Bremsflüssigkeit am Motorrad wechseln: Eine detaillierte Anleitung

Beim Thema „Bremsen“ gibt es keine Kompromisse: Die 100-prozentige Leistungsfähigkeit und Sicherheit der Bremsanlage muss auf jedem Meter Fahrstrecke zur Verfügung stehen. Zu einer gut funktionierenden Bremsanlage gehört neben ausreichend dicken Bremsbelägen auch der regelmäßige Austausch der Bremsflüssigkeit.

Warum ist der Wechsel der Bremsflüssigkeit wichtig?

Die Bremsflüssigkeit übernimmt wichtige Aufgaben in einer hydraulischen Scheibenbremse. Sie überträgt den Bremsdruck an die Radbremszylinder und nimmt von der Bremse viel Wärme auf. Bremsflüssigkeit übernimmt die Schmierung der beweglichen Teile im Bremssystem, schützt diese vor Verschleiß sowie Metalle vor Korrosion. Da die Bremsflüssigkeit mit der Zeit Wasser aus der Luftfeuchtigkeit aufnimmt, sinkt ihr Siedepunkt. Im Extremfall droht Überhitzung. Niemand möchte mit einer wirkungslosen Bremse Motorrad fahren.

Spätestens alle zwei Jahre soll die Bremsflüssigkeit erneuert werden. Je nach Fahrleistung empfiehlt es sich die Bremsflüssigkeit häufiger (z.B. jährlich) zu wechseln. Die Bremsflüssigkeit sollte deshalb regelmäßig ausgetauscht werden. Da der TÜV alte Bremsflüssigkeit sowieso moniert, ist ein Wechsel spätestens alle zwei Jahre erforderlich.

Man sieht es an ihrer Farbe: Frische Bremsflüssigkeit ist meistens hellgelb, sie kann aber je nach Hersteller und Typ auch beige, hellblau oder hellrot eingefärbt sein. Mit zunehmendem Alter wird sie grau bis schwarz. Das ist ein untrügliches Zeichen, dass sie alt und verbraucht ist.

Bremsflüssigkeit ist „hygroskopisch“, das heißt, sie nimmt Wasser auf. Je älter sie ist, desto mehr Wasser hat sie aus der Luft aufgenommen. Dadurch ist ihre Temperaturstabilität gesunken, sie beginnt entsprechend früher zu „kochen“.

Bei Hitze bilden sich regelrechte Dampfblasen, und die Gefahr ist groß, dass die Bremsen bei extremem Einsatz - etwa bei Passabfahrten oder im Rennstreckenbetrieb, wo die Bremse sehr heiß wird - plötzlich versagen. Denn die Dampfblasen sind komprimierbar, lassen sich zusammendrücken, weswegen der vom Bremshebel aufgebaute Druck nicht an die Bremskolben weitergegeben wird. Ergebnis: Der Bremshebel lässt sich fast bis zum Griffgummi durchziehen, die Bremswirkung ist gleich null.

Schnelle Fahrer oder pässebegeisterte Biker wechseln die Bremsflüssigkeit sogar alle zwölf Monate, da sie durch den ständigen Wechsel von Erhitzen und Abkühlen besonders stark belastet wird.

Vorbereitung und Sicherheitsvorkehrungen

Nur erfahrene Schrauber sollten an der Bremse hantieren. Der Wechsel startet mit der Auswahl der richtigen Bremsflüssigkeit, die man u.a. Herstellerempfehlungen - z.B. aus dem Motorrad Handbuch - entnehmen kann. Es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass keine unterschiedlichen Bremsflüssigkeiten (angegeben in DOT-Klassifizierung) beim Wechsel vermischt werden, da diese entweder auf Glykol- oder Silikonbasis beschaffen sind.

Aufgrund ihrer ätzenden Wirkung greift Bremsflüssigkeit Lacke und Kunststoffe an. Potentiell betroffene Stellen (z.B. Tank) sollte daher abgedeckt werden. Einen sauberen Lappen griffbereit zu halten, kann nicht schaden.

