Auch wenn Sie schnell reagieren und in der Fahrschule gelernt haben, wie Sie eine Gefahrenbremsung mit dem Motorrad machen, die Gesetze der Physik lassen sich durch Erfahrung und Reaktionsvermögen nicht außer Kraft setzen. So schnell, wie das Motorrad beschleunigt, lässt es sich jedenfalls nicht zum Stehen bringen. Doch Sie können durchaus etwas für mehr Sicherheit beim Motorradfahren tun, indem Sie das Bremsverhalten richtig einschätzen.
Einflussfaktoren auf den Bremsweg
Der Motorrad-Bremsweg wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen Geschwindigkeit und Gewicht der Maschine, Reifen und Bremstechnik sowie Straßen- und Wetterverhältnisse. Entsprechend unterschiedlich ist das Bremsverhalten im Alltag.
- Geschwindigkeit: Passen Sie die Geschwindigkeit an Untergrund und Wetterverhältnisse an. Denn auf rutschiger Fahrbahn oder bei Regen haben die Räder weniger Bodenhaftung, wodurch sich der Bremsweg verlängert.
- Reifenqualität und -zustand: Abgefahrene oder ungeeignete Reifen können den Bremsweg verlängern.
- Straßenverhältnisse: Nasse, vereiste oder verschmutzte Straßen erhöhen den Bremsweg.
Die Bedeutung von Reaktionsweg, Bremsweg und Anhalteweg
Im Alltag aber ist es lebenswichtig, genauere Informationen zu haben, wie lange ein Bremsvorgang mit allen Verzögerungen dauert und wie schnell sich das eigene Motorrad tatsächlich zum Stehen bringen lässt.
- Reaktionsweg: Das ist die Strecke, die das Motorrad in der Zeit zurücklegt, die Sie brauchen, um den Bremsvorgang einzuleiten. Und meist dauert es zwischen einer halben und einer Sekunde, bis Sie reagiert haben. Sind Sie abgelenkt, unkonzentriert, müde oder alkoholisiert, kann sich die Reaktionszeit noch verlängern. Und bis dahin fährt das Motorrad erst mal mit unverminderter Geschwindigkeit weiter.
- Bremsweg: Das ist die Strecke, die das Motorrad braucht, um nach der Einleitung des normalen Bremsvorgangs zum Stehen zu kommen. Wie lange das dauert und wie viel Meter das Motorrad während des langsamen Abbremsens noch zurücklegt, hängt von Faktoren wie Geschwindigkeit, Gewicht der Maschine, Reifen, Untergrund und Technik wie Zustand der Bremsanlage ab.
- Anhalteweg: Das ist die Strecke, die das Motorrad zwischen dem ersten Reaktionsimpuls vor dem Bremsen bis zum vollständigen Halt der Maschine zurücklegt. Auf eine Formel gebracht, drückt das die Gleichung Reaktionsweg + Bremsweg = Anhalteweg aus.
Technik und Wartung
Das Antiblockiersystem ABS stabilisiert das Bike beim Bremsen, verkürzt aber nicht den Bremsweg. Dazu muss vor allem die Bremsanlage optimal funktionieren und gut gewartet sein.
- Technik: Motorräder mit Antiblockiersystem (ABS) bieten mehr Sicherheit, da diese Technik dafür sorgt, dass die Räder beim Bremsen nicht blockieren. Damit verkürzt sich zwar nicht der Bremsweg, aber die Maschine bleibt besser beherrschbar, sodass die Gefahr von Stürzen reduziert wird. Für neue Modelle über 125 ccm Hubraum schreibt der Gesetzgeber seit Anfang 2016 den Einbau von ABS vor. Bei vielen älteren Motorrädern gehört ABS nicht zur Serienausstattung, kann jedoch als Option verbaut sein.
- Wartung: Bremsscheiben und Bremsbeläge verschleißen mit der Zeit, sodass sich das Bremsverhalten des Bikes verschlechtert. Deswegen sollten Sie die Bremsanlage regelmäßig prüfen und etwa die Beläge rechtzeitig wechseln lassen. Das verkürzt den Bremsweg des Motorrads und trägt zu Ihrer Sicherheit bei.
