In den letzten Jahren haben chinesische Motorradhersteller eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Wer die aktuellen Messevorstellungen verfolgt hat, muss schon zugeben, dass die chinesischen Hersteller eine steile, sehr steile Lernkurve aufweisen können. Der Technologietransfer läuft ja schon etliche Jahre und verschiedene Kooperationen z.B. BMW mit Longcing (oder wie man das schreibt), KTM mit CF Moto, sind doch erfolgreich. Aktuelle Vergleichstests bescheinigen den Produkten (Motorrädern) aus China einen beachtlichen Reifegrad.
Ich denke wir werden uns auf diese Situation einstellen müssen und was neue Technologien angeht, legt China erst richtig los.
Chinesische Hersteller auf dem Vormarsch
Ein Händler in meiner Nähe bietet auch chinesische Fabrikate an. Vorallem die Marken QJ Motor und CF Moto. Auf den erstem Blick sehen die Bikes genauso wertig aus wie die anderen. Allerdings scheinen diese Marken noch nicht so lange auf dem deutschen Markt vertreten zu sein.
Zumal CF mittlerweile ansprechende Moppeds baut, zwar vom Design oft an europäische Modelle angelehnt, doch noch immer genügend eigenständig und oft in der Basis besser ausgerüstet als die entsprechenden Pendants. Ich selbst fahre zur Zeit auch ein Mopped, dass zu 100% aus China kommt, allerdings hierzulande unter einem europäischen Mäntelchen verkauft wird - das Servicenetz ist ausreichend und es besitzt eine junge engagierte Gemeinschaft.
Wenn dir die CF Moto gefällt, gönne sie dir - denn die stehen schliesslich nicht an jeder Ecke. Manuel
Allerdings: Wer mit populistischen Vorwürfen (Geiz ist geil) um sich wirft, sollte auch mit Gegenwind rechnen. Klingt so, als wäre China unser Feind... und was den Absatzmarkt betrifft, ihr beide habt eure Meinung hier im Forum höchstwahrscheinlich mit einer in China hergestellten Hardware getippt. Jedenfalls zu 100% nicht in Deutschland.
China ist kein Feind, sondern der Markt gegen den es sich zu behaupten gilt.
Kooperationen und Technologietransfer
So langsam wird klar, warum Loncin so eng und gern mit BMW Motorrad zusammenarbeitet. Es wirkt, als wäre der Deal, nach einigen Jahren die BMW-Technik für eigene Modelle nutzen zu dürfen - oder es einfach zu machen. Loncin ist einer der größten chinesischen Produzenten von Rollern und Motorrädern und obendrein Kooperationspartner, Produzent und Lieferant der BMW-Reihentwins für die Baureihen F 850 und F 900. Aus dieser Kooperation sind der Firma deutsche Qualitätsansprüche vertraut.
»Wir können deshalb davon ausgehen, dass die Motorräder von Voge qualitativ gut sind und der Konzern sich das Wissen um die Technologie und den Markt mit europäischen Mitarbeitern eingekauft hat«, sagt Werner Hagstotz, vom Consulting-Unternehmen Hagstotz ITM.
Beispiele chinesischer Nachbauten
Voge DS 900 X: Eine BMW F 900 GS Adventure Kopie?
So fährt die Voge DS 900 X - Test-Eindrücke : Voge strebt nach Größerem. Die neue DS 900 X zeigt das klar. Genau hinsehen: Das ist die Kopie der BMW F 900 GS Adventure. MOTORRAD fuhr den Klon aus China.
So wundert es mäßig, dass die Voge DS 900 X nicht nur von Weitem der BMW F 900 GS sehr stark ähnelt, Motor und Fahrwerk sollen dem Vernehmen nach sogar identisch sein. Eine nähere Betrachtung der beiden Modelle widerspricht dieser These nicht. BMW-Twin mit anderer Abstimmung.
