Warum sind Motorräder so laut erlaubt? Eine Analyse der Lärmbelästigung in Deutschland

Viele Menschen kennen das Problem: Man genießt die Ruhe in der Natur oder im eigenen Garten, und plötzlich wird die Stille von ohrenbetäubendem Motorradlärm zerrissen. Dies wirft die Frage auf, warum Motorräder so laut sein dürfen, obwohl sie eine erhebliche Lärmbelästigung darstellen.

Die rechtliche Situation

Im Grunde dürfen Motorräder so laut sein, wie es dem Hersteller beliebt, und der richtet sich nach den Wünschen seiner Kunden. Wer Krach kaufen will, kriegt ihn. Krach satt. Es gibt zwar Grenzwerte für die Lärmemissionen von Motorrädern und es finden auch Messungen statt, aber diese Messungen erfolgen unter sehr spezifischen Bedingungen. Dabei nähert sich der Fahrer der ersten Messstation exakt mit 50 Stundenkilometern. Passiert er sie, beschleunigt er mit Vollgas über eine Distanz von genau 20 Metern. Nur auf diesen 20 Metern und nur in diesem Geschwindigkeitsbereich wird gemessen. Und, was geradezu absurd klingt: Nur in diesem Bereich gibt es überhaupt gesetzliche Höchstgrenzen beim Lärm. Für schnelleres und langsameres Fahren, also für mindestens drei Viertel des Geschwindigkeitsspektrums, dagegen nicht.

Die Hersteller nutzen diese Gesetzeslücke aus. Weil der Gesetzgeber außerhalb dieses kleinen „Fensters“ keine Lärmregelungen eingeführt hat, ist es ihm auch egal, dass viele Zweiräder mit einem „Klappenauspuff“ ausgestattet sind. Der Bordcomputer teilt dem Auspuff mit, wie schnell man gerade fährt, dann schaltet er mal kurz auf weniger laut und anschließend geht es wieder mit voller Dröhnung weiter. Wer keinen Klappenauspuff serienmäßig hat, kann ihn sich im Zubehörhandel kaufen. Viele sind dabei bereit, 2000 Euro hinzublättern, nur um den dreifachen Lärm genießen zu können.

Die Rolle der Hersteller und der Motorradfahrer

Nicht alle Motorradfahrer sind erpicht auf ohrenbetäubenden Lärm. Doch den Anwohnern der betroffenen Straßen reicht auch schon jenes Viertel oder sogar Drittel der derzeit laufenden vier Millionen Bikes, deren Fahrer nichts lieber hören als die Explosionen, die die Zylinder auf und ab bewegen, möglichst noch jede Explosion einzeln, wie besonders bei einer Harley Davidson. Die Hersteller wissen: „Der Sound eines Bikes gehört mit zu den wichtigsten Auswahlkriterien bei der Kaufentscheidung.“ Deshalb werben die Unternehmen mit ihren angeblich so charakteristischen „kernigen“, „satten“, „bissigen“, „krawalligen“ Sound-Marken.

Die fränkische Zubehörfirma Kess Tech („Legal loud exhausts“), die Klappenauspuffe zum Nachrüsten anbietet, preist eines ihrer Produkte mit den Worten an: „Die Auspuffanlage, die brüllt.“ Dabei sind viele Motorräder leiser als Autos. Laut einer Studie sind bei gleichen Geschwindigkeiten die durchschnittlichen Lärmpegel bei Autos und Bikes etwa gleich. Die Ausreißer bei Motorrädern weisen allerdings extreme Pegel auf, und das macht die Sache für viele unerträglich. Ein einzelnes „krawalliges“ Bike, das nachts über die Berliner Stadtautobahn donnert, kann in zehn Minuten Tausende aus dem Schlaf reißen.

Der Sound müsse sich unterscheiden, das Motorrad laut sein, sagt Kalle Haverland. Manipulationen am Sound sind oft mit wenigen Schrauben möglich. Auch der Markt für Zubehör-Auspuffanlagen boomt - manche legal, manche illegal.