Bremsweg-Berechnung
Zur Ermittlung des Bremswegs von Fahrzeugen gibt es eine Formel, die auf Grundlage der Geschwindigkeit in Stundenkilometern km/h einen ungefähren Wert in Metern liefert. Demnach können Sie den Bremsweg (BW) unter durchschnittlichen Bedingungen anhand folgender Formel schätzen: Geschwindigkeit : 10 x 2 = BW.
Bei einer Vollbremsung wird der Wert noch einmal halbiert. Für Motorräder passt die Formel allerdings nur bedingt, da bei Krafträdern grundsätzlich ein längerer Bremsweg als bei Pkw einkalkuliert werden muss. Daher wird meist ein mathematischer Verzögerungswert von 10 m/s2 angenommen, den etwa Bremsweg-Rechner bei Motorrädern berücksichtigen.
Mit Rechner, Formel und Faustregeln können Sie besser einschätzen, wie lang der Bremsweg des Motorrads ist. Dazu können Sie Bremswerttabellen und Bremswertrechner nutzen. Der Bremsweg ist nicht der Anhalteweg.
Vergleich von Bremswegen
Der ADAC verglich Bremswege verschiedener Fahrzeuge bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 80 km/h und ihrem zulässigen Höchstgewicht. Dabei war der Bremsweg eines BMW X3 (23,5 Meter) und der eines VW Golf (22,3 Meter) mehrere Meter kürzer als der einer BMW R 1200 GS (25,3 Meter). Sogar ein SUV mit Anhänger (25,2 Meter) kam schneller zum Stehen als BMWs Reiseenduro.
Dazu stellte der Automobilclub bei Motorrädern ein ungünstiges Verhältnis zwischen Radstand und Schwerpunkthöhe fest, was zu instabilen Fahrzuständen führt und Stürze bis hin zu Überschlägen verursacht. Interessant für alle, die mit viel Gepäck reisen: die Höhe der Zuladung hat physikalisch keinen Einfluss auf die Bremsweglänge. Eine ungünstige Positionierung dagegen schon.
Testergebnisse im Detail
Die Versuche fanden auf dem ADAC Testgelände in Kaufbeuren statt. Die Fahrbahnoberfläche der Bremsstrecke war zum Zeitpunkt der Versuche durchgehend frei von Nässe bei Oberflächentemperaturen zwischen 21 und 33 Grad Celsius. Der Fahrbahnzustand war homogen und schmutzfrei.
| Fahrzeug | Zul. Gesamtmasse (in kg) | Reifengröße | Reifenmodell | Bremsweg bei 80 km/h (in m) |
|---|---|---|---|---|
| VW Golf | 1860 | 225/45 R17 91W | Dunlop Sport Maxx RT | 22,3 |
| BMW X3 | 2365 | 245/50 R18 100Y | Pirelli P Zero Run Flat | 23,5 |
| BMW 1200GS | 450 | Vorne: 120/70 R19; Hinten: 170/70 R17 | Michelin Anakee III | 25,3 |
| Gespann: BMW X3 mit Hymer Carado C164L | 3415 | BMW: 245/50 R18 100Y; Hymer: 185/70 R13 | Pirelli P Zero Run Flat; Uniroyal Rainexpert 3 | 25,2 |
| Mercedes Sprinter | 3500 | 235/65 R16C 118/116R | Continental Vanco Eco | 28,0 |
| Dethleffs Globebus T4 | 3499 | 215/70 R15 CP | Michelin Agilis Camping | 29,8 |
| DAF XF 460 FT | 40.000 | 315/70 R22.5 | Goodyear Fuelmax | 36,2 |
Die Höhe der Zuladung hat physikalisch keinen Einfluss auf die Bremsweglänge. Sie wird eher von der Lage des Gesamtschwerpunktes der Masse bestimmt, also der Positionierung der Zuladung.
