Carbon Laufrad vorne im Test: Ein umfassender Überblick

Laufräder sind nicht nur ein Blickfang, sondern auch ein wichtiger Teil des Fahrwerks. Sie bestimmen mit ihrer Breite, welche Form der Reifen annimmt und mit welchem Luftdruck dieser gefahren werden kann.

Breite Felgen und ihre Vorteile

Mit den aktuellen Breitfelgen - im Test liegt das mittlere Innenmaß bei rund 30 Millimetern - lässt sich der Druck senken, Komfort und Grip steigen. Das sind starke Argumente, alte Schmalspurlaufräder in Rente zu schicken und ans Zweit- oder Drittrad zu verbannen und in neue Technik zu investieren.

Konventioneller Aufbau oder Systemrad?

Aber auf welche Bauart sollte man setzen? Konventioneller Aufbau oder Systemrad? Welche Gewichte sind realistisch? Überleben Carbon-Felgen einen Ritt durch Steinfelder, oder ist es gar verrückt, auf Carbon ernsthaft über Fels und Wurzelbretter zu rattern? Klar, jeder will ein leichtes Laufrad.

Aber Laufräder müssen vor allem auch robust sein. Denn wenn das Rund versagt, ist die Luft nicht nur aus dem Reifen raus, sondern auch aus der Traum-Tour.

Getestete MTB-Laufradsätze

Folgende MTB-Laufradsätze wurden getestet:

  • Carbon-Laufräder:
    • 9th Wave Dirt-SW27
    • Acros A-Wheel ED Race Boost Carbon 27,5
    • Bontrager Line Pro 30
    • Bulls Hattori
    • Castle CC Morgenstern 27,5"
    • Syntace C33i Straight Carbon (BIKE TIPP: Testsieger)
  • Aluminium-Laufräder:
    • DT Swiss M1700 Spline 30
    • E*Thirteen TRS+
    • Mavic XA Elite 27.5 Green 2.35
    • Newmen Evolution SL A.30 (BIKE TIPP: Preis / Leistung)
    • Spank Oozy Trail 345 Wheelset Boost
    • Sun Ringlé Düroc 30 Expert AL
    • Veltec ETR-ExtraDrei 27,5"
    • Whizz Wheels LRS DT 350 Boost / ZTR Flow MK3

Steifigkeit und Gewicht

In Sachen Steifigkeit profitieren alle Räder von der Boost-Bauweise. Durch die breiten Einbaumaße stehen die Felgen standhaft zwischen den Flanschen, obwohl dünnste Speichen wie die Sapim CX-Ray zum Einsatz kommen. Systemräder, also speziell aufeinander angepasste Naben, Speichen und Felgen realisieren dabei etwas niedrigere Gewichte als konventionelle Aufbauten. Die Radsätze drücken mit 1400 bis 1950 Gramm auf die Waage, wobei sich das Alu-Modell von Newmen mit 1597 Gramm zwischen die Carbon-Räder mischt, die das Gewichts-Ranking naturgemäß anführen.

Der Crashtest

Große Unterschiede offenbart der Crashtest. Hier zeigt die Carbon-Felge von Syntace (1600 Gramm) extreme Nehmerqualitäten und bleibt auch unter harter Überlast intakt, die Alu-Felgen einknicken lässt wie eine leere Dose Bier. Zusammen mit den anderen guten Qualitäten gibt das ein "Super" in der Gesamtwertung. Alle anderen Carbon-Felgen versagen viel früher, spätestens bei der Schlagstufe 5; zeigen teilweise aber auch schon vorher kleine Schäden, die nicht immer leicht zu entdecken sind, aber eine Keimzelle für den Totalausfall sein können.

Bei Carbon schwingt deshalb immer die Frage mit, ob der Hersteller garantieren kann, die für Carbon typischen Fertigungsschwankungen im Griff zu haben. Alu ist diesbezüglich ehrlicher. Das Material ist homogen, und ein dicker Schlag zieht immer eine Beule nach sich.

Kleinere Beulen kann man auch wieder rausbiegen, aber wenn die Flanke bricht, wie bei Sun Ringlé, ist die Tour zu Ende. Die Größe der Beulen variiert stark. Newcomer Newmen ragt in dieser Disziplin bei Alu-Rädern heraus und holt sich auch ein "Super" als Endurteil. Die Beulresistenz ist sehr viel besser als bei allen anderen Felgen, dank einer leicht ausgestellten Flanke, abgeschaut vom Motocross-Bereich.

Im Duell der Besten - Syntace und Newmen - herrscht so fast ein Patt zwischen Carbon- und Alu-Rad. Letzteres kostet aber weniger als die Hälfte und ist damit der Preis-Leistungs-Tipp im Test.

Breite Felgen und Tubeless-Kompatibilität

Die mittlere Innenweite der Felgen liegt bei 30 Millimetern, das erlaubt niedrige Reifendrücke. Das breite Boost-Einbaumaß - 110 mm vorne, 148 mm hinten - macht die Laufräder steif. Alle Felgen im Test sind für Schlauchlosbetrieb geeignet. Die effektiven Durchmesser aber schwanken.

