Bad Homburg Radrennen: Eine Geschichte des Radsports

Seit 1979 gab es das Kurparkrennen in Bad Homburg.

Eine lange Tradition ist mit einem bitteren Beigeschmack zu Ende gegangen.

Am Sonntag nach dem Ende der Tour de France durften sich die Radsport-Fans im Hochtaunus mehr als vier Jahrzehnte lang auf das Kurparkrennen freuen, bei dem stets einige der deutschen Tour-Stars an der Startlinie vor der Wicker-Klinik gestanden hatten.

Gut möglich, dass Simon Geschke der 43. und letzte Sieger des Profirennens auf dem Rundkurs um den Kurpark gewesen ist.

Auf Seite 33 des Haushaltsplanentwurfs der Stadt Bad Homburg ist die schlechte Nachricht für alle Radsportfans niedergeschrieben.

Unter dem Punkt „Besondere Veranstaltungen“ des Fachbereichs 31 (Bürgerservice) ist von einer geplanten Kürzung in Höhe von 59 000 Euro zu lesen.

Damit gemeint ist die Einsparung der Zuschüsse für das Kurparkrennen (50 000 Euro) sowie den Kurparklauf (9 000 Euro), der Hobbyläufer vor der Corona-Pandemie stets im Oktober durch die grüne Lunge Bad Homburgs geführt hatte.

Das Zahlenwerk der Stadtverwaltung muss freilich noch von den politischen Gremien abgesegnet werden.

Doch die Stadt muss sparen, die Debatte wird sich um ganz andere Positionen drehen.

Und das Rennen heißt nicht umsonst „Grand Prix der Stadt Bad Homburg“.

Zwar gibt es auch Sponsoren aus der freien Wirtschaft, doch das Gros des Budgets deckte die Stadt ab, seitdem das Rennen 1979 ins Leben gerufen worden war.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Peter Rohracker deshalb. Es klingt wie ein Hilferuf.

„Ich will die Flinte nicht ins Korn werfen, aber es wird schwierig. Es muss sich etwas tun.“

Seit Mitte der Nullerjahre fungiert der Mann als Sportlicher Leiter, arbeitet mit Uwe Friedrich Janovszki Hand in Hand.

So lange ist Janovszki schon Vorsitzender des Radsportclubs Bad Homburg.

Der RSC sei, so sagt er, 1979 in erster Linie gegründet worden, um das Rennen durchzuführen.

Der erste Vorstand bestand aus Rolf Heinen, Anton Koppai, Jürgen Strobel, Heinz Schneider und Albrecht Weisgerber.

Die Vereinsmitglieder betreuten mit Helferdiensten seitdem tadellos die Radsportveranstaltung.

Das Ende des RSC Bad Homburg und ein möglicher Neuanfang

43 Jahre RSC-Geschichte: Alles hat seine Zeit. Nach 43 Kurpark-Rennen gehört somit die Geschichte des RSC Bad Homburg der Vergangenheit an.

Allerdings ist den wenigsten bekannt, dass der sportliche Wettbewerb sogar noch etwas älter ist als der Rad-Sport-Club selbst!

Der Entscheidung, den RSC aufzulösen, folgte der Übertritt der verbliebenen Mitglieder zur HTG Bad Homburg.

„Wir haben ganz bewusst den Namen RSC beibehalten und auch das Logo übernommen", erhofft sich HTG-Präsident Ralph Gotta eine Win-Win-Konstellation vom Beitritt der weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Radsportler, die durch den Sportlichen Leiter Peter Rohracker seit Jahrzehnten mit der internationalen Profi-Szene bestens vernetzt sind.

Dies schürt auch die Hoffnungen, dass es ab 2024 wieder ein Kurparkrennen geben könnte, wenn sich in den nächsten Monaten entsprechende Manpower und ein ausreichendes Budget finden würden.

Die frühen Jahre und bemerkenswerte Persönlichkeiten

Horst Freund (77) war als städtischer Beamter von Berufes wegen nicht nur Zeitzeuge der Entwicklung in der Kurstadt, sondern als Gründungsmitglieder und langjähriger Schriftführer auch einer der kompetentesten Insider des Clubs, der am 9. November 1979 in einem Vereinsraum der Albin-Göhring-Halle in Ober-Eschbach aus der Taufe gehoben worden ist.

Das historische erste Rennen hatte allerdings bereits drei Monate zuvor am 12. August 1979 im Bad Homburger Kurpark stattgefunden und war seinerzeit vom RV Henninger Sossenheim und dem Radsportbezirk Frankfurt gemeinsam ausgerichtet worden.

Nur vier Tage vor diesem Ereignis, am 8. August, hatte die »Deutschland-Rundfahrt« in Bad Homburger Station gemacht und Querfeldein-Spezialist Klaus-Peter Thaler war bei strömendem Regen Etappensieger geworden.

Übrigens zur großen Enttäuschung der heimischen Fans, die lieber den Lokalmatadoren »Didi« Thurau ganz oben auf dem Podest gesehen hätten.