Für Motorräder ergibt sich durch ihr ungünstiges Verhältnis zwischen Radstand und Schwerpunkthöhe eine obere Grenze, die nicht von der Leistung der Bremsen oder Reifen beeinflusst wird. Es besteht die Gefahr instabiler Fahrzustände bis hin zum Überschlag.
Verzögerung aus hohen Geschwindigkeiten
Mit steigender Geschwindigkeit verlängern sich die Anhaltewege quadratisch. Aus 300 km/h ist der Bremsweg bei gleicher Verzögerung demnach neun, aus 200 km/h vier mal länger als aus 100 km/h.
Schützenhilfe leistet die Luft, die den Fahrer mit steigender Geschwindigkeit überproportional abbremst. Bei 300 km/h verzögert der Luftwiderstand bei geschlossenem Gasgriff und gezogener Kupplung das Motorrad mit 6,2 m/s², einem Wert, den der Normalfahrer bei geringen Geschwindigkeiten gerade mal als Maximum erreicht.
Rechtliche Aspekte
Motorradfahrer müssen einen ausreichenden Mindestabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einhalten, um bei einer plötzlichen Vollbremsung des Fahrzeugs sicher abbremsen zu können. Stürzt dagegen der Motorradfahrer in Reaktion auf das unerwartete Bremsmanöver des Pkw-Fahrers, spricht der Beweis des ersten Anscheins dafür, dass er unaufmerksam war oder einen zu geringen Sicherheitsabstand eingehalten hat - dies auch, wenn es nicht zu einer Kollision mit dem Pkw kam, hat das Oberlandesgericht Celle entschieden.
Die Gefahrenbremsung in der Fahrschule
Eine Gefahrenbremsung wird in der Fahrschule geübt, damit Fahrschüler diese im Ernstfall beherrschen. Zunächst muss der Fahrschüler geradeausfahren und das Fahrzeug auf eine vorab vorgegebene Geschwindigkeit beschleunigen. Um den Bremsvorgang zu vollziehen, müssen Sie Kupplung und Bremse voll durchtreten. Dies ist der schnellste Weg, das Fahrzeug zum Stillstand zu bringen. Diese Gefahrenbremsung wird zu Übungszwecken mehrere Male simuliert.
Tipps für eine sichere Bremsung
- Regelmäßige Wartung: Eine regelmäßige Kontrolle von Bremsen und Reifen ist essenziell.
- Angepasste Geschwindigkeit: Die Geschwindigkeit sollte stets den Straßenverhältnissen angepasst sein.
- Vermeidung von Ablenkung: Aufmerksamkeitsverlust kann die Reaktionszeit verlängern und den Anhalteweg erhöhen.
- Ein ausreichender Sicherheitsabstand ist das absolut Entscheidende, wenn es um die Vermeidung von Auffahrunfällen geht. Daher gilt als Richtwert: Abstand mindestens halber Tachowert in Metern.
- Dank ABS und ESP in den Autos ist eine Destabilisierung des Fahrzeugs durch einen beherzten Tritt auf die Bremse in Gefahrensituationen nahezu nie zu erwarten. Eine ungenügend stark durchgeführte Bremsung ist hingegen ein häufiger Unfallgrund. Daher sollte der Fahrer in Gefahrensituationen immer maximal bremsen. Bei Motorrädern helfen Assistenzsysteme wie ABS und Hinterrad-Abhebe-Kontrolle (Rear Wheel Lift-Off Protection).
- Geschwindigkeit und Bremsweg hängen physikalisch zusammen. Theoretisch gilt: Verdoppelt sich die Fahrgeschwindigkeit, geht damit eine Vervierfachung des Bremsweges einher.
- Die Bremssysteme bzw. Reifen der Kleintransporter und der Wohnmobile weisen gegenüber modernen Pkw deutliche Verbesserungspotenziale auf, stoßen aber oft an physikalische Grenzen.
- Abstands- sowie Auffahrwarner und Notbremsassistenten sind für die Sicherheit äußerst sinnvoll und sollten bei allen Fahrzeugen mit an Bord und immer auch aktiv sein.
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