Der ultimative Drehmomentschlüssel-Test für Fahrräder: Sicherheit und Präzision im Fokus

Warum ein Drehmomentschlüssel für Fahrräder unverzichtbar ist

Viele Verschraubungen am Fahrrad sind filigran und verbinden sicherheitsrelevante Bauteile. Das Präzisionswerkzeug verhindert einerseits, dass Schraubverbindungen oder Bauteile durch zu hohe Kräfte Schaden nehmen und andererseits, dass die Verbindung aufgrund zu geringer Schraubkraft nicht sicher ist. Daher sollte man beim Schrauben immer einen Drehmomentschlüssel benutzen.

“4 Nm”, “6 Nm” oder “12 Nm” steht dann häufig klein auf den verschiedenen Bauteilen aufgedruckt oder eingelasert. Vorbau, Lenker, Sattelklemmung: Es gibt kaum mehr eine Schraubverbindung am Rennrad, die ohne Drehmomentvorgabe in Newtonmeter (Nm) auskommt. Doch was bedeuten beispielsweise 4 Newtonmeter, wie sie oft an Carbonlenkern gefordert werden? Ungefähr handfest? Für ein derart sensibles Bauteil, an dem auch die Sicherheit des Radlers hängt, wäre das in etwa so präzise wie die Angabe “eine Prise Salz” im Backrezept.

Der Drehmomentschlüssel gehört daher zur Grundausstattung jeder Werkstatt. Wer auch unterwegs nicht auf korrekte Anzugsmomente verzichten möchte, ist mit einem der vier handlichen Tools im Test gut beraten.

Die Grundlagen des Drehmomentschlüssels

Laut Definition müsste man einen ein Meter langen Hebel mit 0,4 Kilo belasten, um an der Vorbauschraube das entsprechende Drehmoment aufzubringen. Schlüssel mit der sogenannten Kurzwegeauslösung decken etwa 90 Prozent des Marktes ab und sind ideal für die Hobbywerkstatt. In unserem Test sind sieben der acht Modelle für die Werkstatt mit dieser robusten Mechanik ausgestattet. Weil sich das beim Schrauben aber kaum umsetzen lässt, gibt es Drehmomentschlüssel, die beim Erreichen des eingestellten Wertes knacken und kurz abkippen.

Bereits ab 70 Euro bekommt man solide Werkzeuge, mit denen sich die Schrauben an sensiblen Teilen wie Carbonlenkern oder Sattelklemmen exakt anziehen lassen. Kohlefaser reagiert dabei besonders empfindlich auf die Klemmkräfte. Ein beherzter Dreh, und das teure Teil ist hinüber oder, noch schlimmer, es bricht beim nächsten Einsatz. Doch auch Aluminium hat ein ausgeprägtes Schadensgedächtnis und kann - einmal überlastet - schnell zum Sicherheitsrisiko werden.

Testkriterien für Drehmomentschlüssel

Wie exakt die Werkzeuge arbeiten, haben wir mithilfe eines geeichten Messgerätes überprüft.Die meisten Kandidaten liegen innerhalb der zulässigen Toleranz von plus vier bis minus vier Prozent. Die Ausnahme bildet das Werkzeug von Lezyne. Es verhindert mit einer sogenannten Rutschkupplung ein Überdrehen der Verschraubungen. Dass gerade die Schlüssel bekannter Marken wie Parktool und Pedro’s etliche Abweichungen erzeugen, hat uns etwas überrascht - auch wenn sich die Werte im Bereich von weniger als 0,5 Newtonmetern bewegen.

Ob ein Drehmomentschlüssel verlässliche Werte liefert, hängt aber auch stark mit der korrekten Anwendung zusammen. Ruckartiges Auslösen führt schnell zum Überziehen der Schrauben. Daher sollte man mit dem Drehmomentschlüssel immer gleichmäßig, langsam und kontrolliert arbeiten. Das häufig zu beobachtende Nachdrücken - um etwa zu überprüfen, ob die Schraube auch wirklich korrekt angezogen wurde - ist so etwas wie die Todsünde der Drehmomenthandhabung und führt in der Regel so zuverlässig zu erhöhten Werten wie Handspiel im Strafraum zum Elfmeter im Fußball. Auch das Verlängern oder Verkürzen des Hebels verändert das anliegende Drehmoment maßgeblich.

Daher sollten Sie den Schlüssel immer mittig am Griff und mit gleichmäßiger Druckverteilung fassen. Im besten Fall finden Sie am Griff eine kleine Markierung, welche den optimalen Punkt zur Krafteinleitung vorgibt und der auch bei der Kalibrierung des Schlüssels als Angriffspunkt dient.

Als einziger Werkstattschlüssel im Test verfügt der Topeak D-Torq über eine digitale Anzeige. Auch wenn das filigrane Werkzeug leichte Schwächen beim Handling zeigt, einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz hat es doch: Für den Fall, dass man beim Schrauben mal weiterdreht, obwohl das akustische Signal schon längst zum Anhalten gemahnt hat, zeigt der Schlüssel immer das am Ende anliegende Drehmoment an. Doch selbst ohne diese zusätzliche Absicherung sind die Drehmomentschlüssel im Test um Welten besser als das eigene Fingerspitzengefühl und stellen letztlich sicher, dass der Lenker korrekt im Vorbau fixiert ist und nicht bei der nächsten Vollbremsung sprichwörtlich die Biege macht.

Die wichtigsten Tipps für den Umgang mit Drehmomentschlüsseln

Was soll beim Schrauben mit einem Drehmomentschlüssel schon schiefgehen? Jede Menge, weiß Rene Steuth, Schulungsexperte bei Werkzeughersteller Gedore. Hier seine Tipps für korrektes Schrauben!

