Mit dem Fahrplanwechsel der Bahn zum 15. Dezember können Fahrradtickets im Fernverkehr bis zu 12 Monate im Voraus gebucht werden. Der ADFC rät Radreisenden, die schon feste Pläne für 2025 haben, so früh wie möglich Stellplätze zu buchen - und erklärt, was man bei der Radmitnahme in der Bahn noch wissen muss. ADFC-Tourismusvorstand Christian Tänzler sagt: „Die Bahn ist das ideale Transportmittel für Radreisende, denn sie ermöglicht eine umweltfreundliche An- und Abreise. Die Ergebnisse der ADFC-Radreiseanalyse zeigen, dass immer mehr Radreisende die Bahn nutzen. Viele von ihnen sind aber unzufrieden mit dem Angebot und dem Service der Bahn. Es ist gut, dass die Bahn mit dem Fahrplanwechsel die Vorbuchungsfrist für Fahrkarten und Fahrradtickets von sechs auf zwölf Monate verlängert. Das erleichtert etwa Familien die Planung für die Sommerferien.
Die Realität: Überfüllte Züge und verpasste Anschlüsse
Es ist ein sonniger Freitagnachmittag im Sommer. Der Zug von Ingolstadt nach Augsburg ist überfüllt, im Abstellbereich stehen mehrere Fahrräder. Am Bahnhof in Schrobenhausen warten ein junger Mann und eine ältere Frau, beide haben ihr Fahrrad dabei. Als sich die Zugtüren öffnen, steigen ein paar Fahrgäste aus. Der Mann und die Frau haben trotzdem keine Chance, mit ihren Rädern in den Zug zu kommen. Solche Fälle kämen regelmäßig vor, erzählt Jörg Lange, stellvertretender Landesvorsitzender vom Fahrgastverband Pro Bahn. Also Fälle, bei denen Fahrgäste ihr Rad nicht mit in den Zug nehmen können, weil der Abstellbereich bereits voll ist. Diese Bereiche sind zudem in erster Linie für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen vorgesehen.
Gerade im Sommer würden bei gutem Wetter viele Menschen ins Alpenvorland fahren, an den Ammersee oder den Starnberger See. Dass an solchen Tagen die Züge überfüllt sind, sei schon früher ein Problem gewesen, sagt Lange. Mit dem Deutschlandticket würden nochmal mehr Menschen den Zug in ihrer Freizeit nutzen. Dass immer mehr Fahrgäste ihr Rad mitnehmen, beobachtet auch die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die für den Zugverkehr im Freistaat zuständig ist. Das teilt Sprecherin Jessica Olbrich auf Anfrage mit. Der Freistaat bestelle daher von März bis Oktober auf besonders beliebten Strecken sogenannte „Radlzüge“ mit größeren Abstellbereichen für Fahrräder.
Auch Karg bestätigt: Insbesondere an den Wochenenden kommt es immer wieder vor, dass Fahrgäste mit ihrem Rad nicht einsteigen können, weil der Abstellbereich bereits voll ist. Die Zahl der Fahrradstellplätze sei allerdings so, wie sie von der BEG bestellt wurde. Mehr Abstellbereiche anzubieten, sei schwierig. Das liege auch daran, dass die Anzahl der Fahrgäste mit Rad stark variiere - abhängig von Wochentag und Wetter. „Mehr Fahrradplätze im Zug würden zwangsläufig weniger Sitzplätze bedeuten“, sagt Karg. Das wäre vor allem im Berufsverkehr sehr problematisch.
An manchen Stellplätzen im Zug müssen die Fahrräder an einen Haken an der Decke gehängt werden. Die hilfsbereiten Mitreisenden finden sich in fast jeder Erzählung über eine Zugreise mit dem Fahrrad. Die Deutsche Bahn scheint sie mit einkalkuliert zu haben: Als Leser Ulfert K. sich an die Service-Nummer der DB wandte, um bei zukünftigen Reisen keine Decken-Haken mehr als Fahrradplatz zugewiesen zu bekommen, lautete die Antwort. „Das können wir Ihnen nicht garantieren. Sollten Sie das nächste Mal wieder einen Platz an der Decke haben, fragen Sie einfach einen Mitreisenden.“
Regeln und Tarife für die Fahrradmitnahme
Jedes Fahrrad braucht ein eigenes Ticket und eine Stellplatzreservierung. Eine Fahrradkarte im Fernverkehr kostet innerhalb Deutschlands ab 7,99 Euro. Online können Tickets für bis zu fünf Fahrräder gebucht werden - wer mehr Plätze reservieren möchte, muss die Service-Telefonnummer 030-2970 anrufen oder am Schalter buchen.