Die Auswirkungen auf die Bevölkerung

Viele der Betroffenen wollen sich das nicht mehr gefallen lassen, gründeten Bürgerinitiativen, konnten nach langen Rechtsstreitigkeiten an einzelnen Passstraßen auch Sonntagsfahrverbote für Motorräder durchsetzen. In den meisten Lagen blieb es dabei, dass im Sommer rechts und links der Strecken auf Hunderte von Metern die Gärten unbewohnbar und die Liegenschaften deshalb kaum noch verkäuflich sind. Immer deutlicher warnen die Mediziner von den gesundheitlichen Folgen des Lärms. Es ist schon sehr verwunderlich, wie sehr die Politik das negiert und meint, Rücksicht nehmen zu müssen auf eine Gruppe von Zeitgenossen, die aus dem Alter, in dem sie im Tretauto laut „brummbrumm“ brüllten, nicht herauswachsen wollen. Oder aus ihrem Krach eine Art Ersatzbefriedigung ziehen.

Lärm macht krank. Die Folgen: Schlafstörungen, Hörschäden, Herz-Kreislauferkrankungen. Umfragen zufolge fühlen sich etwa drei Viertel der Bevölkerung durch Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt, also in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Dabei können chronische Lärmbelastungen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfälle verursachen, warnt das bundeseigene Robert-Koch-Institut.

Bärbel Lehmann von der Interessengemeinschaft Müglitztal klagte bei einer Tagung: „Uns wird die Gesundheit genommen und wir werden enteignet“. Die Häuser der Anwohner seien wegen der Lärmbelastung fast unverkäuflich, so Lehmann. Es sei normal, dass alle eineinhalb Minuten Motorräder mit mehr als 78 Dezibel an ihrem Haus vorbeifahren. „Wenn andere sich auf Wochenende und Sonnenschein freuen, sagen wir: Herrgott, lass es regnen!“, rief Lehmann. Nur schlechtes Wetter halte die „Biker“ auf.

Die Reaktion der Politik und der EU

Die EU, die für die einschlägigen Bestimmungen zuständig ist, will die Leute beruhigen, hat für das kommende Jahr den Geschwindigkeitsbereich für die Tests erweitert und will auch Klappenauspuffe tendenziell aus dem Verkehr ziehen. Allerdings bleiben von all dem die eingeführten Motorradtypen unberührt. Harley Davidson und die anderen Unternehmen werden sich hüten, diese Typen auslaufen zu lassen und damit eines der „wichtigsten Kriterien bei der Kaufentscheidung“ zu vernachlässigen. Auch die Ersatzteillieferanten dürfen ihre heute gängigen Klappenauspuffe weiter produzieren und verkaufen.

Seitdem 1. Januar 2016 gibt es eine neue EU-weite Regelung, an der die Mitgliedsstaaten jahrelang verhandelten. Damit wurde der Geschwindigkeitsbereich, in dem Motorräder die Geräuschgrenzen einhalten müssen, ein wenig erweitert. Doch Kritikern ist der Kontrollbereich noch immer zu klein. Und auch eine Lösung für effektivere Lärmmessungen der Polizei sieht die neue Verordnung nicht vor. "Das Ziel, Motorräder endlich leiser zu machen, wird damit nicht erreicht", kritisiert Holger Siegel vom Arbeitskreis Motorradlärm im BUND.

Der Bundesrat hat sich in seiner Sitzung vom 15. Mai 2020 mit großer Mehrheit für die wirksame Minderung und Kontrolle von Motorradlärm ausgesprochen.

Technische Aspekte und Manipulationen

Ein klassischer Fall sind diese Auspuffklappen. Wir haben in solchen dicken Auspufftöpfen von Motorrädern meist zwei Systeme, einen leisen Teil und einen lauten Teil. Und für die Typzulassung, da wird das Motorrad in einer ganz genau definierten Situation gemessen, und in dieser Situation schaltet eine Auspuffklappe ganz einfach auf den leisen Auspuff um.