Vor dem Wechsel oder der Nachfüllung der Bremsflüssigkeit ist es wichtig, das Motorrad vor Spritzern zu schützen. Die Bremsflüssigkeit ist aggressiv und würde den Lack angreifen. Zunächst erfolgt die Markierung des aktuellen Bremsflüssigkeit-Stands am Bremsflüssigkeitsbehälter. Dafür eignet sich ein Bleistift, mit dem sich leicht ein Strich setzen lässt. Beim Auffüllen der Bremsflüssigkeit bis zum Maximalpunkt kann es vorkommen, dass beim Wechseln von bereits sehr abgenutzten Bremsklötzen der Stand zu hoch ist.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Wechseln der Bremsflüssigkeit

Nachstehend erklären wir die mit einfachen Mitteln durchzuführende Handwerkermethode mit Schlauch, durchsichtigem Behälter und Ringschlüssel.

Die Arbeitsschritte zum Entlüften der vorderen und hinteren Bremse sind nahezu gleich.

  1. Vom Bremsflüssigkeits-Vorratsbehälter Deckel abschrauben, Stützplatte und Membran ausbauen.
  2. Alte Bremsflüssigkeit aus Behälter absaugen, z. B. mit Einwegspritze. Behälter innen, Gummimembran, Stützscheibe und Deckel mit sauberem, nicht fusselndem Lappen reinigen.
  3. Frische Bremsflüssigkeit einfüllen.
  4. Je ein Entlüftungsventil ist an der Handbremspumpe und an jedem Bremssattel angebracht: Gummikappen abziehen.
  5. Zuerst wird am Entlüftungsventil der Handbremspumpe entlüftet:
    1. Exakt passenden Sechskant-Ringschlüssel auf Sechskant des Entlüftungsventils aufstecken. Keinen Zwölf-Kant-Ringschlüssel nehmen oder gar einen Gabelschlüssel, damit werden die Ecken des Sechskants am Entlüftungsventil rasch „rund gedreht“. Es können oben, vorne und hinten verschiedene Entlüftungsventile mit SW 6, 8 oder 11 angebaut sein.
    2. Einen passenden, durchsichtigen Schlauch über das Entlüftungsventil stülpen und mit einem Kabelbinder sichern. Anderes Ende in sauberem Gefäß enden lassen.
    3. Etwas Bremsflüssigkeit in das Gefäß geben, damit das Schlauchende keine Luft ansaugen kann.
    4. Gefäß so aufhängen, dass das Niveau der Bremsflüssigkeit etwas höher steht als das Entlüftungsventil.
    5. Frische Bremsflüssigkeit in den Vorratsbehälter geben. Einen Lappen darüberlegen, damit nachher beim Pumpen nichts herausspritzt.
  6. Einsteller im Handbremshebel auf maximalen Abstand einstellen.

Der Entlüftungsvorgang

  1. Handbremshebel einige Male langsam anziehen, bis Widerstand spürbar ist. Schön langsam „pumpen“ und den Hebel zwischendurch immer einige Sekunden in Ruhestellung lassen, damit Bremsflüssigkeit luftfrei nachläuft.
  2. Nach dem vierten bis fünften Pumpvorgang den Bremshebel langsam anziehen und am Widerstandspunkt gezogen halten.
  3. Entlüftungsventil 1/4 bis 1/3 Umdrehung öffnen, Hebel langsam ganz durchziehen, Entlüftungsventil schließen.
  4. Hebel langsam wieder loslassen und einige Male pumpen, Hebel in Druckposition halten, Entlüftungsventil aufdrehen und schließen.
  5. Schritte eins bis vier so lange wiederholen, bis nur noch saubere Bremsflüssigkeit ohne Luftblasen aus dem Schlauch kommt.
  6. Dazwischen immer nachsehen, ob im Vorratsbehälter genügend Bremsflüssigkeit ist: Der Pegelstand darf nicht unter die Minimum-Marke fallen. Rechtzeitig nachfüllen, damit keine Luft ins System gelangt.
  7. Tritt am Entlüftungsschlauch nur noch frische Bremsflüssigkeit ohne Luftbläschen aus, den Bremshebel nochmals durchziehen, dabei das Entlüftungsventil „leicht“ festziehen mit 2 Nm.
  8. Dann wird die Bremsleitung zum linken vorderen Bremssattel entlüftet: Dazu die Schritte eins bis sieben wiederholen.
  9. Danach am rechten Bremssattel entlüften.
  10. Abschließend noch einmal am Entlüftungsventil (Handbremspumpe) entlüften.

