Motorradgespanne sind eine faszinierende Fahrzeuggattung, die eine lange Tradition hat und dennoch in der heutigen Zeit eine Nische besetzt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Motorradgespanne, von klassischen Modellen bis hin zu modernen Umbauten.
Klassische Gespanne und ihre Besonderheiten
Ein besonderes Beispiel für ein klassisches Gespann ist die BMW R 65 mit Watsonian-Beiwagen. Dieses Unikum bietet Platz für sechs Personen und sorgt für jede Menge Spaß. Der Youngtimer aus dem Jahr 1988 quält sich zwar elend langsam auf 80 km/h, dafür herrscht im Beiboot eine Stimmung, als gäbe DJ Ötzi ein Freikonzert auf dem Oktoberfest. Der Watsonian Oxford, gebaut von der ältesten Beiwagenfirma der Welt, ist ein Exot mit vier Plätzen in zwei Reihen und hat früher auf der Insel ganze Familien mobil gemacht.
André Heller, der das Gespann zehn Jahre lang besaß, erzählt: "Aber wie die Leute gucken, wenn wir mit sechs Kerlen vor der Kneipe absteigen, das kann keiner bezahlen."
Hellers Laden in Cuxhaven, der "Scheibendoktor", fuhr den 6er-BMW tagaus, tagein, im Winter, als Kinderkutsche, Lastesel oder als Begleittransporter bei der Motorradausfahrt. Anfangs hatte er Probleme mit der ungewohnt breiten Spur, lernte aber später schätzen, dass sein Boot in Rechtskurven kaum aufsteigt und perfekt in die ausgefahrenen Spurrillen auf der Autobahn passt.
Technische Daten: BMW R 65/Watsonian Gespann
| Merkmal | Daten |
|---|---|
| Zweizylinder-Boxer | Hubraum 649 cm³ |
| Leistung | 37 kW (50 PS) bei 6100/min |
| Hinterradantrieb | Reifen: Motorrad 125 SR 15/Beiwagen 155 R 13 T |
| Zulässiges Gesamtgewicht | 600 kg |
| Maximale Zuladung | 230 kg |
| Höchstgeschwindigkeit | 136 km/h |
| Preis | circa 5000 EUR |
Moderne Gespanne aus China: Changjiang V 750 Deffender
Ein weiteres interessantes Gespann ist die Changjiang V 750 Deffender, ein Enduro-Gespann aus China, das wie eine Moto Guzzi V85 TT mit Seitenwagen aussieht. Traditionell fertigt Changjiang robuste Motorrad-Gespanne, ursprünglich für das chinesische Militär. Bereits in den 1950er-Jahren fing das an, damals auf Basis russischer Gespanne von Ural und Dnepr, die wiederum mitsamt 750er-Boxer-Motor von BMW übernommen worden waren.
2024 führte Changjiang eine neue Gespann-Baureihe ein. Diesmal nicht mit Boxer-Motor, sondern mit einem V-Twin, dem seine italienischen Wurzeln auf den ersten Blick anzusehen sind.
Bemerkenswerterweise handelt es sich hier nicht um eine Nachbildung der aktuellen 850er-Version von Moto Guzzi, sondern um einen Motor mit 750 Kubik. Bei 10:1 Verdichtung erreicht der angeblich rund 52 PS (38 kW) bei 6.300/min sowie maximal 60 Nm Drehmoment bei 4.900/min.
Technische Details der Changjiang V 750 Deffender
- Luftgekühlter V-Twin mit 750 Kubik und 52 PS
- Einstellbares KYB-Fahrwerk plus Luftfederung
- 3 Enduro-Räder mit ABS-Bremsen
- 409 Kilo mit moderner Ausstattung
Die Ausstattung des Gespanns ist bemerkenswert umfangreich und modern: Dreikanal-ABS, Schlupfregelung, Tempomat, 7-Zoll-Farbmonitor mit Bluetooth-Connectivity, Anschlüsse für USB und 12 Volt sowie eine Dashcam (Front-Kamera). In China kam das Gespann Changjiang V 750 Deffender im Mai 2024 in den Handel, ab 68.888 Yuan, umgerechnet circa 8.900 Euro. Dem Vernehmen nach soll das V 750 Deffender in Europa voraussichtlich zwischen 18.000 und 19.000 Euro kosten.
Ural Gespanne: Kultstatus und Wintertauglichkeit
Ural-Gespanne haben einen gewissen Kultstatus erreicht. Die Marke Ural ist geboren, als die M72-Produktion im Krieg nach Irbit ans namensgebende Ural-Gebirge übersiedelte. Die Gespanne sind als wendige, leichte und geländegängige Fahrzeuge ideal für das Militär. Drei Mann mit Ausrüstung können schnell und leicht transportiert werden und so läuft die Produktion in den letzten Kriegsjahren und darüber hinaus auf Hochtouren.