Die Normenlage seit 2016 ist tatsächlich so, dass die Zahl der tatsächlich illegalen Manipulationen aus meiner Sicht abgenommen hat. Viel schlimmer ist, dass die Fahrzeuge lauter gemacht werden. Das Umweltbundesamt sagt, wir haben im Grunde keine Handhabe gegen absichtlich laut gemachte Fahrzeuge. Die Gesetzeslage ist wirkungslos.

Lösungsansätze und Initiativen

Einige Kommunen setzen auf Hinweistafeln, um Motorradfahrer zu einem rücksichtsvollen Fahrverhalten zu bewegen. 20 verschiedene Motive hat der ADAC entwickelt und stellt sie gratis interessierten Kommunen zur Verfügung, die damit Schilder produzieren können. Das Angebot kommt gut an: 2021 stellten schon 157 Kommunen insgesamt 272 Hinweistafeln auf. Auch in diesem Jahr geht die Aktion weiter.

Es existierenden verschiedene Orte, an denen sich die Anzahl von Motorradfahrer*innen häufen. Und mit ihnen nicht selten die Beschwerden. Diese Kategorie Hotspot findet sich häufig außerorts in landschaftlich reizvollen Gegenden und Naherholungsgebieten. Ab dem Ortsschild geht es mit sinnlos hoher Beschleunigung hinein ins Kurvenparadies.

Bundesweit laufen verschiedene Pilotprojekte an Motorradlärm-Hotspots. der zulässigen Höchstgeschwindigkeit für Krafträder auf einer Länge von 300 Metern nach der jeweiligen Ortsausgangstafel auf 50 km/h angeordnet. Diese neue Messtechnik wurde vom Lärmschutzverband „Bruitparif“ entwickelt.

In Berlin wurde ersten Halbjahr 2023 Lärmblitzer (das Nachfolgemodell Hydre) installiert und ab Juni für sechs Wochen testweise Messungen vorgenommen nehmen.

Tabelle: Übersicht der Lärmpegel

Fahrzeugtyp Lärmpegel (dB(A)) Bemerkung
Motorrad (typisch) 84-86 Fahrgeräusch in bestimmten Pegelbereichen
Motorrad (manche) 90 oder lauter Im Schnitt etwa 30 Prozent
PKW (typisch) Bis 83 Fahrgeräusch in bestimmten Pegelbereichen
Motorsäge/Presslufthammer 90 Zum Vergleich

Tipps zum leisen Motorradfahren

Motorräder lassen sich leise und sozialverträglich bewegen. Hier die wichtigsten Tipps, um möglichst leise von A nach B zu kommen:

  • Ein Motorrad auswählen, dem im Rahmen der Typgenehmigung ein möglichst geringes Fahrgeräusche attestiert wurde (siehe Tabellen).
  • Originale Auspuffanlage und Endschalldämpfer nur austauschen, wenn die Umrüstanlage in allen Betriebszuständen maximal gleich laut oder besser noch leiser ist.
  • Original- oder Austausch-Auspuffanlage nicht verändern. In nahezu allen Fällen einer Veränderung werden die Fahrgeräusche lauter sein als vorher. Außerdem erlischt die Betriebserlaubnis.
  • Drehzahl grundsätzlich möglichst niedrig halten.
  • Wenig Gas geben (so bleibt die Drosselklappe weitgehend geschlossen) und Gang so wählen, dass ausreichend Drehmoment passend zur jeweiligen Fahrsituation bereitsteht, aber eben auch nicht mehr.
  • Innerorts entspannt mit weitgehend geschlossener Drosselklappe (wenig Gas) dahingleiten.
  • Exzessive Beschleunigungen generell vermeiden, auch am Ortsausgang.
  • Mitdenken, Freude schenken: Jeder Mensch hat einen Anspruch auf Ruhe. Das gilt für den Motorradfahrer selbst natürlich auch.
  • Leise fahren hat noch einen weiteren Vorteil: Meist lässt sich dadurch Sprit sparen. Der Profi zieht den Fahrspaß ohnehin aus der Bewegung, nicht aus der Akustik-Show.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0