Muskelkrämpfe sind ein weit verbreitetes und unangenehmes Phänomen, das viele Radfahrer betrifft. Egal, wie gut man in Form ist, Muskelkrämpfe können auf den letzten Kilometern einer langen Tour auftreten. Es kündigt sich oft mit einem harmlosen Zucken im Oberschenkel oder der Wade an, und Sekunden später ist der gesamte Muskel schmerzhaft verkrampft. Weiterfahren wird dann zur Herausforderung.
Was sind Muskelkrämpfe?
Bei einem Muskelkrampf, medizinisch als "Spasmus" bezeichnet, zieht sich ein Muskel oder ein Teil eines Muskels plötzlich und teils unter heftigen Schmerzen stark zusammen. Er fühlt sich steinhart an, kontrahiert scheinbar grundlos und ohne, dass sich das willentlich steuern ließe. Theoretisch kann jeder Skelettmuskel des Körpers verkrampfen. Fast jeder kennt zum Beispiel nächtliche Wadenkrämpfe oder einen Krampf im Fuß beim Schwimmen. 90 Prozent der Erwachsenen hatten schon Muskelkrämpfe. Das Risiko scheint mit dem Alter zu steigen: Etwa jeder Zweite der über 65-Jährigen hat mindestens einmal pro Woche einen Krampf. Zudem scheint es genetisch bedingt zu sein, ob jemand beim Sport zu Krämpfen neigt oder eher nicht.
Ursachen von Muskelkrämpfen beim Radfahren
Die Wadenmuskulatur ist am häufigsten von Muskelkrämpfen betroffen. Aber auch andere Muskeln, wie die Fuß- oder Oberschenkelmuskulatur, können betroffen sein. Muskelermüdung spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Krämpfe beim Sport geht. Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass Muskelkrämpfe das Ergebnis eines Elektrolytmangels seien. Doch die Evidenz für diese Theorie ist nicht besonders gut.
Laut Prof. Dr. Michael Behringer, Sportmediziner und Leiter des Arbeitsbereichs Sportmedizin und Leistungsphysiologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, ist die Ursache eher eine neurologische: "Das Rückenmark, das die Muskulatur ansteuert, erhält immer hemmende und aktivierende Informationen. Im Zuge muskulärer Ermüdung kommt es aktuelleren Untersuchungen zufolge zu einem Ungleichgewicht zwischen den hemmenden und aktivierenden Informationen - zugunsten der letzteren." Nervenzellen aktivieren den ermüdeten Muskel also übermäßig und der reagiert mit maximaler Kontraktion.
Wissenschaftliche Studien mit lokaler Betäubung bestätigen die Theorie: Blockierten die Forscher bei ihren Probanden die Nervenfasern von der Muskulatur zum Rückenmark, ließen sich nur noch deutlich schwächere Krämpfe auslösen.
Sofortmaßnahmen bei Muskelkrämpfen
Ein Krampf im Training ist in erster Linie unangenehm, aber nicht gefährlich - solange man währenddessen die Kontrolle über das Rad behält. Ähnlich ist es im Rennen, allerdings kann ein Krampf auf der Strecke über Sieg und Niederlage entscheiden, Platzierung oder Ausscheiden. Den Krampf schnellstmöglich zu lösen und die betroffenen Muskeln zu lockern, ist allein schon wegen der starken Schmerzen angebracht.
Dehnen sei die beste Sofortmaßnahme. Dadurch bringt man das Ungleichgewicht zwischen hemmenden und aktivierenden Feedbackinformationen wieder ins Gleichgewicht, hin zu mehr Hemmung. Bei einem Wadenkrampf muss man dafür nicht einmal vom Rad steigen. Die Wade zu dehnen, ist während der Fahrt möglich - einfach die Ferse bei unten stehendem Pedal nach unten drücken, bis der Schmerz nachlässt.
Eine stärkere Dehnung entsteht, wenn man bei waagerechter Pedalposition - mit dem betroffenen Bein hinten - kurz aus dem Sattel geht und die Wade im Stehen dehnt. Ein Krampf im vorderen Oberschenkel löst sich, wenn man, am besten im Stand, die Ferse Richtung Gesäß nach oben zieht, einer im hinteren Oberschenkel, wenn man bei gestrecktem Bein den Oberkörper nach vorne beugt. Krämpfe in den Füßen sind auf dem Rad besonders fies - sie verschwinden oft nur, wenn man den Fuß aus dem Radschuh befreit und die Zehen dehnt oder die Fußsohle massiert. Nach einem Krampf tun lockernde Massagen und Wärme gut.
Dehnübungen zur Sofortmaßnahme
- Wadenkrampf: Ferse bei unten stehendem Pedal nach unten drücken.
- Oberschenkel (vorne): Ferse Richtung Gesäß nach oben ziehen.
- Oberschenkel (hinten): Bei gestrecktem Bein den Oberkörper nach vorne beugen.
- Fußkrämpfe: Fuß aus dem Radschuh befreien und die Zehen dehnen oder die Fußsohle massieren.
