Das Kürzel ABS steht für Antiblockiersystem, eine technische Feinheit. Doch wann wurde es Pflicht für Motorräder?
Die Einführung der ABS-Pflicht
Nach der formellen Zustimmung im Europaparlament und im EU-Ministerrat ist es nun amtlich: Ab 2016 mussten alle neu entwickelten Motorradbaureihen in Europa ABS haben. Ab 2017 durfte dann überhaupt kein Motorrad ohne das Antiblockiersystem mehr neu zugelassen werden.
Die beschlossene ABS-Pflicht galt ab dem 1. Januar 2016 - und zwar ausschließlich für Motorräder, die ab diesem Zeitpunkt neu auf den Markt kamen. Für Bestandsmodelle galt eine Schonfrist, hier wurde den Herstellern ein zusätzliches Jahr eingeräumt, um die Produktionsprozesse anzupassen.
Der EU-Regelung zufolge mussten alle Motorräder mit einem Hubraum über 125 Kubikzentimeter ab 2017 verpflichtend mit einem Antiblockiersystem ausgerüstet sein. Kleinere motorisierte Zweiräder mit über 50 Kubikzentimeter Hubraum (Leichtkrafträder und -roller) mussten, wenn schon kein ABS, so mindestens jedoch ein kombiniertes Bremssystem haben. Dabei werden beim Bremsen Vorder- und Hinterrad gleichzeitig verzögert.
Warum ABS Pflicht wurde
Der Hauptgrund für die EU-weite Einführung der ABS-Pflicht bei Motorrädern hat mit dem Gewinn an Sicherheit im Straßenverkehr zu tun. Umfassende Studien belegen, dass das ABS dabei hilft, die Sicherheit maßgeblich zu steigern. Ziel ist es, die Unfallzahlen weiter zu senken. Ein serienmäßiges ABS kann gut ein Viertel aller schweren und tödlich verlaufenden Motorradunfälle verhindern, sind sich Experten, etwa vom Systemanbieter Bosch, sicher.
In Gefahrensituationen bleibt Bikern nämlich oft keine andere Wahl, als mit maximaler Kraft zu bremsen. Hierbei besteht die Gefahr, dass sie die Kontrolle über ihre Fahrzeuge verlieren bzw. diese nicht mehr präzise lenken können. Das ABS hilft dabei, die Lenkfähigkeit aufrechtzuerhalten, sodass Biker im Ernstfall besser ausweichen können.
Funktionsweise des ABS
Erfüllt das Antiblockiersystem seine Funktion korrekt, blockieren Räder und Lenkung nicht. Am Rad befindet sich ein Sensor, der die Anzahl der Umdrehungen misst und registriert, ob und wie stark Sie bremsen. Das Steuergerät verwertet die Signale, die der Sensor schickt. Es ermittelt sozusagen, ob Bremsdruck aufgebaut, gehalten oder gelöst werden muss. Die Hydraulikeinheit besteht wiederum aus drei Teilen: Pumpe, Niedrigdruckspeicher und elektronisches Steuergerät. Durch das Öffnen und Schließen der Ventile wird der Bremsdruck reguliert.
Wie zu Beginn erwähnt, musste der Fahrer früher noch selbst die Stotterbremsung durchführen, die auch einiges an Übung verlangte. Heute genügt es, die Bremse zu betätigen.
Vorteile des Antiblockiersystems
Das ABS verhindert, dass die Reifen bei einer Vollbremsung blockieren. Außerdem bleibt das Fahrzeug während des Bremsvorgangs lenkbar. Selbst auf geraden Straßen ist es von Vorteil, dass Sie gleichzeitig bremsen und ausweichen können, falls nötig. Vor allem in Kurven erhöht das ABS die Sicherheit, z. B. wenn Sie auf einer kurvigen, nassen Fahrbahn plötzlich bremsen müssen.
Von den Vorteilen haben Sie als Fahrer jedoch nur etwas, wenn das Antiblockiersystem nicht defekt ist. Jedes Auto sollte inkl. Software regelmäßig durchgecheckt werden. Blinkt eines der Symbole neben dem Tacho, fahren Sie am besten zeitnah in die Werkstatt und warten nicht erst bis zum TÜV-Termin. Dass Ihr ABS defekt ist, erkennen Sie in der Regel an der aufblinkenden Kontrollleuchte.
Missverständnisse und Nachrüstung
Innerhalb der Szene war die Verärgerung über die beschlossene ABS-Pflicht deshalb so groß, weil etliche Motorradfahrer vermutet haben, sie müssten ihre bestehenden Maschinen nachrüsten. Dies ist jedoch nicht der Fall, die Pflicht betrifft ausschließliche neue Motorräder. Zumal sich eine Nachrüstung in den meisten Fällen ohnehin sehr schwierig gestalten würde.