Der Twin in der Voge DS 900 X springt spontan an und entlässt einen leicht blechernen Ton. Die recht stramme Kupplung gezogen, der Ersten reingeklonkt, und: abgewürgt! Die Methode, mit Einrücken der Kupplung Gas zu geben und so flott und geräuscharm zu beschleunigen, funktioniert mit der Voge nur bedingt. Eine ausgeprägte Anfahrschwäche, die bis knapp 3.000/min anhält, ist der Grund. Abhilfe: stets über diese Marke drehen. Dann zeigt sich die Quickshifter-Blipper-Kombi geschmeidiger. Besonders beim Schalten vom Ersten in den Zweiten besteht für die Software noch Programmierbedarf. Die Schaltbox selbst macht ihren Mechanik-Job weitgehend unauffällig. Ähnliches gilt für den Twin, der von der erwähnten Anfahrschwäche abgesehen ein brauchbarer Begleiter ist. Wenngleich er bezüglich Laufkultur, mechanische Geräusche und Vibrationen nicht mit der Konfiguration samt Abstimmung für die BMW F 900 GS mithalten kann.
Im Hinblick auf Federungskomfort gibt es für die Voge DS 900 X Luft nach oben. Die Grundabstimmung des bis auf die hintere Druckstufendämpfung voll einstellbaren Fahrwerks ist von der straffen Sorte. Das weitgehende Öffnen der Dämpfung brachte spürbare Besserung, ein Komfortwunder ist die DS nicht. Übrigens auch kein Handlingwunder. Besonders in schnellen Wechselkurven braucht es deutliche Impulse am breiten Rohrlenker, der serienmäßige Lenkungsdämpfer dürfte dazu beitragen. Dafür liegt sie in Schräglage souverän und erlaubt mit ihren Pirelli Scorpion II Pellen ordentliche Kurventempi, bevor sie spät mit ihren Rasten aus Aluminiumguss aufsetzt.
Da legt die Voge DS 900 X die Latte hoch. Sie bietet serienmäßig Features, die woanders gar nicht oder nur gegen Aufpreis zu haben sind. Nachstehend ein Auszug aus der längst nicht vollständigen Liste: Tempomat, Reifendruck- und Temperatur -Anzeige, Griff- und Sitzheizung (jeweils mit Grillfunktion in der höchsten Stufe), sowie Nebelscheinwerfer, die sich bei laufendem Motor und aktiviertem Blinker als Abbiegelicht betätigen. Obendrein gibt es einen Totwinkel-Assistenten in den Rückspiegeln, sowie eine Funktion, die den Hintermann durch aktivierten Warnblinker und blinkendes Bremslicht darauf aufmerksam macht, dass er dicht genug aufgefahren ist und etliches mehr. Gewissermaßen die Kirsche auf der Sahne ist eine per Knopfdruck in der rechten Lenkerarmatur zu aktivierende, ebenfalls serienmäßig eingebaute Frontkamera. Zumindest theoretisch, denn beim Testmotorrad ist derzeit die Funktion deaktiviert, weil man, so der Importeur, noch die Gesetzeslage beim Datenschutz abklärt, ob und wie die Kamera aktiviert werden darf. Die Daten würden dann auf einer eigens einzusteckenden SD-Karte gespeichert.
Abschließend darf konstatiert werden, dass diese 900er das bislang beste Bike chinesischer Herkunft ist, das wir bis dato in der Redaktion hatten. Da ist schon vieles sehr gut, allerdings gibt es durchaus noch Luft nach oben. Zwar sehen die gewaltigen Schutzbügel und der Gepäckträger aus wie aus der Stanze geholt, mit Ofenfarbe überzogen und dann sofort montiert, doch das sind die Ausnahmen. Die tief glänzenden, lackierten Kunststoffteile wirken hochwertig und solide, die Schweißnähte im sichtbaren Bereich sehen gut aus. Materialanmutung und Wertigkeit brauchen sich nicht zu verstecken.
Oft wird geschrieben, Modell XY basiere auf Modell XX, um die Verwandtschaft in technischen Sinnen zu verbildlichen. Bei der neuen Voge DS 900 X und der BMW F 900 GS Adventure wäre das Bild nicht falsch, es wäre nur sehr unscharf, denn Motor und Chassis der Voge sind mit der BMW identisch. Minimale Unterschiede zeigen sich in Gestalt der Motordeckel und leichten Änderungen der Motorhalteplatte aus Aluminium. Bremse, Schwinge, Felgen und Federelemente könnten eine Ersatzteilnummer von BMW eingraviert haben. Eigenständig gestaltet ist die Kunststoff-Karosse der DS 900 X.
