Die Bremsen sind ein sicherheitsrelevantes Bauteil am Motorrad, dem Du unbedingt Beachtung schenken solltest. Nur dann, wenn es sich um eine geschlossenes hydraulisches System ohne Lufteinschlüsse handelt, funktionieren die Bremsen einwandfrei. Wir erklären, wie es zu Luft in der Bremshydraulik kommt, was das für Folgen hat und wie Du das Entlüften durchführen kannst.
Warum ist das Entlüften der Bremse wichtig?
Der Blutkreislauf funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Die Flüssigkeit zirkuliert und es kann Druck aufgebaut werden. Jedoch nimmt die Bremsflüssigkeit mit zunehmendem Alter Luft und Wasser auf - es ist unabhängig von den gefahrenen Kilometern. Es schwächt die Bremswirkung deutlich ab oder es kommt zu einem totalen Bremsen-Ausfall.
Bremsflüssigkeit und ihre Eigenschaften
Bremsflüssigkeit ist hygroskopisch. Das bedeutet, sie nimmt Wasser auf. Dem kannst Du nicht entgegenwirken, es passiert zwangsläufig. Je älter die Bremsflüssigkeit, desto mehr Flüssigkeit aus der Luft nimmt sie auf. Dadurch sinkt die Temperaturstabilität und die Bremsflüssigkeit beginnt früher zu „kochen“. Bei Hitze bilden sich dann Dampfblasen, die im Gegensatz zur Flüssigkeit leicht komprimierbar sind. Bedeutet: Der Druck, den Du durch Betätigung des Bremshebels ausübst, wird nicht mehr optimal an die Bremskolben weitergegeben. Lass es erst gar nicht dazu kommen, dass die Bremswirkung nachlässt. Schau Dir die Färbung der Bremsflüssigkeit im Flüssigkeitsbehälter an. Frische Bremsflüssigkeit ist in der Regel hellgelb. Einzelne Hersteller färben sie auch hellblau oder hellrot ein. Ungeachtet dessen ist alte Bremsflüssigkeit grau bis schwarz. Ist dies der Fall, dann besser Bremsflüssigkeit vorab wechseln.
DOT-Klassifizierung
Die DOT-Klassifizierung (DOT = Department of Transportation, US-Verkehrsministerium) bezieht sich auf den Siedepunkt von Bremsflüssigkeiten. Bei Zweirädern reichen die DOT-Klassen von 3 bis 5. Wobei DOT 3 einen Siedepunkt von 205 °C, DOT 4 von 230 °C sowie DOT 5 einen Siedepunkt von bis zu 260 °C aufweist. Welche Bremsflüssigkeit Du benötigst, zeigt das Bordbuch.
Anleitung zum Entlüften der Motorradbremse
Mit ein klein wenig handwerklichem Geschick (und der helfenden Hand eines Spezls) sollte das Motorrad-Bremse entlüften bei einem herkömmlichen Bremssystem eigentlich keine Probleme bereiten. Hier ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Praxistipp: Da die Bremsflüssigkeit ätzend ist und somit Lacke und Kunststoffe angreifen kann, decke empfindliche Teile vorab mit einem Lappen ab. Falls dennoch der eine oder andere Tropfen daneben geht, don’t panic.
- Zunächst öffnest Du den Deckel des Bremsflüssigkeitsbehälters (in der Regel Kreuzschlitzschrauben).
- Mit einer Einwegspritze kannst Du alte Bremsflüssigkeit absaugen. Aber aufpassen! Die Nachlaufbohrung am Boden des Bremsflüssigkeitsbehälters muss bedeckt bleiben. Sonst würde Luft in die Bremshydraulik dringen. Und gerade das, gilt es ja zu vermeiden. Und warum dieser erste Absaugvorgang mit der Einwegspritze? Sinn der Maßnahme ist es, den späteren Spülvorgang (mehrmaliges Betätigen des Bremshebels) zu verkürzen, da auf diese Weise schon bald frische Bremsflüssigkeit ins Bremssystem nachfließt.
- … kannst Du den Bremsflüssigkeitsbehälter mit neuer Bremsflüssigkeit befüllen. TIPP: Fülle zunächst nicht mehr als ca. zwei Drittel auf.
- Für den eigentlichen Entlüftungsvorgang kniest Du am Boden bei der Entlüftungsschraube und hast ZUERST den Ringschlüssel angesetzt. Erst DANN schiebst Du den Entlüftungsschlauch über das Ventil und steckst das andere Ende in das Auffanggefäß. Achte darauf, dass sich im Auffanggefäß bereits etwas Bremsflüssigkeit befindet und der Schlauch bis IN die Flüssigkeit hinein reicht. Da ansonsten wieder Luft ins System geraten kann. Falls Dich das Herzblatt mit zum Yoga-Unterricht nimmt und Du so gelenkig bist wie ein Yogi, hast Du im nächsten Schritt gute Karten.