Theoretisch ist es möglich, Ihr Auto oder Motorrad nachträglich mit einem ABS auszustatten. Allerdings ist dies mit einem hohen Kosten- und Zeitaufwand verbunden. Es gibt aber Firmen, die sich auf das Nachrüsten von Old- und Youngtimern spezialisiert haben, sodass Sie auch bei älteren Fahrzeugen manche Zusatzfunktion genießen können, die Ihre Verkehrssicherheit erhöht. Beim Motorrad gestaltet sich der nachträgliche Einbau eines ABS schon schwieriger. Nicht alle Nachrüstsätze halten auch, was sie versprechen.
Biker, die augenblicklich noch ohne Motorrad-ABS unterwegs sind und dies ändern möchten, sind deshalb gut damit beraten, auf einen Motorradwechsel zu setzen. Es ist am einfachsten, das bestehende Bike zu verkaufen und anschließend auf eine Maschine mit ABS umzusteigen. Übrigens bedeutet dies nicht, dass zwangsläufig ein neues Motorrad gekauft werden muss. Mehrere Modelle werden schon seit geraumer Zeit mit ABS ausgeliefert, weshalb Interessenten auf eine stattliche Auswahl an Gebrauchtmaschinen mit ABS am Markt blicken können. Ein Beispiel wäre da die Supersport-Maschine Fireblade von Honda, die das Combined ABS bereits besitzt.
ABS bei Motorrädern bis 48 PS
Mit L3e-A2 sind Motorräder mit bis zu 35 kW (48 PS) Leistung gemeint. In die A3-Klasse fallen alle, die mehr als 35 kW leisten. Die Verordnung regelt an keiner Stelle, dass diese Motorräder an beiden Rädern mit ABS auszustatten sind. Welches der beiden Räder mit einem Anti-Blockier-System ausgestattet sein muss, konkretisiert die Regelung ebenfalls nicht. Spielraum haben die Hersteller zudem bei Abschalt-Optionen fürs ABS, etwa für Rennstrecke oder Gelände - meist nur das Hinterrad betreffend.
Es liegt nahe, dass die Hersteller ihrer Verpflichtung auf jeden Fall am Vorderrad nachkommen, denn ein blockierendes Vorderrad führt in den meisten Fällen zum Sturz, während ein blockierendes Hinterrad oft noch rechtzeitig wahrgenommen und abgefangen werden kann. Und wenn das Steuergerät für die Technik sowieso schon an Bord ist, ist es kostenmäßig kein allzu großer Sprung, auch das Hinterrad mit ABS auszustatten - was die meisten Hersteller deshalb auch machen.
ABS für 125er
Für die 125er-Klasse schreibt die EU Folgendes vor: "Neue Krafträder der Unterklasse L3e-A1, die auf dem Markt bereitgestellt, zugelassen oder in Betrieb genommen werden, sind nach Wahl des Herstellers entweder mit einem Anti-Blockier-System oder mit einem kombinierten Bremssystem oder beiden Typen verbesserter Bremssysteme auszurüsten."
Hier wird ebenfalls nicht erwähnt, dass ein ABS für beide Räder vorhanden sein muss. Auch nicht, ob es - wenn nur an einem Rad - das Vorderrad sein muss.
Weitere Assistenzsysteme für Motorräder
Moderne Bikes haben nicht nur ABS an Bord. Es gibt immer mehr elektronische Helfer - vom Tempomat über Traktionskontrolle bis zur Hinterrad-Abhebe-Kontrolle. Viele Assistenzsysteme in Motorrädern haben deshalb warnenden Charakter oder sie beeinflussen und optimieren Fahrmanöver am Rand der physikalischen Grenzen in einer so fortgeschrittenen Phase, dass eine rettende Reaktion des Fahrers nicht mehr möglich erscheint.
Viele der modernen, direkt eingreifenden Assistenzsysteme nutzen ausgefeilte Sensoren zur Bestimmung der räumlichen Lage der Maschine und der Kräfte, die auf das Motorrad einwirken. Inzwischen, mit kurventauglichem ABS, sind Notmanöver in Schräglage durchaus beherrschbar - vorausgesetzt, man hat das System an Bord und sich mit seinen verbesserten Möglichkeiten vertraut gemacht.
Gesetzlich ist das herkömmliche und vorrangig für Geradeaus-Fahrt ausgelegte ABS bei neuen Maschinen seit 2017 Pflicht. Doch die Hersteller statten ihre Modelle längst mit weiteren, teils hocheffektiven Assistenzsystemen aus.