Etwas länger und breiter der Schnabel, anderer Scheinwerfer à la Triumph Tiger 900, mit einem Hauch Aprilia Tuareg 660, ein Tank mit mehr Kanten und ein verändertes Heck geben der Voge einen eigenen Charakter. Interessant an der Voge: Trotz 190 Millimeter Bodenfreiheit des KYB-Fahrwerks ist die Sitzhöhe mit 825 Millimeter erstaunlich gering. Vergleichbar mit der BMW und deren extra niedrigen Sitzbank aus dem Originalzubehör.
Selbst wenn sich beide Antriebe wie eineiige Zwillinge gleichen und Kerndaten wie Bohrung und Hub (jeweils 86,0 x 77,0 Millimeter) oder die Verdichtung (jeweils 13,1:1) identisch sind, gibt es doch deutliche Unterschiede. Bei BMW leistet der Twin 77kW/105 PS bei 8500/min und wuchtet 93 Nm bei 6750/min auf die Kurbelwelle. Die entsprechenden Voge-Werte lauten 70 kW/95 PS bei 8250/min und 95 Nm bei 6000/min. Sie ist also zumindest auf dem Papier drehmoment-orientierter abgestimmt.
Real dürfte die Voge DS 900 X sogar noch etwas mehr wiegen als die BMW, denn sie trägt insgesamt bis zu 30 Liter Benzin durch die Gegend, möglich durch einen Zusatztank mit 10 Liter Inhalt, dessen Lage bisher nicht bekannt ist. Idee: wie bei der Ducati Desert X am Heckrahmen. Spritvorrat in Summe 15 Liter mehr als die Basis-GS und 7 Liter mehr als die Adventure. Damit soll sie laut Voge über 600 Kilometer weit kommen.
Sukuli S 1000 RR: Ein gefälschtes Superbike?
Sie ist nicht die erste China-Kopie der BMW S 1000 RR, aber die bisher detailgetreueste: die "S 1000 RR" von Sukuli. Ist sie wirklich eine 1000er?
Dass manche der unzähligen chinesischen Motorrad-Hersteller nach wie vor prestigeträchtige Modelle japanischer oder europäischer Marken imitieren, hemmungslos und mehr oder weniger frech, das ist uns bekannt. Immer wieder überraschend ist allerdings, wie detailgetreu sie das tun. Wobei die Sukuli-Schriftzüge auf den Tanks formal an Suzuki erinnern. Aufs Kopieren ist Jiangsu Daelg Motorcycle offenbar spezialisiert, das Sortiment ist umfangreich und divers. Doch das aktuelle Top-Modell im Sukuli-Angebot ist die "S 1000 RR" - nach Original-Vorlage von BMW.
Nicht nur die für BMW typischen M-Farben Weiß, Blau und Rot zieren die "S 1000 RR" von Sukuli, das gesamte Design ist kopiert - bis in die Details. Verkleidungsteile mitsamt "Gesicht" sind offenbar von der BMW S 1000 RR ab Jahrgang 2019 abgekupfert - noch ohne Winglets. Ebenso das Heck mit dem angeschraubten Rahmen-Ausleger aus Stahl-Gitterrohr. Ob es sich beim Haupt-Brückenrahmen sowie bei der imposanten "Superbike-Schwinge" mit Oberzug um Aluminium handelt, ist unklar.
Jedenfalls entspricht das Fahrwerk der "S 1000 RR" von Sukuli prinzipiell dem des deutschen Originals: mit Zentralfederbein hinten und Upside-down-Telegabel samt radial angeschraubten Bremszangen vorn. Als kleine Unschärfe dieser Kopie identifizieren Kenner indes die Form des voluminösen Endschalldämpfers, denn die entspricht der des Vorgänger-Modells ab Jahrgang 2017.
