Restaurieren liegt voll im Trend. Aus alt mach neu - diese gegenläufige Tendenz zur Wegwerfgesellschaft birgt den ein oder anderen Vorteil in sich. Der Spaß, die Muße und der Erfolg beim Schaffen einer individuellen handwerklichen Leistung ist hierbei nur ein Aspekt. Oftmals benötigen Sie gar nicht so viele Materialien für diese Arbeit: Lassen Sie sich nicht vom ersten äußerlichen Eindruck abschrecken!
Die ersten Schritte: Reinigung und Bestandsaufnahme
An erster Stelle steht immer eine gründliche Säuberung, erst dann lässt sich der wahre Zustand des Bikes beurteilen. Entfernen Sie zunächst Dreck und Schmutz, wie zum Beispiel eingetrocknete Erde, Staub und Schlamm. Als nächstes müssen eventuelle Roststellen beseitigt werden. Hierfür verwenden Sie am besten einen speziellen Rostlöser. Wenn Rost und Dreck beseitigt sind, kann auch mal ein echtes Schmuckstück zutage treten.
Verschleißteile ersetzen
Bei einem alten Fahrrad werden Sie nicht drum herum kommen das ein oder andere Verschleißteil zu ersetzen. Im klassischen Fall sind hiervon Kette, Reifen, Bremsen und Bremsbeläge betroffen.
Der individuelle Look: Retro-Optik und passende Accessoires
Wer ein altes Fahrrad restauriert, legt in der Regel auch Wert auf ein individuelles und stilvolles Äußeres, zum Beispiel in Retro-Optik. Überlegen Sie sich im Vorfeld wie Ihr Bike später einmal aussehen soll. Mit einem schicken Ledersattel im Vintage-Look lässt sich zum Beispiel relativ einfach ein visuelles Statement setzen. Passende Accessoires (Korb, Werkzeugtasche etc.) können das Gesamtbild abrunden.
Achten Sie darauf, dass sich alle Ersatzteile unauffällig in die Optik Ihres Bikes einfügen, damit der spezielle Look nicht verloren geht. Viele neue Artikel sind auch mit einem nostalgischen Design erhältlich. Sicherheitsrelevante Bauteile sollten im Zweifel, zum Beispiel bei starkem Rostbefall, immer ausgetauscht werden, auch wenn sie noch „hübsch aussehen“ und perfekt in die Optik passen. Beachten Sie aber auch, dass das Äußere nicht an erster Stelle stehen sollte.
Rennräder als Stadtrad
Man sieht Rennräder, insbesondere ältere, aber immer häufiger auch als Stadtrad. Der Vintage- oder Retro-Look passt zum Zeitgeist. Grundsätzlich finde ich das klasse. Man sollte allerdings bedenken, dass Rennräder nicht unbedingt komfortabel sind - verglichen mit einem guten, modernen Stadtrad. Aber das ist vielleicht eine Gewöhnungsfrage. Viel entscheidender ist, dass alte Rennräder in der Regel eine Rahmenschaltung und nicht gut aus einer oberen, bequemeren Griffposition zu bedienende Bremsen haben. Das macht ein schnelles, sicheres Reagieren auf Gefahrensituationen im Straßenverkehr etwas schwieriger. Dennoch kann ein altes Rennrad auch ein tolles Stadtrad sein.
Worauf man beim Kauf achten sollte
Beim Kauf gilt es auf Einiges zu achten. Die folgende Aufzählung ist sicherlich nicht abschließend. Wenn ihr das Rad selber fahren wollt, achtet auf eine passende Rahmengröße. Alte Rahmen unterscheiden sich zum Teil in ihrer Geometrie von modernen Rahmen. Probefahren ist natürlich am besten.
Auch der Lenker sollte zu euch passen. In etwa schulterbreit ist hier ein guter Richtwert. Die Bezeichnungen „vintage“,„retro“ o. ä. sind nicht automatisch mit guter Qualität gleichzusetzen. Ich habe so einige Beschreibungen gelesen, die einfach nur völlig an den Haaren herbeigezogen waren, was die Details zum Rad anging. Es werden viele Räder in dieser Kategorie angeboten, die eher aus den 90ern stammen und die man damals beim Discounter kaufen konnte.
Wenn ihr ein Rad gefunden habt, sucht im Netz nach dem Hersteller, dem konkreten Modell und macht euch schlau. Häufig findet man Infos zum Rad, zum Baujahr, zum Einsatzzweck, zu den Originalkomponenten etc. Achtet auf die einzelnen Komponenten. Sind es noch die Originalteile? Ist das ein Gruppenmix oder eine reine Gruppe? Welche Qualität? Sind vielleicht besondere Komponenten verbaut? Wurde das Rad „verbastelt“? Sprich neu lackiert, Teile ausgetauscht o. ä. Das ist unter Umständen völlig ok, muss aber gut gemacht sein.
