Bowdenzug und Bowdenzughülle sind ein integraler Bestandteil der mechanischen Schaltungs- und Bremssysteme am Fahrrad. Wie alle Komponenten am Fahrrad, unterliegen auch sie einer Abnutzung und sind der Witterung ausgesetzt. Um den Seilzug, genannt Fahrrad Bowdenzug (benannt nach seinem Erfinder, Ernest Bowden, manchmal aber auch Fahrrad Bautenzug genannt) dauerhaft gängig zu halten, muss er von Zeit zu Zeit gewartet werden. Im schlimmsten Fall musst du sogar Bremszug oder Schaltzug wechseln oder die Bowdenzughülle erneuern.
Diese umfassende Schritt-für-Schritt-Anleitung beschreibt, wie du außen verlegte Schaltzüge einer Kettenschaltung und die Bremszüge von V-Brake, Cantilever Bremse und anderen Seilzugbremsen austauschen kannst.
Funktion und Aufbau der Fahrrad Bowdenzüge
Die Fahrrad Bowdenzüge übertragen die Schalt- und Bremsvorgänge von den Betätigungshebeln am Lenker zu Schaltwerk und Umwerfer bzw. zur Bremse an den Laufrädern. Der Schaltzug verläuft dabei durch die Schaltzughülle und der Bremszug verläuft durch die Bremszughülle.
Der Bowdenzug
Diese Seilzüge sind komplexe Drahtgeflechte, bei denen das Kerngeflecht die Kräfte aufnimmt bzw. weitergibt und das sehr glatte äußere Drahtgeflecht für einen reibungsarmen Lauf in der Zughülle zuständig ist. Am oberen Ende befindet sich ein Tonnennippel, der in den Betätigungshebeln eingelegt wird und als Mitnehmer wirkt.
Hochwertige Innenzüge bestehen aus Edelstahl, die preiswerteren Varianten aus verzinktem Stahl. Weil diese Seilzüge mit ca. 2 Euro keine große finanzielle Belastung darstellen, raten wir immer zur Verwendung der hochwertigen Edelstahlzüge. Sie sind stabiler und besser gegen Korrosion geschützt.
Die Bremszüge müssen höhere Kräfte aushalten und sind um die 1,5 mm dick, Schaltzüge haben lediglich um die 1,2 mm Durchmesser (je nach Hersteller variieren die Maße). Auch die Tonnennippel sind bei beiden Zugarten unterschiedlich in Größe und Ausführung. Verwende niemals einen Schaltzug als Bremszug, selbst wenn es sich vom Durchmesser her anbietet. Denn Bremszüge sind sicherheitsrelevante Bauteile, also herstellerseitig sehr stabil ausgelegt (schon aus Gründen der Produkthaftung). Schaltzüge sind das nicht.
Die Bowdenzughülle
Die Bowdenzughüllen dienen als Führung für die Seilzüge und ermöglichen durch ihre feststehende Länge die Übertragung der Betätigungskräfte und -wege, die an den Griffen/Hebeln am Lenker eingeleitet werden. Es sind kunststoffummantelte, biegsame Metallhüllen mit einem Kunststoffschlauch im Kern, durch den der Bowdenzug gleitet. Auch bei den Zughüllen ist die Ausführung für den Bremszug stabiler ausgelegt als die Schaltzug-Variante. Im Gegenzug führt die Schaltzughülle den Schaltzug wesentlich präziser. Das ist den heutigen indexierten Schaltungen geschuldet.
Und auch hier gilt: niemals eine Schaltzughülle für einen Bremszug verwenden oder umgekehrt eine Bremszughülle für die Schaltzüge. Denn ein Bremszug wird eine Schaltzughülle schnell platzen lassen und ein Schaltzug wird in der Bremszughülle nicht präzise genug geführt. Je nach Hersteller besteht der innere Kunststoffschlauch aus POM, PE oder PTFE. Das musst du berücksichtigen bei der Auswahl des passenden Schmierstoffs für den Bowdenzug. Denn manches Fett (z.B. Lithium-verseiftes Lagerfett) löst PTFE (Teflon) auf.
Die Bowdenzugspannung
Um die Spannung der Bowdenzüge geringfügig zu verändern, befinden sich am oberen und am unteren Ende der Bowdenzughüllen Einstellschrauben zur Feinjustage. So bewirkt z. B. das Herausdrehen dieser Schrauben eine größere Zughüllen-Länge und somit eine höhere Spannung im Bowdenzug. An diesen Schrauben musst du ja drehen, wenn du Schaltung oder Bremse neu einstellen willst.
Für größere Veränderungen an der Spannung der Bowdenzüge müssen jedoch die Klemmschrauben an Schaltwerk, Umwerfer oder den Bremsarmen gelöst werden.
Die Belastung am Fahrrad Bowdenzug
Der Fahrrad Bowdenzug überträgt die Zug- und Druckkräfte aus der Betätigung der Hebel am Lenker. Theoretisch findet dadurch im Laufe der Zeit eine Materialermüdung statt und das Drahtseil altert. Praktisch sind die eingeleiteten Kräfte in der Regel aber relativ gering im Verhältnis zur Drahtseil-Zugfestigkeit.
