Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 84.000 Fahrradunfälle aktenkundig, oft mit schwerwiegenden Folgen wie Kopfverletzungen, Verletzungen an der Wirbelsäule, Lungenquetschungen und sogar Todesfällen. Dies hat viele Unternehmen dazu veranlasst, sich der Sicherheit von E-Bike-Fahrern zu widmen.
Helite Fahrrad-Airbag-Weste
Eine dieser Firmen ist Helite aus Nümbrecht in Nordrhein-Westfalen. Der Helite-Fahrrad-Airbag sieht aus wie eine Weste und kann beim Radfahren einfach über der normalen Kleidung getragen werden. Über Sensoren registriert die Weste eine plötzliche Lageänderung - wie es bei einem Sturz der Fall ist. Außerdem kann sie erkennen, wenn es einen Zusammenstoß gibt.
Im Praxistest durfte ein Reporter die Weste einem Trockentest unterziehen und die Kartusche einmal auslösen. Das Feedback: Sehr schnell und sehr laut. Es fühlte sich für den Reporter so an, als dürfte er sich auf einmal nicht mehr am Oberkörper bewegen. Im Sturztest löste der Airbag dann relativ spät aus, gerade noch rechtzeitig, bevor die Testperson den Boden berührte. Laut Hersteller ist dies nachvollziehbar, da der fingierte Sturz relativ langsam war. Bei einem „echten“ Ereignis würde das Auslösen schneller passieren.
Die Airbag-Weste von Helite hat ihren Preis: Stolze 699 Euro verlangt der Hersteller dafür. Das Gute: Es handelt sich nicht um einen Einmalartikel. Die CO2-Kartusche kann nachgekauft werden. Eine neue Füllung kostet dann aber noch einmal 59 Euro.
Mase Airding Rucksack-Airbag von Minerva
Ganz neu auf dem Markt ist der Rucksack-Airbag Mase Airding von Minerva. IMTEST hat gemeinsam mit einem Stuntman herausgefunden, wie er funktioniert, wie sicher der neue Schutz ist und was er im Alltag taugt. Der Mase Airding kann als Erweiterung zum Helm dienen.
Im letzten Jahr ist die Anzahl getöteter Fahrradfahrer im Straßenverkehr wieder leicht gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt waren es 474 Menschen, im Gegensatz zu 372 im Jahr davor. Die Deutsche Verkehrswacht hat ermittelt, dass etwa nur 32 Prozent der Erwachsenen einen Helm tragen. Und gerade in Großstädten kommt es immer wieder zu brenzlichen Situationen, weil beispielsweise ein Autofahrer einen Radfahrer übersehen hat.
Den Mase Airding gibt es in zwei Varianten: Das Modell Airding Tour schützt den Nacken- und Schulterbereich, der Airding Cruise zusätzlich den ganzen Kopf. Neben dem Airbag-Schutz ist der Rucksack mit einem zusätzlichen Rückenprotektor ausgestattet, um den Rücken und die Wirbelsäule zu schützen. IMTEST hatte den Airding Tour im Test, der auch mit einem Helm ergänzt werden kann.
Bevor man den Rucksack nutzen kann, wird er per USB-Kabel aufgeladen, zum anderen muss eine kleine Gaskartusche eingesetzt werden. Das erwies sich als recht einfach und selbsterklärend. Schließt man die Brustschnalle, zeigt ein grün-blickendes LED-Licht an, dass der Airbag einsatzbereit ist. Wer mag, kann über die Minerva-App eine Testauslösung durchführen, allerdings ist dann auch die erste Kartusche gleich verbraucht.
Laut Hersteller Minerva überprüfen im Einsatz 300 Sensoren pro Sekunde anhand der Position, ob der Radfahrer gestürzt ist. Falls ja, wird die Kartusche aktiviert und der Airbag, der ein Volumen von 19 Litern hat, bläst sich innerhalb von 150 Millisekunden auf. Der Innendruck soll dabei rund 1,4 bar betragen. Nach dem Auslösen umschließt der Mase Airding den Hals- und Schulterbereich. So sollen Verletzungen effektiv verhindert beziehungsweise reduziert werden.
Bereits in der Luft hat der Mase Airding zuverlässig mit einem lauten Knall ausgelöst, sodass der Stuntman unbeschadet gelandet ist. Nach eigener Aussage hat er sich dabei sehr sicher gefühlt.
Der Airbag kann wiederverwendet werden, wenn er nicht beschädigt wurde. Dabei muss lediglich eine neue Gaskartusche eingesetzt und der Airbag wieder in den Rucksack verstaut werden. Die Anschaffung des Rucksacks ist nicht gerade preisgünstig. 790 Euro sind im Onlineshop von Minvera dafür gelistet, eine Ersatzkartusche kostet dort 99,95 Euro, beziehungsweise 49,95 Euro als recycelter Inflator.
