Das neue Lieblingslied meiner Tochter Flora, 3, ist der Klassiker „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Der Text erzählt von einer Oma, die allerlei absurde Dinge tut oder besitzt, von denen man im Allgemeinen sagt, dass sie sehr ungewöhnlich sind, oder die es nicht gibt: Die Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, hat im hohlen Zahn ein Radio, einen Nachttopf mit Beleuchtung oder ’nen Petticoat aus Wellblech.
Viele der im Lied erwähnten Dinge gibt es heute nicht mehr oder aber sind zumindest meiner Tochter gänzlich unbekannt. Wir haben kein Radio, keinen Nachttopf, und ich meine, dass Flora nicht weiß, was ein Petticoat ist. Aber, wie gesagt, sie lacht sich kaputt.
Der Ursprung des Liedes
Das Lied ist älter als die Bundesrepublik. Es ist eine Mischung aus zwei älteren Liedern. Melodie und der Aufbau des Refrains stammen aus dem 1922 veröffentlichten Lied „Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen“.
Der Refrain geht so: „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen/Ihr klein Häuschen, ihr klein Häuschen/Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen/Und die erste und die zweite Hypothek.“ Das wiederum ist aber auch nur ein Melodie-Zitat aus dem Stück „Die Holzauktion“, geschrieben um 1890 von Franz Meißner.
Zwei Nonsens-Schlager aus den 20er-Jahren standen Pate für dieses Lied. Nummer 1: "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" von Robert Steidl, Nummer 2: "Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht" von Erwin Bolt. Aus irgendeinem Grund hat man in den 60er-Jahren begonnen, die beiden alten Lieder miteinander zu vermischen. Bis heute werden immer neue Unsinnsstrophen hinzugedichtet.
Warum Kinder lachen
Meine Tochter lacht sich jedes Mal kaputt, wenn sie dieses Lied hört oder singt. Ihr großer Bruder Ragnar tut das auch. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang das war, aber wir beide haben uns vor einiger Zeit über Dada und Dadaismus unterhalten. Und ich habe beiden Kindern dann „Gadji beri bimba“ dieses berühmte Dada-Gedicht von Hugo Ball vorgelesen. Und auch das fanden beide unendlich komisch. Obwohl es ja noch weniger Sinn als die Oma im Hühnerstall ergibt.
Denn der Text des Gedichts besteht nur aus bedeutungslosen Silben. Es endet mit den Zeilen:„gaga di bumbalo bumbalo gadjamengaga di bling blonggaga blung“Es muss also so etwas wie einen universal verständlichen Humor geben. Der fast voraussetzungsfrei funktioniert. Zumindest nicht an Zeitgeist, Zeitgeschehen und Kenntnis davon gebunden sein kann.
Im Humor aber muss es das geben. In der Kontrollgruppe des Bekannten- und Freundeskreises der Kinder meiner Tochter gibt es jegliche Art von Kindern. Schwarz, weiß, aus einkommensstarken oder einkommensschwachen Familien, mit Migrationshintergrund, ohne, Muttersprache Deutsch oder Muttersprache Arabisch. Sie alle lachen wie ein Haufen gackernder Hühner, wenn man „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ abspielt.
Einen größeren Wahrheitsbeweis als Kinderlachen gibt es nicht in dieser Welt. Interessant ist, dass die Verbreitung dieses Lieds kaum durch Liederbücher geschah, sondern eher auf Partys, bei Kindergeburtstagen oder in der Disco.
Kontroverse um das Lied
Natürlich wollte der der Liedtext mit der Oma als "Umweltsau" provozieren. Wie man im vom WDR gelöschten, aber online anderweitig noch verfügbaren Video sehen kann, haben die Mädchen durchaus Freude an der gesungenen Grenzüberschreitung. Die Frage ist: War die Überzeichnung im Lied tatsächlich dazu angetan, dass sich alle Großmütter verunglimpft fühlen sollten?
Provoziert haben auch zahlreiche Klassiker der deutschen Fernsehgeschichte: Könnten Figuren wie "Ekel Alfred" aus "Ein Herz und eine Seele", der Nachwende-Meckerer "Motzki", bestimmte Folgen der "Lindenstraße" oder anti-autoritäre Kinderfilme wie "Die Vorstadtkrokodile" in Zukunft überhaupt noch auf den Sender gehen?
Wenn Intendant Buhrow sagt, die Aufgabe der Satire sei es, die "Mächtigen aufs Korn zu nehmen, aber nicht, um eine Generation pauschal vor den Kopf zu stoßen und die Gefühle von Menschen zu verletzen", dann ist dieser Wunsch für einen Programmverantwortlichen zwar nachvollziehbar, aber problematisch.
Der WDR ist der Haussender der Kölner und Düsseldorfer Karnevalsumzüge. Regelmäßig fühlen sich von den dortigen Darstellungen auch Menschen verletzt. Und wer sind hier die Mächtigen, die es aufs Korn zu nehmen gilt? Derzeit scheint der öffentlich-rechtliche Rundfunk zerrieben zu werden zwischen seinem Auftrag, die gesamte Bandbreite gesellschaftlich vorhandener Meinungen und Positionen abzubilden und der gesellschaftlich stärker werdenden Polarisierung.
Denn die unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen haben immer weniger Interesse die andere Seite überhaupt zu hören. Wenn Tom Buhrow sagt, der WDR wolle zur "Versöhnung in der Gesellschaft" beitragen - und nicht zur Spaltung, übersieht er, dass auch seine jetzige Reaktion spaltet.
Was ist mit den Kindern und deren Eltern, die sich freudig an dem Projekt beteiligt haben? Werden Sie nicht nolens volens geopfert, indem man sie tatsächlich als Instrumentalisierte für einen "Klimakrieg der Generationen" dastehen lässt? Selbst wenn es gelänge, verärgerte Zuschauergruppen zu besänftigen, so verprellt man mit der Reaktion diejenigen, die sich eigentlich an der Seite der Sender wähnen.
Im Kontext zahlreicher Debatten, die in diesem und den vergangenen Jahren zum Thema Meinungsfreiheit geführt wurden, erscheint die aktuelle Kritik mindestens ebenso mächtig wie die zahlreichen unter dem "Political Correctness"- Label geführten Debatten, die insbesondere von rechts als Bedrohung der freien Meinungsäußerung gesehen werden.
Man kann darüber streiten, was die Grenzen der Satire sind, ob es sich hier überhaupt um Satire handelt oder ob schlicht Geschmacksgrenzen überschritten wurden. Doch wie reagiert man in Zukunft auf Kritik angesichts "kranker" Entwicklungen? Wenn eine Kultur in den Sendern Einzug hält, die jede Kontroverse und jedes Fettnäpfchen vermeiden will - und auf dem Weg dorthin Kinderlieder depubliziert - läuft der öffentlich-rechtliche Rundfunk Gefahr, am Ende in glattgebügelter Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
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