Mit den Highlights im August 1979 war der Radsport in der Kurstadt angekommen und Sportjournalist Karl Seeger, seinerzeit Präsident der SDG Ober-Erlenbach und Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt Bad Homburg, gehörte neben Sportdezernent Dietmar Vogel zu den großen Befürwortern eines Clubs, der von 65 Interessenten an jenem 9. November aus der Taufe gehoben worden ist.

Die 36 Mitglieder, die sich ins Gründungsprotokoll eingetragen haben, wählten Rolf Heine zum Vorsitzenden, Jürgen Strobel zum Schatzmeister und Horst Freund zum Schriftführer.

Heine stand beim RSC Bad Homburg von 1979 bis 1987 an der Spitze, gefolgt von Jürgen Strobel (1987 - 1990), Anton Koppai (1990/91), Bernd Henrici (1991 - 1996), nochmals Anton Koppai (1996 - 2006), Kerstin Wagner (2006/07) und Uwe Friedrich Janovszki, der 2007 zum Vorsitzenden gewählt worden war.

Erfolge und Schwerpunkte der Vereinsarbeit

Neben den Kurparkrennen, bei denen sich der Wiesbadener Bodo Zehner als erster Sportler und der Schweizer Sechstags-Spezialist Bruno Risi (1996) sowie der italienische Sprintspezialist Alessandro Petacchi (2010) als einzige Ausländer in die Siegerliste eintragen konnten, waren die zumeist von Berthold Kalunka organisierten Tourenfahrten lange Zeit einer der Schwerpunkte der Vereinsarbeit.

Dabei sind die Bad Homburger Partnerstädte Mayrhofen (1981), Chur (1982), Terracina (1983), Exeter (1984), Chabourg (1985), Bad Mondorf (1986), Marienbad (1992) und Dubrovnik (1993) per Fahrrad besucht worden.

Von den Partnerstädten fehlt somit nur noch Peterhof.

In den ersten Jahren Vereinsgeschichte hat auch die Nachwuchsarbeit beim RSC eine große Rolle gespielt.

Ihre Blütezeit erlebte die Jugend, als Winfried Hoffmann, Ehren-Präsident des Tennis-Clubs Bad Homburg und ehemaliger Chef des Computer-Unternehmens Commodore, die Förderung in finanzieller Hinsicht großzügig unterstützte und anerkannte Fachleute (wie den späteren Damen-Bundestrainer Wolfgang Oehme) als Trainer verpflichtete.

Aber auch die »älteren Semester« sorgten für sportliche Schlagzeilen. Ganz besonders im Jahr 2003, als sich Jörg Echtermann (in St. Johann im Zeitfahren der Altersklasse AK 45) und Dr. Wilfried Herrmann (in Bad Wildungen im Wettbewerb für Ärzte, Apotheker und Heilberufe in der AK 50) im Trikot des RSC Bad Homburg die Weltmeister-Titel sichern konnten.

Jubiläum und Ehrungen

Anlässlich des 40-jährigen Vereinsbestehens hatte 2019 in angemessenem Rahmen - im Lenné-Saal des Kurhauses- ein feierlicher Empfang stattgefunden, an dem außer Oberbürgermeister Alexander Hetjes, Bürgermeister Meinhard Matern sowie etlichen Gründungsmitgliedern des RSC Bad Homburg auch vier ehemalige Gewinner des »Großen Preises der Stadt Bad Homburg« begrüßt werden konnten.

Markus Hess (Sieger 1983), Stefan Steinweg (1991 und 1999), Ralf Fahlen (1992) und Simon Geschke (2015) hatten es sich nicht nehmen lassen, dieser Jubiläums-Gala einen besonderen Glanz zu verleihen.

Der im Oberurseler Stadtteil Bommersheim wohnende Lokalmatador und dreifache Kurpark-Sieger John Degenkolb war vor vier Jahren allerdings nicht dabei.

Aus gutem Grund: Sein Hochzeitstag hatte an jenem 10.

Das Rennen im Jahr 2019

„Großen Preis der Stadt Bad Homburg“ am Start. Wenn das Elite-Rennen um 14.30 Uhr auf der Kaiser-Friedrich-Promenade vor der Wicker-Klinik beginnt, ist im wohl besten Teilnehmerfeld in der Geschichte dieses Radsport-Kriteriums jedoch Vorjahressieger John Degenkolb (Trek-Segafredo) der unumstrittene Star.

Der in Oberursel wohnende „Dege“ (im übrigen auch aktueller „TZ-Sportler des Jahres“) will nach seinen Erfolgen in den Jahren 2013, 2016 und 2018 im Kurpark zum vierten Mal oben auf dem Siegertreppchen stehen.

Der 30-Jährige mit der Startnummer 1 hat in diesem Jahr nicht an der Tour de France teilgenommen, ist dafür noch bis zum Freitag bei der Polen-Rundfahrt am Start, die am Montag vom Tod des gestürzten belgischen Fahrers Bjorg Lambrecht überschattet wurde.