Im Nahverkehr gibt es kein festgelegtes Stellplatzangebot und keine Zugbindung und Reservierungspflicht. Hier gilt: Wenn voll ist, ist voll. Radreisende sollten deshalb Stoßzeiten, etwa im Berufsverkehr oder an Wochenenden, Feiertagen und Schulferien vermeiden. Ein deutschlandweit gültiges Fahrradticket für den Nahverkehr kostet am Automaten oder in der App 6,50 Euro. Jeder Verkehrsverbund hat aber eigene Regeln und eigene Tarife zur Fahrradmitnahme, in manchen Regionen ist sie kostenlos. Fahrradanhänger müssen zusammengeklappt werden und brauchen ein Extra-Ticket. Für spezielle Fahrräder, etwa Tandems oder Liegeräder, gibt es Ausnahmeregeln, der Kundenservice gibt Auskunft. Lastenräder müssen aufgrund ihrer Größe draußen bleiben; kompakte Modelle, bei denen man etwa den Lastenkorb zusammenklappen kann, werden oft geduldet. Übrigens: Zusammengeklappte Falträder fahren als Gepäckstück kostenlos mit.
Wer mit Fahrrad im Fernverkehrszug verreisen will, muss ein Fahrradticket inklusive Stellplatz buchen. Gruppen ab sechs Personen können nur am Schalter oder telefonisch buchen. Ein Fahrradticket inklusive Reservierung kostet 9 Euro ohne BahnCard-Rabatt. Im Nahverkehr reicht das Fahrradticket, Reservierung gibt es keine. Viele Bundesländer bieten verbundübergreifende Fahrrad-Tageskarten an, die meist um die 6 Euro kosten.
Welche Fahrräder dürfen mit?
- Im Fernverkehr der DB: Alle handelsüblichen Fahrräder, einschließlich E-Bikes, aber keine Speed-Pedelecs. Die Halterungen im Zug sind für Reifenbreiten zwischen 40 und 60 Millimeter ausgelegt. Zusammengeklappte Falträder oder Fahrradanhänger und Kinderräder müssen als Handgepäck in den Gepäckablagen verstaut werden. Tandem-, Liege- oder Dreiräder nimmt die DB nur in Ausnahmefällen mit, Lastenräder sind komplett ausgeschlossen.
- Im Regionalverkehr: Es gibt keine einheitlichen Bedingungen. Jeder Verkehrsverbund hat eigene Regeln. Soll ein spezielles Fahrrad transportiert werden, am besten vorher die Beförderungsbedingungen des jeweiligen Verkehrsverbundes lesen.
Das Anschlusszug-Dilemma
Als Bahnreisende*r ist man Kummer mit verspäteten Zügen gewohnt, für Radreisende macht ein verpasster Anschlusszug die Bahnfahrt schnell zur Odyssee. Radreisende können nicht einfach in den nächsten Zug steigen, sondern müssen auf den warten, der Fahrräder transportiert und noch freie Stellplätze hat. Das führt mit Pech zu stundenlangen Wartezeiten.
Henning L. sprach nach der Reise bei der Bahn vor: „Ich habe um eine Erstattung des Fahrpreises von 50 Prozent plus einen Aufschlag als Wiedergutmachung dieses Vorfalls nachgesucht. Im Rahmen der Fahrgastrechteklärung bekam ich dann läppische 5 Euro plus noch einmal 8 Euro überwiesen für die ausgefallene Strecke nach Freilassing - viel zu wenig für diesen Stress.“
„Das Problem ist die unklare Gesetzeslage. Es gibt keine expliziten Regeln für Reisende mit Fahrrad, sondern nur allgemeine Regeln, die auf Fahrradreisende angewendet werden müssen“, erklärt uns Dr. Carola Korff von der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) in Berlin die Sachlage. Die Juristin ist stellvertretende Leiterin des Bahn-Teams und bearbeitet regelmäßig Beschwerden von Radreisenden. „Man hat natürlich immer ein Recht darauf, bis an sein Ziel transportiert zu werden. Es gibt explizite Regeln für die Personenbeförderung. Inwieweit diese Regeln anwendbar sind, wenn lediglich die Fahrradbeförderung nicht gewährleistet ist, ist zweifelhaft.“
Lösungsansätze und Forderungen
Um dieses Problem weiß auch Jörg Lange von Pro Bahn. Er sagt aber: Es ließe sich lösen, indem man unterschiedliche Züge einsetzt. „Am Wochenende mit mehr Fahrradplätzen, im Berufsverkehr mit mehr Sitzplätzen.“ Eine weitere Möglichkeit wäre, an bestimmten Tagen oder Zeiten zusätzliche Zügen fahren zu lassen. Das Problem wiederum: Es fehlt an Geld und Personal. „Nicht alles, was aus Fahrgastsicht wünschenswert wäre, kann auch finanziert werden“, erklärt BEG-Sprecherin Olbrich.
Für Lange steht fest: Es gibt zu wenig Abstellplätze für Räder. „Dabei wäre es auch aus Umweltgründen sinnvoll, alle Radfahrer in den Zug zu bekommen.“ Wer ein Fahrradticket gekauft hat, aber sein Rad nicht mitnehmen kann, weil der Zug überfüllt ist, bekommt dieses übrigens nicht erstattet. Weder bei der Deutschen Bahn noch bei Arverio. Das Ticket sei nicht an einen Zug gebunden, sondern an einen Tag, erklärt Karg.
