Kniebeugung und Radfahren: Bedeutung, Einschränkungen und Korrekturen

Der Bewegungsumfang (Range of Motion oder ROM) eines Gelenkes wird in Grad gemessen. Beim Kniegelenk wird die volle Streckung mit 0 Grad bezeichnet, wobei die maximale Beugung im Schnitt 130 ° beträgt, bei jüngeren Menschen bis zu 160°.

Bedeutung der Kniebeugung im Alltag

Der Mensch benötigt zum Beispiel eine Beugung bis zu 70°, um auf einer normal flachen Fläche zu gehen. Zum Treppensteigen ist eine Beugung von 80 bis 90° notwendig. 120° Beugung werden benötigt, damit man sich aus einem tiefen Sessel erheben oder von einem Toilettensitz aufstehen kann. Zum Fahrradfahren werden mindestens 110° benötigt.

Einschränkungen des Bewegungsumfangs

Eine Bewegungseinschränkung kann vielfältig sein. Eine Verletzung oder Entzündung mit Schwellung führen zunächst zu einer schmerzbedingten Bewegungseinschränkung. Hält diese länger an, verkürzen sich Sehnen und Muskeln oder es schrumpft die Gelenkkapsel und es erfolgen Verwachsungen im Gelenk. Diese Folgen der Bewegungseinschränkung führen zu einer fixierten Gelenksteife, der nur noch mühsam rückgängig gemacht werden kann. Altersbedingte degenerative Veränderungen haben vielfach eine Abnahme der Gelenkbewegungsumfänge von 20 bis 25% zur Folge.

Die Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es ist, den Bewegungsumfang des Knies durch tägliches Üben zu trainieren, damit die Flexibilität des Gelenkes erhalten bleibt. Liegt bereits eine Bewegungseinschränkung - insbesondere in der Streckung - vor, wird das Fortschreiten der Arthrose durch unphysiologisches Belasten des Kniegelenkes begünstigt. Im Wasser kann dieses Training deutlich effektiver als an Land durchgeführt werden.

Beinachsenfehlstellungen und ihre Auswirkungen

Die Beinachse jedes Menschen ist individuell geformt und es gilt: Nicht jede Beinachse ist komplett gerade. Die häufigsten angeborenen Fehlstellungen sind das O-Bein (Genu varum) und das X-Bein (Genu valgum). Bei diesen Fehlstellungen wird vor allem der innere (O-Bein) oder der äußere Gelenkknorpel (X-Bein) über Jahre hinweg durch die Fehlbelastung verschlissen.

Achsveränderungen des Beines sind nicht immer angeboren, sondern entstehen auch als Folge von Unfällen. Besteht eine Beinfehlstellung, verläuft die mechanische Beinachse nicht durch die Mitte der beteiligten Knochen, sondern seitlich versetzt (gestrichelte Linie). Dies hat eine ungleiche Gewichtsbelastung (rote Pfeile) und damit eine Abnutzung des Gelenkknorpels zur Folge.

Eine Umstellungsoperation im Kniegelenk kann die Last, die beim Stehen und Gehen auf einen kleinen Bereich der Knorpelflächen wirkt, wieder gleichmäßig verteilen. Eine Achskorrektur des Kniegelenks ist auch dann noch sinnvoll, wenn bereits erste Schäden am Knorpel eingetreten sind.

Umstellungsosteotomie: Eine gelenkerhaltende Operation

Die Umstellungsosteotomie (Achskorrektur) des Knies zählt zu den gelenkerhaltenden Operationen und korrigiert die Beinachse des Patienten. Mit diesem Eingriff beseitigt der orthopädische Kniespezialist die Fehlbelastung im betroffenen Kniegelenk. Das Bein wird dazu nahe an die normale Beinachse ausgerichtet.

Eine Umstellungsosteotomie korrigiert die Beinfehlstellung und verteilt die von oben wirkende Last gleichmäßig auf die gesamte Knorpelfläche.