Auf den tragischen Unglücksfall wird wahrscheinlich auch Moderator Karsten Migels (seit vielen Jahren Tour-de-France-Sprecher von „Eurosport“) am Sonntag um 13.45 Uhr eingehen.

In erster Linie stellt er aber jene vier Profis im 60 Fahrer starken Feld vor, die bei der Frankreich-Rundfahrt bis zur Abschlussetappe in Paris durchgehalten haben.

Das Trikot vom Team Sunweb tragen gleich zwei: Niklas Arndt (Startnummer 2) und der erst 22-jährige Lennard Kämna (Nummer 3), der als ehemaliger Junioren-Weltmeister im Zeitfahren bei der Tour zwei Top-10-Platzierungen im Hochgebirge erreichte.

Bartträger Simon Geschke (CCC Team/Nr. 4) konnte sich 2015 in die Siegerliste des Kurparkrennen eintragen.

Der 25-jährige Nils Politt (Katusha Alpecin/5) zählt ebenfalls zum Kreis der Favoriten.

Politt belegte beim Klassiker Paris - Roubaix einen hervorragenden zweiten Platz.

„Er hat meiner Meinung nach das Potenzial, bei der Tour de France um den Gesamtsieg mitzufahren“, schwärmt Rennleiter Peter Rohracker vom ausrichtenden RSC Bad Homburg in den höchsten Tönen von Jung-Star Kämna, der ebenso wie Politt am Sonntag im Kurpark sein Debüt gibt.

Zwei, die er auch noch gerne im Fahrerfeld dabei gehabt hätte, konnte Rohracker zu seinem Leidwesen allerdings nicht verpflichten.

Zum einen den gebürtigen Ravensburger Emanuel Buchmann (Kurpark-Sieger 2017), der als Vierter in der Tour-Gesamtwertung bis zum Schluss auf einen Platz auf dem Podium hoffen durfte, und zweitens Maximilian Schachmann.

„Bei beiden war ich in den Gesprächen bezüglich einer Verpflichtung schon sehr weit, aber Buchmann musste auf Geheiß seines Managements eine Urlaubspause einlegen, und Schachmann hat sich auf der 13. Etappe den Mittelhandknochen der linken Hand gebrochen“, erklärt der umtriebige Rohracker, warum es mit dem Start dieser beiden deutschen Top-Fahrer am Sonntag nicht klappt.

Frauenrennen wieder im Programm

Erstmals seit vielen Jahren wird im Kurpark auch wieder ein Frauen-Radrennen ausgetragen.

„Damit wollen wir an eine alte Tradition anknüpfen“, sagt Rohracker, der sich auf den Start um 12.30 Uhr freut.

In früheren Zeiten sind in Bad Homburg schon die damalige Weltmeisterin Beate Gabetz und andere Größen der Radsport-Szene auf der Kaiser-Friedrich-Promenade zu sehen gewesen.

Diesmal gestaltete es sich schon als sehr schwierig, ein Teilnehmerfeld von rund einem Dutzend Fahrerinnen zusammen zu bringen.

„Eine potenzielle Kandidatin hat moniert, dass das Rennen keine 40 Kilometer lang sei und sie deshalb keine rad-net-Punkte erhalten könne“, plaudert RSC-Vorsitzender Uwe Friedrich Janovski aus dem Nähkästchen.

Die zeitgleich laufenden Europameisterschaften sowie ein „Klassiker“ am Sonntag in Bellheim in der Pfalz stehen zudem in Konkurrenz.

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, wie der Frauen-Wettbewerb von Sportlerinnen und Zuschauern angenommen wird.

„Ich bin ein Fan dieser Veranstaltung geworden“, erzählt Bad Homburgs Bürgermeister Meinhard Matern, der im Vorjahr den kompletten Renntag im Kurpark miterlebte.

Die nächsten Auflagen des traditionsreichen Events scheinen in finanzieller Hinsicht gesichert, wobei der 41. „Große Preis der Stadt Bad Homburg“ bereits seine Schatten vorauswirft.

Bis Ende des Monats sammelt der internationale Radsport-Verband UCI (Union Cycliste Internationale) die Termine für das Jahr 2020.

„Da die Tour de France bereits eine Woche früher beginnt und auch die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August, Anm. d. Red.) berücksichtigt werden müssen, stehen wir vor einer Herausforderung“, sagt Rohracker.

Allerdings ist der Termin für das einzige deutsche Kriterium im Jahreskalender des Radsport-Weltverbandes UCI nach dem Rückzug des RSC inzwischen vergeben.

Der deutsche Meister Nils Politt (Bora-hansgrohe) startet am Freitag ebenso wie Phil Bauhaus und Nikias Arndt bei der »Schmitter-Nacht von Hürth«, während Simon Geschke und Emanuel Buchmann am selben Tag bei der »Bruckmühler Radsportnacht« eine Woche vor der am 3. August in Glasgow beginnenden Weltmeisterschaft live zu sehen sein werden.

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