Im Anschluss die Arbeit an der Hinterradbremse fortsetzen: Da an der Fußbremspumpe kein Entlüftungsventil vorhanden ist, wird nur über das Entlüftungsventil im hinteren Bremssattel entlüftet.

Nach dem Entlüften die Umgebung der Entlüftungsstellen mit reichlich warmem Wasser und einem Schuss Geschirrspülmittel reinigen und trocknen. Anschließend etwas Silikonfett in das Entlüftungsventil geben und die Gummikappe aufdrücken. Abschließend den Bremsflüssigkeitsstand nochmals prüfen und ggf. auffüllen.

Alternative Methoden zum Entlüften

Einige Firmen haben in das Ablassventil eine Kugel eingebaut, die rein technisch wie der Schlauch mit dem zusätzlichen Ventil funktioniert. Wird die Bremsflüssigkeit herausgepumpt, drückt es die Kugel nach außen. Das verhindert den Rücklauf zuverlässig.

Alternativ gibt es Bremsleitungen mit einem äußerst geringen Querschnitt. Hier steigen die Luftblasen, die eigentlich abgeleitet werden, beim Loslassen der Bremse sofort wieder nach oben. Bei diesen Systemen ist es äußerst schwierig, das Bremssystem richtig zu entlüften. Mithilfe von Unterdruck ist dies jedoch kein Problem. Die Anbringung des Systems mit Schlauch, Behälter und Pumpe erfolgt am Ablasssystem. Darüber wird dann die Bremsflüssigkeit aus dem Bremssystem gezogen. Oben kannst du dann gleichzeitig neue Bremsflüssigkeit nachgießen, insofern die Standanzeige unter das Minimum fällt.

Welche Bremsflüssigkeit ist die richtige?

Bei den meisten Motorradrädern sind Bremsflüssigkeiten in den Qualitäten DOT 3 (United States of Transportation) oder DOT 4 vorgeschrieben. DOT 3 eignet sich auch für die Verwendung bei Oldtimern. Wer DOT 3 nutzt, darf dieses jedoch keinesfalls mit DOT 4 mischen. DOT 4 eignet sich für die meisten modernen Motorradmodelle. Von Motul und einigen anderen Herstellern gibt es eine DOT 3/ DOT 4 taugliche Bremsflüssigkeit. Insofern das eigene Bremssystem nicht nach einer DOT 5 Flüssigkeit verlangt, raten wir von dieser Flüssigkeit ab, da sie auf Silikonbasis beruht.

Die DOT-Klassifizierung (DOT = Department of Transportation, US-Verkehrsministerium) bezieht sich auf den Siedepunkt von Bremsflüssigkeiten. Bei Zweirädern reichen die DOT-Klassen von 3 bis 5. Wobei DOT 3 einen Siedepunkt von 205 °C, DOT 4 von 230 °C sowie DOT 5 einen Siedepunkt von bis zu 260 °C aufweist. Welche Bremsflüssigkeit Du benötigst, zeigt das Bordbuch.

Es ist wichtig, die für das eigene Bremssystem benötigte Flüssigkeit zu wählen, um die besten Voraussetzungen beim Bremsen zu schaffen.

