Die Gangschaltung ist seit 1907 ein fester Bestandteil von Fahrrädern. Angesichts dessen, dass das Grundkonzept des Fahrrads mit Tretkurbel seit 1853 existiert, wird schnell klar, dass Fahrrad und Gangschaltung eine untrennbare Symbiose eingegangen sind. Wenn du dir ein Gravelbike zulegen möchtest, stehst du vor der Frage, welches Schaltkonzept am besten zu dir passt.
Dieser Beitrag hilft dir, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Hier betrachten wir ausschließlich Kettenschaltungen und keine Getriebeschaltungen (Nabenschaltungen). Grob gilt: Wer in eine hochwertigere Schaltgruppe investiert, bekommt eine bessere Qualität geliefert. So profitiert man bei hochwertigeren Komponenten meist von der größeren Effizienz, höherer Langlebigkeit und von geringerem Gewicht.
Mechanische Schaltung
Nach wie vor ist die mechanische Schaltung die vorwiegend verbaute am Gravelbike. Hier wird über einen sogenannten Bowdenzug bzw. Schaltzug durch Betätigen eines Schalthebels der Gangwechsel eingeleitet. Technisch ist das nichts anderes als ein dünnes flexibles Stahlseil, das durch Verkürzen oder Verlängern des Bowdenzugs das Schaltwerk betätigt und dadurch die Kette auf der Kassette hoch & runterbewegt.
Vorteile einer mechanischen Schaltung
- Sie sind simpel, leicht und robust.
- Im Vergleich zur elektrischen Schaltung sind sie meist kostengünstiger.
- Das Einstellen gehört zum Standardrepertoire jedes Fahrradmechanikers.
- Installation und Justierung sind schnell erlernbar.
Das macht die mechanische Schaltung zur ersten Wahl, wenn man das Rad für lange Touren oder als Reiserad nutzt.
Grenzen und Nachteile einer mechanischen Schaltung
- Das Betätigen eines Schalthebels ist kraftaufwendiger als bei einer elektronischen Schaltung.
- Bei mangelhafter Wartung verschlechtert sich die Schaltqualität.
- Der Bowdenzug dehnt sich mit der Zeit und wird unpräziser beim Schalten.
- Die Schaltbandbreite ist begrenzter als bei elektronischen Schaltungen.
Die Schaltbandbreite definiert die mögliche Auswahl zwischen dem größten (leichtesten Gang) und dem kleinsten (schwersten Gang) Kettenritzel. Diese Bandbreite ist gerade beim Gravelbike wichtig, da verschiedene Anforderungen an Gelände und Untergründe bestehen. Dadurch wird eine deutlich größere Auswahl zwischen großen und kleinen Gängen benötigt. Erst recht, wenn die Landschaft obendrein auch noch bergig ist.
Elektronische Schaltung
Die elektrische Schaltung ist nach wie vor weit davon entfernt, in gleichen Anteilen wie die mechanische verbaut zu werden. Das liegt vor allem daran, dass die meisten elektrischen Schaltungen vor allem bei den Top-Ausstattungen vorzufinden sind und sich somit dem kostenorientierten Käufer dadurch erst gar nicht erschließen. Aber so langsam wandern die Schaltgruppen auch immer weiter in die mittlere Preiskategorie und dürften sich dadurch wachsender Beliebtheit erfreuen, wie beispielsweise die SRAM Rival AXS.
Bei den elektronischen Schaltungen wird ein elektrisches Signal zum Schaltwerk geschickt, welches dann einen Stellmotor startet und dadurch einen Schaltwechsel auslöst. Dieser Stellmotor, der sich im Schaltwerk befindet, stößt den Gangwechsel dadurch an, indem er sich bewegt und die Kette über die Ritzel führt. Im Prinzip der gleiche Vorgang wie bei den mechanischen Schaltungen, nur eben nicht hervorgerufen durch einen Bowdenzug. Beim Hersteller Shimano ist eine Stromleitung vom Schalthebel bis zum Schaltwerk verlegt. Beim Hersteller Sram wird dieses Signal über Funk übertragen. In beiden Varianten befindet sich ein kleiner, wiederaufladbarer Akku am Schaltwerk.
Vorteile der elektrischen Schaltung
- Der Schalthebel lässt sich extrem leicht betätigen und benötigt kaum Kraftaufwand.