Vorbeugung von Muskelkrämpfen
Besser - und weniger schmerzhaft - wäre es natürlich, sich gar nicht erst mit Dehnübungen am Straßenrand aufzuhalten, sondern krampflos zu radeln und unkontrollierten Muskelkontraktionen vorzubeugen. Es ist schließlich kein Zufall, wenn ein Muskel verkrampft.
Um Krämpfe beim Sport zu verhindern, eignen sich alle Maßnahmen, die die Ermüdungsresistenz verbessern. Wenngleich die Studienlage mehr dafür spricht, dass das Nervensystem das Problem ist, sollten Radfahrerinnen und Radfahrer auf jeden Fall und gerade bei hohen Außentemperaturen auf ausreichend viel Flüssigkeit achten. Die Tatsache, dass Sporttreibende laut einer internationalen Studie vor allem in den heißen Sommermonaten im Internet nach Lösungen für ihre Krampfprobleme suchen, spreche für einen Zusammenhang zwischen Schweißproduktion - also Flüssigkeitsverlust - und Krampfneigung.
Was ebenfalls gegen vorzeitige Muskelermüdung hilft: Training beziehungsweise ein vernünftiger, individuell passender Trainingsaufbau, damit die Muskulatur nicht überfordert wird; regelmäßiges Dehnen verkürzter Muskeln. Und dann wäre da noch die Sache mit der Sitzposition. Krämpfe treten oft in Gelenkpositionen auf, in denen die Muskulatur verkürzt ist, Muskelansatz und -ursprung also eher nah beieinanderliegen.
Tipps zur Vorbeugung
- Ausreichend trinken, besonders bei Hitze
- Sitzposition (inkl. Cleats) optimieren
- Training sinnvoll aufbauen
- Regelmäßig dehnen
- Nebenwirkungen von Medikamenten prüfen
Was man vermeiden sollte
- Vor oder während einer Ausfahrt Alkohol trinken
- Mit vollen Radflaschen heimkommen
- Sich im Training überfordern
- Die Regeneration vernachlässigen
- Wiederkehrende Krämpfe ignorieren
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
Sportmediziner Behringer hat mit seiner Forschungsgruppe eine andere Therapiemöglichkeit gegen Krämpfe entwickelt und getestet, die sogenannte Elektrotherapie. Die Idee: Menschen, die zu Krämpfen neigen, haben eine niedrigere Krampfschwelle. Trainiert man ihre Muskulatur mit elektrischen Impulsen, lässt sich diese Schwelle verschieben, sodass ein Krampf unwahrscheinlicher wird. Wenngleich die Therapie sehr effektiv zu sein scheint und Studien zufolge langfristig wirkt, rät Behringer deshalb nur bei ausgeprägten Krampfproblemen zu dieser Maßnahme: “Ich würde die Elektrotherapie nur Personen empfehlen, die einen hohen Leidensdruck haben.”
Hausmittel gegen Krämpfe
Dennoch gibt es ein Hausmittel gegen Krämpfe, das fast alle im Kühlschrank haben: Gurkenwasser. Der Essigsud, in dem Gewürzgurken im Glas eingelegt sind, hat Studien zufolge einen lindernden Effekt. “Lange ging man davon aus, dass das an den darin enthaltenen Elektrolyten liegt”, sagt Prof. Dr. Michael Behringer. “Es scheint aber eher so zu sein, dass der Essiganteil gewisse Rezeptoren im Mund-Rachenraum aktiviert und einen krampfhemmenden Einfluss auf das Nervensystem ausübt.” Behringers Team hat in Untersuchungen allerdings nur einen kurzfristigen Effekt feststellen können.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Ist die Flüssigkeitszufuhr sichergestellt, die Sitzposition perfekt und der Trainingsaufbau vorbildlich, bleibt manchmal nur der Gang in eine Arztpraxis. Vor allem bei wiederkehrenden Krämpfen sei eine genauere Untersuchung sinnvoll, um andere Ursachen auszuschließen. Krämpfe können auch ein Symptom von verschiedenen Erkrankungen sein. Hormon- und Stoffwechselerkrankungen zum Beispiel, Leberprobleme oder Nervenfunktionsstörungen. Auch manche Medikamente, etwa zur Behandlung von Bluthochdruck, Asthma, COPD (eine chronische Lungenerkrankung) oder Alzheimer, können die Krampfneigung erhöhen.
Nach dem ersten Gespräch prüft der Arzt unter anderem die Reflexe sowie die Gelenke und Muskeln. Anschließend ordnet er meist eine Blutuntersuchung an, um die Mineralstoffversorgung, die Muskelenzyme oder den Hormonspiegel zu überprüfen.
Ursachen für Wadenkrämpfe
- Flüssigkeitsmangel
- Unterversorgung mit Mineralen wie Magnesium, Kalzium und Natrium
- Schwangerschaft
- Stoffwechsel-Erkrankungen wie Diabetes oder eine Unterfunktion der Schilddrüse
- Chronische Nierenerkrankungen
- Neurologische Erkrankungen
- Bestimmte Muskelerkrankungen
- Leberzirrhose
- Einnahme von Medikamenten
- Erhöhter Alkoholkonsum
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