Tabelle: Assistenzsysteme für Motorräder
| Bezeichnung | Wirkung | Sicherheitspotenzial |
|---|---|---|
| Standard-ABS (vorrangig für Geradeausbremsung) | Seit 2017 Pflicht, verhindert vor allem bei Geradeausfahrt einen Sturz durch Notbremsung mit blockierten Rädern | Sehr hoch |
| Kurventaugliches ABS | Wie Standard-ABS, zusätzlich anwendbar in starker Schräglage, verhindert das Aufrichten der Maschine inkl. Verlassen der Fahrlinie und ein Wegrutschen der Räder (im Rahmen der physikalischen Grenzen) | Sehr hoch |
| Hinterrad-Abhebe-Kontrolle (Stoppie-Kontrolle) | Verhindert beim starken Bremsen das Abheben des Hinterrades, im Extremfall einen Fahrzeugüberschlag, besonders bei starken Bergabbremsungen. Funktion ist in guten ABS teilweise integriert | Hoch |
| Kombi- oder Integral-Bremssystem | Bremskreise für Vorder- und Hinterrad sind ganz oder teilweise verknüpft, Bremshebel wirkt auch auf die Bremse des anderen Rades. Sorgt für bessere Bremsstabilität und schnelleren Bremseinsatz | Hoch |
| Wheelie-Kontrolle | Verhindert das Abheben des Vorderrades beim zu heftigen Beschleunigen. Motorkraft wird ggf. begrenzt | Hoch |
| Kurventaugliche Schlupfkontrolle | Sichert bei Kurvenfahrt den Grip des Hinterrades durch etwaige Begrenzung der Motorkraft, besonders bei sportlicher Fahrweise, kann sogenannte Highsider verhindern | Hoch |
| Standard-Schlupfkontrolle | Sichert Grip und Führung des Hinterrades bei Geradeausfahrt, "Durchdrehen" wird verhindert | Mittel |
| Anti-Hopping-Kupplung, Motorbremsmoment-Kontrolle | Verhindert beim Runterschalten oder Gaswegnehmen ein kurzzeitiges Blockieren des Hinterrades, sichert damit Grip und Führung des Hinterrads vor allem beim Anbremsen vor engen Kurven | Mittel |
| Automatische, dynamische Anpassung des Feder-Dämpfer-Systems | Verbessert den Kontakt der Räder auf unebenem Untergrund bei sportlicher Fahrweise, erhöht Fahrstabilität bei sehr dynamischen Fahrmanövern (z.B. starkes Beschleunigen und Bremsen) | Mittel |
| Abstandsradar (z.B. Adaptive Cruise Control) | Überwacht fortlaufend den Abstand zu anderen Fahrzeugen, vorrangig nach vorne gerichtet. Funktion ähnlich wie bei Pkw, Steuerung der Motorleistung, autonome Bremsung bis 0,5 g | Mittel, dient vorrangig dem Komfort |
| Totwinkel-Assistent / Side-View-Assistent (Radargestützt, ähnlich wie Abstandsradar) | Warnt vor seitlich fahrendem Fahrzeug, das man beim Spurwechsel übersehen könnte | Mäßig |
| Verschiedene Fahrmodi | Motorcharakteristik kann den Witterungs- und Straßenverhältnissen angepasst werden, auch Off-Road-Modus möglich. Umfasst oft auch Einstellungen von Bremse und Fahrwerk. Sicherheitsgewinn hängt von den Fahrgewohnheiten ab | Unterschiedlich |
| Blinkendes Bremslicht | Bei Vollbremsung blinkt das Bremslicht, um den nachfolgenden Verkehr zu warnen | Mäßig |
| Reifendruckkontrollsystem | Warnt bei Druckverlust im Reifen, kann bei korrekter Fahrerreaktion das Unfallrisiko verringern | Mäßig |
| Berg-Anfahr-Hilfe | Klemmt an starken Steigungen die Hinterradbremse bis zum Anfahren fest, um eine Rückwärtsrollen zu verhindern, reduziert Stress | Mäßig |
| (Adaptives) Kurvenlicht | Leuchtet die Straße bei Kurvenfahrt besser aus als Standardlicht. Sicherheitsgewinn bei Nachtfahrten | Mäßig |
| Warnblinkanlage | Wie Pkw, sinnvoll z.B. bei Pannen oder an Stauenden. | ./. |
| Notruf-System / eCall | Vergleichbar Pkw, automatischer Notruf bei Ereignissen, die das System als Unfall interpretiert. | ./. |
Sicherheitssysteme zur Verringerung des Unfall- oder Verletzungsrisikos (z.B. ABS, kurventaugliches ABS, kurventaugliche Traktionskontrolle) Komfortsysteme zur Entlastung des Fahrers und zur Verbesserung der Ergonomie (z.B.
Machen Sie sich intensiv mit der Wirkung, Funktionsweise und den Einstellmöglichkeiten von Assistenzsystemen und Sicherheitsausstattungen Ihrer Maschine vertraut. Das bedeutet: Die Bedienungsanleitung ist Pflichtlektüre. Mit ABS - und ganz besonders mit modernem Kurven-ABS - muss man im Notfall richtig umgehen können, um den Sicherheitsgewinn auch wirklich nutzen zu können. Die ADAC Experten empfehlen: Machen Sie in regelmäßigen Abständen ein passendes Sicherheitstraining.
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