Wesentlich Unterschied zwischen der "S 1000 RR" von Sukuli und der echten S 1000 RR von BMW ist die Motorisierung. Den über 200 PS starken Reihenvierzylinder-Motor haben die Chinesen - bisher - nicht kopiert. Unter der Verkleidung der supersportlich anmutenden Sukuli ist ein Reihenzweizylinder-Motor versteckt. "250 bis 400 Kubik" nennt Jiangsu Daelg Motorcycle dazu, ohne Angaben zu Spitzenleistung oder weitere technische Daten. Über 35 PS und 140 km/h kommt das Fake-Superbike wahrscheinlich nicht hinaus.
Moto S 450 RR: Noch eine BMW Kopie
Lackierung? BMW. Design? BMW. Umsetzung? China. Vergessen wir jegliche Freundlichkeit: Die neue Moto S 450 RR ist eine eindeutige Kopie der aktuellen BMW S 1000 RR - nur eben schlechter und billiger umgesetzt. Die Blau-weiß-rote Lackierung mit dem eingesetzten Doppel-R könnte direkt aus der BMW Designschmiede stammen.. nagut, das ist sie auch, nur wurden die ikonischen BMW-Farben auf diesem Motorrad nahezu ident umgesetzt. Die Front wurde mit ihrem zentralen Lufteinlass (ein Fake bei der Moto S 450 RR), den schmalen LED-Tagfahrlichtern und den in den Rückspiegel eingesetzten Blinker ebenso kopiert, wobei die tiefen Scheinwerfer eher an die Yamaha-Supersportler erinnert. Sehr spannend: Neben den Tagfahr-LEDs finden sich weitere Blinker.
Aus einem 450 ccm großen Zweizylinder schöpft die Moto nach ersten Annahmen circa 24 PS bei 6.500 Umdrehungen. Zur Info: Die BMW leistet circa 8,6 Mal so viel. Doch man muss den Zielmarkt betrachten: Die Moto S 450 RR wird in Asien angeboten, wo 1000er Bikes unleistbar sind. Deshalb kommen uns auch jährlich neue China-Kopien bekannter Motorräder unter die Augen, da man Europäische Optik zu leistbaren Preisen fahren möchte. In Thailand, wo die Moto S 450 RR auch angeboten wird, kostet sie 67.000 Baht - umgerechtet circa 1.800 Euro. Somit könnte man sich 10 Exemplare der Moto S 450 RR für den Preis einer BMW S 1000 RR (in DE) kaufen.
Qualitätsstandards und Produktionsprozesse
Nein, die beiden und auch alle anderen F’s werden in Berlin gebaut. Wobei die einzige Gemeinsamkeit zum genannten GS Klon die ist, dass für BMW flinke chinesische Hände schrauben und montieren. Die Produktspezifikation, die Produktionsprozesse, die Qualitätsanforderungen, die Wahl der Sublieferanten usw., das alles entspricht BMW Standards. Was man kritisieren kann, ist die Tatsache, dass europäische Unternehmen in einer Staatsform wie der in China überhaupt produzieren.
Ich glaube, der Zug bei dem Thema ist komplett abgefahren. Gegen diese Übermacht an "Datenübernahme" und zum richtigen Zeitpunkt auch Firmenübernahmen, oder auch bis zur Kontrolle der Infrastrukturen in der EU, haben speziell unsere etwas langsamen "Entscheidungsträger" im Neuland Deutschland schon lange verloren. China ist mit aller Gewalt auf dem Weg zur größten Wirtschaftsmacht.
Weitere chinesische Motorradmarken
Mehrere europäische Unternehmen lassen ihre Motorräder in China bauen - um die 1500 Euro weniger kosten sie als Maschinen, die in Europa oder Japan hergestellt werden. Mash bietet Maschinen zwischen 50 und 650 ccm an. Seit diesem Spätsommer ist die X-Ride 650 im Programm. »Unsere Produktphilosophie ist einfache Technik, die funktioniert«, sagt Heide Porten, Geschäftsführerin von Mash Motors in Deutschland.
Die X-Ride lässt Mash bei Shineray fertigen. Der Konzern baut Autos, Motorräder, Quads und sollte sich auskennen. »Dennoch leiden wir unter dem Makel, qualitätsschwache Chinakracher zu verkaufen«, sagt Porten. Manche Defizite hat die X-Ride tatsächlich, wie die mangelhafte Lackierung am Einfüllstutzen des Tanks. Und nach wenigen Tagen ist bereits die Tankuhr ausgefallen. Insgesamt macht die Maschine aber einen robusten Eindruck.