Ursachen und Diagnose von Fehlstellungen

Im ersten Schritt erfasst der Orthopäde die vorliegende Fehlstellung der Beinachse in einer ausführlichen klinischen Untersuchung. Dabei schätzt er die Beinachse im Stehen inspektorisch ein. Röntgenaufnahmen des gesamten Beins von Hüfte bis Fuß lassen das Ausmaß der Achsabweichung exakt bestimmen. Zusätzlich fertigt der Orthopäde eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kniegelenkes an. Daran kann er Meniskusschäden erkennen und örtlich begrenzte (fokale) Knorpelschäden von flächigen Knorpelveränderungen abgrenzen.

Die Technik zur Korrektur bzw. Umstellung der Beinachse ist abhängig vom genauen Ort der Fehlstellung. Am häufigsten ist der kniegelenknahe Anteil des Schienbeins (proximale Tibia) betroffen. Nur etwa 10 % der Fehlstellungen entfallen auf den unteren Anteil des Oberschenkelknochens (distaler Femur). Bei einer O-Bein-Stellung fällt die Gelenklinie im Verhältnis zum Schaft des Unterschenkels häufig zu stark ab. Bei einer X-Bein-Stellung ist die Ursache häufiger in einer Fehlstellung des distalen Femurs (körperferner Anteil des Oberschenkelknochens) zu finden. Entsprechend sollte dann auch am Ort der Fehlstellung - also am Oberschenkelknochen - korrigiert werden.

Analyse der Beinachse beim stehenden Patienten vor achskorrigierender Operation: Im vorliegenden Fall liegt eine O-Bein-Fehlstellung im Unterschenkel mit Überbelastung der medialen (inneren) Seite vor.

Analyse der Beinachse beim stehenden Patienten nach achskorrigierender Operation: Nach der Umstellungsosteotomie ist die Überlastung auf der medialen (inneren) Seite korrigiert.

Durchführung der Umstellungsosteotomie

Bei der O-Bein-Stellung wird das Schienbein (Tibia) über einen Schnitt auf der Innenseite des kniegelenknahen Unterschenkels fast komplett durchtrennt. Nachfolgend klappt der Orthopäde das Schienbein schonend keilformig auf, bis die gewünschte Position erreicht ist. Eine spezielle winkelstabile Platte aus Titan und Schrauben sichert und fixiert diesen Schnitt im Knochen.

Die Achskorrektur kann als Methode für sich allein bei überlastungsbedingten Beschwerden gute Erfolge erzielen. Zusätzlich kann sie als Verfahren bei knorpelregenerativen Methoden eingesetzt werden. Ziel einer Beinachsenkorrektur - mit und ohne knorpelregeneratives Verfahren - ist die Entlastung des schmerzenden und geschädigten Gelenkanteils.

Spezialfälle und Alternativen

Eine Veränderung des Slopes kann im Kniegelenk zu Instabilität führen. Bei einer chronischen Verletzung des hinteren Kreuzbandes entsteht solch ein instabiler Zustand im Kniegelenk. Der Unterschenkel rutscht gegenüber dem Oberschenkel nach hinten weg. In diesen Fällen liegt der Grund der Fehlstellung nicht in einer veränderten knöchernen Anatomie, sondern in einer Arthrose des inneren (O-Bein) oder äußeren (X-Bein) Gelenkanteils des Knies.

Der zunehmende Verschleiß des Gelenkknorpels im Knie führt in diesen Fällen zu einem einseitigen Höhenverlust des Gelenkspaltes. Eine Achskorrektur hilft in diesem Fall nicht weiter, da sich die Ursache für die Fehlstellung im Gelenk befindet. In diesen Fällen ist häufig die Implantation einer Knieprothese (Schlittenprothese) möglich. Dieses kleine Kunstgelenk behebt die Ursache der Schmerzen, in dem es den geschädigten Gelenkknorpel ersetzt. Gleichzeitig wird die Beinachse korrigiert, da das Gelenk wieder seine ursprüngliche Gelenkspaltweite und Bandspannung zurückerhält.