Schlagtest: Die Überprüfung der strukturellen Festigkeit

Einen Stein übersehen, oder voll in eine Wurzel gesprungen? Wenn der Reifen durchschlägt, zählt die strukturelle Festigkeit der Felge. Mit einem Schlagtest haben wir überprüft, was die Felge wegstecken kann. Dazu haben wir die Laufräder 20 Grad geneigt aufgespannt und einen 7,5 Kilogramm schweren Kunststoffhammer aus fünf Höhen auf das Felgenhorn donnern lassen. Alu-Felgen bekommen dabei schnell Beulen, deren Tiefe wir vermessen haben (Tabellenwerte oben). Carbon-Felgen haben wir auf sichtbare Schäden kontrolliert und auf der höchsten Schlagstufe bis zu fünf Versuche an fünf unterschiedlichen Stellen unternommen.

Manchmal gehen vier Versuche schadlos gut, und beim fünften bricht die Felge. Bewertet haben wir bei Carbon die höchste schadensfreie Stufe, bei Bruch haben wir zusätzlich um eine Stufe abgewertet. Bei Alu werten wir die Stufe, bei der die Verformung unter einem Millimeter bleibt.

Ergebnisse des Schlagtests

Die Ergebnisse unseres Bruchtests der Carbon- und Alu-Laufräder im Überblick:

Laufrad Material Ergebnis
Syntace Carbon Besteht Schlaghöhe 5 locker
Acros Carbon Riss bei Schlagstufe 5
Sun Ringlé Alu Riss bei Schlagstufe 5
Newmen Alu Winzige Beulen selbst bei Schlagstufe 5

Syntace: Unzerstörbar

Die Syntace-Felge aus Carbon besteht die Schlaghöhe 5 locker, selbst die Probe auf Stufe 8 lässt nur den Decklack platzen. Ein herausragendes Testergebnis. Damit kann man sich zu Tale stürzen.

Acros: Gerissen

Carbon verhält sich digital. Die Carbon-Felge von Acros hält bis Schlagstufe 4 ohne sichtbare Zeichen, bei Schlagstufe 5 reißt die Felge auf. Im groben Geläuf sind solche Konstruktionen keine gute Wahl.

Sun Ringlé: Eingeknickt

Meistens beult Alu nur. Aber wenn es zu viel wird, gibt es auch hier Bruch - wie im Bild bei der Sun-Ringlé-Felge, die bei Schlagstufe 5 als einzige Alu-Felge richtig deutlich einreißt.

Newmen: Standhaft

Selbst bei Schlagstufe 5 sind die Beulen in der Newmen-Aluminium-Felge winzig. Besser steckt kein Alu-Ring die Misshandlungen weg. Der Trick: Die Felgenhörner sind leicht ausgestellt.

Testergebnisse im Detail

9th Wave Dirt-SW27

Fazit: Die leichte, asymmetrische Breitfelge scheint baugleich mit der von Acros, teilt aber auch deren Schlagempfindlichkeit. Sehr guter, homogener Aufbau. Sehr gute Steifigkeit. Fürs grobe Geläuf aber leider zu schlagempfindlich.BIKE-Urteil: SEHR GUT

ACROS A-Wheel ED Race Boost Carbon 27,5

Fazit: Leichtester Laufradsatz im Test. Dünne Speichen und asymmetrische Carbon-Felge drücken Gewicht und Trägheit bei sehr guter Steifigkeit. Für felsiges Terrain nicht ausreichend schlagfest.BIKE-Urteil: SEHR GUT

BONTRAGER Line Pro 30

Fazit: Top für tubeless: Profiliertes Kunststoffband und ausgeprägtes Tubeless-Horn/Bett lassen den Reifen fest im Oversized-Reifensitz einrasten. Frühe Delamination kostet Punkte.BIKE-Urteil: GUT

BULLS Hattori

Fazit: Die voluminöse Breitfelge sitzt steif zwischen den Flanschen, ist aber nicht sehr schlagfest. Zudem ist die Einspeichung recht ungleichmäßig. Felge scheint baugleich mit CastleBIKE-Urteil: GUT

CASTLE CC Morgenstern 27,5"

Fazit: Die Felge scheint baugleich mit Bulls, ist im Schlagtest...

Rennrad-Laufräder mit Carbonspeichen

Leichtgewicht und Steifigkeit

Als die Konstrukteure Rudolf Dierl und Heinz Obermayer vor 30 Jahren ein Speichenrad aus Carbon für Rennräder entwickelten, war das eine Sensation. Felge, Nabe und Speichen der Lightweight-Laufräder, wie sie später genannt wurden, waren fest zusammenlaminiert und klassischen Konstruktionen haushoch überlegen: Geringes Gewicht und höchste Steifigkeit verbanden sie auf eine Art, wie sie mit den damals üblichen Alu-Felgen und Stahlspeichen nicht ansatzweise zu erreichen war.