Obwohl ab diesen Zeitpunkt die BMW R 71 nur noch in der Grundidee zu sehen ist, bleibt die Nachfrage hoch. Nach Jahrzehntelangem Einsatz auf dem ganzen Globus haben Ural-Gespanne einen gewissen Kultstatus erreicht.
Ein Test im verschneiten Mühlviertel zeigte, dass die Ural auch im Winter eine gute Figur macht. Mit zuschaltbarem Beiwagenantrieb kämpft sie sich schier unaufhaltsam durch die Schneemassen. Allerdings ist an diese Dynamik muss man sich erst einmal gewöhnen.
Moderne Ural-Gespanne
Früher galten Urals als unzuverlässig und fehleranfällig, doch das ist heute nicht mehr so. 2002 wird das inzwischen privatisierte Unternehmen von drei jungen russischen Unternehmern gekauft. Sie verwandeln Ural von einem Überbleibsel der Sowjet-Zeit in ein funktionierendes und modernes Unternehmen. Fabriken werden modernisiert, Produktionsschritte verbessert, die Qualitätssicherung verstärkt und seit 2008 werden auch moderne Komponenten aus westlichen Ländern verbaut.
Mash B-Side 500: Günstiges Motorradgespann von der Stange
Wer günstig Motorradgespann von der Stange fahren wollte, der wurde bis Anfang der 90er-Jahre noch bei MZ fündig. 2017 sprang dann Mash in die Bresche und brachte mit der Family Side erstmals wieder ein serienmäßiges Motorrad mit Beiwagen im vierstelligem Preisbereich auf den Markt - und legt jetzt noch einmal nach. Die Mash B-Side 500 tritt rustikal auf. Der Seitenwagen nach klassischer Bauart sowie die beiden Einzelsitze motorradseitig erinnern ein wenig an alte Militärmaschinen.
Angetrieben wird das Dreirad von einem 494 Kubikzentimeter großen Reihenzweizylinder und wird vorne lobenswerterweise von einer geschobenen Langschwinge geführt. Mit 54 PS und 51 Newtonmetern handelt es sich um den bislang leistungsstärksten Motor in einer Mash, der aktuell auch nur dem Gespann vorbehalten ist.
Kenner machen in dem Fahrzeug eine Eins-zu-eins-Adaption des Modells Tornando 520 der Konzernmutter Shineray aus. Das erklärt auch den leicht martialischen Auftritt, bringt aber anderseits eine üppige Ausstattung mit sich, die man für diesen Preis nicht erwartet.
Royal Enfield Super Meteor 650 Sidecar Custombike: Ein Meisterwerk von Cherry's Company
Aus einer Royal Enfield Super Meteor 650 fertigte der japanische Meister Kurosu die Challenger. Sie dürfte das schönste Gespann auf diesem Planeten sein. Kaichiroh Kurosu baute für Royal Enfield die neue Super Meteor 650 um. Er hielt sich dabei nicht an eine Bedingung von Royal Enfield - um sie auf andere Weise maximal zu erfüllen.
Grundbedingung von Royal Enfield an Kurosu war: Die Super Meteor muss klar erkennbar eine Super Meteor bleiben. Und trotz des komplett neuen Looks, des neuen Fahrwerks, des Umbaus mit einem gebremsten Beiwagen und der Änderungen an allen Karosserieteilen ist sofort klar: Das ist eine Royal Enfield Super Meteor 650. Mit luftgekühltem, 47 PS starkem Reihenzweizylinder-Motor.
Das neue, ungebremste Vorderrad im Format 21 Zoll (0,53 Meter) steht in einer selbstgefertigten Earles-Gabel, auch als geschobene Langschwinge bekannt. Die Radachse lagert in einem Exzenter, der das Einstellen des Nachlaufs erlaubt.
Der Markt für Motorradgespanne
Der Markt für Motorradgespanne ist eine Nische, aber es gibt eine treue Anhängerschaft. Mit dem Umbau von Motorrädern zu Gespannen mit seitlich montiertem Beiwagen wiederum beschäftigen sich zwischen Sonthofen und Flensburg dutzende Betriebe. Die haben gut zu tun, doch was am Ende dabei herauskommt bleibt überschaubar: „Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland jährlich 200 bis 300 Gespanne neu zugelassen werden“, sagt Uli Jacken, zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes der Hersteller & Importeure von Krafträdern mit Beiwagen (BVHK).
Ein modernes Gespann kann durchaus auf einem Motorrad wie der knapp 300 km/h schnellen Suzuki Hayabusa basieren, leistungsstarke Modelle von Honda oder Kawasaki werden ebenfalls genutzt. Ganz vorn auf der Beliebtheitsskala steht allerdings die Marke BMW.
Schon wer sich mit einem Umbau der einfacheren Art begnügt - was laut Uli Jacken für das Gros der Kunden gilt - muss mit Preisen bis zu 10.000 Euro rechnen. Womit allein der Umbau gemeint ist, das Motorrad selbst ist in der Summe nicht enthalten.
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