Der Test-Rucksack, in dem sich der Airbag mitsamt der Kartusche versteckt, wiegt 1.444 Gramm. Nicht besonders schwer, allerdings muss dazu gesagt sein, dass sich außer einem Schlüsselbund oder einem Smartphone in einem kleinen Außenfach nichts weiter darin transportieren lässt. Daher eignet er sich eher für sportliche Tagestouren, bei denen man eine Trinkflasche am Rahmen befestigt hat und wenig Gepäck, wie eine Regenjacke oder Essen, in einer Lenkertasche dabei hat. Für Pendler oder für den Alltag ist er weniger sinnvoll, es sei denn, man hat seine Sachen in großen Gepäckträgertaschen oder fährt ein Cargo-E-Bike.
Die drei Gründer von Minerva hatten bereits vor der Idee des Airdings nach eigener Aussage jahrelang mit Airbags beruflich zu tun. Daher lag es nah, diesen Schutz für Fahrradfahrer weiterzuentwickeln, da sie zudem passionierte Radler sind. Da die drei ihre privaten Radtouren in und um das bayrische Erding unternehmen, lag der Name Airding für ihre Erfindung nah.
Hövding Fahrrad-Airbag
Der Fahrrad-Airbag des schwedischen Herstellers Hövding könnte für einige Helmmuffel eine Alternative sein. Er wird als Kragen um den Hals getragen. Aufsetzen und mit dem Reißverschluss vorne am Kragen schließen. Der Kragen ist nicht wirklich angenehm zu tragen, er kratzt zwar nicht, aber es ist schon ein großes Gerät, das da um den Hals hängt.
Im Winter mit Pullover und dicker Jacke sitzt der wetterfeste Kragen noch ein Stück höher, was die Bewegungsfreiheit etwas einschränkt, berichtet ein Nutzer, der seit Jahren mit dem Hövding durch die Stadt zur Arbeit pendelt. Bisher hat der Airbag einmal ausgelöst, als er von einem rasenden Radfahrer bedrängt wurde und mit dem Rad seitlich aufs Knie gefallen ist.
Der Hersteller betont: Das System ist nur während der Fahrt zu aktivieren, denn der Algorithmus in der Steuereinheit auf dem Rücken ist mit den typischen Bewegungsmustern von Fahrradunfällen programmiert. Um die Software mit Bewegungsdaten zu füttern, wurden laut Hersteller tausende Stürze und Unfälle mit Stuntfahrten und Crashtest-Dummies nachgestellt. Sensoren registrieren 200 Mal pro Sekunde die Positionsänderung. Erkennt das System einen Sturz, wird der Airbag in weniger als 0,1 Sekunden ausgelöst.
Die Gasdruck-Kartusche schießt hinten aus der keilförmigen Einheit und baut schlagartig eine neun Zentimeter dicke Polsterung auf, die sich über den Kopf stülpt. Das geht so schnell, dass man es kaum bewusst wahrnimmt: Ein lautes „Peng“, der Airbag ist da. Der Nacken wird stabilisiert und die empfindliche Wirbelsäule geschützt. Wie eine riesige Kapuze zieht sich der Airbag weit über den Kopf.
Wenn der Airbag auslöst, bietet er einen weitreichenden Rundumschutz, wenn er nicht auslöst, weil die typische Bewegung fehlt, schützt er nicht. Der riesige, prall gefüllte Airbag-Helm schützt Kopf und Nacken umfassend. Die Geschwindigkeit und Wucht, mit der er aus dem Kragen schießt, ist beeindruckend.
Hövding 3 im ADAC Crashtest
In der Crashanlage des ADAC Technik Zentrums Landsberg wurde 2021 ein Dooring-Unfall nachgestellt, um den Airbag-Helm Hövding 3 zu testen. Mit 18 km/h fährt ein Stuntman auf die geöffnete Autotür zu, prallt mit seinem Fahrrad gegen die Tür, hechtet drüber und landet nach einer Rolle vorwärts auf dicken blauen Gymnastikmatten. Im Flug hat mit einem lauten Knall der Hövding ausgelöst, umschließt und schützt seinen Kopf - optisch erinnert der entfaltete Airbag an eine Trockenhaube für den privaten Gebrauch.
"Der Airbag hat sich innerhalb kürzester Zeit, nach 80 Millisekunden, voll entfaltet", sagt Michael Peuckert, ADAC Projektleiter für Produkttests.
Eine Untersuchung der Universität Straßburg bescheinigt dem Hövding einen sehr guten Schutz vor Kopfverletzungen. "Wenn ich nach vorn oder zur Seite falle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auslöst und schützt, sehr hoch." Gut sei auch, dass der Hövding sich sehr schnell entfaltet. "Allerdings schützt er nicht in allen Unfallszenarien so gut wie ein Helm", schränkt Peuckert ein, "zum Beispiel beim Crash mit einer Lkw-Tür oder einem Lkw-Spiegel." Hier seien herkömmliche Fahrradhelme eindeutig besser als ein Airbag, der sich ja erst entfalten muss. Peuckert: "Der Helm ist immer da, bietet sozusagen ab Millisekunde 0 vollen Schutz."
Als größte Schwäche sehen die Tester, dass der Airbag-Kragen bauartbedingt nicht in jeder Unfallsituation schützen kann. Dazu kommt der im Vergleich zu Helmen eingeschränkte Tragekomfort.