- Der Schaltvorgang ist präziser und muss nicht nachjustiert werden.
- Auch unter Last (bergauf oder im Sprint) kann der Gangwechsel präzise eingeleitet werden.
- Funkschaltungen bieten eine schöne Optik ohne verlegte Leitungen.
- Bei Sram kann die Ansteuerung der Schalthebel gewählt werden.
Nachteile der elektrischen Schaltung
- Der Akku muss regelmäßig geladen werden.
- Der Ladezustand des Akkus ist nicht immer direkt ersichtlich.
- Ein Defekt des Schaltmotors könnte die Tour beenden.
- Elektrische Geräte vertragen Wasser nur im gewissen Maße.
Die Vorteile überwiegen jedoch meist die Nachteile.
Hydraulische Schaltung
Es gibt noch ein drittes Kettenschaltsystem: das hydraulische. Die Firma Rotor hat sich in Zusammenarbeit mit Magura als einziger Hersteller zur Aufgabe gemacht, die Hydraulik für den Gangwechsel am Rad zu nutzen.
Vorteile der hydraulischen Schaltung
- Sie funktioniert über Jahre absolut wartungsfrei, wenn sie fachmännisch eingestellt ist.
- Kein Nachjustieren oder Akkuladen.
- Die Hydraulikflüssigkeit sollte alle 1 bis 2 Jahre gewechselt werden.
- Bei Ausfall des Schalthebels kann direkt am Schaltwerk in einen anderen Gang geschaltet werden.
Nachteile der hydraulischen Schaltung
- Man muss sich intensiv mit dem Schaltsystem auseinandersetzen.
- Wartung und Nachjustierung sollten von einem Fachexperten durchgeführt werden.
- Hohe Anschaffungskosten.
Shimano GRX Di2
Im Jahr 2019 hatte Shimano mit der 11-fachen GRX-Gruppe einen sofortigen Erfolg. Die erste speziell für Gravelbikes hergestellte Schaltgruppe war eine sichere Wahl für alle, die ein neues Geländefahrrad ausrüsten wollten. Kunden und Hersteller vertrauten darauf, dass das Unternehmen, mit seiner langjährigen Expertise in Mountainbike- und Rennradschaltungen, das Beste aus beiden Bereich kombinieren und die gewohnte Shimano-Qualität liefern würde.
Anspruchsvollere Gravelfahrer/innen, die nach etwas Besonderem suchten, könnten daher enttäuscht gewesen sein. Die "XPLR"-Modelle der Rennrad-Gruppen bieten interessante Optionen mit einem einzelnen Kettenblatt und Kassetten, die Ritzelgrößen wie bei Mountainbikes haben.
Niemand hätte erwartet, dass eine Neuauflage der Shimano GRX Schaltung die bestehende Ordnung komplett umstürzen würde, da die Japaner meist eher konservative Strategien verfolgen. Trotzdem waren die Erwartungen an eine Aktualisierung der GRX Di2 recht hoch - nicht zuletzt, weil das Update der mechanischen GRX im vergangenen Sommer eher zurückhaltend und wenig atemberaubend ausgefallen war.
In der Praxis lässt die Funktionalität der Gruppe kaum Raum für Kritik. Die Griffe sind nun, wie bei den neueren Rennradgruppen, drahtlos mit den Schaltkomponenten verbunden, wobei Shimano eine Batterielebensdauer von bis zu vier Jahren verspricht. Form und Befestigung wurden leicht angepasst, um besser zu den typischen, ausgestellten Lenkerenden von Gravelbikes zu passen. Dies sorgt für einen ergonomischeren Übergang zum Lenker und lässt die Bremshebel weniger zur Seite stehen.
Haptik an den Kontaktpunkten
Das ansprechende Design der Schaltgriffe ist nach wie vor unübertroffen, insbesondere wenn die Hände auf den Griffkörpern liegen. Die Handauflage ist groß und rutschfest; der kleine, steil aufstehende Griff am vorderen Ende bietet guten Halt. Die Griffe sind zudem sehr schlank, damit auch kleinere Hände sie gut greifen können, besonders bei ruppiger Fahrt. Die Finger finden auch auf den Bremshebeln eine breite Auflagefläche.