Der flächige Knorpelabrieb auf der Knieinnenseite führt zur O-Beinfehlstellung aufgrund eines Höhenverlustes im Gelenkspalt. Die Patienten leiden unter Schmerzen an der Innenseite des Kniegelenkes. Die Implantation eines Teilgelenkersatzes verschafft dem Patienten Schmerzfreiheit. Die Teilprothese bringt Ober- und Unterschenkel auf der betroffenen Seite wieder auf eine größere Distanz. Dadurch wird nicht nur die ursprüngliche Bandspannung wiederhergestellt, sondern auch die Beinachse korrigiert.

Rehabilitation und Übungen nach der Operation

Der Krankenhausaufenthalt dauert in der Regel 3 bis 5 Tage. Bei isolierten Achskorrekturen ohne begleitende Behandlungen (z. B. von Knorpelschäden) ist das operierte Bein sofort nach dem Eingriff frei beweglich. Noch in der Klinik machen die Patienten Übungen zur Thromboseprophylaxe und eine Gangschulung, um die Teilbelastung optimal nutzen zu können.

Etwa 4 Wochen nach der Umstellungsosteotomie erfolgt eine Röntgenkontrolle. Danach kann der Patient stückweise zur Vollbelastung des operierten Beins übergehen. Spätestens nach 6 Wochen sollte die Vollbelastung erreicht sein. Dann ist auch das Training an Geräten zum Muskelaufbau gut möglich. Eine Vollbelastung empfiehlt der behandelnde Arzt in der Regel nach ca. 4 bis 6 Wochen.

Übungen zur Rehabilitation

Die folgenden Übungen können bereits ab dem ersten Tag nach der Operation durchgeführt werden. Diese Übung verbessert den Stoffwechsel im betroffenen Bein. Wechsel von Anspannung und Entspannung.

Isometrische Anspannungsübungen für den vorderen Oberschenkelmuskel (M.

  • Durchführung: Ziehen Sie die Fußspitzen an. Drücken Sie anschließend das Knie durch und spannen Sie den Oberschenkelmuskel an. Atmen Sie dabei ruhig und gleichmäßig. Die Spannung des vorderen Oberschenkelmuskels sollte deutlich spürbar und tastbar sein. Achten Sie darauf, nicht die Füße oder Fersen gegen einen festen Widerstand, z. B.
  • Halten Sie die Spannung ca. 10 Sekunden und wiederholen Sie die Übung 3-mal. Mit der isometrischen Übung beugen Sie einer Abnahme der Muskelkraft im Oberschenkel vor.

Übung mit Handtuchrolle

  • Ausgangsstellung: Rückenlage, wobei das betroffene Bein ausgestreckt ist.
  • Durchführung: Ziehen Sie die Zehenspitzen an und drücken Sie das Knie auf die weiche Handtuchrolle bzw. den Boden. Versuchen Sie, die Kniekehle in den Boden zu drücken. Wiederholen Sie die Übung 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 30 Sekunden Pause zwischen den Sätzen. Ein Handtuch in der Kniekehle kann Sie bei der Ausführung der Übung unterstützen.

Nach dem Erreichen der Vollbelastung liegt das Augenmerk der Behandlung nun auf dem Kraftaufbau, dem Training physiologischer Bewegungsabläufe und der Stabilität. Auf diese Weise stellen Sie den Erfolg des Eingriffs langfristig sicher. Das Knie und somit das ganze Bein und der gesamte Körper müssen sich an die neue Beinachse und die optimierte Statik gewöhnen.

Übung im Einbeinstand auf weichem Untergrund:

  • Ausgangsstellung: Einbeinstand auf weichem Untergrund (z. B. Handtuch, Kissen oder Matratze).
  • Durchführung: Heben Sie das nicht betroffene Bein nach vorne oben und ziehen Sie die Fußspitzen an. Der Oberkörper bleibt dabei aufrecht. Achten Sie darauf, dass Knie und Füße nicht nach innen fallen. Halten Sie die Position für ca.. Wiederholen Sie die Übung pro Bein 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 30 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.

