ABS-Pflicht für Motorräder ab 2016 in Europa

Das Europäische Parlament hat beschlossen, dass ab 2016 alle neu zugelassenen zwei- und dreirädrigen Fahrzeuge sowie Quads mit ABS ausgestattet sein müssen. Diese Entscheidung wurde getroffen, da überdurchschnittlich viele Verkehrstote in der EU Motorradfahrer sind.

Konkret bedeutet dies, dass neu zugelassene zwei- und dreirädrige Fahrzeuge über 125 cm³ Hubraum mit ABS ausgestattet sein müssen; bei leistungsschwächeren Fahrzeugen genügt ein kombiniertes Bremssystem. Das neue Gesetz gilt auch für leichte und schwere Straßen-Quads und Vierradmobile, die dann neu verkauft werden. Zusätzlich zu den Sicherheitsvorschriften gibt es auch neue Regelungen zum Umweltschutz. Die Abgeordneten stimmten dafür, die Euro-4-Norm für Motorräder ab 2016 und für Mopeds ab 2017 einzuführen, da der Schadstoffausstoß von Fahrzeugen der Klasse L als überproportional hoch betrachtet wird. Ab 2020 soll für alle zwei- oder dreirädrigen Fahrzeuge die Euro 5-Norm gelten.

Damit die Verordnung in Kraft tritt, müssen noch die EU-Mitgliedsstaaten zustimmen.

Was ist ABS und wie funktioniert es?

Das Antiblockiersystem (ABS) verhindert bei starkem Bremsen das vollständige Blockieren der Räder und ermöglicht so, das Fahrzeug auch während des Bremsvorgangs noch zu lenken. Erstmals eingesetzt wurde ein elektronisches ABS im Jahr 1978 in der Mercedes S-Klasse. Seit 2004 sind alle Pkw aufgrund einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Autohersteller mit dem Assistenzsystem ausgestattet.

Am Rad befindet sich ein Sensor, der die Anzahl der Umdrehungen misst und registriert, ob und wie stark Sie bremsen. Das Steuergerät verwertet die Signale, die der Sensor schickt. Es ermittelt sozusagen, ob Bremsdruck aufgebaut, gehalten oder gelöst werden muss. Die Hydraulikeinheit besteht wiederum aus drei Teilen: Pumpe, Niedrigdruckspeicher und elektronisches Steuergerät. Durch das Öffnen und Schließen der Ventile wird der Bremsdruck reguliert.

Früher musste der Fahrer noch selbst die Stotterbremsung durchführen, die auch einiges an Übung verlangte. Heute genügt es, die Bremse zu betätigen. Inzwischen gibt es verschiedene Arten des ABS. Vor allem in Kurven erhöht das ABS die Sicherheit, z. B. wenn Sie auf einer kurvigen, nassen Fahrbahn plötzlich bremsen müssen.

ABS-Pflicht für Motorräder: Details und Ausnahmen

Seit Januar 2017 (Euro 4-Regelung) müssen neue Motorräder mit mehr als 125 Kubik Hubraum mit ABS ausgestattet sein. In der Tat sind sie seither meistens sowohl am Vorderrad als auch am Hinterrad mit ABS ausgerüstet. Dazu sind die Hersteller jedoch nicht verpflichtet. Die Verordnung Nr. 168/2013 des Europäischen Parlaments (vom 15. Januar 2013) regelt: "Neue Krafträder der Unterklassen L3e-A2 und L3e-A3, die auf dem Markt bereitgestellt, zugelassen oder in Betrieb genommen werden, sind mit einem Anti-Blockier-System auszurüsten."

Mit L3e-A2 sind Motorräder mit bis zu 35 kW (48 PS) Leistung gemeint. In die A3-Klasse fallen alle, die mehr als 35 kW leisten. Die Verordnung regelt an keiner Stelle, dass diese Motorräder an beiden Rädern mit ABS auszustatten sind. Welches der beiden Räder mit einem Anti-Blockier-System ausgestattet sein muss, konkretisiert die Regelung ebenfalls nicht. Spielraum haben die Hersteller zudem bei Abschalt-Optionen fürs ABS, etwa für Rennstrecke oder Gelände - meist nur das Hinterrad betreffend.