Das Schaltenverhalten
Wie erwartet, ist das Schaltverhalten der neuen Shimano GRX Di2 sowohl vorne als auch hinten hervorragend, allerdings arbeitet der Umwerfer ziemlich laut. Das neue Schaltwerk am Hinterrad arbeitet schnell und präzise. Wer aber Bikepacking mit Gepäck im alpinen Gelände machen will, wird die ganz leichten Gänge schnell vermissen bei der GRX Di2.
Im Gegensatz zur mechanischen Version ist das Schaltwerk nicht dafür ausgelegt, Ritzel mit mehr als 36 Zähnen zu bewältigen. Auch eine Alternative zum Zweifach-Kurbelsatz mit 48/31 Zähnen ist nicht verfügbar. Daher ist der Betrieb mit einem Einfach-Kurbelsatz ohne Umwerfer schlicht bei der neuen GRX Di2 nicht möglich.
Fazit zur neuen Shimano GRX Di2 Gravelbike-Schaltung
Das Fehlen einer Antriebsoption mit einem Kettenblatt könnte Shimano Kunden kosten, denn die einfache Bedienung dieser Antriebe ist für viele Fahrer inzwischen ein wichtiges Kaufkriterium. Wer keinen Umwerfer möchten, geht eben zu Sram. Zur Abrundung der Schaltgruppe führt Shimano mit der Zwölffach-Generation der GRX passende Laufräder und SPD-Pedale in sein Sortiment ein.
Shimano GRX vs. SRAM Apex
Die neuen Offroad-Gruppen von Shimano und SRAM sind besser auf die Bedürfnisse von Gravelbikern abgestimmt als je zuvor. Shimano aus Japan und der US-amerikanische Konkurrent SRAM prägen das Erscheinungsbild des Gravelbikes maßgeblich, indem sie betont sportliche, aber auch für Freizeit- und unerfahrene Radler und Radlerinnen maßgeschneiderte Komponenten anbieten.
SRAM sieht die Zukunft im Einfach-Kettenblatt und dem elektronisch gesteuerten Gangwechsel. Die Amerikaner machten Antriebe mit einem einzelnen Kettenblatt einst salonfähig, für die neue Apex gibt es nun gar keinen vorderen Umwerfer mehr. Die Gruppe ist die bislang preiswerteste Variante, eine Schaltung auf dem neuesten Stand der Technik zu fahren: elektronisch über Funk betätigt, mit zwölf Ritzeln am Hinterrad.
Die zweite GRX-Generation von Shimano bekommt ebenfalls ein zwölftes Ritzel spendiert. Eine elektronische Di2-Version, die es in der ersten Generation parallel gab, ist zum Marktstart nicht erhältlich. Der Zweifach-Antrieb mit Umwerfer dagegen ist am Gravelbike noch eine selbstverständliche Option - auch wenn Shimano das Angebot an Einfach-Übersetzungen jetzt deutlich ausgebaut hat.
Optisch sieht bei Shimano alles aus wie gewohnt, fein poliertes, dunkel eloxiertes Alu bestimmt den Eindruck. Doch schon beim Erstkontakt mit den neuen GRX-Hebeln fällt auf, dass an deren Form gefeilt wurde. Die Bremshebel sind weit nach außen angestellt, extrem breit und bieten den Fingern eine satte Auflagefläche; von oben lassen sie sich wunderbar greifen, und man kann viel Kraft aufbauen.
Die SRAM-Griffe sind schlanker und runder, sie passen auch kleinen Händen. Auch die Bremshebel sind breit, vorne abgeflacht und prima erreichbar, die riesigen Schaltknöpfe sowieso. Im Sattel überzeugt die Apex vor allem mit präzisen Gangwechseln auf Knopfdruck. Spielerisch klickt man durchs Getriebe, drückt man links, wird’s leichter, rechts schwerer, einfacher und intuitiver geht’s nicht.
Etwas mehr Konzentration, besonders bei Fahrten im anspruchsvollen Gelände, erfordert die mechanische GRX, denn ihre Kette reagiert sensibel auf die Befehle am leichtgängigen Schalthebel. Die menschliche Hand funktioniert weniger präzise als elektronische Stellmotoren, was sich beim geringeren Ritzelabstand des Zwölfer-Pakets offenbar bemerkbar macht: Beim Wechsel auf größere Ritzel streift die Kette schon den übernächsten Zahnkranz, bevor der Hebel wieder losgelassen wird.