Übung Ausfallschritt:

  • Diese Übung kräftigt die Oberschenkelmuskulatur.
  • Durchführung: Stellen Sie das nicht betroffene Bein nach hinten und etwas nach außen. Beugen Sie das zu trainierende Bein leicht. Der Beugewinkel sollte dabei 40 Grad nicht überschreiten. Das Knie sollte bei der Ausführung nicht nach innen oder außen fallen und nicht über die Fußspitzen hinausragen. Wiederholen Sie die Übung pro Bein 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 30 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.

Übung Tapping im Dreieck:

  • Durchführung: Bringen Sie Ihr Körpergewicht auf den Fuß der betroffenen Seite und achten Sie darauf, dass die Ferse gerade ist (Achillessehne steht senkrecht). Das Fußgewölbe ist aufgerichtet. Das leicht gebeugte Knie befindet sich lotrecht über dem Vorfuß. Tappen Sie nun mit dem freien Bein in einem Dreieck hin und her. Wiederholen Sie die Übung pro Bein 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 30 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.
  • Mit dem Fuß nach vorne tappen. Mit dem Fuß zur Seite tappen. Mit dem Fuß nach hinten tappen.

Durch die mehrere Wochen andauernde Teilbelastung nach der Operation kommt es zu einem natürlichen Muskelschwund.

Übung mit dem Gymnastikball:

  • Diese Übung kräftigt die Oberschenkelmuskulatur.
  • Ausgangsstellung: Stand vor einer Wand. Ein Gymnastikball ist zwischen Wand und Rücken eingeklemmt. Die Beine sind gestreckt.
  • Durchführung: Rollen Sie sehr langsam die Wand hinunter. Im Hinunterrollen liegt der Schwerpunkt der Übung. Der Beugewinkel im Kniegelenk sollte dabei 40 Grad nicht überschreiten. Achten Sie auf eine gerade Beinachse: Die Knie sollten während der Übung nicht nach innen oder außen fallen. Wiederholen Sie die Übung pro Bein 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 60 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.

Übung: Kniebeugen (Squats)

  • Kräftigen die Beinmuskulatur.
  • Durchführung: Gehen Sie langsam in die Kniebeuge, während Sie Ihre Arme nach vorne ausgestreckt halten. Der Beugewinkel im Kniegelenk sollte dabei 40 Grad nicht überschreiten und die Knie in der Endposition nicht über die Fußspitzen hinausragen. Wiederholen Sie die Übung 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 60 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.

Übung Fersen absenken:

  • Diese Übung dehnt und kräftigt die Wadenmuskulatur.
  • Ausgangsstellung: Beide Füße stehen parallel zueinander auf einer niedrigen Stufe. Die Fersen ragen über die Kante hinaus und schweben in der Luft.
  • Durchführung: Stellen Sie sich auf die Zehenspitzen und lassen Sie sich langsam absinken, bis die Fersen knapp über dem Boden sind, diesen aber nicht berühren. Beim Absinken wird das gesamte Körpergewicht von der Wadenmuskulatur abgebremst. Wiederholen Sie die Übung 10-mal. Dies entspricht einem Satz. Führen Sie 2-3 Sätze durch mit jeweils circa 60 Sekunden Pause zwischen den Sätzen.

Sport nach der Operation

Gelenkschonende Sportarten wie Radfahren, Schwimmen oder Walken können die Patienten auch nach einer Operation des Kniegelenkes ausüben. Wenig gelenkbelastenden Sportarten wie Schwimmen oder Radfahren können die Patienten je nach Begleiteingriff nach 4 bis 6 Wochen wieder nachgehen. Sportliche Aktivitäten mit schnellen, ruckartigen Bewegungen und starken Belastungen des Kniegelenks sollten Betroffene eher vermeiden.

Fallbeispiel: Ines Mix

Seit einem Fahrradunfall vor 25 Jahren leidet Ines Mix unter Schmerzen im linken Knie. Mehrere OPs bringen kaum Besserung, und der missglückte Einsatz eines künstlichen Gelenks macht die Beschwerden teils noch schlimmer - bis das fehlerhafte Gelenk 2018 ausgetauscht wird. Heute geht es ihr sehr viel besser und sie hat sich neue Ziele gesteckt.

