Vor wenigen Wochen schreckte die Insolvenz von Europas größtem Motorradhersteller die Fachwelt auf. Was KTM vor sich hat, hat ein anderes österreichisches Zweiradunternehmen hinter sich.
Im Spätsommer 2023 war der Motorradimporteur und -hersteller KSR zahlungsunfähig. Nur drei Monate später erfolgte die Sanierung in Eigenverwaltung. Ein Jahr danach hat sich viel getan. Jens Riedel sprach mit Michael Kirschenhofer, neben seinem Bruder Christian Firmengründer und Geschäftsführer, über die aktuelle Lage beim Unternehmen, neue Marken und die Zukunftsstrategie.
Hintergrund der Insolvenz
Die KSR Group GmbH wird am 6.9.2023 ein gerichtliches Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragen. Die wirtschaftliche Situation in den Märkten des familiengeführten Unternehmens mit Sitz im niederösterreichischen Gedersdorf hat sich innerhalb des letzten Jahres durch gestiegene Energiepreise, hohe Inflation und Kaufkraftverlust seitens der Kunden drastisch verändert.
Als Gründe für die Situation geben die beiden Besitzer, Michael und Christian Kirschenhofer, die hohen Materialkosten in Folge der Pandemie und des Ukraine-Kriegs, Wechselkursschwankungen und rückgängige Umsätze aufgrund der Kaufzurückhaltung sowie volle Händlerlager an.
Die entscheidenden Ursachen für die Einleitung des Sanierungsverfahrens sollen hohe Materialkosten infolge der Pandemie und dann des Ukraine-Krieges, Wechselkursschwankungen und die rückgängigen Umsätze aufgrund einer stärker als erwarteten Kaufzurückhaltung der Konsumenten in den letzten Monaten sowie volle Händlerlager sein.
Laut eigener Aussage hat die KSR Group mehr als 60.000 Fahrzeuge pro Jahr verkauft. Im Jahr 2020 konnte sie noch einen Rekordumsatz von 179 Millionen Euro vorweisen, jetzt drückt sie jedoch ein Schuldenberg von 123,3 Millionen Euro. Von der Insolvenz sind 220 Mitarbeiter und 252 Gläubiger potenziell betroffen.
Bestätigung der Fortführung
Nun teilt das Unternehmen in einer Kurzmitteilung mit, dass der Fortbestand des Unternehmens gesichert sei. Die Liquidität der KSR Group ist für den Fortbetrieb im Sanierungsverfahren gesichert. Auf dieser Grundlage hat das Gericht den Beschluss gefasst, das Unternehmen weiter fortzuführen.
Dr. Christoph Sauer: „Die Liquidität der KSR Group ist für den Fortbetrieb im Sanierungsverfahren gesichert. Auf dieser Grundlage hat das Gericht den Beschluss gefasst, das Unternehmen weiter fortzuführen.“
Am 20.12.2023 haben die Gläubiger am Landesgericht Krems dem Sanierungsplan zugestimmt und den Fortbestand des bekannten Zweiradimporteurs gesichert, berichtet Stephan Mazal von Creditreform.
Neuausrichtung und Strategie
Vor einem Jahr hieß es, KSR wolle sich verstärkt auf die Eigenmarken Brixton und Malaguti konzentrieren. Wie sieht das heute aus? „Wir haben das Kapitel der finanziellen Restrukturierung abgeschlossen, jetzt stehen uns wieder alle Wege offen. Wir sagen intern oft: Was andere noch vor sich haben, haben wir schon hinter uns. Wir haben unsere Unternehmensgröße an die aktuelle Marktnachfrage angepasst und schreiben wieder schwarze Zahlen. Unsere Eigenkapitalsituation hat sich deutlich verbessert und die aktuellen Bilanzzahlen sind erfreulich. Anfang 2024 haben wir zudem begonnen, die internen Prozesse neu zu strukturieren, um uns für die Zukunft besser aufzustellen.