Bremssysteme mit Assistenzsystemen, beispielsweise ABS, benötigen häufig DOT 5.1 oder Bremsflüssigkeiten mit Sonderbezeichnungen. Der Hintergrund ist jener, dass die Viskosität der Flüssigkeit stets gleichbleibend sein muss, damit die Sensoren des ABS bei Temperaturschwankungen immer gleich angesprochen werden. Bei anderen Systemen hingegen ist es nicht so wichtig, ob die Bremsflüssigkeit mal etwas dicker und mal etwas dünner ist. Der Wechsel der Flüssigkeit in einer Werkstatt wird empfohlen, insofern ABS oder andere Spezialsysteme vorhanden sind.

Der Hinweis zur passenden Bremsflüssigkeit befindet sich meistens auf dem Schraubverschluss des Bremsflüssigkeitsbehälters. Es lohnt sich übrigens, eher kleine Packungen der Flüssigkeit zu kaufen, da diese nicht lange gelagert werden kann.

Entsorgung der alten Bremsflüssigkeit

Louis und andere Verkaufsstellen bieten nicht nur Bremsflüssigkeiten für Motorräder an, sondern nehmen die gebrauchte Bremsflüssigkeit auch entgegen.

Wichtige Hinweise

Anmerkung 1: Im Regelfall wird bei Bremsanlagen ohne oder mit ABS beim Wechsel die gesamte Bremsflüssigkeit erneuert, indem beim Durchpumpen der neuen Bremsflüssigkeit die alte einfach ausgedrückt wird. Wenn Sie nicht sicher sind, ob das auch bei Ihrer Maschine so ist, sollten Sie vorab Ihren Händler fragen.

Anmerkung 2: Ältere BMW-Motorräder mit ABS haben mehrere Bremskreise, nämlich den jeweiligen Radbremskreis und den zugehörigen ABS-Bremskreis. Auch können die Bremsen vorne und hinten miteinander gekoppelt sein: zum Beispiel bei Hondas mit der CBS-Bremsanlage. Aber auch ältere Guzzis aus den 1970/80er-Jahren besitzen zum Teil eine so genannte „Integralbremse“. Besitzern solcher Maschinen raten wir dringend, den vorgeschriebenen Bremsflüssigkeitswechsel beim Markenhändler machen zu lassen, weil dafür Spezialwerkzeuge erforderlich sind, verschiedene Maßangaben und Arbeitsschrittabfolgen beachtet werden müssen und nach getaner Arbeit auch der Fehlerspeicher der Bordelektronik ausgelesen werden muss.

Anmerkung 3: An einigen Maschinen ist ein Entlüftungsventil an der Handbremspumpe angebracht; man findet dies zum Beispiel bei modernen Maschinen mit Radial-Bremspumpe.

Anmerkung 4: Die Anziehdrehmomente der Entlüftungsventile in den Bremssätteln und der Handbremspumpe sind je nach Hersteller verschieden. Bitte besorgen Sie sich diese aus den Werkstatt-Handbüchern, bevor Sie mit der Arbeit anfangen.

Standardwerte sind: Entlüftungsventile im Bremssattel mit SW 7 oder 8 mit maximal 8 Nm festziehen. Entlüftungsventile mit SW 11 mit 15 bis 18 Nm festziehen. Das Entlüftungsventil in der Handbremspumpe wird mit 3 bis 4 Nm festgezogen.

Zusätzliche Tipps

  • Achte beim Entlüftungsvorgang unbedingt auf Sauberkeit.
  • Nutze stets die richtige Bremsflüssigkeit (siehe Handbuch).

Kosten

Die jeweiligen Kosten beim Wechsel der Bremsflüssigkeit hängen vom Motorradtypen sowie vom Bremssystem ab. Sie belaufen sich auf durchschnittlich 45 bis 100 Euro und setzen sich auf der Bremsflüssigkeit (15 bis 30 Euro) und der anfallenden Arbeitszeit (30 bis 60 Euro) zusammen. Hinzu kommt häufig die Entsorgungspauschale der alten Bremsflüssigkeit (5 bis 10 Euro).

Das selbstständige Wechseln der Bremsflüssigkeit schlägt mit etwa 3 bis 10 Euro zu Buche.

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