nach hätte man Campenaerts für die Aktion sogar bestrafen können: „Er hat dem Image, der Außendarstellung, des Radsports geschadet.“

Bei Social Media wurde die Szene aber auch nüchterner kommentiert.

„Ich sehe ehrlich gesagt das Problem nicht“, schrieb eine Instagram-Nutzerin: „Er hat ja nicht irgendwo hingepinkelt. Was hätte er tun sollen?

Wenn die Notdurft zur Nebensache wird: Der Fall Tim Declercq

Als Radsportler beim bedeutendsten Wettbewerb des Jahres pinkeln zu müssen, ist aus Zeitgründen ohnehin hinderlich.

Lidl-Trek Fahrer Tim Declercq passierte genau das, ein Fan kam ihm zu Hilfe.

Dieser öffnete freundlicherweise die Türen seines Campers für den Radathleten, sodass dieser fernab aller Öffentlichkeit seine Pinkelpause nehmen konnte.

Flüssigkeitsaufnahme und ihre Folgen

Die Rechnung ist einfach: Durchschnittlich viereinhalb Liter Wasser verbraucht jeder Fahrer der Tour de France auf einer gewöhnlichen Etappe, das sind neun Trinkflaschen.

Tagen können es auch mal 20 Flaschen sein.

der Flüssigkeit wird als Schweiß ausgeschieden.

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