Schlimmer ist für den Bowdenzug die Einwirkung der Witterung: Nässe und Staub werden schleichend in das Innere der Bowdenzughülle verschleppt und bewirken dort eine Korrosion am Bowdenzug. Dadurch entsteht Schwergängigkeit und erhöhte Reibung zwischen Innenzug und Zughülle. Eine weitere Belastung sind Knickstellen oder zu enge Radien in der verlegten Bowdenzughülle. Sie behindern den Bowdenzug in seiner Bewegungsfreiheit und das erzeugt unnötigen Verschleiß an der inneren Kunststoffhülle und erhöht die Reibungsverluste merklich.
Mit zunehmendem Verschleiß aus diesen Belastungen erhöhen sich die Betätigungskräfte an Schaltung und Bremse. Spätestens jetzt ist eine Wartung an den Bowdenzügen fällig.
Bowdenzug und Bowdenzughülle warten
In der Regel ist eine spürbare Schwergängigkeit der Anlass für eine Wartung. Viel besser wäre natürlich, regelmäßig vorbeugend eine Wartung vorzunehmen. Für die Wartung musst du die Bowdenzüge ausbauen, reinigen und gegebenenfalls gefettet wieder einsetzen.
Bowdenzug ausbauen
Hier der Ablauf zum Ausbau der Bowdenzüge:
- Stelle Schaltung bzw. Bremse so ein, dass der betreffende Bowdenzug vollständig entlastet ist. Das betrifft auch die Stellschrauben zur Feinjustage.
- Entferne die Endkappe vom Bowdenzug. Du kannst sie wieder verwenden, wenn sie noch intakt ist.
- Schneide den möglicherweise ausgefransten Bereich am unteren Ende des Bowdenzugs ab. Hierfür benötigst du eine spezielle Bowdenzugzange. Diese Zange hat konkav geformte Schneiden, die das Aufspleißen des Drahtseilgeflechts beim Schneiden verhindern. Alle anderen Arten von Schneidzangen kannst du für diesen Job vergessen. In der Not kommst du aber auch ohne eine solche Zange zurecht: Die Schnittstelle vor dem Schneiden dafür mit etwas Tape umwickeln.
- Löse die Befestigungsschraube an Schaltwerk, Umwerfer oder den Bremsarmen
- Beim Bremszug: Drehe die Einstellschraube am Bremsgriff so in Position, dass gemeinsam mit dem Schlitz im Bremshebel ein durchgängiger Schlitz entsteht und der Bremszug aus dem Bremshebel samt dem Tonnennippel entnommen werden kann
- Beim Schaltzug: Entferne die Abdeckung (je nach Modell oben, unten oder seitlich) und schiebe den Schaltzug soweit gegen den Schalthebel, dass du den Zug am Tonnennippel greifen kannst. Löse in diesem Zusammenhang aber niemals die zentrale Verschraubung der gesamten Mechanik, denn dann springen dir viele Kleinteile entgegen, die du sicher niemals wieder korrekt montiert bekommst.
- Ziehe den Bowdenzug über den Tonnennippel nach oben vorsichtig aus der Bowdenzughülle heraus. Sobald du einen Widerstand beim Herausziehen spürst, solltest du erst nach der Ursache suchen und auf keinen Fall gegen den Widerstand weiterziehen. Sonst zerstörst du unter Umständen die empfindliche Innenhülle deiner Bowdenzughülle.
Bowdenzug prüfen, reinigen und schmieren
Prüfe den Bowdenzug auf Beschädigungen, Korrosion oder andere Auffälligkeiten. Ist er schon zu stark verrostet oder sogar beschädigt (Knicke, einzelne Drähte gebrochen), muss der Bowdenzug erneuert werden. In der Regel ist der Zug auch an der Klemmstelle deformiert oder sogar leicht aufgespleißt. Entscheide nach eigenem Ermessen, ob du daher nicht doch besser einen neuen Bowdenzug einsetzt.
Wenn du allerdings geplant hast, die betreffende Bowdenzughülle um ein Stück zu kürzen (weil sie in der Vergangenheit möglicherweise zu lang war), verlagert sich die Klemmstelle am Bowdenzug um das betreffende Stück und eine Beschädigung an der alten Klemmstelle wäre irrelevant.
Wenn noch kein Austausch erforderlich ist: Reinige den Bowdenzug vorsichtig mit einem sauberen Lappen. Ein zu rauer Umgang mit dem Bowdenzug kann einzelne Litzen aus dem Drahtgeflecht herauslösen. Und damit wäre der Bowdenzug zerstört.
Seitdem es Edelstahlzüge gibt und die Zughüllen einen Innenliner aus Teflon enthalten, ist laut der Angabe vieler Hersteller eine Schmierung nicht mehr erforderlich, ja sogar kontraproduktiv. Doch wenn, dann sollte es ein Teflon-verträglicher Schmierstoff sein: Vaseline oder Teflonfett.