Dies ist auch der Ansatz des einzigen echten Motorradherstellers aus China in Deutschland, der seit Mitte dieses Jahres seine Maschinen verkauft. Voge ist die erste eigene Marke von Loncin, einem der größten Zweiradproduzenten Asiens. »Die Motorräder richten sich an Käufer, bei denen das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vordergrund steht«, sagt Gerald Federl, Geschäftsführer von MSA, dem Importeur der Maschinen. In dieser Zielgruppe gibt es viele Einsteiger- und Wiedereinsteiger, aber auch erfahrene Biker, die ein Zweitfahrzeug im mittleren Hubraumsegment kaufen.
Voge feiert mit vier neuen Modellen sein Debüt, zwei haben 300 ccm Hubraum, zwei 500 ccm. Die kleineren Motoren sind Einzylinder, die größeren Zweizylinder. Zwei Maschinen sind Naked-Bikes, eine Retro und eine Reiseenduro. Das Design des Quartetts ist nicht chinesisch, sondern europäisch und japanisch und daher den Maschinen etablierter Hersteller sehr ähnlich. Sie kosten zwischen 3700 und 5800 Euro.
MSA stellte in diesem Spätherbst kein Testmotorrad mehr zur Verfügung. Hersteller werben um junge Fahrer
Voge setzt mit seinen 300 und 500 Kubikmaschinen insbesondere auf Fahrer der 125er-Einstiegsklasse. »Das sind 18- und 19-Jährige, bei denen 1200 Euro mehr oder weniger ein entscheidendes Argument für oder gegen den Kauf einer Maschine sind«, sagt Hagstotz. So viel mehr kostet etwa eine Honda CB 500 im Vergleich zur Voge 500 R. Dass der Voge-Motor ein Honda-Nachbau ist, daran stoßen sich die Chinesen selbst nicht. »Chinesen bauen nach, um besser zu werden«, sagt der Marktforscher.
Voge baut gezielt in kleinen Hubraumklassen, die von Europäern und Japanern in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurden. Loncin ist größter Motorradexporteur Chinas. Deshalb werden andere chinesische Motorradhersteller aufmerksam beobachten, wie es für das Unternehmen in Deutschland läuft. »Wenn Voge erfolgreich ist, ziehen andere nach«, sagt Hagstotz.
Historische Perspektive: Chang Jiang (Yangtze)
Am Anfang war BMW. Die Bayern bauten in den 30er Jahren ein Motorrad, R71 genannt. Mehr als 70 Jahre später läuft es immer noch vom Band: In China unter dem Namen "Yangtze" - wie das Original robust und elegant. Unsere Motorräder verströmen den Charme einer in die Jahre gekommenen Schönheit. Überall, wo wir halten, strömen die Menschen zusammen, um die Chang Jiang, einen Nachbau der BMW R71 zu bewundern. Tatsächlich sind unsere Maschinen in den vergangenen Jahren in China gebaut worden, sie sehen aber immer noch aus wie ihre Vorgänger aus den 30er Jahren: robust und elegant zugleich.
Die alte Lady hat Charakter und rückt die Wahrheit über sich selbst nur stückchenweise heraus. Sie gehorcht lange nicht jedem Befehl und wirft mitunter den Fahrer übellaunig vom Hartgummisattel, zum Beispiel in zu schnell gefahrenen Rechtskurven, in denen der Beiwagen plötzlich ohne Vorwarnung abhebt wie ein startendes Flugzeug. Der Ruf der Dame ist denkbar schlecht. Trotzdem hat die Schöne in der ganzen Welt viele Liebhaber. Mehrere Millionen Kräder wurden bis heute produziert.
Ihre Geschichte beginnt im Deutschland der Dreißiger Jahre. Obwohl unsere Motorräder den Namen des längsten chinesischen Flusses, des Chang Jiang tragen, übersetzt Yangtse, liegt ihre Wiege im zehntausend Kilometer entfernten Eisenach. Im Jahr 1938 kostete das Seitenwagengespann BMW R71 in Deutschland 1595 Reichsmark.
