Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad: Bedeutung und Kontroverse

"Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" gehört zu den Klassikern der witzigsten Kinderlieder.

Das Kinderlied und seine Wurzeln

Das neue Lieblingslied meiner Tochter Flora, 3, ist der Klassiker „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“.

Der Text erzählt von einer Oma, die allerlei absurde Dinge tut oder besitzt, von denen man im Allgemeinen sagt, dass sie sehr ungewöhnlich sind, oder die es nicht gibt: Die Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, hat im hohlen Zahn ein Radio, einen Nachttopf mit Beleuchtung oder ’nen Petticoat aus Wellblech.

Viele der im Lied erwähnten Dinge gibt es heute nicht mehr oder aber sind zumindest meiner Tochter gänzlich unbekannt.

Es ist, ich habe das mal eben zusammengegoogelt, eine Mischung aus zwei älteren Liedern. Melodie und der Aufbau des Refrains stammen aus dem 1922 veröffentlichten Lied „Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen“.

Der Refrain geht so: „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen/Ihr klein Häuschen, ihr klein Häuschen/Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen/Und die erste und die zweite Hypothek.“ Das wiederum ist aber auch nur ein Melodie-Zitat aus dem Stück „Die Holzauktion“, geschrieben um 1890 von Franz Meißner.

Meine Tochter lacht sich jedes Mal kaputt, wenn sie dieses Lied hört oder singt.

Der WDR-Skandal: "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau"

Nun aber hat der WDR mit einer von seinem Kinderchor gesungenen satirischen Verballhornung des Liedes eine Welle der Empörung ausgelöst.

In einem WDR 2-Video singt ein Mädchenchor in einer Persiflage von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" unter anderem: "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau".

In dem Video sangen rund 30 Mädchen im Studio unter anderem die Zeilen: "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau.“

In einer anderen Strophe hieß es: „Meine Oma fährt mit 'nem SUV beim Arzt vor, überfährt dabei zwei Opis mit Rollator.“

Auch die Themen billiges Discounterfleisch und Kreuzfahrten werden nicht ausgespart.

Es war als satirischer Beitrag zur Generationendebatte innerhalb der Klimadiskussion gemeint, wurde aber offenbar von vielen Usern im Netz sehr ernst genommen.

Doch war es vor allem der Refrain "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau", der einen Shitstorm von bald 40.000 Kommentaren entfachte, obwohl der WDR das Video noch am gleichen Abend von seiner Seite nahm.

Da hatten bereits ranghohe Politiker dezidiert Kritik an dem Video geäußert.

Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, moniert fehlenden Respekt vor den Älteren.

Einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, fühlt sich an die DDR erinnert und spricht davon, der Chor sei dazu missbraucht worden, "Umerziehung zu betreiben".

Unterdessen protestierten Dutzende Menschen vor dem Sitz des Senders in Köln unter dem Motto "Meine Oma ist keine Umweltsau".

Der Polizei zufolge gehörten einige Demonstranten augenscheinlich zur rechten Szene.

Nun wurden in der Sache verschiedene Beleidigungen mit Morddrohungen gegen WDR-Journalisten bekannt.

Schließlich rief am Samstagabend sogar WDR-Intendant Tom Buhrow vom Krankenhausbett seines 92-jährigen Vaters in einer Spezialsendung von WDR 2 an.

Dort bezeichnete er das „Video mit dem verunglückten Oma-Lied“ als Fehler.

„Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür.“

Sein Vater habe immer hart gearbeitet.

„Er ist keine Umweltsau“, sagte Buhrow.

In einer abendlichen Sondersendung stellte sich WDR2-Programmchef Jochen Rausch der Kritik der Hörer und sagte, man habe einen Fehler begangen.

„Wir haben mit einem großen Hammer auf einen relativ kleinen Nagel geschlagen“, sagte WDR-2-Programmchef Jochen Rausch reumütig in der Spezialsendung und entschuldigte sich mehrmals.

Man habe das Wort „Umweltsau“ in Verbindung gebracht mit der „lieben Oma“, die abends Geschichten vorlese.

„Das drückt bei vielen Menschen den roten Knopf“, so Rausch.

Man habe nicht mit der „nötigen sprachlichen Feinheit“ gearbeitet und „nicht lange genug nachgedacht“.