Mit der Übernahme von QJ Motor, Segway Powersports und Access Motor im Juli 2024 haben wir unser Portfolio gezielt erweitert. Diese Marken ergänzen unser Sortiment perfekt und helfen uns, eine noch breitere Produktpalette anzubieten, die den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Kunden gerecht wird. Dabei verlieren wir unsere Kernmarken nie aus den Augen. Wir werden aber weiterhin jede Möglichkeit prüfen, unser Portfolio zu erweitern, denn es wäre falsch, Marktchancen, die sich uns bieten, nicht zu evaluieren.“
Mittlerweile vertreiben Sie wieder neun Marken, darunter mit Segway Powersports einen Neuzugang, aber auch mit Motron eine weitere eigene Motorradmarke. Ist das nicht ein gewagter Schritt nach der finanziellen Schieflage? „Motron gehört bereits seit 2021 zu unserem Markenportfolio. Die Aufnahme von QJ Motor und Segway Powersports war ein strategischer Schritt, denn beide Marken stehen für Innovation, Abenteuer und Fahrspaß auf hohem, aber erschwinglichem Niveau. Das passt perfekt in unser Konzept.“
Royal Enfield und die DACH-Region
Sie sind in der DACH-Region Importeur für Royal Enfield, nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Bereich zwischen 250 und 750 Kubikzentimeter Hubraum. Wie läuft der Absatz? „Die Erwartungen für 2024 waren höher als die tatsächlichen Ergebnisse. Das Jahr war geprägt von der Umstellung von Euro 5 auf Euro 5 plus, wodurch die volle Lieferfähigkeit der neuen Modelle erst gegen Ende des Jahres sichergestellt werden konnte. So gesehen war 2024 ein Übergangsjahr, denn die eingeschränkte Verfügbarkeit der Euro-5-plus-Modelle hat uns im vergangenen Jahr leider Absatz und Marktanteile gekostet. Für 2025 sind wir jedoch optimistisch. Insbesondere die neuen Modelle Bear 650 und Classic 650 sowie die verbesserte Verfügbarkeit der Himalayan 450 Euro 5+ werden sich sehr positiv auf die Umsätze auswirken.“
Deutschland ist der größte Motorradmarkt der DACH-Region. Welche Ziele verfolgen Sie hier in den nächsten Jahren? „Ich bin gerade von einer Reise nach China zurückgekommen und die Dynamik dort ist beeindruckend. Das wird die Marktanteile der chinesischen Hersteller in Europa und natürlich auch in Deutschland deutlich steigen lassen. Die chinesischen Premiumhersteller holen enorm auf und bieten inzwischen Produkte auf Augenhöhe mit der Konkurrenz an, oft mit Vollausstattung zu günstigen Preisen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist enorm. QJ Motor zum Beispiel gibt es erst seit vier Jahren, aber in dieser kurzen Zeit haben sie ein Portfolio von fast 150 Modellen geschaffen. Das ist eine Welle, wie ich sie noch nie gesehen habe.“
Potenzial und Ausblick
Wo sehen Sie weiteres Potenzial für KSR? „Wir hatten ein langes Gespräch mit dem Geschäftsführer von QJ Motor, der uns das Wachstumspotenzial am Beispiel des spanischen Marktes aufgezeigt hat. Dort hat die Marke im ersten Jahr rund 2000 Fahrzeuge verkauft, im zweiten Jahr rechnet man schon mit 10.000 Stück. Wir werden von QJ Motor stark unterstützt, um solche Wachstumsziele auch in unseren Märkten zu erreichen.
Von welcher Neuheit aus Ihrem eigenen Programm versprechen Sie sich in diesem Jahr besonders viel? „Brixton Motorcycles wird sich noch stärker im Adventure-Bereich positionieren. Besonders freuen wir uns auf die lang erwartete Storr 500, die ab sofort bestellt werden kann und pünktlich zur Saison im Handel steht. Bei Malaguti wollen wir Roller und urbane Mobilität in den Mittelpunkt stellen, unter anderem mit der Rückkehr legendärer Modelle wie dem Crosser CR1.“
Und was erwartet uns bei den Importmarken? „Wir setzen große Erwartungen in QJ Motor. Unser Portfolio umfasst nun zwölf Modelle, darunter die SRT 900 SX, SRK 921 RR, SV12 V und die SRK 600 RS, die zuvor bei Benelli vorgestellt wurden. Auf der EICMA 2024 wurden insgesamt 40 neue Modelle gezeigt und der Katalog umfasst mittlerweile über 160 Produkte. Unsere Aufgabe als Importeur ist es nun, die passenden Modelle für unsere Märkte sorgfältig auszuwählen und strategisch zu platzieren. Im Vierrad-Segment bringt QJ Motor erstmals zwei neue Modelle mit 600 und 1000 Kubikzentimetern auf den Markt. Weitere ATV, SSV und UTV von 300 bis 1000 Kubik folgen in Kürze. Royal Enfield wird mit den neuen Modellen Bear 650 und Classic 650 sowie der verbesserten Verfügbarkeit der Himalayan 450 mit Euro 5+ einen Wachstumsschub erleben. Die ersten Motorräder werden in Kürze bei den Händlern stehen. Bei Segway Powersports freuen wir uns besonders auf das lang erwartete ATV-Flaggschiff, das Snarler AT10. Mit ihrer Wide-Version und 30-Zoll-Bereifung definiert es ein völlig neues Marktsegment.“
Gibt es ein konkretes Absatzziel und auf welche Marken setzen Sie dabei besonders? „Unser aktuelles Ziel liegt bei rund 20.000 verkauften Fahrzeugen in unseren Absatzmärkten. Dabei setzen wir verstärkt auf große Motorräder, ATVs und UTVs, da diese höhere Umsätze bei geringeren Stückzahlen generieren. Wir haben aber auf jeden Fall gelernt, vorsichtiger zu planen - wir füllen unsere Lager nicht mehr so voll wie in der Hochzeit von Corona.“
Überblick über KSR Group
Die österreichische KSR Group, Importeur zahlreicher Motorradfabrikate und Markeninhaber von Brixton Motorcycles hat am 6. Die im Niederösterreichischen Gedersdorf KSR Group ist mit rund 60.000 verkauften Fahrzeugen pro Jahr einer der größten Motorradimporteure in Europa. Jetzt haben die Gesellschafter des Familienunternehmens KSR Group Antrag auf ein gerichtliches Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragt. Die Geschäftsbereiche Smart Products und Mobility mit den Marken CFMOTO, Royal Enfield, NIU, Brixton, Malaguti, Motron, A-TO und DocGreen werden wie gewohnt weiter betrieben.
| Marke | Segment |
|---|---|
| CFMOTO | Motorräder, ATVs, UTVs |
| Royal Enfield | Motorräder |
| NIU | Elektroroller |
| Brixton | Motorräder |
| Malaguti | Motorräder, Roller |
| Motron | Motorräder |
| A-TO | Fahrzeuge |
| DocGreen | Smart Products |
| QJ Motor | Motorräder, Vierrad-Segment |
| Segway Powersports | ATVs |
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