Warum gibt es keine Frauen in der MotoGP?

Die Frage, warum es so wenige Frauen in der MotoGP gibt, beschäftigt viele Motorsportfans. Obwohl Frauen in anderen Bereichen wie Raumfahrt, Luftfahrt und Wirtschaft erfolgreich sind, bleibt ihre Präsenz in der Königsklasse des Motorradrennsports gering.

Historische Perspektive

In den Starterfeldern der drei WM-Klassen der Motorrad-Weltmeisterschaft findet sich für die Saison 2022 eine Frau. Carrasco schickt sich an, eine Liste fortzusetzen, zu der sie selber schon gehört. Die Rede ist von der Liste an Frauen, die WM-Punkte bei einem oder mehreren Rennen der Motorrad-WM eingefahren haben. Den Anfang machte Taru Rinne in der Saison 1988 der 125er-Klasse. Beim Grand Prix von Frankreich in Le Castellet belegte die Finnin den 14. Platz. Damit schrieb Rinne Geschichte, war sie doch die erste Frau, die es in der seit 1949 bestehenden Motorrad-WM in die Punkteränge geschafft hat.

1989 sammelte Rinne sogar fünfmal WM-Punkte, wobei P7 beim Grand Prix von Deutschland in Hockenheim ihr bestes Ergebnis war. Die nächste in der Liste war Tomoko Igata. Die Japanerin fuhr in den Jahren 1994 und 1995 in der 125er-Klasse dreimal in die Punkteränge. Auch ihr bestes Ergebnis war ein siebter Platz, erzielt beim Grand Prix von Tschechien 1995 in Brünn.

Auch Katja Poensgen gehört zur Liste der weiblichen WM-Punktegewinner in der Motorrad-WM. Der Deutschen gelang dies in der 250er-Klasse, und zwar mit P14 beim Grand Prix von Italien 2001 in Mugello. Damit machte sich Poensgen zur dritten Frau mit WM-Punkten in der Motorrad-WM, aber zur ersten und bis heute einzigen, die das in der mittleren WM-Klasse geschafft hat.

Für die Spanierin wird die Saison 2022 in der Moto3-WM das Comeback im Grand-Prix-Sport. 2013 absolvierte sie ihre erste Saison in der Moto3-WM und fuhr damals zweimal in die Punkteränge. Carrascos bisher bestes Ergebnis ist P8 beim damaligen Saisonfinale in Valencia. Fünf Jahre später machte sie außerhalb der Motorrad-WM Schlagzeilen, als sie in der Supersport-300-WM im Rahmenprogramm der Superbike-WM (WSBK) den WM-Titel errang.

Die bislang letzte Frau, die es in der Motorrad-WM zu WM-Punkten gebracht hat, ist Maria Herrera. Sie schaffte das in der Moto3-WM im Zeitraum 2015 bis 2017 gleich achtmal. Bestes Ergebnis der Spanierin: P11 beim Grand Prix von Australien 2015 auf Phillip Island. Seit 2019 fährt Herrera im MotoE-Weltcup, der im Rahmenprogramm der Motorrad-WM ausgetragen wird.

Weil die für Einheitsmotorräder mit Elektroantrieb ausgeschriebene Klasse aber nicht als WM-Klasse ausgeschrieben ist, gibt es dort keine WM-Punkte, sondern "nur" Punkte zu gewinnen. Helga Steudel war eine Rennamazone in den sechziger Jahren in der ehemaligen DDR.

Die WorldWCR als Chance

Im Juni 2024 debütierte die Frauen-Weltmeisterschaft (WorldWCR) im Rahmen des WSBK-Wochenendes in Misano. Nach dem Auftakt, der durch den schweren Sturz der Norwegerin Mia Rusthen überschattet wurde, folgten fünf weitere Events in Donington, Portimao, Cremona, Estoril und Jerez. Beim Finale stellte Ana Carrasco den Titel sicher. Die WorldWCR erhielt im Laufe ihrer Debütsaison sowohl Lob als auch Kritik. Die Rennen waren meist spannend, die Unterschiede im Feld aber teilweise erschreckend groß, obwohl alle Frauen einheitliches Material von Yamaha nutzten.

"Ich finde es gut, dass die Meisterschaft existiert", erklärt Hofmann im Exklusiv-Gespräch mit Motorsport-Total.com. "Ob man heutzutage noch darüber diskutieren will oder nicht, fest steht, es ist ein sehr harter Sport. Wir werden demnächst keine Frau in der MotoGP sehen. Das ist einfach nicht möglich. Deshalb finde ich es gut, dass es die Frauen-Weltmeisterschaft gibt." Laut Hofmann gibt es aber einen unschönen Beigeschmack.

Dass schlussendlich Ana Carrasco und Maria Herrera den Titel unter sich ausmachten, erstaunt Hofmann nicht. "Unterm Strich sind es die üblichen Verdächtigen an der Spitze, nämlich die Frauen, die sich bereits mit den Jungs gemessen haben. Diese Frauen machen das Podium unter sich aus. Dahinter wird es schon sehr schnell langsam und leider auch gefährlich", stellt Hofmann fest. Man muss also auch eine gewisse Qualität vorweisen können.

