Was tun mit alten Fahrradreifen: Verwertung und Recycling

Irgendwann hat es jeder Reifen hinter sich. Wann genau, ist oft nicht so einfach zu erkennen wie bei diesem zerschundenen Exemplar. Doch was tun mit den alten Reifen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, alte Fahrradreifen zu verwerten und zu recyceln, um die Umwelt zu schonen und Ressourcen zu sparen.

Die Problematik der Reifenentsorgung

Jedes Jahr werden Tausende Altreifen verbrannt. Ein platter Reifen am Rad landet hierzulande oft im Restmüll und kommt zur Müllverbrennungsanlage. Die Zahl der Fahrräder in Deutschland steigt beständig. Laut des Zweirad-Industrie-Verbandes lag der Fahrradbestand in Deutschland 2020 bei mehr als 79 Millionen Stück. „Dieses Verfahren ist aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll“, sagt Danka Katrakova-Krüger vom Institut für Allgemeinen Maschinenbau der TH Köln.

Grundsätzlich können alte Fahrradreifen einfach in den Müll geworfen werden. In den meisten Fällen wird das wohl auch so gehandhabt - es ist die einfache und preisgünstige Lösung. Allerdings gibt es in einigen Landkreisen spezielle Vorschriften, die eine Entsorgung von Fahrradreifen in der Restmülltonne untersagen und den Gang zum Wertstoffhof verbindlich vorschreiben.

Fahrradreifen sind sogenannter Mischabfall. Das heißt, es kommen dabei mehrere Komponenten zusammen, die eigentlich eine unterschiedliche Behandlung erfordern: verschiedene Chemikalien, Gummimischungen, Kautschuk, Kevlar und sogar Metall - das alles ist schwer unter einen Hut zu bekommen.

Innovative Recycling-Verfahren

Defekte Fahrradreifen müssen bald nicht mehr verbrannt werden: Die TH Köln hat ein neues Recycling-Verfahren entwickelt. Gemeinsam mit Partnern hat sie ein Verfahren für Recycling von Fahrrad-Altreifen entwickelt. Zu den Partnern der Technischen Hochschule Köln gehören im Projekt „Innovatives rohstoffliches Verwertungskonzept für Fahrrad-Altreifen im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft“ die Ralf Bohle GmbH und Pyrum Innovations AG. Zu Ralf Bohle gehört unter anderem die Fahrradreifen-Marke „Schwalbe“.

Schwalbe hatte das Unmögliche möglich gemacht. Zusammen mit der TU-Köln sowie dem innovativen Saarländer Startup Pyrum gelang es, ein System zur Rückgewinnung von Reifen-Rohstoffen zu realisieren. Kunden können die Fahrradreifen bei allen Händlern, die sich an dem Programm beteiligen, abgeben. Das Logistikunternehmen Emona bringt die Sammelcontainer zum Reifen-Recycling-Stützpunkt von Pyrum.

Dort werden die Bestandteile der Reifen in einem patentierten, thermischen Verfahren voneinander getrennt. Danach werden die wiedergewonnenen Rohstoffe für die Produktion neuer Reifen einsetzt. Knapp 80 Prozent CO2 werden laut Schwalbe so gespart.

Das Pyrolyse-Verfahren

Mittels Pyrolyse werden chemische Verbindungen durch Hitzebehandlung unter Luftausschluss gespalten. Da hohe Temperaturen zum Einsatz kommen, werden die Bindungen innerhalb der Moleküle gespalten. Aufgrund des Sauerstoffausschlusses bedarf es keiner Verbrennung mehr.

Das Projektteam behandelt in einer Pyrolyse-Anlage Altreifen bei Temperaturen zwischen 550 und 750 Grad unter Sauerstoffabschluss thermisch. Das Ergebnis: Der Fahrradreifen zersetzt sich in drei Teile - und zwar Pyrolysegas, -öl und -koks.

  • Pyrolysegas: brennbares Gas, das in erster Linie durch Pyrolyse von Biomasse bei Temperaturen von unter 500 bis zu 1.500 °C aus den flüchtigen Bestandteilen gewonnen wird. Mit dem Gas wird die Pyrolyse-Anlage energieautark betrieben.
  • Pyrolyseöl: wird auch „Bio-Öl“ genannt und besteht aus einer dunkelbraunen Flüssigkeit. Es lässt sich zu wertvollen Feinchemikalien für die chemische Industrie weiterverarbeiten. Das Öl findet seinen Einsatz als Rohöl­ersatz und wird von BASF abgenommen.
  • Pyrolysekoks: nennt sich auch Recycling-Ruß und soll wieder in die neuen Fahrradreifenmischungen eingebracht werden. Das rCB wird für die Produktion neuer Reifen verwendet.

Das Verfahren ist so umweltschonend, da sich die Anlage vollkommen energieautark betreiben lässt.

Bestandteile und ihre Wiederverwertung

Die Fahrrad-Altreifen werden in vier Stufen zerkleinert und separiert.

1 Tonne Altreifen ergeben:

  • 150 kg Stahl
  • 100 kg Textilfasern
  • 750 kg Gummigranulat

Das Gummigranulat landet bei 700 °C unter Sauerstoffausschluss im Pyrolyse-Backofen.