Tatsächlich muss die DB aufgrund der reformierten europäischen Fahrgastrecht-Verordnung ihre Fahrradkapazitäten ausbauen. Nach der Novelle haben Fahrgäste künftig ein Recht darauf, ihr Fahrrad in Fern- wie in Regionalzügen mitzunehmen. Theoretisch sollen in jedem Zug mindestens vier Fahrradstellplätze vorhanden sein. Abhängig von der erwarteten Nachfrage können die Bahnunternehmen jedoch mehr - aber auch weniger - Plätze einrichten. Außerdem gilt die Regel nur für neue oder nachgerüstete Züge.
„Die Mitnahmeregelung für Fahrräder in Zügen ist deutlich zu schwach, um die Verkehrsträger Fahrrad und Bahn attraktiv miteinander zu verknüpfen“, kritisiert Bastian Kettner, VCD-Bahnsprecher, die neuen Fahrgastrechte. Dem VCD wären konkrete Richtlinien lieber gewesen, damit Bahnreisende mit Fahrrad eine bessere Planungssicherheit gehabt hätten. Auch die Infrastruktur an den Bahnhöfen müsse verbessert werden, sagt Kettner. „Wenn die Verkehrswende klappen soll, muss es für Reisende einfacher werden, Verkehrsmittel zu kombinieren. Der VCD fordert überdachte, sichere Fahrradabstellmöglichkeiten und Leihradsysteme an Bahnhöfen, aber auch funktionierende, geräumige Aufzüge und gute Leitsysteme, die den Radreisenden den Weg zum Fahrradabteil weisen.“ Doch genau an diesen Punkten hapert es in der Realität oft.
Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte in einer Tabelle:
| Problem | Mögliche Lösung |
|---|---|
| Überfüllte Züge | Einsatz von Zügen mit mehr Fahrradplätzen an Wochenenden und Feiertagen |
| Verpasste Anschlusszüge | Frühere Anreise zum Umsteigebahnhof |
| Mangelnde Infrastruktur an Bahnhöfen | Überdachte Fahrradabstellplätze, funktionierende Aufzüge und Leitsysteme |
| Unklare Gesetzeslage | Explizite Regeln für Reisende mit Fahrrädern |
Alternativen zur Fahrradmitnahme im Zug
Wer das eigene Fahrrad nicht in der Bahn mitnehmen will oder kann, kann es bei der Bahn auch als Gepäckstück aufgeben, dafür muss das Rad aber in der Regel teilweise auseinandergebaut werden. Eine andere Option ist, am Urlaubsort ein Fahrrad auszuleihen. In den meisten Regionen, die auf Touristen eingestellt sind, gibt es Leihradanbieter.
Auf bahn.de/fahrrad finden Sie Alternativen zur Fahrradmitnahme - wie z.B. das Bikesharing Call a Bike oder den Fahrrad-Versand mit DB Gepäckservice.
Ein Leihsystem wäre ja fein! Wenn an allen relevanten Reisezielen geeignete Tourenräder zu kleinen Preisen verfügbar wären. Und wenn die vorab gefunden und gebucht werden könnten, denn was, wenn ich in einem Dorf ankomme, und dann sind dort alle Leihräder weg? Oder kaputt? So eine zentrale App müsste es geben, die einfach zu bedienen ist - aus einer (öffentlichen) Hand. Für alle Bahnhöfe und auch für die Fahrradplätze in allen Zügen. Gibt es aber nicht.
Die Initiative will eine Aufbruchstimmung bei den Verkehrsverbänden, Eisenbahnunternehmen und in der Politik erzeugen. Klingt alles gut - toi, toi, toi! Allerdings wird es nicht reichen, die Daumen zu drücken. Angesichts der Borniertheit und Autofixierung der herrschenden Verkehrspolitik ist viel Veränderungsdruck nötig.
Vor allem geht es um zweierlei: das nötige Geld, um Bahninfrastruktur zu verbessern, mehr gute Schienenfahrzeuge anzuschaffen oder die Stationen umzugestalten. Und motiviertes Personal, um all die sinnvollen, aber oft zu schlecht bezahlten Aufgaben zu erfüllen. Geld ist im Bund häufig eine Frage der Verteilung: Was für den Autobahnausbau ausgegeben wird, fehlt anderswo. Jeder Kilometer, der da betoniert werden soll, frisst Millionen Euro und wertvolle Ressourcen, die für Bahn & Bike gebraucht werden. Und wer eine schöne Bahnfahrt will, der sollte sich jetzt auch solidarisch zeigen mit den Bahnbeschäftigten, die für höhere Löhne streiken. Sie sind diejenigen, die sich nicht nur mal an Pfingsten durch die vollgestopften Züge oder durcheinandergekommene Takte kämpfen müssen, sondern jeden Tag.
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