Herausforderungen und Perspektiven

Die Gründe für die geringe Anzahl von Frauen in der MotoGP sind vielfältig. Stefan Bradl, ein erfahrener MotoGP-Fahrer, äußerte sich dazu in einem Interview:

Die Welt: In Ana Carrasco und Maria Herrera sind zwei Spanierinnen in der WM gestartet. Carrasco ist einmal in die Punkte gefahren. Holen die Frauen auf?

Bradl: Das wird sich zeigen.

Die Welt: Woran?

Bradl: Frauen haben ein paar Nachteile. Es gibt sehr wenige, die sich für das Rennfahren entscheiden. Also ist auch die Zahl der möglichen Spitzenfahrerinnen kleiner. Dann müssen wir einfach sagen, dass zumindest in den großen Klassen die Frauen auch Nachteile mit der Körperkraft haben. Obwohl es ja ganz gute Superbike-Fahrerinnen gibt.

Die Welt: Also wird Ana Carrasco nie MotoGP-Weltmeisterin?

Bradl: Nie dürfen wir nicht sagen. Aber richtig vorstellen kann ich es mir nicht.

Statistiken und Fakten

Trotz optimaler Rahmenbedingungen rangiert der Anteil der Motorrad fahrenden Frauen seit Jahren auf niedrigem Niveau. Banale Antwort: Wir wissen es nicht genau. Trotz vielfältiger mittlerweile verfügbarer Statistiken bleibt es schwierig, den Anteil der aktiv Motorrad fahrenden Frauen exakt zu ermitteln. Zudem geistern Zahlen und Quoten durch die Welt, die einer statistischen Nachprüfung oft nicht standhalten. Vielfach werden sie unbesehen und vergröbert in den Medien durchgereicht.

Die offiziellen Angaben zum Besitz eines Motorradführerscheins bei Frauen beruhen auf demoskopischen Umfragen (computergestützten persönlichen Interviews). Dies führt naturgemäß zu gewissen statistischen Unschärfen. Vor allem erfaßt die Statistik nur Kartenführerscheine, die nach dem 1. Januar 1999 ausgestellt wurden. Offen bleibt dabei immer noch, wie viele aktive Motorradfahrerinnen tatsächlich hinter diesen Zahlen stecken.

Am 01.01.2021 waren in Deutschland knapp 4,5 Mio. Krafträder zugelassen. Fokussiert man auf „Motorräder“ im engeren Sinn, wäre ein Blick auf die von Frauen versicherten Maschinen hilfreich. Jedoch präsentiert die „Motorrad-Studie“ des Vergleichsportals Verivox vom 16.01.2020 interessante Zahlen. Bei der Auswertung der Versicherungsabschlüsse unter Einschluß von geschlechtsspezifischen Besonderheiten der Motorradszene kommt sie auf einen durchschnittlichen Anteil der auf Frauen zugelassenen Motorräder von 9,9 %.

Unter Berücksichtigung aller statistischen Lücken und Unschärfen erscheint damit eine Gesamtquote der Motorrad fahrenden Frauen zwischen 10 und 13 % durchaus realistisch. Ein verläßliches Ergebnis wäre erst anhand detaillierter Statistiken möglich.

Beliebte Motorräder bei Frauen

Frankreich gilt als Land, in dem Frauen mit großer Selbstverständlichkeit in alle Bereiche des öffentlichen Lebens integriert sind. Gleichwohl sind auch hier Frauen auf dem Motorrad eine eher seltene Ausnahme. Beliebteste Frauen-Bikes sind Kawasaki Z 650, Yamaha MT-07 und Honda Rebel.

Die für Deutschland typischen „Einsteigermotorräder“ oder „Frauenmotorräder“ zwischen 600 und 1.000 ccm verkaufen sich in Italien an Frauen nicht sonderlich gut.

Fahrleistung im Vergleich

Die britische Verkehrsstatistik (2016) basiert auf einem Bestand von 1 Mio. steuerpflichtig gemeldeten Motorrädern und einer Gesamtzahl von 5 Mio. Führerscheininhabern der vergleichbaren Klasse A. Von diesen wiederum sind 525.000 Frauen, was einer Quote von 10,5 % entspricht. Hinsichtlich der jährlichen Fahrleistung weist die Verkehrsstatistik signifikante Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern aus: Frauen fahren jährlich 63 % weniger als Männer (4.410 gegenüber 7.049 km) und unternehmen im nationalen Vergleich nur 10 % der mit dem Motorrad getätigten Fahrten.

Mit dem kontinuierlichen Anstieg der Führerscheininhaber der Klasse A in den vergangenen Jahren hat auch die Zahl der Frauen in dieser Kategorie zugenommen. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die bedeutsamsten Motorradmärkte und -nationen in Europa: Italien, Frankreich und Großbritannien.

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