ABS für 125er

Für die 125er-Klasse schreibt die EU Folgendes vor: "Neue Krafträder der Unterklasse L3e-A1, die auf dem Markt bereitgestellt, zugelassen oder in Betrieb genommen werden, sind nach Wahl des Herstellers entweder mit einem Anti-Blockier-System oder mit einem kombinierten Bremssystem oder beiden Typen verbesserter Bremssysteme auszurüsten."

Hier wird ebenfalls nicht erwähnt, dass ein ABS für beide Räder vorhanden sein muss. Auch nicht, ob es - wenn nur an einem Rad - das Vorderrad sein muss.

Vorteile des ABS beim Motorrad

Das Antiblockiersystem ist bei Zweirädern aus mehreren Gründen wünschenswert. So führt vor allem ein Blockieren des Vorderrades fast unweigerlich zum Sturz. Außerdem müssen die Fahrer der meisten Zweiräder zwei Bremsen koordinieren, Integralbremssysteme sind nach wie vor wenig verbreitet.

Das ABS sorgt dafür, dass das Auto auch bei starker Bremskraft noch lenkbar bleibt. Selbst auf geraden Straßen ist es von Vorteil, dass Sie gleichzeitig bremsen und ausweichen können, falls nötig. Bedenken Sie jedoch, dass abrupte Ausweichmanöver in der Regel nicht ratsam sind. Gerade bei Wildwechsel ist die Gefahr groß, in den Gegenverkehr oder den Straßengraben zu steuern.

Kurven-ABS: Ein zusätzliches Sicherheitsplus

Das schräglagentaugliche ABS von Bosch setzte vor 10 Jahren einen Meilenstein in Sachen Sicherheit und soll nun verstärkt in Modellen der Mittelklasse und darunter zum Einsatz kommen.

Das Abbremsen und Beschleunigen in Kurven ist eine besondere Fahrsituation: Weil klassische ABS-Algorithmen die Schräglage der Maschine nicht berücksichtigen, können sie bei Kurvenfahrten die Funktion des Antiblockiersystems nicht entsprechend anpassen. Es bezieht neben der Motorsteuerung die Schräglagensensorik (Gyrosensor) mit in die Regelung ein. Das erlaubt dem Fahrer unter normalen Bedingungen selbst bei 40 Grad Schräglage in die Eisen zu greifen, ohne dass wegen zu großem Schlupf Sturzgefahr besteht. Der Kniff dabei: Der Bremsdruck wird mit zunehmender Schräglage reduziert und, abhängig von der Situation, auf Vorder- und Hinterrad verteilt.

Mittlerweile ist schräglagentaugliches ABS - auch von anderen Herstellern - für knapp 140 aktuelle Maschinen verfügbar. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Motorräder der oberen Mittelklasse bis zum High End-Segment. Einsteiger-Modelle wie KTM 390 oder Mittelklasse-Bikes vom Schlag einer Aprilia RS 660 oder BMW 750 GS stellen die Ausnahme dar.

Weitere Assistenzsysteme für Motorräder

Das Motorrad-ABS läutete letztlich das Zeitalter der elektronischen Sicherheitstechnik für Zweiräder ein. Der Blockierverhinderer ist quasi die Mutter aller Assistenzsysteme, und in ihrer Erfolgsgeschichte bis hin zum Ausstattungs-Muss hat sie eine Menge Nachkommen hervorgebracht. Zum Beispiel die Traktionskontrolle: Sie verhindert unter Nutzung der vorhandenen ABS-Sensorik (Raddrehzahl) das Durchdrehen des Hinterrads, indem sie regulierend in die Motorsteuerung eingreift, sprich das Gas entsprechend zurücknimmt. Wheelie- und Stoppie-Kontrolle sind ebenfalls daraus hervorgegangen.

Inzwischen hat Bosch mit dem Einsatz von Radartechnik ein neues Kapitel der Motorrad-Assistenz aufgeschlagen, kurz ARAS genannt. Das Akronym steht für Advancend Rider Assistance Systems. In den Ausstattungslisten von BMW, Ducati, KTM und Yamaha ist hingegen die Rede von Adaptive Cruise Control (AAC), Abstandstempomat oder adaptiver Geschwindigkeitsregelanlage. Gemeint ist das Gleiche: Eine neue Generation von Assistenzsystemen, die das Umfeld des Motorradfahrers erfassen kann.