Überblick über Gravelbike-Schaltungen
Im Folgenden findest du eine Übersicht über verschiedene Gravelbike-Schaltungen und ihre Eigenschaften:
SRAM Gravelbike-Schaltungen
SRAM bietet für alle Rennrad-Gruppen auch Übersetzungsoptionen fürs Gravelbike an. Die Bandbreite ist entsprechend groß und reicht vom günstigen mechanischen Ensemble bis zur technisch avantgardistischen Funkschaltung. Das Unternehmen konzentrierte sich in den vergangenen Jahren auf die Entwicklung der elektronischen Zwölffach-Gruppen Red und Force AXS.
- Jedes System lässt sich auch mit einem Kettenblatt fahren, und es gibt passende Kassetten.
- Eine Besonderheit ist, dass sich Komponenten aus den Mountainbike- und Rennradgruppen mitunter mischen lassen, wodurch auch riesige Übersetzungsbandbreiten möglich sind.
- Die Bremsen sind standfest und funktionieren klaglos.
Shimano Gravelbike-Schaltungen
Unter dem Label GRX bietet Shimano eine Vielzahl spezieller Schaltungen und Scheibenbremsen für Gravelbikes an. Die Qualität reicht vom günstigen bis zum High-End-Niveau; da sich viele Teile gut kombinieren lassen, sind sie nicht immer sortenrein an Kompletträdern montiert. Grob gliedern lassen sie sich in mechanische Zehn- und Elffach-Systeme sowie die elektronisch schaltende Elffach-Di2.
- Alle Varianten lassen sich mit einem oder mit zwei Kettenblättern fahren, die Kombination 1x10 ist wegen der eingeschränkten Gängezahl wenig empfehlenswert.
- In Verbindung mit dem Doppel-Kettenblatt lassen sich extrem leichte Gänge realisieren.
- Die Bremsen der Shimano GRX-Gruppen gelten als fein dosierbar, aber empfindlich für Schleifgeräusche.
Campagnolo Gravelbike-Schaltung
Die Ekar, derzeit die einzige Gravelbike-Schaltung von Campagnolo, ist wertig, leicht und vergleichsweise hochpreisig. Die Italiener setzen auf ein klassisches, mechanisches System ohne Elektronik, edel wird die Gruppe durch eine Carbonkurbel und ein fortschrittliches Übersetzungskonzept.
- Der 1x13-Antrieb ist derzeit konkurrenzlos, das breit gefächerte Ritzelpaket minimiert die Einbußen des Einfach-Kettenblatts.
- Die verfügbaren Übersetzungsvarianten sind eher auf der sportlichen Seite, andere Hersteller bieten leichtere Berggänge.
- Viel gelobt wird die gute Ergonomie der Hebel; mit dem charakteristischen Daumentaster lassen sich mehrere Gänge auf einmal durchschalten.
- Die mit Magura entwickelten Bremsen der Campagnolo Ekar sind kräftig, standfest und bestens dosierbar.
Die beste Schaltgruppe für dein Gravelbike
Die ersten Gravelbikes wurden noch hauptsächlich mit Rennrad-Komponenten ausgestattet. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Anforderungen an eine Gravel-Schaltung etwas andere sind. Während am Rennrad eine feine Abstufung der Gänge wichtig ist, muss die Schaltung am Gravelbike mehr können: Biegst Du ins Gelände ab, sind leichtere Übersetzungen sinnvoll, wie zum Beispiel auch beim Bikepacking. Robust und unempfindlich gegen Dreck darf die Schaltung am Gravelbike ebenfalls gerne sein.
Längst musst Du dazu nicht mehr Mountainbike- und Rennradteile mischen: Gravel-Schaltungen vereinen die entscheidenden Aspekte aus beiden Welten. Gruppen mit Einfach-Kurbel haben Vorteile im Gelände: Sie sind leise, leicht, funktionieren im Dreck besser und sehen aufgeräumt aus. Kettenblätter mit schmalen und breiten Zähnen im Wechsel (narrow-wide) sorgen dafür, dass Deine Kette nicht abspringt. Durch das Weglassen des zweiten Kettenblattes und des Umwerfers bleibt mehr Platz für breite Reifen und die Kettenstreben können zudem kürzer ausfallen.
Erlaubt Dein Rahmen die Montage einer Zweifach-Kurbel und eines Umwerfers, hast Du so die Möglichkeit, eine feine Abstufung und eine große Übersetzungsbandbreite zu bekommen.
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