Die Sicherheit beim Motorradfahren hängt maßgeblich von der Funktionstüchtigkeit und dem richtigen Einsatz der Bremsen ab. BMW Motorrad hat im Laufe der Jahre verschiedene Bremssysteme entwickelt, um die Sicherheit und Kontrolle für den Fahrer zu erhöhen. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Überblick über diese Systeme, einschließlich Antiblockiersystem (ABS), Integralbremsen und Kurven-ABS, sowie praktische Tipps zum richtigen Bremsen und zur Wartung.
Richtig Bremsen: Grundlagen und Techniken
Eine Vollbremsung kann im Notfall Leben retten. Es ist wichtig, die Grundlagen und Techniken des richtigen Bremsens zu beherrschen. Hier sind einige wichtige Aspekte:
- Reaktionszeit: Üblicherweise dauert es 0,1 Sekunden, bis der Motorradfahrer die Gefahr überhaupt erkennt, und weitere 0,8 Sekunden, bis Hand und Fuß die Bremsen betätigen.
- Dynamische Radlastverlagerung: Beim Bremsen verschiebt sich das Gewicht nach vorne, wodurch das Vorderrad mehr Bremskraft übertragen kann.
- Zweistufiges Bremsen: Betätigen Sie den Bremshebel zunächst bis zum Druckpunkt, um die Radlastverlagerung zu spüren, und ziehen Sie ihn dann zügig weiter.
- Hinterradbremse: Wer die Hinterradbremse einen Sekundenbruchteil vor der vorderen betätigt, gewinnt zusätzliche Stabilität.
Es ist wichtig zu beachten, dass ohne ABS Vorsicht geboten ist, da das Hinterrad blockieren kann. In Kurven sollte die Hinterradbremse idealerweise nicht betätigt werden.
Die Bedeutung der Übung
Um die Blockiergrenze des Vorderrads zu finden und das Bremsen zu perfektionieren, ist ständige Übung erforderlich. Sicherheitstrainings bieten die ideale Möglichkeit, die richtigen Handlungsmuster zu erlernen.
Technik und Abstimmung
Auch die Technik muss passen. Eine gut abgestimmte Gabel ist wichtig, um Rutscher zu verhindern. Die Hebeleien sollten richtig eingestellt sein und alle Armaturen leichtgängig funktionieren.
Bremsen mit ABS
Ein ABS (Antiblockiersystem) verhindert das Blockieren der Räder und ermöglicht es dem Fahrer, auch bei einer Vollbremsung die Kontrolle über das Motorrad zu behalten. Im normalen Betrieb ist das ABS kaum zu spüren. Erst wenn ein Rad die Blockiergrenze erreicht, wird der Unterschied fühlbar.
Vorteile des ABS:
- Verhindert das Blockieren der Räder
- Reduziert die Sturzgefahr durch ein überbremstes Vorderrad
- Verhindert ein ausbrechendes Heck
Es ist wichtig, das Bremsen im ABS-Regelbereich bewusst zu üben. Bei einer heftigen Vollbremsung wirken enorme Kräfte, denen der Fahrer mit der richtigen Sitzhaltung und Körperspannung begegnen muss.
Moderne ABS-Systeme
Moderne ABS-Motorräder verfügen über Systeme, die die Unterschiede zwischen front- und hecklastigen Maschinen ausgleichen. An vielen modernen Maschinen lassen sich zudem verschiedene Fahrmodi einstellen, die sich vielfach auch auf das Regelverhalten des ABS auswirken.
Wichtig: Auch Anti-Blockier-Systeme sind nicht unfehlbar. Auf waschbrettartigen Bodenwellen kann der Bremsweg länger werden, weil ein springendes Rad in der Luft auch mit ABS nicht bremst.
Blickführung beim Bremsen
Die richtige Blickführung ist bei einer Vollbremsung entscheidend. Kopf hoch und Blick geradeaus in Bremsrichtung! Auch zum Ende der Bremsung sollte der Blick oben bleiben, um nicht kurz vor dem Stillstand doch noch das Gleichgewicht zu verlieren.
Bremsweg: Auto vs. Motorrad
Während für die brandneue BMW R 1250 GS im MOTORRAD-Top-Test 40,2 Meter gemessen wurden, stehen aktuelle Kompaktwagen im Schnitt nach 36 Metern aus 100 km/h. Gut vier Meter sind eine Autolänge oder ein Einschlag im Heck des vor einem bremsenden Wagens mit knapp 30 km/h.
Es ist wichtig zu beachten, dass man für diese Bremsleistung das technisch erreichbare Optimum schaffen muss. Ein probates Mittel in solchen Fällen wäre genügend Sicherheitsabstand!
