Das Antiblockiersystem (ABS) ist ein seit vielen Jahren bekanntes und etabliertes System im Automobilbereich. Seit einigen Jahren findet es auch im Motorradbereich Anwendung, wobei die Gesetzgebung immer strenger wird. Seit 2016 gilt eine Regelung, die ABS für alle neu zugelassenen Motorräder vorschreibt.
Doch was sind die Vor- und Nachteile von ABS bei Motorrädern? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden.
Funktionsweise des ABS
Grundsätzlich läuft der Bremsvorgang mit dem Motorrad - mit oder ohne ABS - völlig gleich ab, nämlich unterhalb des Regelbereichs.
Wer die Bremsanlage an der Gabel seines (ABS)-Bikes bereits etwas näher betrachtet hat, wird sich vermutlich gefragt haben, warum der Hersteller in Bremsscheibennähe fächerartige Aussparungen bzw. Löcher angebracht hat: An ebendieser Zahnscheibe wird mittels Induktionsgeber an jedem Rad die Raddrehzahl gemessen und im Fall einer drohenden Radblockade (das Rad kommt dabei kurzzeitig zum Stillstand) mittels Sensoren ein steiler Abfall der Radumfangsgeschwindigkeit erkannt.
Das System wirkt bei einem Bremsmanöver insbesondere auf nicht haftfähigem Fahrbahnbelag, indem es dem Blockieren der Räder durch Bremsdruckabbau entgegenwirkt, bis sich die Räder wieder drehen können. Anschließend wird der Druck wieder aufgebaut.
Im Regelbereich des ABS spürt man die Aktivität des ABS durch ein Pulsieren im Hand- bzw. Fußbremshebel.
Moderne Systeme berücksichtigen neben den Radgeschwindigkeiten durch zusätzliche Sensoren auch Neigungswinkel und Rotationsbeschleunigungen, sodass sich die Reaktion der Systeme beim Bremsen in Kurven massiv verbessert hat. Hier lässt sich ein Pulsieren im Hebel häufig nicht mehr erkennen.
Die umfangreiche Signalverarbeitung, welche dafür notwendig ist, erfolgt in einer zentralen Steuereinheit mit bis zu 3000 Impulsen pro Sekunde.
Die Systeme sind heute nach Motorrad-Hersteller unterschiedlich. Die eingangs bereits erwähnten Regelfrequenzen und die Regelgüte liegen je nach Systementwicklung weit auseinander.
Entwicklung des ABS im Laufe der Zeit
Bei der ersten Generation, welche häufig als ABS-I bezeichnet wird, lag dieser bei maximal sieben Regelvorgänge je Sekunde, wohin gehend neueste Systeme 15 Regelvorgänge je Sekunde aufweisen können. Derartige Systeme waren bereits ab dem Jahr 1988 verfügbar und hatten ein Systemgewicht von ca. 11kg(!).
Aktuelle Systeme der 6. Generation (ab ca. 2013) sind mit Schräglagesensor mit drei Beschleunigungs- und drei Gierratensensoren ausgestattet und können bis zu 100 Mal in einer Sekunde Schräglage und Nickwinkel erfassen. Ganz nebenbei haben sie mit ca. 1kg deutlich abgespeckt - auch nicht unwichtig bei einem Motorrad.
ABS-Pflicht für Motorräder
In der Gesetzgebung wurde durch die am 1. Januar 2016 erlassene EU-Verordnung 168/2013/EU zur Typgenehmigung von Motorrädern festgelegt, dass neu zugelassene Krafträder mit einem Hubraum größer gleich 125 ccm (und über 11kW) über ein derartiges System verfügen müssen.
Einzige Ausnahmen bilden dabei bestimmte Wettbewerbs- und Trial Motorräder welche - häufig konstruktionsbedingt - kaum im öffentlichen Verkehr unterwegs sind. Im Falle einer Erstzulassung tritt diese Vorschrift 1 Jahr später, nämlich mit dem 1. Januar 2017 in Kraft.
Wer sich also ab sofort ein Motorrad der genannten Leistungs- bzw. Hubraumklasse kaufen möchte, muss sich gar nicht erst die Frage stellen: ABS? Ja, Nein, Vielleicht?
