Neben klassischen Halbschalen-Helmen für Enduro-Biker gibt es neuerdings auch Fullface-Helme - also leichte MTB-Integralhelme - die mit ihrem Kinnbügel das Kinn und das Gesicht im Falle eines Sturzes noch besser schützen sollen. Bei vielen Modellen am Markt lässt sich der Kinnbügel auch abnehmen.
Testverfahren
Die Prüflabor des TÜV-Rheinland wurde jeder Helm auf einen speziellen Prüfkopf geschnallt. Dieser Metallkopf ist mit Beschleunigungssensoren ausgestattet. Beim Aufprall darf der in der Norm festgelegte Grenzwert von 250 g nicht überschritten werden.
Beim ersten Test fällt der Prüfkopf im flachen Aufprallwinkel auf eine Stahlplatte - als würde sich ein Mountainbiker im Seemannsköpfer senkrecht in den Boden bohren. Die Aufprallgeschwindigkeit liegt bei 19,5 km/h. Beim zweiten Schlag fällt der auf den Prüfkopf geschnallte Helm seitlich auf einen keilförmigen Amboss - allerdings mit reduzierter Geschwindigkeit (16,5 km/h). Dieser Schlag soll der Realität am nächsten kommen und den Sturz auf einen Felsblock oder eine Bordsteinkante simulieren.
Da die europäische Prüfnorm (EN 1078) für Fahrradhelme keine Prüfung der Kinnbügel vorsieht, haben wir den Kinnbügel separat im Kölner TÜV-Labor testen lassen. Dabei haben wir uns an der Norm für Motorradhelme (ECE 22) orientiert. Das Testprozedere sah folgendermaßen aus: der Kinnbügel bekam einen Schlag auf dem Prüfamboss ab, allerdings mit reduzierter Geschwindigkeit (16,5 km/h).
Testergebnisse
Die Testergebnisse haben uns überrascht: von „mit Schwächen“ bis „super“ war alles dabei. Bei den sechs getesteten MTB-Helmen mit abnehmbarem Kinnbügel können wir nur drei Modelle wirklich empfehlen. Die Integralhelm-Optik gaukelt ein Sicherheits-Plus oft nur vor.
Einzeltests der Helme
Hier eine Zusammenfassung der getesteten Enduro-Helme:
- Alpina King Carapax
- Bell Super 2R Joyride
- Cratoni C-Maniac
- MET Parachute
- Urge Archi Enduro Veggie
- Uvex Jakkyl hde
Alpina King Carapax
Alpina ist selbstbewusst, was ihren sehr leichten King Carapax angeht. Auf der Homepage heißt es: "Perfekt geschützt beim Downhill". Die TÜV-Laborwerte sehen die Downhill-Tauglichkeit allerdings kritisch. Der abnehmbare, dünne Kinnbügel bietet bei harten Enduro-Stürzen nur wenig Schutz.
Kurz: Im Labortest erzielt der King Carapax nur Mittelwerte. Beim Tragekomfort gefällt der Helm schon besser und glänzt mit guter Belüftung und geringem Gewicht.
BIKE-Testurteil: MIT SCHWÄCHEN
Bell Super 2R Joyride
Der Bell Super 2R Joyride zählt zu den schwereren Helmen im Test (742 Gramm). Dafür ist er stabil. Im Labortest erreicht der Bell gute Dämpfungswerte. In der Praxis trägt er sich sehr angenehm, ist gut belüftet und steckt voller sinniger Features - wie beispielsweise einem praktischen Verschluss für schnelles Abnehmen des Kinnbügels oder rausnehmbare Backenpolster.
Kurz: sicherer Helm mit guten Details. Top!
BIKE-Testurteil: GUT
Cratoni C-Maniac
Wow! Gerade mal 465 Gramm wiegt der Cratoni C-Maniac. Er ist der leichteste und günstigste Helm im Test. Leider jedoch auch der mit dem schwächsten Kinnbügel. Die Schlagdämpfung ist schlecht - so würde der Bügel bei einem harten Sturz leicht einknicken. Zudem hängt das Visier sehr tief und lässt sich nicht verstellen.
Kurz: Die Stoßdämpfungswerte sind schwach. Der Tragekomfort, die Belüftung und die Passform dagegen sind Klasse.
BIKE-Testurteil: MIT SCHWÄCHEN
MET Parachute
Der MET Parachute hat uns gefallen. Beim TÜV-Test schnitt der Helm bei der Dämpfungsprüfung des Kinnbügels am besten ab. So pufferte er den Prüfschlag auf nur 99 g runter. Super! Anders als bei den meisten Helmen im Test, lässt sich der Kinnbügel allerdings nicht abnehmen.
Mit seinen 700 Gramm ist der Helm dennoch leicht genug und liefert viel Tragekomfort. Details wie eine Visierverstellung und eine Halterung für die Goggle haben uns auch gefallen.
BIKE-Testurteil: SEHR GUT
Urge Archi Enduro Veggie
Bei dem Helm hatte Race-Legende Fabien Barel seine Finger mit im Spiel. Der Helm besteht aus recyceltem EPS und Leinfaser statt Glasfaser. Mit 968 Gramm ist er der schwerste Helm im Test. Genau wie beim MET-Helm, lässt sich auch hier der Kinnbügel nicht abnehmen.
Bei der Kinnbügel-Schlagprüfung enttäuschte er - nur Mittelfeld. Gut: Der Helm sitzt satt am Kopf, und die Verarbeitung ist wertig. Die Belüftung könnte besser sein.