- Dein Spezl betätigt oben den Bremshebel zwei bis dreimal UND hält ihn im Anschluss gedrückt. Jetzt öffnest Du unten mit dem Ringschlüssel und einer viertel Umdrehung das Auslassventil und siehst, wie über den Schlauch alte Bremsflüssigkeit in den Auffangbehälter fließt. Wenn nichts mehr nachkommt, schließt Du das Auslassventil wieder.
- … baut Dein Spezl durch Betätigen des Bremshebels wieder Druck auf und hält den Bremshebel erneut gedrückt. Du öffnest wieder das Auslassventil und lässt alte Bremsflüssigkeit in den Behälter fließen. Diesen Vorgang wiederholt ihr beide im Wechsel so oft, bis nur noch klare, frische und BLASENFREIE Bremsflüssigkeit nachfließt.
- Bei der Hinterradbremse gehst Du ähnlich vor.
- Ist die Reparatur abgeschlossen, steht eine kleine Probefahrt an. Checke beide Bremsen auf Funktionstüchtigkeit, inklusive Vollbremsung. Sollte eine Bremse immer noch „schwammig“ reagieren, den Entlüftungsvorgang wiederholen.
Besonderheiten beim Entlüften von ABS-Bremsen
Verfügt Dein Motorrad hingegen über ein ABS, ist Vorsicht geboten. Motorräder mit ABS haben in der Regel zwei Bremskreise: Den Steuerkreis, der von der Bremspumpe angesteuert wird und den Regelkreis, der über einen Druckmodulator den Bremskolben betätigt. Auch können die Bremsen wie zum Beispiel bei BMW oder Motto Guzzi vorne und hinten miteinander gekoppelt sein (Stichwort: Integralbremse bzw. Verbundbremse).
Einmal kurz die Bremse drücken, um das ABS zu aktivieren. Dadurch öffnen sich die Ventile und die restliche Bremsflüssigkeit vermischt sich mit der im ABS-Block.
Ohne umständliche Yoga-Verrenkungen oder eine helfende Hand klappt das Motorrad-Bremse entlüften mit einer im Handel erhältlichen Vakuumpumpe. Diese wirst Du vermutlich im Set mit dem Auffangbehälter kaufen. Am Deckel des Behälters findest Du zwei Aufsätze für die Schläuche. Ein Schlauch kommt vom Auslassventil des Bremssattels und führt zum Auffangbehälter. Der andere Schlauch führt vom Auffangbehälter weg und wird an der Pumpe (sieht meist aus wie eine Pistole) befestigt. Indem Du die Pumpe betätigst, sorgst Du im Gefäß für einen Unterdruck, der die alte Bremsflüssigkeit nachfließen lässt. Auch hier gilt: Du setzt den Pumpvorgang so lange fort, bis nur noch klare, blasenfreie Bremsflüssigkeit nachfließt.
Die Entlüftungsventile in den Bremssätteln unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller. Hierbei sind unter anderem die Werte zu beachten, mit denen die Entlüftungsventile festzuziehen sind. Die genauen Daten kannst Du den Werkstatt-Handbüchern entnehmen.
Zusätzliche Tipps und Überlegungen
- Regelmäßiger Wechsel: Bremsflüssigkeit mindestens alle 2-3 Jahre tauschen, wenn man viel in den Bergen fährt sogar jährlich!
- ABS-Entlüftung bei T-Max (BJ 2012): Das ABS kann mittels einem simplen Prüfadapter aktiviert werden.
- Alternative Methode für ABS-Entlüftung: Auf einer rutschigen Straße (Schotter/Sand) bei niedrigem Tempo eine Bremsung machen, bei der die Reifen blockieren.
- Werkstattsoftware für ABS: Einige Systeme lassen sich nur über Software fachgerecht entlüften, damit alle Ventile freigeschaltet werden.
- Vorsicht bei alten Bremsschläuchen: Mit Gummibremsleitungen, die ca. 15 Jahre alt sind, herumzufahren, ist nicht nur sträflich, sondern auch lebensmüde.
Wichtige Hinweise
- Bremsflüssigkeit ist aggressiv und hygroskopisch! Kleinste Spritzer am Fahrzeug sofort entfernen, größere Mengen sofort mit viel Wasser abspülen. Bei Augenkontakt mindestens 10 Minuten mit Wasser spülen und Arzt aufsuchen!
- ABS-Entlüften: Das ABS-Entlüften sollte nicht länger als 90 Sekunden am Stück gehen, der Modulator wird sonst zu heiß.
Tabelle: DOT-Klassifizierung von Bremsflüssigkeiten
| DOT-Klasse | Siedepunkt |
|---|---|
| DOT 3 | 205 °C |
| DOT 4 | 230 °C |
| DOT 5 | 260 °C |
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