Exorbitanter Preis

Spätestens mit den ersten prominenten sportlichen Erfolgen - 1996 wurde Johan Museeuw mit den neuartigen Laufrädern Straßenweltmeister und Bjarne Riis gewann damit die Tour de France - wurden sie bei Profis wie Hobbyfahrern so begehrt, dass die Nachfrage über Jahre hinweg nicht gesättigt werden konnte. Nur der exorbitant hohe Preis und die eingeschränkten Reparaturmöglichkeiten verhinderten eine massenhafte Verbreitung des Konstruktionsprinzips.

Konkurrenz für Lightweight

Drei Jahrzehnte später werden die Lightweight-Laufräder noch immer nach ähnlichem Prinzip hauptsächlich in Handarbeit gebaut, unter professioneller Ägide bei der Carbovation Group in Friedrichshafen. Bis heute gelten sie als Inbegriff des technisch Machbaren, auch wenn ihr Vorsprung beim Gewicht über die Jahre kleiner wurde. Und bis heute sind sie ein Beispiel für Luxus gewordene Rennradtechnik: Das Top-Modell “Obermayer”, benannt nach einem der Erfinder, kostet inzwischen 6505 Euro.

Doch mehrere Hersteller rütteln am Thron des Leichtbau-Pioniers und wollen das leichtfüßige Fahrgefühl eines Carbonspeichen-Laufrades zu günstigeren Preisen einem breiteren Publikum zugänglich machen. Gegen sieben neue Laufradsätze, allesamt mit Felgen und Speichen aus Carbon, muss sich Lightweight in unserem aufwendigen Vergleichstest bewähren. Darunter sind fünf klassisch eingespeichte Modelle und zwei neuartige Fertigungskonzepte.

Mavic und One-K

Schon 2006 stellte Mavic mit dem Cosmic Ultimate ein Lightweightähnliches Laufrad vor, das 2023 eine Neuauflage erfährt - TOUR konnte es exklusiv bereits vor dem offiziellen Marktstart testen. Ebenfalls exklusiv testen wir erstmals ein Produkt mit völlig neuem Ansatz: One-K, eine Ausgründung der Technischen Universität Kaiserslautern, flicht zusammenhängende Faserstränge sternförmig um ausgeformte Zapfen am Nabenflansch und spezielle Titannippel, die in einer handelsüblichen Aero-Felge von Duke stecken.

Günstigere Alternativen

Die Neukonstruktion will sämtliche Gewichtsrekorde brechen und ist dabei mit Preisen ab 2200 Euro noch einmal günstiger. Zudem drängen chinesische Anbieter mit Speichen aus Carbon auf den Markt, die sich mit handelsüblichen Felgen kombinieren lassen. Eines dieser Produkte scheint so überzeugend, dass gleich mehrere Anbieter es nutzen: In den Modellen von Cadex, Hunt, Newmen und Storck stecken, mit kleinen Variationen, die Speichen des gleichen Herstellers.

Vorteile von Carbonspeichen

Michael Grätz, Chef der deutschen Marke Newmen, baut unter dem Markennamen Vonoa einen Europa-Vertrieb für diese Speichen auf und erklärt weitere Vorteile des Materials gegenüber klassischen Speichen aus Stahl: “Carbon ist, relativ gesehen, nicht nur leichter, sondern auch steifer. Das heißt, die Laufräder werden stabiler, oder umgekehrt brauche ich für eine vergleichbare Steifigkeit etwa drei Speichen weniger”, berichtet er. Weil sich Carbonspeichen nicht dehnen, vertragen sie eine höhere Spannung. Zudem soll die Dauerhaltbarkeit der Laufräder besser sein, weil Carbon im Gegensatz zu Stahl nicht ermüdet.

Gewichtsrekord und Seitensteifigkeit

Durch Carbonspeichen können die Laufradsätze gegenüber vergleichbaren Konstruktionen mit Stahlspeichen gut und gerne 100 Gramm leichter werden. Konkurrenzlos leicht sind die Vollcarbon-Räder also nicht mehr - und werden in diesem Test sogar überholt: Mavics neues Cosmic Ultimate ist auf den Punkt gleich schwer; die extravaganten Laufräder von K-One stellen alles bisher Dagewesene in den Schatten: Mit einem Set-Gewicht von nur 947 Gramm, 300 Gramm weniger als die Vollcarbon-Modelle, sind sie die neuen Könige des Leichtbaus.

Ein Indiz dafür ist die Seitensteifigkeit, also die Verformung des Laufrades bei seitlicher Belastung. Hier muss das One-K Punkte lassen: Bei moderater Seitenlast von 100 Newton an der Felge geben die Laufräder rund 3 Millimeter nach. Im Sattel bedeutet das besonders für schwerere Fahrer ein leicht “teigiges” Fahrgefühl und weniger Lenkpräzision, die Rückmeldung des Laufrades ist weniger direkt.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0