Im Umfeld des Hitler-Stalin-Paktes gelangte die Technik in die Sowjetunion. In Schweden erwarben die Russen 1939 fünf Maschinen. Nazi-Deutschland führte Krieg gegen Frankreich und England. Hitler und Stalin hatten gerade Polen unter sich aufgeteilt. Stalin befahl seinen Ingenieuren, die BMW R71 detailgenau zu kopieren. Die Sowjets tauften die Maschine Molotow M72.
Nach dem deutschen Angriff auf Russland im September 1940 und aus Angst vor der zunächst schnell vorrückenden Wehrmacht, verlegte Stalin das Werk in den Ural. In der 50.000 Einwohner Stadt Irbit bauten die Sowjets noch während des Krieges 5000 Maschinen. Auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges traten die beiden Schwestern nun gegeneinander an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Sowjets das BMW-Werk in Ostdeutschland als Reparationsleistung und stellten es im Ural wieder auf. Dort wurden bis in die frühen Neunziger Jahre jährlich rund 100.000 Motorräder zusammengeschraubt. Bis 1953 bauten die Russen die Maschinen fast nur für den eigenen Bedarf. In einem zweiten Werk in der Ukraine bauten sie die Dnjepr. Die Fabrik in Kiew mauserte sich zwischenzeitlich sogar zum Kreml-Lieferanten und baute für die Regierung Eskortenmotorräder für Staatsbesuche. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion produzierten die Dnepr-Werke in Kiew rund zwei Millionen Maschinen.
Im Reich der Mitte begann die Produktion 1957 in einer Militärflugzeugfabrik. Im Unterschied zu den Russen, die ihre Ural immer weiter modifizierten und somit von der BMW R71 entfernten, ließen die Chinesen die Technik weitgehend unverändert. Die heutigen Yantzes haben einen 750 Kubikmeter-Motor, sind bis zu neunzig Stundenkilometer schnell und ähneln der alten BMW derart, dass antike R71 Teile noch immer passen. Der seitengesteuerte Motor, der blattgefederte Seitenwagen sowie der Lenker mit Innenseitzügen ist noch wie in den Dreißigern.
Die chinesische Volksbefreiungsarmee mustert die alten Streitrosse nach und nach aus. So ist die Yangtze alias BMW R71, alias Ural und Dnjepr vom Aussterben bedroht.
Preis-Leistungs-Verhältnis
Interessant bei den chinesischen Herstellern ist eher die Menge an Motorrädern, die gebaut wird. Ich bin gespannt, wie sich der Gebrauchtmaschinenmarkt entwickeln wird.
Oft denken wir uns "Schlimmer geht's nimmer". Doch erneut werden wir eines Besseren belehrt.
Wenn es nicht unbedingt eine neue Maschine sein muss, dann findet man durchaus gute Maschinen der bekannten Marken auf dem Gebraucht Markt. Sicher ist nicht immer so ein Schnäppchen möglich, aber bevor man z. B. 10k€ für eine neue Chinesin (die muss ja nicht schlecht sein) ausgibt, tut es evtl.
Naja, wer Wert auf Emotionen legt, wird sich auch nicht für so manch andere Standard Modell aus dem Baukasten der größeren Hersteller interessieren, das ist kein Privileg der Chinesen. Gerade als Anfänger ist man evtl. besser mit einem solchen Standard Modell bedient. Da ist dann wahrscheinlich die Zuverlässigkeit und der Kauf- und Preis für Service etc. Wenn ich Emozione will, dann koch ich mir ne Portion Spaghetti, schmeiß' die Titanic-DVD rein - und fahre Honda.
Bei vergleichbaren Preisen liefern die auch vergleichbare Qualität, mitunter sogar bessere.
Erinnert sich noch jemand an Hyosung? Der koreanische Nachbau der SV650. Anfangs hatten sie ziemliche Qualitätsprobleme, aber sie haben es wohl irgendwann in den Griff gekriegt. Die Hyosung kostet deutlich unter 2000 Euro, eine vergleichbare SV 650 liegt eher bei 3k. Würde ich mir eine SV oder eine Hyosung kaufen? Definitiv die SV....
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