Was gibt es für Materialschäden? Alte Räder ganz ohne Schäden gibt es kaum. Aber die können entscheidend sein. Leichte Lackschäden? Kein Problem. Irreparabler Rahmenschaden? Vergesst das Rad - höchstens zum Ausschlachten.
Werkzeug und Ersatzteile
Wenn ihr Reparaturen vornehmen müsst, stellt sich die Frage, ob ihr das richtige Werkzeug da habt. Was muss ersetzt werden? Selbst wenn die meisten Teile ok sind, muss in der Regel irgendwas gewechselt werden. Sammlerstücke sollte man meiner Meinung nach nur restaurieren und möglichst wieder mit Originalteilen versehen oder diese erhalten.
Letztendlich kommt es auch darauf an, ob ihr das Rad nutzen möchtet, oder es nur für die „Vitrine“ ist. Wenn ihr es benutzt, muss es natürlich funktionieren und das kann bedeuten, dass ihr einige der Originalteile austauschen müsst.
Die Restaurierung eines Centurion LeMANS
Gegenstand dieser Restaurierung ist ein Rennrad aus meinem Geburtsjahr 1981 - zumindest laut dem Verkäufer. Es handelt sich um ein Centurion LeMANS. Dieses Modell wurde von 1970 bis 1989 gefertigt und stetig verbessert.
Das Wichtigste: Der Rahmen ist top in Schuss. Nichts ist verbogen und es gibt nur eine Roststelle. Alle Lager müssen demontiert und komplett neu gefettet werden, da sich bspw. die Kurbel nicht mehr wirklich gut bewegen lies. Die Züge und Zughülsen waren hinüber. Das Lenkerband war total abgegriffen. Die Lenkerstopfen waren angebrochen. Der Sattel hatte einen längeren Riss. Die Schlauchreifen waren sehr rissig.
Sicher muss man nicht unbedingt jedes Rad vollständig demontieren. Aber abhängig vom Zustand oder euren Ansprüchen, kann das sinnvoll sein. Mein Ziel war es alle Teile gründlich zu reinigen, neu zu schmieren, den Rahmen aufzuarbeiten usw.
Wie schon oben beschrieben, können es alte Räder in sich haben. Zwar kommt man mit einem günstigen Fahrrad-Werkzeugkoffer schon sehr weit und meiner hat mir hier gute Dienste erwiesen, aber an einigen Komponenten ist das darin enthaltene Werkzeug doch gescheitert. Die vollständige Demontage des Rennrades hat sich in jedem Fall gelohnt.
Reinigung des Rahmens
Den gröbsten Schmutz am Rahmen habe ich mit viel Wasser, Spüli und einem Schwamm entfernt. Grundsätzlich ist bei Beschriftungen, Aufklebern o. ä., die alten Fahrrädern ihre besondere Note verleihen, immer etwas Vorsicht geboten. Diese möchte ich möglichst erhalten. Bei hartnäckigerem Schmutz, hilft übrigens WD-40 sehr gut.
Rost entfernen und Lack ausbessern
Zum Glück, fand sich an dem Rahmen des Centurion nur an einer Stelle Rost, die hätte auf lange Sicht aber sicher Probleme gemacht. Die Stelle habe ich grob abgeschliffen und gesäubert und dann mit Rostumwandler behandelt. Hier muss man vorsichtig sein. Rostumwandler eignen sich nicht immer für solche Arbeiten und greifen teilweise Lacke o. ä. an.
Jetzt musste ich die Stelle erneut lackieren. Ich habe bereits so einige Fahrräder komplett neu lackiert und dabei die besten Ergebnisse mit Autolacken erzielt. Etwas schwierig ist die Farbwahl. Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, kann man beim Lackierer eine Farbanalyse machen lassen. Die Stelle war aber recht klein und ich habe einen Auto-Lackstift in einem Rotton gefunden, der sich vom Original nur mit der Lupe unterscheiden lässt.
Anschließend habe ich den gesamten Rahmen mit einem Auto-Lackreiniger bearbeitet. Wieder erst vorsichtig an einer unauffälligen Stelle testen.
Reinigung der Anbauteile
Die Reinigung der Anbauteile war eine recht mühselige Geschichte, aber ich wollte, dass alles wieder blitzt und strahlt und v. a. einwandfrei funktioniert. Dabei kamen zunächst wieder Wasser, Spüli und WD-40 zum Einsatz. Um sich das Leben leichter zu machen, kann man alle Teile einfach komplett mit WD-40 einsprühen und über Nacht in einer Wanne stehen lassen. Zum Teil musste ich auf Nitro zurückgreifen. Damit solltet ihr sehr vorsichtig umgehen, da es unter Umständen die Teile angreifen kann. Zu guter Letzt habe ich alle Metallteile mit der Polierwatte von Nevr Dull poliert. Jetzt erstrahlen alle Teile wieder in altem Glanze.