Bremsen + Ausweichen
Das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) hat kürzlich mit über 100 Teilnehmern eine Studie durchgeführt, bei der ein weniger komplexes und auch im Notfall mit einem Minimum an Übung erfolgreich durchführbares Notfallreaktionsmuster in der Praxis erprobt wurde. Es heißt „Ausweichen auf der Bremse“ oder „bremsend Ausweichen“.
Die Idee dabei: Anstatt nur zu bremsen und am Ende womöglich doch zu kollidieren oder ein Ausweichmanöver ohne Geschwindigkeitsabbau mit ungewissem Ausgang zu riskieren, wird zunächst möglichst kräftig gebremst, und ohne die Bremse zu lösen ein kräftiger Lenkimpuls in die gewünschte Ausweichrichtung gesetzt.
Straßenoberflächen, Grip und Bremswege
Der Bremsweg hängt auch ab vom Reibbeiwert der Straßenoberfläche. Ein extrem griffiger Belag mit Reibbeiwert µ=1,2 findet sich fast nur auf Test- oder Rennstrecken. Auf Landstraßen schwankt die Griffigkeit von µ=0,9 bis 0,7.
Je geringer der Reibbeiwert und die mögliche Verzögerung, desto mehr Bremskraft kann prozentual über das Hinterrad übertragen werden. Deshalb gerade bei Nässe oder glattem Belag zusätzlich zu vorn auch hinten mitbremsen.
| Straßenoberfläche | Reibbeiwert | Bremsweg aus 100 km/h |
|---|---|---|
| Asphalt rau | 1,2 | 32,8 m |
| Asphalt normal | 0,9 | 43,7 m |
| Asphalt glatt | 0,7 | 56,1 m |
| Kopfsteinpflaster | 0,5 | 78,6 m |
| Nasser Staub | 0,3 | 131,0 m |
| Eis | 0,08 | 491,3 m |
BMW Integral ABS
BMW Motorrad bietet auch Integral-ABS-Systeme an, bei denen Vorder- und Hinterradbremse miteinander verbunden sind. Dies sorgt für eine bessere Bremsstabilität und einen schnelleren Bremseinsatz.
Funktionsweise: Bei einer Teilintegralbremse wirkt der Handbremshebel auf beide Bremsen, während der Fußbremshebel nur auf die Hinterradbremse wirkt.
Kurven-ABS
Kurven-ABS ist eine Weiterentwicklung des Standard-ABS, die auch in Schräglage funktioniert. Es verhindert das Aufrichten der Maschine und ein Wegrutschen der Räder in Kurven.
Funktionsweise: Moderne Systeme berücksichtigen neben den Radgeschwindigkeiten durch zusätzliche Sensoren auch Neigungswinkel und Rotationsbeschleunigungen, sodass sich Reaktion der Systeme beim Bremsen in Kurven massiv verbessert hat.
Wartung und Pflege der Bremsanlage
Eine regelmäßige Wartung der Bremsanlage ist entscheidend für die Sicherheit. Dazu gehören:
- Bremsflüssigkeitswechsel: Sollte alle zwei Jahre vorgenommen werden.
- Kontrolle der Bremsbeläge und Bremsscheiben: Regelmäßig prüfen und bei Bedarf austauschen.
- Prüfung der Bremsleitungen: Stahlummantelte Bremsschläuche haben längere Intervalle zum Austausch der Bremsflüssigkeit.
Es ist ratsam, die Wartungsarbeiten von einem Fachmann durchführen zu lassen.
Assistenzsysteme und ihre Bedeutung
Moderne Bikes haben nicht nur ABS an Bord. Es gibt immer mehr elektronische Helfer - vom Tempomat über Traktionskontrolle bis zur Hinterrad-Abhebe-Kontrolle. Diese Systeme sollen das bestehende Risiko des Motorradfahrens verringern.
Überblick über gängige Assistenzsysteme
- Standard-ABS: Verhindert vor allem bei Geradeausfahrt einen Sturz durch Notbremsung mit blockierten Rädern.
- Kurven-ABS: Zusätzlich anwendbar in starker Schräglage, verhindert das Aufrichten der Maschine inkl. Verlassen der Fahrlinie und ein Wegrutschen der Räder.
- Hinterrad-Abhebe-Kontrolle: Verhindert beim starken Bremsen das Abheben des Hinterrades, im Extremfall einen Fahrzeugüberschlag.
- Kombi- oder Integral-Bremssystem: Bremskreise für Vorder- und Hinterrad sind ganz oder teilweise verknüpft.
- Kurventaugliche Schlupfkontrolle: Sichert bei Kurvenfahrt den Grip des Hinterrades durch etwaige Begrenzung der Motorkraft.
Es ist wichtig, sich intensiv mit der Wirkung, Funktionsweise und den Einstellmöglichkeiten von Assistenzsystemen und Sicherheitsausstattungen Ihrer Maschine vertraut zu machen.
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