BIKE-Testurteil: BEFRIEDIGEND
Uvex Jakkyl hde (BIKE-Tipp)
Der Helm mit dem eigentümlichen Namen "Jakkyl hde" ist unser Testsieger. Der Kinnbügel lässt sich schnell abmontieren und schützt zudem sehr eindrucksvoll. Bei unserer Stoßdämpfungsprüfung schnitt der Helm in Sachen Flach-, Kerb- und Kinn-Dämpfung (Mittelwert) am besten ab. Auch das Boa-Verstellsystem und die gute Belüftung haben uns gefallen.
Kurz: Der Uvex hat im Labor- und im Praxistest am meisten überzeugt. Super!
BIKE-Testurteil: SUPER
Zusammenfassung der Testergebnisse
Die folgende Tabelle fasst die Ergebnisse der getesteten Helme zusammen:
| Helm | Preis (Euro) | Gewicht (Gramm) | Sicherheit (Punkte) | Dämpfung (g) | Tragekomfort (Punkte) | BIKE-Testurteil |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Alpina King Carapax | 180 | 483 | 2 von 6 | 186 / 106 / 302 | 6 von 6 | MIT SCHWÄCHEN |
| Bell Super 2R Joyride | 250 | 742 | 4 von 6 | 195 / 103 / 211 | 5 von 6 | GUT |
| Cratoni C-Maniac | 100 | 465 | 2 von 6 | 187 / 101 / 474 | 6 von 6 | MIT SCHWÄCHEN |
| MET Parachute | 220 | 700 | 4 von 6 | 162 / 134 / 99 | 5 von 6 | SEHR GUT |
| Urge Archi Enduro Veggie | 230 | 968 | 3 von 6 | 209 / 107 / 248 | 4 von 6 | BEFRIEDIGEND |
| Uvex Jakkyl hde | 200 | S/M, L/XL | 5 von 6 | 142 / 96 / 147 | 5 von 6 | SUPER |
Hinweis: Die Dämpfungswerte beziehen sich auf die Stoßdämpfungswerte bei TÜV-Rheinland: g-Werte: flach/Kerb/Kinn (je niedriger der Wert, desto besser). Der Dämpfungswert des Kinnbügels fiel hierbei besonders ins Gewicht.
Detaillierter Test des Bell Super 3R MIPS
Die Bell Super-Serie ist zum Inbegriff der Helme mit abnehmbarem Kinnschutz geworden und ihre Beliebtheit auf den Trails ist auf jeden Fall verdient. Die Zielgruppe sind ganz klar Fahrer, die einen ordentlichen Trailhelm wollen, mit der Option auf noch mehr Schutz durch schnelles Anbringen eines Kinnbügels - und für sie liefert dieser Helm definitiv ein gut durchdachtes Gesamtpaket.
Mit 23 Belüftungsöffnungen ist der 445 g leichte obere Teil des Bell Super 3R MIPS (Gewicht ohne Kinnbügel) sehr komfortabel und kühl. Außerdem könnt ihr euch angesichts einer Auswahl von 15 Farben sicher sein, dass euer Outfit farblich stets stimmig ist.
Der Kinnbügel bringt das Gewicht auf konkurrenzfähige 777 g und lässt sich leicht montieren, ohne dass man den Helm abnehmen muss. Selbst auf langen Anstiegen blieb der Bell Super 3R cool, der kühlste Helm im Test.
In Sachen Passform störte es einige Tester, dass mit angebrachtem Kinnschutz die Wangenpolster recht eng am Gesicht liegen und während der Fahrt spürbar sind. Beeindruckt hat uns allerdings die Float Fit-Innenschale, die höhenverstellbar und sehr komfortabel ist, ohne dass irgendwelche unangenehmen Hotspots auftreten.
Der Kinngurt wird mit einem simplen Schnellverschluss geschlossen und ist verstellbar, um besseren Sitz an den Ohren zu erreichen. Eine großflächige MIPS-Innenschale schützt den Fahrer und die X Static-Polsterung lässt sich herausnehmen und leicht waschen.
Auf dem Trail erweist sich der Gesichtsausschnitt als großzügig und offen, bietet gute seitliche Sicht, und jede Goggle, die wir ausprobierten, passte bestens. Es gibt allerdings keinen Halter für das Band und bei starkem Regen rutschte die Goggle auch mal.
Das Abnehmen oder Anbringen des Kinnbügels geht super fix und die großen, an Ski erinnernden Verschlüsse können mit Handschuhen bedient werden. Man spürt den Kinnbügel, wenn er dran ist, er sitzt weiter oben und fühlt sich etwas einschränkend an, wenn man auf schweren Sprints außer Atem ist.
Der Kinnbügel an sich ist gut verarbeitet, verfügt über eine Polsterung und 6 Belüftungsöffnungen, hat aber keine ASTM-Zertifizierung und war in unserem Aufpralltest der flexibelste in der Testgruppe. Er absorbierte Schläge sehr gut, doch seine Struktur war nicht so robust wie die der besten im Test.
Wer die ultimative Protection sucht, wird feststellen, dass die Kopfabdeckung hinten nicht so weit nach unten geht wie bei Teilen der Konkurrenz.
Der Bell Super 3R MIPS war ein Liebling der Tester, die den Helm hauptsächlich im Trail-Mode fuhren und den Kinnbügel auf Abfahrten für Extra-Sicherheit montierten. Das einzige, was wir frustrierend fanden: Der Kinnbügel ist ziemlich sperrig und dadurch auf dem Trail etwas schwieriger zu verstauen.
Der Bell Super 3R MIPS ist großartig für alle, die zwei Helme in einem suchen. Für alle, die die meiste Zeit im „Trail-Modus“ verbringen, sich aber gelegentlich den Extra-Schutz eines Kinnbügels wünschen, bietet der Bell Super 3R MIPS eine leichte, komfortable, mühelos umzubauende Lösung.
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