Drehmomente bei alten Komponenten
Auf modernen Fahrradkomponenten werden häufig die Drehmomente angegeben, die man beim Festziehen benutzen soll. Bei alten Komponenten steht man vor einem Problem. Was also tun? Ich habe mich grundsätzlich an den Drehmomenten moderner, ähnlicher Komponenten orientiert. Wenn ich das Gefühl hatte, etwas wird zu fest, habe ich es wieder leicht gelockert.
Anschließend habe ich mit dem Rennrad eine kleine Testtour bei niedriger Geschwindigkeit gemacht. Einige Schrauben haben sich dabei wieder etwas gelockert. Also fester anziehen.
Kosten und Aufwand
Die Kosten können sich bei einem solchen Projekt erheblich unterscheiden. Die Restaurierung eines alten Rennrades ist nicht automatisch ein günstiges Vergnügen. Mit dem Trend zu Vintage- und Retro-Bikes steigt auch die Zahl der Restauratoren historischer Fahrräder.
Um aus einem alten Fahrrad oder Rennrad ein fahr- und funktionstüchtiges Retro-Bike zu machen, muss man inklusive Teilebeschaffung mit einem durchschnittlichen, zeitlichen Aufwand von ca. 80-100 Stunden rechnen.
Interview mit Jürgen Nöll
Dazu gehört auch Fahrrad-Enthusiast Jürgen Nöll, der es sich zur Aufgabe machte, ein altes Diamant-Rennrad zu restaurieren und nun dessen stolzer Besitzer ist.
Hallo Herr Nöll. Zunächst vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Die wichtigste Frage zuerst: Woher kommt Ihre Fahrrad-Leidenschaft?
Das erste Fahrrad meines Vaters war ein Diamant Halbrenner, Modell 100 von 1928. Nach dem Krieg zum Tourer umgebaut, saß ich bereits als Knirps hinter dem Lenker und durfte mitfahren. Rund 50 Jahre später fand ich die Reste des Rades auf dem Speicher und machte mich sofort an die Restaurierung.
Haben Sie schon öfter alte (Diamant-)Fahrräder restauriert? Erzählen Sie uns von Ihrer größten Herausforderung!
Der grüne Halbrenner meines Vaters mit Felgen aus Holz war die größte Herausforderung. Auch hierzu gibt es eine überaus interessante und lustige Geschichte. Vielleicht einmal für später.
Worauf sollten Fahrradsammler bei einer Restaurierung achten?
Wichtig bei der Beschaffung eines Restaurierungsobjektes ist die Vollständigkeit aller Originalteile. Im Gegensatz zu früher sind heute Räder gesucht, die noch eine erhaltenswerte Patina besitzen. Nur eine sanfte Reinigung, möglichst keine neue Lackierung/Linierung, wenn die vorhandene noch original ist. Schäden an Lack, Nickel und Chrom sind nach einem langen Fahrradleben normal und werden heute von Sammlern toleriert. Jede Restaurierung kostet Substanz. Beim Sandstrahlen und nachfolgender Neulackierung gehen zwangsläufig alte Linierungen und Verzierungen unwiederbringlich verloren.
Welches ist Ihr Diamant-Lieblingsmodell und warum?
Am liebsten bin ich heute mit dem Diamantrad von 1961 unterwegs. Da passt einfach alles, von der Sitzposition über die Beinlänge bis hin zur Lenkgeometrie. Mit ihm habe ich schon große Strecken zurückgelegt, habe es sogar zwei Winter lang als Trainingsrad benutzt. Die robuste Technik hat mich noch nie im Stich gelassen, obwohl es bereits schon mehr als 50 Jahre alt ist.
Fahren Sie selbst Rennrad oder betreiben Sie andere Fahrradsportarten?
Nach 20 Jahre Motorradrennsport bin ich zum Radsport übergewechselt. Da haben sich zwischenzeitlich auch viele andere historischen Modelle eingefunden. Als ehemaliger Entwicklungsingenieur im Bereich der Motorenentwicklung der Firma Opel besitze ich selbstverständlich auch Opelräder und darüber hinaus noch einige italienische Rennräder berühmter Marken. Als Mitglied im ortsansässigen Radsportverein gehe ich mit Freunden gerne auch schon mal auf längere Touren. Zum Beispiel Basel-Kleve, ein alter Radrennklassiker oder zuletzt Rüsselsheim-Paris-Rüsselsheim.