Bestandteil Wiederverwertung
Stahl Recycelt
Textilfasern Recycelt
Gummigranulat Umwandlung in Pyrolysegas, -öl und -koks

Der Gummi im Reifen kann nicht wieder verwendet werden. Er wird allerdings zu Kohlenwasserstoffen veredelt und kann dann von der Chemieindustrie als Ausgangsstoff verwendet werden. Hierdurch wird Erdöl eingespart. Stahl dient im Reifen zur Stabilisierung. Die im Gummi einvulkanisierten Stahlstreifen können nach Zerkleinerung des Reifens recycelt werden.

Ruß ist neben Kautschuk ein wesentlicher Bestandteil von Radreifen. Im Recycling kann der enthaltene Ruß nahezu vollständig extrahiert und wiederverwendet werden.

Schwalbe Recycling System

Schwalbe ist der erste Fahrradreifenhersteller weltweit mit einem Recycling-System. Als Hersteller übernehmen wir Verantwortung für unsere Produkte - auch über deren Lebenszyklus hinaus. Mit dem Schwalbe Recycling System kümmern wir uns um die Rückführung von Schläuchen und Reifen, um diese anschließend zu recyceln und unnötigen Müll zu vermeiden.

Ziel ist es, das wiedergewonnene Material in die Produktion von Neuware einfließen zu lassen und den Recyclinganteil weiter zu erhöhen. Das vollständig geschlossene Kreislaufsystem trägt proaktiv zur Energie- und Ressourcenschonung bei und spart 80% CO2 ein.

Wo gebe ich meinen alten Fahrradreifen ab?

Auf der Schwalbe-Webseite finden sich mittlerweile über 1300 teilnehmende Händler. Dort können alte Fahrradreifen abgegeben werden.

Kann ich auch Fahrradreifen anderer Marken abgeben?

Ja. Es wird jeder Fahrradreifen angenommen und recycelt. Und man kann natürlich auch Reifen abgeben, wenn man keinen neuen kauft.

Werden die Kosten an mich weitergegeben?

Das ist individuell. Zumeist kommt der Händler für die Kosten der Entsorgung (139 Euro pro Container) auf. Es gibt jedoch auch vereinzelt Shops, die von den Kunden eine kleine Beteiligung verlangen.

Alternativen zur Entsorgung: Upcycling

Nicht unbedingt müssen Sie alte Reifen auch entsorgen. Nur weil diese am Fahrrad keine Verwendung mehr finden, heißt dies nicht, dass sie nicht noch anders genutzt werden können. Alte Reifen können noch zu vielerlei Zwecken dienen. Zum Beispiel können Reifenstücke als Transportsicherung für empfindliche Gegenstände verwendet werden.

In kleine Stücke geschnitten, können sie auch als Gummipuffer für Schraubverbindungen dienen. Das sogenannte „Upcycling“, also die Zuführung einer neuen Verwendung, kann eine interessante Alternative zur Entsorgung darstellen. Zu diesem Zweck können gebrauchte Reifen zum Beispiel bei Ebay, auf Flohmärkten oder in Kleinanzeigen veräußert oder verschenkt werden.

Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich das Handwerkertalent bin, aber ein bisschen stolz bin ich schon z. B. meine “Sockenfinder” aus alten Rennradreifen: beide Socken werden, mit einem Gummi am Schaft zusammengehalten, in die Waschmaschine gegeben und gemeinsam in den Trockner oder über die Leine zum Trocknen gelegt.

Wichtige Hinweise zur Reifenentsorgung

Keine gute Idee ist zudem, gebrauchte Reifen einfach in der Umwelt zu entsorgen. Nach einer Panne mit dem Rad den alten Reifen am Straßenrand zu entsorgen, ist nämlich streng verboten. Wenn Sie erwischt werden, droht ein Bußgeld, das je nach Bundesland unterschiedlich ausfallen kann. Mit rund 100 Euro Strafe müssen Sie allerdings rechnen.

Achtung: Im Gegensatz zu Fahrradmänteln und -schläuchen ist die Entsorgung von Autoreifen im Hausmüll allerdings verboten.

Weitere Informationen

Bei Fahrradreifen ist die Nutzbarkeit nicht so kritisch wie bei motorisierten Fahrzeugen. Anders als beim Auto gibt es keine gesetzlichen Vorgaben zur Profiltiefe. Wenn ein Fahrradreifen abgenutzt, rissig oder beschädigt ist, sollte er allerdings aus Gründen der Fahrsicherheit ausgetauscht werden.

Abgefahrene und spröde Reifen haben bei Nässe und Glätte eine deutlich verringerte Bodenhaftung. Der Bremsweg wird dann übermäßig lang und das Fahrrad kann bei Bremsmanövern und in Kurvenfahrten viel schneller außer Kontrolle geraten.

Unfälle mit dem Fahrrad sind keine Lappalie, sondern können zu schweren Verletzungen führen und andere Verkehrsteilnehmer in Mitleidenschaft ziehen. Daher gilt auch beim Fahrrad wie beim Auto, dass mit ordentlicher Bereifung gefahren werden sollte, um kein Sicherheitsrisiko einzugehen.

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