Hövding 3 im Praxistest
Der Hövding 3 legt sich wie ein etwas zu starrer Schal um den Hals. Auf dem Rücken liegt eine etwa faustgroße Steuereinheit mit Technik, Akku und Gaskartusche auf. Vorne sorgt ein Reißverschluss für den festen Halt. Ein Drehelement, wie man es von den meisten Fahrradhelmen kennt, zurrt den Hövding 3 fest. Er sollte aber nur so fest angezogen werden, dass der Fahrer noch ausreichend Luft bekommt. Sobald man auf dem Fahrrad sitzt, schließt man die magnetische Sicherung und stellt den Fahrrad-Airbag damit scharf.
Tatsächlich fühlt sich der Hövding 3 beim Anlegen wenig bequem an. Das gilt vor allem dann, wenn man keinen Pullover oder keine Jacke trägt. Er drückt vorne unter dem Kinn und hinten im Nacken. Ist dagegen etwas Stoff zwischen Hals und Hövding 3, wird die Sache deutlich angenehmer. Beim Fahrradfahren selbst bemerkt man den Fahrrad-Airbag schon nach kurzer Zeit kaum noch. Der Hövding 3 scheint auf die Körperhaltung beim Fahrradfahren optimiert zu sein.
Der Hövding 3 verbindet sich auf Wunsch mit einer Smartphone-App. Diese verlangt zunächst eine Registrierung, dann die Verbindung über Bluetooth mit dem Hövding 3. Das klappt im Test auf Anhieb. Die sinnvollste Funktion der App ist die Notfallbenachrichtigung. Nach der Erlaubnis des Zugriffs auf den Standort und der Angabe eines Notfallkontakts schickt die App beim Auslösen des Airbags eine SMS an den hinterlegten Kontakt. Das funktioniert im Test problemlos.
Wann löst der Hövding aus?
Um zu testen, wann der Hövding 3 auslöst, wurde ein anspruchsvoller Wald-Trail mit einem E-Mountainbike befahren. Zunächst wurde bestimmt 15 Minuten lang über Stock, Stein, Wurzel und Schlagloch gefahren. Alles kein Problem. Der Helm scheint genau zu wissen, welche auch heftigere Bewegungen zum Ausgleich der wilden Fahrt gehören. Mit dabei sind auch krassere Seitlagen und schnelle Balance-Bewegungen.
Doch dann ist es soweit: Das Vorderrad verhakt sich in einem Loch, wir geraten in Vorlage. Der Hövding 3 erkennt sofort eine kritische Situation und löst die Gaskartusche aus. Mit einem lauten Knall pumpt sich der Fahrrad-Airbag innerhalb einer zehntel Sekunde auf und stülpt sich vom Hals über den gesamten Kopf. Dabei füllt sich auch die Halskrause mit Gas und stabilisiert die Nackenpartie. Das ist für den Fahrer vielleicht sicher, aber nicht gerade angenehm. Wir müssen schnell den Reißverschluss lösen, weil wir kaum noch Luft bekommen.
Schließlich waren wir gerade dabei, vom Fahrrad zu springen und mit den Füßen auf dem Waldboden zu landen. Im Grunde bestand keine Gefahr für den Kopf, doch das weiß der Hövding 3 natürlich nicht. Er agierte in dem Fall nach dem Prinzip: Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig ausgelöst.
Fahrrad-Airbag: Vor- und Nachteile
Fahrrad-Airbags sind umstritten. Einerseits gelten sie als innovativ und bieten mehr Schutz für Fahrradfahrer und E-Biker. Andererseits gibt es auch Bedenken hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit und ihres Preises.
Die Leistung, die Verarbeitung und das Sicherheitsgefühl haben überzeugt, dass der Hövding 3 im Ernstfall besser schützen kann als ein Fahrradhelm. Aber der Airbag-Helm schützt nicht bei jedem Unfallszenario.
Der ADAC bescheinigt dem Hövding 3 in den meisten Situationen einen besseren Schutz, als es konventionelle Helme bieten können. Doch nicht in allen Situationen. So löst der Hövding 3 etwa nicht aus, wenn ein Fahrradfahrer mit dem Kopf gegen den Seitenspiegel eines LKWs knallt.
| Produkt | Hersteller | Preis (ca.) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Airbag-Weste | Helite | 699 € | Wird über der Kleidung getragen, CO2-Kartusche austauschbar |
| Airding Tour | Minerva | 790 € | Rucksack mit Nacken- und Schulterschutz, wiederverwendbar |
| Hövding 3 | Hövding (Insolvenz) | 250 € (Abverkauf) | Kragenform, schützt Kopf und Nacken |
Egal, ob bei der Feierabendrunde, der Pendelfahrt zur Arbeit oder dem Weg zur Kita: Wer mit dem E-Bike oder Fahrrad unterwegs ist, sollte einen Helm tragen. Zwar gibt es weder für Erwachsene noch für Kinder eine Helmpflicht, aber man sollte sich bewusst sein, dass dieser Schutz enorm dazu beitragen kann, Verletzungen bei einem Sturz zu minimieren.
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