Wenn Sie sich entscheiden müssten: Wo radelt es sich Ihrer Meinung nach am besten?
Viele Jahre habe ich auf einen Dienstwagen verzichtet um zumindest von April bis November mit dem Rad zum Büro zu fahren. Jetzt im Ruhestand ist mein bevorzugtes Terrain mit dem Rennrad befestigte Wege und wenig befahrene Straßen. Um in den Sommermonaten nicht zu sehr der Sonne ausgesetzt zu sein, bevorzuge ich schattenspendende Waldwege. Aufgrund der breiteren Reifen ziehe ich dann allerdings ein Treckingrad bzw. Mountainbike vor.
Worauf würden Sie hingegen im Fahrradalltag gerne verzichten?
Ganz klar auf das Fahren im Stadtverkehr zwischen Autos und LKW. Da ist man den schädlichen Emissionen ungeschützt ausgesetzt.
Haben Sie in der nächsten Zeit noch bestimmte Fahrradprojekte geplant?
Im Grunde genommen bin ich mit meinen über zehn Fahrrädern für jede Situation gewappnet. Irgendwann stößt man dann auch schon mal an seine Platzgrenzen. Dennoch kann ich für nichts garantieren… (haha)
Bestandsaufnahme eines Diamant-Fahrrads (1961)
Ein filigraner Diamant-Stahlrahmen mit ebenso filigraner Gabel - viel zu schade zum Ausschlachten. So erbärmlich es auch mit den rostigen Fahrradteilen, seinem verblassten, mit unzähligen Schrammen übersäten Lack, dem verformten Sattelleder, den unterschiedlichen Felgen und Reifen aussah - der Fahrrad-Liebhaber brachte es nicht übers Herz, den Diamanten auszuschlachten. Also gab es nur eine Alternative: Die Restauration.
Mögliche Mängel
- Altes Schaltwerk, Kette und beide Zahnkränze des Kettenrads verrostet
- Unzählige Schrammen in der Lackierung
- Abgefahrene und unterschiedliche Felgen und Reifen
- Bakelit -Lenkergriffe zerbrochen
- Feder-Ledersattel spröde
- Typenschild, Licht, Gepäckträger und Schutzbleche fehlen
Empfohlene Werkzeuge
- Alu- oder Kupferhammer
- Gummihammer
- Speichenschlüssel
- Kettenöffner
Die Demontage
Für die Wiederherstellung eines fahrbereiten Zustands des Diamantrads, müssen zunächst einige veraltete Einzelteile demontiert werden:
- Fahrradkette
- Tretlager
- Lenkkopflager
Reinigung und Pflege
Sollen Einzelteile wie Lager oder Kurbel bestehen bleiben, helfen rituelle Waschungen in Terpentin oder Benzin, bevor sie wieder in den vollständigen Kurbelbetrieb eingebaut werden, so Restaurator Nöll.
Montage
Nachdem alle Teile gereinigt und in Ordnung sind, kann der Zusammenbau beginnen.
Warum ein altes Fahrrad restaurieren?
Es gibt eine ganz Reihe guter Gründe, ein altes Fahrrad restaurieren zu wollen: Du bist vielleicht Retro- oder Vintage-Fan, suchst ein Fahrrad mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis oder schätzt die gute, alte Fahrrad-Qualität, … um nur ein paar Beweggründe zu nennen.
Bedenke: Um aus einem alten Fahrrad oder Rennrad ein fahr- und funktionstüchtiges Retro-Bike zu machen, muss man inklusive Teilebeschaffung mit einem durchschnittlichen, zeitlichen Aufwand von ca. 80-100 Stunden rechnen.
Fahrrad restaurieren liegt voll im Trend - reuse, reduce, recycle. Der Spaß mit einem individuellen Retro-Bike zu fahren, ist hierbei nur ein Aspekt. Lass dich nicht vom ersten äußerlichen Eindruck eines alten Fahrrades abschrecken. Wenn Rost und Dreck beseitigt sind, kann auch mal ein echtes Schmuckstück zutage treten.
Verwandte Beiträge:
- Altes Mountainbike aufrüsten: Tipps & Tricks für mehr Fahrspaß
- Radfahren Altes Land: Routen & Tipps
- Radtouren Altes Land Jork: Entdecken Sie die schönsten Routen!
- Altes Motorrad restaurieren: Tipps, Anleitung & Kosten
- Radtouren Heidelberg: Die schönsten Routen & Tipps
- Ultimativer Test & Ratgeber: Die besten Ledertaschen für Harley Davidson entdecken!
Kommentar schreiben