Weil selbst hochwertige Seilzüge aus Edelstahl heute kein Vermögen kosten (2 Euro), solltest du im Zweifel zu einem neuen Seilzug greifen. Das erspart dir etwas Arbeit (siehe oben) und erhöht auf alle Fälle die Sicherheit gegen einen plötzlichen, unerwarteten Ausfall wegen Materialermüdung.
Bowdenzughülle prüfen und reinigen
Zunächst kontrollierst du die Hüllen auf der gesamten Länge auf Beschädigungen im Außenmantel, auf Knicke, zu enge Radien, Zwangslagen oder andere Auffälligkeiten. An dieser Stelle wäre übrigens der richtige Zeitpunkt, um Bowdenzughüllen zu kürzen, wenn sich im Fahrbetrieb herausgestellt haben sollte, dass sie zu lang waren. Wenn die alten Hüllen dagegen zu kurz waren, solltest du jetzt längere Hüllen einbauen.
Ebenso ist jetzt die passende Gelegenheit, Lenker und Vorbau auszutauschen, wenn Körperhaltung und Ergonomie verändert bzw. verbessert werden sollen. Denn nicht selten erzwingt ein längerer Vorbau auch deutlich längere Bowdenzughüllen.
Kleinere Beschädigungen am Außenmantel lassen sich per Tape leicht reparieren. Knicke sind allerdings Anlass für den Austausch der Bowdenzughülle. Sie stellen eine Belastung für den Bowdenzug an genau dieser Stelle dar und können den Zug mit der Zeit zerstören.
Oft wird empfohlen, die Bowdenzughülle im Inneren mit Silikonspray zu reinigen. Wir selber verzichten auf jegliche Reinigung, weil wir die Verträglichkeit von Silikon oder anderer Flüssigkeiten mit den Schmierstoffen für den Bowdenzug nicht beurteilen können.
Bowdenzug einziehen
- Schiebe den gefetteten Fahrrad Bowdenzug vorsichtig von oben durch die Bowdenzughülle, bis er am unteren Ende aus der Hülle heraussteht. Vermeide dabei jede überflüssige Biegung der Bowdenzughülle, um es dem Bowdenzug so leicht wie möglich zu machen. Dafür solltest du die Zughülle bei Bedarf auch aus den Haltevorrichtungen am Fahrradrahmen lösen.
- Hänge im Betätigungshebel am Lenker den Tonnennippel wieder ein
- Reinige den Bowdenzug im Bereich der Feststellschraube, sodass der Klemmbereich fettfrei ist (am besten Bremsenreiniger)
- Verlege den Zug an der Feststellschraube unter Spannung. Dafür ziehst du beim Eindrehen der Klemmschraube am Zugende per Hand. Vermeide auf jeden Fall den Einsatz einer Zange zum Ziehen, weil du dann mit Sicherheit das Litzengeflecht aufspleißt. Auch ein übertriebenes Festziehen der Klemmschraube kann den Bowdenzug aufspleißen.
- Über die Einstellschraube kannst du jetzt die notwendige Spannung im Bowdenzug aufbauen und Schaltung bzw. Bremse korrekt einstellen.
- Kürze den Bowdenzug bei Bedarf am Ende mit der Bowdenzugzange (lasse einige cm hinter der Klemmschraube als Sicherheitsreserve stehen).
- Stecke eine Endkappe auf das Zugende und verkrimpe sie mit einer Rundzange oder einem anderen geeigneten Werkzeug.
Bowdenzug und Bowdenzughülle austauschen
Der Einbau neuer Bowdenzüge erfolgt ähnlich der obigen Beschreibung. Für den Austausch der Bowdenzughüllen ist zunächst erforderlich, die neuen Zughüllen in die passende Länge zu kürzen:
Bowdenzughülle kürzen
Neue Bowdenzughüllen müssen erst auf die erforderliche Länge zugeschnitten werden. Wenn die Länge der alten Hüllen korrekt bemessen war, kannst du die alten Hüllen als Maß für den Zuschnitt der neuen Hüllen verwenden.
Es wird häufiger empfohlen, die Hüllen per Bowdenzugzange zu kürzen. Wir raten davon ab, denn es ergibt sich dann keine saubere Endfläche. Du kannst die Zughülle auf diese Weise sogar beschädigen. Wir empfehlen dagegen das Ablängen per Schleifbock. Damit erzielst du in jedem Fall eine saubere Anlagefläche, was sich beim Schaltzug positiv auf die Präzision der Schaltvorgänge auswirkt.
Vermeide beim Trennen am Schleifbock aber eine zu starke Erhitzung der Metallröhre, denn diese Hitze kann die empfindliche Kunststoff-Innenhülle anschmelzen. Und beseitige den Schleifgrat, damit der neue Bowdenzug später nicht beschädigt wird. Benutze vor allem eine Schutzbrille, wenn du am Schleifbock arbeitest.
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