Es passiert 1994, Ines Mix ist gerade mal Mitte 20. Sie erinnert sich: „Ich bin mit dem Fahrrad unglücklich gestürzt und habe mir den Unterschenkel verdreht.“ Kreuzband und Meniskus sind gerissen. Sie wird operiert, das Kreuzband ersetzt. Die OPs bringen nur kurzfristig Erleichterung, die Ärzte raten zu weiteren Eingriffen. Es wird eine Arthroskopie des Knies gemacht, bei der Schäden am Gelenk behoben werden. „Über die Jahre bin ich fast ein Dutzend Mal operiert worden“, sagt sie. „Es wurde aber letztlich eher immer schlimmer.“

Die Lebensqualität von Ines Mix leidet erheblich. „Ich konnte nicht lange stehen, nicht lange sitzen, nicht lange liegen, alles tat nur weh.“ Treppensteigen kann sie nur noch mit Hilfe, sie nimmt Schmerzmittel in immer höheren Dosen. Und Ines Mix ist ständig krankgeschrieben. Sie seufzt: „Ich bin eigentlich mit Leib und Seele Verkäuferin und hab gerne in meinem Beruf gearbeitet. Aber es ging mit dem Knie irgendwann nicht mehr.“ Sie arbeitet noch kurze Zeit in einem Steuerbüro in einem 400-Euro-Job, aber auch das muss sie aufgeben. 2011 - mit Anfang 40 - wird sie frühzeitig berentet. „Das will man in dem Alter eigentlich nicht.“

Nebenbei zieht sie zusammen mit ihrem Mann zwei Kinder groß. Sie sind zum Zeitpunkt des folgenschweren Unfalls noch unter 10 Jahre alt - eine erhebliche Doppelbelastung. Sie berichtet von einer schweren Zeit: „Man kommt sich immer so vor, als würde man die anderen bremsen, und das will man ja nicht.“ Und: Das Knie wird immer schlimmer. „Den letzten Urlaub, bevor mir das erste künstliche Gelenk eingesetzt wurde, habe ich im Rollstuhl verbracht.“

Risikoreiche Operation

2013 fällt schließlich die Entscheidung für ein künstliches Kniegelenk. Der Eingriff ist riskant und schwierig, denn durch den Unfall und die zahlreichen Operationen war ein Großteil der Knochenstruktur zerstört worden. Aber es gibt keine Alternative, die OP wird gemacht. „Leider ohne Erfolg“, die Resignation ist Ines Mix anzuhören. Trotz Reha und intensiver Physiotherapie hat sie weiterhin starke Schmerzen, nimmt weiterhin hochdosierte Opiate. „Es war nicht besser als zuvor, es war eher schlimmer.“ Sie kann ihr Knie trotz der OP nicht weiter als 65 Grad beugen.

In Grad wird gemessen, wie groß der Bewegungsumfang eines Gelenkes ist. Etwa wird ein voll ausgestrecktes Knie mit 0 Grad bezeichnet, die maximale Beugung beträgt bei gesunden Menschen in der Regel 130 Grad, bei jungen und fitten Menschen sogar bis zu 160 Grad. Um auf einer ebenen Fläche problemlos laufen zu können, braucht es eine Beugung von etwa 70 Grad, beim Treppensteigen rund 90 Grad. Will man von einem tiefen Sessel oder einem Toilettensitz aufstehen, braucht es bereits 120 Grad.

Kann das Knie nicht ausreichend gebeugt werden, bedeutet das für den Alltag erhebliche Einschränkungen. Ines Mix veranschaulicht das Problem: „Ziehen Sie sich mit 60 Grad Beugung mal eine Hose oder Socken an. Oder schneiden Sie sich die Fußnägel. Ein- und Aussteigen aus dem Auto war jedes Mal eine Katastrophe. Und auch Treppen kann man so nicht ohne Hilfe steigen. Es sind viele Kleinigkeiten und am Tag summiert sich das.“

Hinzu kommt bei ihr die psychische Belastung. Sie sagt: „Ich habe den Fehler bei mir selbst gesucht, denn das Knie war ja operiert und hätte gut sein müssen.“ Mehr als vier Jahre lang lebt sie mit den Schmerzen und Einschränkungen, kommt mehrfach an den Punkt, wo sie nicht mehr kann. „Zum Glück hatte ich super Menschen um mich, die zu mir stehen und mir durch diese Jahre geholfen haben“, sagt sie.