Reaktionen und Meinungen

Zwar warfen viele Hörer und Nutzer den Verantwortlichen mangelnden Respekt vor Älteren und eine Instrumentalisierung von Kindern für ein "beschämendes" oder "ideologisches" Video vor.

Andere aber lachten darüber.

„Scheinbar können es viele Menschen nicht vertragen, wenn man ihnen den Spiegel vorhält“, sagte eine Hörerin in der WDR-Sendung.

„Satire muss man aushalten“, sagte auch die 14-jährige Ricarda.

„Was ist daran so schlimm?“

Die Kinder seien alt genug, um zu wissen, was sie sängen.

„Die haben ihre Großeltern doch trotzdem lieb.“

Das Redaktionsteam bedauere, „dass die Satire die Gefühle eines Teils des Publikums verletzt hat“, teilte der WDR mit.

Dies sei nicht die Absicht der Aktion gewesen.

Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, sagt, er verstehe nicht, warum das Video so polarisieren konnte, weil es klar als Satire gekennzeichnet worden sei.

Man habe in der Vergangenheit immer wieder solche Dinge erlebt.

"Satire geht manchmal dahin, wo es wirklich schmerzt.

Überall findet es nicht richtig, dass das Video entfernt wurde.

"Wann immer man etwas aus dem Netz nimmt, lenkt man noch mehr Aufmerksamkeit darauf.

Es ist ja im Netz auch weiterhin zu finden, es ist ja deswegen nicht verschwunden, nur weil es nicht mehr auf der offiziellen WDR-Seite ist.

Die Entschuldigung des WDR-Intendanten Tom Buhrow kann er aber gut nachvollziehen.

Er könne verstehen, dass dieses Thema emotionalisiere, sagt Überall.

"Ich halte das für ein emotionalisiertes Thema in der nachrichtenarmen Zeit.

Ich denke, Satire darf sehr, sehr viel.

Es hat schon Fälle gegeben, die aus meiner Sicht viel drastischer waren.

Juristische Folgen

Die Staatsanwaltschaft Köln hat im Fall zahlreicher "Umweltsau"-Anzeigen die Aufnahme von Ermittlungen abgelehnt.

"Zureichende Anhaltspunkte für die Begehung von Straftaten durch die Veröffentlichung des Videos konnten nicht festgestellt werden", hieß es am Mittwoch in einer Stellungnahme, in der dargelegt wird, dass es nicht ausreicht, "dass nur eine von verschiedenen möglichen Bedeutungsauslegungen der in Rede stehenden Äußerung strafrechtlich bedeutsam wäre".

In Köln waren rund 200 Anzeigen gegen ein Ende 2019 vom WDR ins Netz gestelltes Video, das eine von einem Kinderchor vorgetragene Verballhornung des Liedes "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" enthielt, gesammelt worden.

Viele Senioren hatten sich von der Formulierung "Meine Oma ist ne alte Umweltsau" betroffen gezeigt.

Allerdings stellte die Staatsanwaltschaft auch fest, dass ein erheblicher Teil der Strafanzeigen "aus der Feder 'wutbürgernaher', oftmals ideologisch argumentierender Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems" stammte.

Von der Staatsanwaltschaft erhält er nun noch eine kleine Nachhilfe in Sachen Textauslegung.

Das "Umweltsau"-Video könne aus der Sicht eines unvoreingenommenen Betrachters durchaus auch so verstanden werden, dass nicht etwa eine pauschale Beleidigung aller Seniorinnen intendiert war, sondern vielmehr die kritische Auseinandersetzung mit klimaschädlichen Verhaltensweisen als solchen, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Die Motorrad fahrende Oma sei nicht als Stellvertreterin aller Seniorinnen zu sehen, sondern als Kunstfigur.

"Im Übrigen würde aber auch die Betitelung solcher Seniorinnen als 'Umweltsau', die sich etwa durch den Verbrauch von 1000 Litern Superbenzin im Monat, den fortgesetzten Verzehr von Billigfleisch und die Benutzung von Großraumwagen für Arztbesuche auszeichnen, nicht den Grad einer im Bereich (auch) politischer Meinungsbildung für die Annahme einer strafbaren Beleidigung erforderlichen Schmähung erreichen", schreibt die Staatsanwaltschaft.

Alle Anzeigeerstatter werden nun einen Bescheid erhalten, in dem die Staatsanwaltschaft ihre Ablehnungsgründe eingehend darlegt.

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