Sie erlaubt selbsttätige Geschwindigkeits- und Abstandsregelung. Darüber hinaus ist das System in der Lage vor Kollisionen und Gefahr, die im toten Winkel lauert, zu warnen. Das ACC markiert insofern einen Meilenstein, als das System erstmals den Fahrer aktiv mit dosierter Verzögerung unterstützt, einen konstanten Sicherheitsabstand zu halten. Beim Kollisionswarner erfolgt kein Bremseingriff, aber ein optischer Hinweis im Display, wenn der Fahrer nicht auf eine kritische Annäherung zum vorausfahrenden Fahrzeug reagiert.

Tabelle: Sicherheitssysteme für Motorräder

Bezeichnung Wirkung Sicherheitspotenzial
Standard-ABS (vorrangig für Geradeausbremsung) Seit 2017 Pflicht, verhindert vor allem bei Geradeausfahrt einen Sturz durch Notbremsung mit blockierten Rädern Sehr hoch
Kurventaugliches ABS Wie Standard-ABS, zusätzlich anwendbar in starker Schräglage, verhindert das Aufrichten der Maschine inkl. Verlassen der Fahrlinie und ein Wegrutschen der Räder (im Rahmen der physikalischen Grenzen) Sehr hoch
Hinterrad-Abhebe-Kontrolle (Stoppie-Kontrolle) Verhindert beim starken Bremsen das Abheben des Hinterrades, im Extremfall einen Fahrzeugüberschlag, besonders bei starken Bergabbremsungen. Funktion ist in guten ABS teilweise integriert Hoch
Kombi- oder Integral-Bremssystem Bremskreise für Vorder- und Hinterrad sind ganz oder teilweise verknüpft, Bremshebel wirkt auch auf die Bremse des anderen Rades. Sorgt für bessere Bremsstabilität und schnelleren Bremseinsatz Hoch
Wheelie-Kontrolle Verhindert das Abheben des Vorderrades beim zu heftigen Beschleunigen. Motorkraft wird ggf. begrenzt Hoch
Kurventaugliche Schlupfkontrolle Sichert bei Kurvenfahrt den Grip des Hinterrades durch etwaige Begrenzung der Motorkraft, besonders bei sportlicher Fahrweise, kann sogenannte Highsider verhindern Hoch
Standard-Schlupfkontrolle Sichert Grip und Führung des Hinterrades bei Geradeausfahrt, "Durchdrehen" wird verhindert Mittel
Anti-Hopping-Kupplung, Motorbremsmoment-Kontrolle Verhindert beim Runterschalten oder Gaswegnehmen ein kurzzeitiges Blockieren des Hinterrades, sichert damit Grip und Führung des Hinterrads vor allem beim Anbremsen vor engen Kurven Mittel
Automatische, dynamische Anpassung des Feder-Dämpfer-Systems Verbessert den Kontakt der Räder auf unebenem Untergrund bei sportlicher Fahrweise, erhöht Fahrstabilität bei sehr dynamischen Fahrmanövern (z.B. starkes Beschleunigen und Bremsen) Mittel
Abstandsradar (z.B. Adaptive Cruise Control) Überwacht fortlaufend den Abstand zu anderen Fahrzeugen, vorrangig nach vorne gerichtet. Funktion ähnlich wie bei Pkw, Steuerung der Motorleistung, autonome Bremsung bis 0,5 g Mittel, dient vorrangig dem Komfort
Totwinkel-Assistent / Side-View-Assistent (Radargestützt, ähnlich wie Abstandsradar) Warnt vor seitlich fahrendem Fahrzeug, das man beim Spurwechsel übersehen könnte Mäßig
Verschiedene Fahrmodi Motorcharakteristik kann den Witterungs- und Straßenverhältnissen angepasst werden, auch Off-Road-Modus möglich. Umfasst oft auch Einstellungen von Bremse und Fahrwerk. Unterschiedlich (Sicherheitsgewinn hängt von den Fahrgewohnheiten ab)
Blinkendes Bremslicht Bei Vollbremsung blinkt das Bremslicht, um den nachfolgenden Verkehr zu warnen Mäßig
Reifendruckkontrollsystem Warnt bei Druckverlust im Reifen, kann bei korrekter Fahrerreaktion das Unfallrisiko verringern Mäßig
Berg-Anfahr-Hilfe Klemmt an starken Steigungen die Hinterradbremse bis zum Anfahren fest, um eine Rückwärtsrollen zu verhindern, reduziert Stress Mäßig
(Adaptives) Kurvenlicht Leuchtet die Straße bei Kurvenfahrt besser aus als Standardlicht. Sicherheitsgewinn bei Nachtfahrten Mäßig
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