Endlich ohne Schmerzen

2018 geht der Orthopäde in Ruhestand, bei dem Ines Mix zuletzt in Behandlung war. Ihrem neuen Arzt schildert sie ihr Leid, er schaut sich noch einmal die Röntgenaufnahmen an und untersucht das operierte Knie. Sie erzählt: „Er meinte zu mir: Das kann ja nicht gehen.“

Der Arzt erkennt auf den Bildern, dass das künstliche Gelenk nicht richtig sitzt und zu groß ist. Ines Mix erläutert: „Dadurch rutschte die Kniescheibe immer nach außen und das Knie ging nicht zu beugen. Und auch die Schmerzen kamen daher.“

Die Aussagen des Arztes sind ein Befreiungsschlag für die damals 50-Jährige. „Ich könnte ihn dafür heute noch küssen“, lacht sie. Zufällig erfährt sie kurze Zeit später von Professor Dr. Heiko Graichen, einem Spezialisten in Bayern. Sie nimmt den weiten Weg von Berlin aus auf sich und lässt ihr Knie von Professor Graichen in Lindenlohe erneut untersuchen. Das Urteil des Arztes ist eindeutig, Ines Mix erinnert sich: „Er hat sofort gesagt: Das muss raus und ein neues Gelenk muss rein.“ Sie ist trotzdem zunächst hin- und hergerissen. „Ich habe mich gefragt, ob das wirklich sein muss, schon wieder eine OP“, berichtet sie. „Und natürlich hatte ich auch Angst. Sie entscheidet sich letztlich dafür - und bereut es keine Sekunde. „Ich hatte gleich nach der OP ein gutes Gefühl“, strahlt sie.

Professor Graichen navigiert in der Knie- Endoprothetik, um neben einem guten Sitz der Prothese auch eine ausbalancierte Bandspannung sicherzustellen. Er setzt Ines Mix eine Knie-Prothese ein, die aufgrund ihrer Eigenschaften Beugung und „Stabilität in der Bewegung“ bieten kann. Sie bleibt zwei Wochen im Krankenhaus, macht danach eine mehrwöchige Reha. Die richtigen Fortschritte, sagt sie, kamen in der Physiotherapie nach der Reha. Sie geht bis heute dreimal die Woche zu einem Physiotherapeuten. Sie schwärmt: „Ich habe hier einen tollen Therapeuten, der nach all den Jahren schon fast zur Familie gehört. Er schaut genau, was ich brauche und geht auf mich ein.“

Inzwischen kann sie das Knie zu 100 Grad beugen. „Das sind Welten im Vergleich zu vorher.“ Alltägliche Dinge wie eine Hose anziehen, ins Auto einsteigen oder Treppensteigen sind keine großen Probleme mehr für sie. Sie nimmt auch keine Opiate gegen die Schmerzen mehr - deren Nebenwirkungen sie mit weiteren Medikamenten mildern musste. „Die vielen Tabletten, das ist jetzt erst mal weg“, sagt sie erleichtert. „Wobei ich langfristig nicht ganz ohne Schmerzmittel auskommen werde, aber es wird deutlich weniger werden.“

Neue Ziele

Und sie hat sich für 2019 weitere Ziele gesteckt: „Ich will bis Ende des Jahres das Knie 120 Grad beugen können. Dann kann ich nämlich wieder Fahrradfahren. Und ich will zumindest wieder einen Minijob machen können. Ich bin 51, ich gehöre nicht 24 Stunden am Tag ins Haus!“

Anderen Patienten etwas zu raten, fällt ihr nicht leicht. Ihre Geschichte ist zu individuell. „Ich kann jedem nur empfehlen, eine Zweitmeinung einzuholen. Auch Ärzte können sich mal irren. Und man muss einen Arzt finden, der auf das Gebiet spezialisiert ist und dem man vertraut.“ Außerdem: „Den Mut nicht verlieren, das halte ich für wichtig“, sagt sie nach weiterem Nachdenken.