Vorteile von ABS
- Erhöhte Fahrsicherheit: ABS kann Leben retten. Laut ADAC Unfallforschung hätten 21 Prozent aller Motorradunfälle verhindert werden können, wenn die Bikes mit ABS ausgestattet gewesen wären. Zumindest aber hätten die Unfallfolgen gemindert werden können.
- Verkürzung des Bremswegs: Möglichkeit einen kürzeren Bremsweg auf nassen und trockenen Strassen hin zu legen.
- Erhaltung der Stabilität: Erhaltung der Stabilität beim Bremsen durch Vermeidung des Vorderrad-Blockierens.
- Nice to have: Egal ob man es tatsächlich braucht oder nicht: Kurven-ABS ist auf der Straße "Nice to have".
- Kein Blockieren der Räder: Vorteil ABS/ASR: Kein Blockieren der Räder bei Vollbremsung (ABS).
Nachteile von ABS
- Kostenfrage: Haben oder nicht haben - leider ist ABS (noch) eine Kostenfrage.
- Eingriffe in die Bremsbalance: Mich stört nur dass immer (z.B. beim Honda ABS) zwei Räder gleichzeitig gebremst werden, egal ob Hand oder Fussbremse (Vorder/oder Hinterrad) betätigt wird.
- Problematisch in Kurven (ältere Systeme): Das ABS ist dafür ausgelegt, die Fahrstabilität bei Geradeaus-Vollbremsungen aufrechtzuerhalten - im Umkehrschluss sind Kurvenfahren, vor allem für ältere Systeme, problematisch(er).
- Beeinträchtigung auf welliger Fahrbahn: Auf unebener, stark welliger Fahrbahn kann es zum kurzzeitigen Öffnen des Bremsdrucks (am Vorderrad) kommen, was beim Ausfedern durch die Entlastung einen Steilabfall der Radumfangsgeschwindigkeit zur Folge hat, obwohl der Reifen noch nicht an der Haftgrenze angelangt ist.
Kurven-ABS
Im Fachjargon ist häufig von Kurven- oder Schräglagen ABS die Rede.
Laut ADAC-Unfallforschung sollen 20 Prozent der von Motorradfahrern verursachten Unfälle auf zu hohe Kurvengeschwindigkeiten zurückzuführen sein. Durch neue kurventaugliche Antiblockiersysteme soll das Bremsen in Kurven sicherer werden.
Die Systeme haben extrem gut reagiert. Die physikalische und systembedingte Schwierigkeit des eindrehenden Bremslenkmomentes bei einer Kurvenbremsung bleibt allerdings auch für neuere Systeme eine Herausforderung.
Traktionskontrolle
Moderne Fahrhilfen sind immer aktiv :Kurven-ABS und Traktionskontrolle regeln nicht nur wenn das Rad schon rutscht.
Die Motorcycle Stability Control (MSC) von Bosch, unter anderem bei KTM und Ducati Serie, gleicht den geforderten Bremsdruck dauerhaft mit der maximal übertragbaren Bremsleistung ab und regelt bei Bedarf minimal nach. Der Fahrer merkt davon nichts.
Besteht das Risiko, dass der Fahrer mehr Kraft abruft als der Reifen noch übertragen kann, senkt die MTC das Drehmoment des Motors minimal ab.
Wichtigkeit des Sicherheitstrainings
Bremsen mit ABS erfordert keinesfalls weniger Übung als ohne, es bringt aber ein deutliches Plus an Sicherheit und einen höheren Fahr- bzw. Bedienungskomfort. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass ABS am Zweirad LEBEN retten kann.
Die auftretenden Kräfte und die Besonderheiten des eigenen Motorrads lernt man dabei am besten bei einem Sicherheitstraining kennen.
Fazit
Moderne ABS bedienen sich einer Vielzahl an Parametern und arbeiten schon vor dem Erreichen der Haftgrenze des Reifens. Das macht einen Bremsvorgang besonders in Schräglage harmonischer und sicherer: In Schräglage einem rutschenden Rad wieder Haftung zu verschaffen ist schwieriger, als es erst gar nicht zum Rutschen zu bringen.
ABS erhöht die Fahrsicherheit enorm. Der Fahrer muss den Umgang damit trainieren.
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