Weitere Aspekte beim Radfahren mit Knieproblemen

Manchmal kommt es vor, das obwohl die Einstellung stimmt, man auf dem Sattel hin und her rutscht. Bitten Sie einen Mitradler ihre Beckenbewegung während er hinter ihnen fährt zu beobachten, und höhren sie auf ihren Körper. Die hier vorgestellten Methoden der Sattelhöheneinstellung eignen sich nicht nur für Ihr Fahrrad sondern auch für Ihren Heimtrainer und Ergometer. Dazu benötigt man einen Zollstock und ein Buch. Dann schiebt man das Buch, an der Wand anliegend mit wenig Druck in den Schritt. Die gemessene Schrittlänge wird mit dem Faktor 0,885 multipliziert.

Mit einem Goniometer (Winkelmesser) wird beim Bikefitting die Sattelhöhe ermittelt. Diese Methode setzt allerdings einige Erfahrung voraus. Hat man zum Beispiel das Gefühl auf dem Sattel hin und her zu rutschen, ist dieser zu hoch eingestellt. Die Pedale müssen dazu waagerecht stehen.

Radfahren mit Gelenkprothesen

Pro Jahr bekommen rund 200.000 Deutsche eine Hüftprothese. Elektrofahrräder mit tiefem Einstieg erleichtern das Radfahren mit Gelenkprothesen. Jeder Patient erhält eine, auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittene, Krankengymnastik. Obwohl beim Radeln lediglich die Hälfte des Körpergewichtes auf dem Hüftgelenk liegt, sollten Personen mit Hüftgelenksprothese Querfeldein-Fahrten grundsätzlich unterlassen. Ein Rehadreirad mit Elektrounterstützung oder ein modernes Rad mit tiefem Einstieg ist für Menschen mit künstlichen Gelenken ideal. Im Idealfall üben Personen mit frisch verheilten Gelenkprothesen drei Mal pro Woche je 30 Minuten. Achtung! Voraussetzung für das Training ist immer, dass weder Ruhe- noch Bewegungsschmerzen vorhanden sind. Auch sportliche Radmarken führen Tourenräder mit tiefem Einstieg in ihrem Programm.

Bei einer 50 Kilometer Radtour wird das Kniegelenk ca. 10.000 mal gebeugt. Allerdings sorgt das Knie bei falscher Einstellung des Rades oder zu intensivem Training mit hohem Krafteinsatz bei niedriger Trittfrequenz, auch für Beschwerden beim Radfahren.

Ermittlung der optimalen Fußstellung und Sattelhöhe

Man setzt sich auf den Tisch und lässt die Beine locker hängen. Die Fußstellung die dabei entsteht entspricht ihrer normalen Fußstellung beim Gehen oder Radfahren. In dieser Stellung sollte der Fuß auf dem Pedal stehen. Die Sattelhöhe kann man auf verschiedene Weisen ermitteln. Eine einfache Rumpfbeuge zeigt wie flexibel Ihre Muskulatur ist.

In einigen Büchern und Zeitschriften liest man dass das Lot an der Kniescheibe angelegt wird, allerdings entwickelt man bei einem Kniewinkel von 90 bis 110° die größte Kraft und dabei sollte das Kniegelenk -nicht die Kniescheibe- über der Pedalachse liegen. Idealerweise sollte sich das Knie in einer senkrechten Linie zum Fuß bewegen. Für die Optimierung der Knieerhebungskurve sollten Sie unbedingt einen Spezialisten aufsuchen.

Zusammenfassende Tabelle: Kniebeugung und Aktivitäten

Aktivität Erforderliche Kniebeugung
Gehen auf ebener Fläche 70°
Treppensteigen 80-90°
Aufstehen aus tiefem Sessel/Toilette 120°
Radfahren mind. 110°

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