  1. Einstellen: Stellen Sie das erforderliche Drehmoment immer vom höheren Wert kommend ein, damit sich der Mechanismus im Inneren entspannt und nicht verspannt. Fassen Sie den Schlüssel mittig und mit gleichmäßigem Druck am Griff. Gute Exemplare haben eine Markierung, an welcher der Mittelfinger aufliegen sollte. Ziehen Sie kontrolliert mit zunehmender Kraft, niemals ruckartig. Stoppen Sie den Anzugsvorgang sofort bei Auslösung, um nicht zu überziehen. Bei geringen Drehmomenten können Sie auch nur mit der Daumenbeuge in der Griffmitte oder an der entsprechenden Markierung drücken, um besonders exakte Werte zu erreichen.
  2. Sauber arbeiten: Setzen Sie den Schlüssel exakt und gerade in die Schraube ein. Verkantet der Schlüssel, kann es zum Auslösen kommen, bevor das gewünschte Drehmoment anliegt. Achten Sie darauf, dass die Gewinde der Schraubverbindungen und die Schrauben selbst sauber und trocken sind. Eine auf den Boden gefallene Schraube sollten Sie vor dem Einbau kurz reinigen. Selbst kleinste Schmutzpartikel verändern die Reibwerte im Gewinde und an der Schraubenkopfauflage. Die Reibung macht am Ende bis zu 80 bis 90 Prozent des Drehmoments aus.
  3. Die richtige Richtung: Verwenden Sie den Drehmomentschlüssel nicht zum Lösen von Schrauben, um Schäden am Werkzeug durch zu fest sitzende Schrauben zu vermeiden. Auch wenn ein Schlüssel in beide Richtungen auslöst, ist er in der Regel nur in eine Richtung kalibriert. Ein Pfeil sollte auf die entsprechende Funktionsrichtung hinweisen.
  4. Am Ende - entspannen: Viele Hobbyschrauber vergessen, den Drehmomentschlüssel nach Gebrauch wieder zu entspannen, indem sie ihn auf den niedrigsten Wert der Skala zurückstellen. Das schont den Federmechanismus. Drehen Sie jedoch nicht weiter als bis zum Ausgangspunkt der Skala.
  5. Immer nur ein Mal: Selbst erfahrene Mechaniker drücken oft ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass die Schraubverbindung richtig angezogen wurde. Das ist unnötig und erhöht die Gefahr, die Schraube noch zu überziehen. Bei den sensiblen Verschraubungen am Fahrrad liegen so schnell mal ein paar Newtonmeter zu viel an, was bereits zum Defekt eines Bauteils führen kann. Mehrfachauslösungen sind nur an Teilen notwendig, die von mehreren Schrauben (Schraubverband) gesichert werden, wie etwa der Bremsscheibe oder dem Vorbau. Durch das Anziehen der einen Schraube verringert sich hier die Vorspannkraft an der anderen; daher muss noch einmal nachgezogen werden.
  6. Qualitätskontrolle: Jedem Drehmomentschlüssel sollte ein Kalibrierzertifikat nach DIN EN ISO 6789 beiliegen. An drei definierten Messpunkten müssen jeweils fünf Messvorgänge verzeichnet sein, die eine Toleranz von plus/minus 4 Prozent nicht überschreiten dürfen. Zertifikate ohne exakte DIN-Angabe und mit nur drei Prüfungen pro Sollwert weisen lediglich auf eine Qualitätskontrolle beim Hersteller hin. Es wird empfohlen, den Drehmomentschlüssel einmal im Jahr oder nach 5000 Lastwechseln zu überprüfen und gegebenenfalls rekalibrieren zu lassen, da häufiger oder falscher Gebrauch Einfluss auf die Messgenauigkeit haben kann.

Testergebnisse: Drehmomentschlüssel für die Werkstatt im Detail

Getestet wurden acht Schlüssel für die Werkstatt, plus vier für unterwegs. Letztere stehen den Werkstattgeräten in Sachen Präzision kaum nach, sind aber für einen engeren und niedrigeren Drehmomentbereich geeignet.

3min19sec Premium-Drehmomentschlüssel

  • Preis: 70 Euro
  • Gewicht / Länge: 262 Gramm / 220 Millimeter
  • Prüfsiegel: Hersteller-Prüfung
  • Bereich / Antrieb: 2-26 Newtonmeter / 1/4 Zoll
  • Zubehör: Anleitung, Prüfsiegel, Innensechskant 2,5-10, Torx 25 und 30, Softbox
  • TOUR-Bewertung: Gesamtnote 2,0
  • Fazit: Der günstigste Schlüssel im Test überzeugt mit überraschend präzisen Mess-Ergebnissen und ist der Preis-Leistungs-Tipp für Hobbyschrauber. Die sauber aufgelaserte Skala lässt sich in 0,2er-Schritten verstellen und reicht über einen breiten Dreh­moment­bereich. Die schicke Softbox enthält die wichtigsten Bits. Auch wenn der kurze Griff nicht optimal in der Hand liegt, lässt es sich mit dem sauber verarbeiteten Schlüssel gut arbeiten. Im Testbetrieb klemmte teilweise die Mechanik der etwas rauen Ratsche. Wird die Arretierung nicht sauber geschlossen, kann sich der Schlüssel verstellen.

BBB Torqueset BTL-73

  • Preis: 95 Euro
  • Gewicht / Länge: 277 Gramm / 223 Millimeter
  • Prüfsiegel: Hersteller-Prüfung
  • Bereich / Antrieb: 2-14 Newtonmeter / 1/4 Zoll
  • Zubehör: Anleitung, Prüfsiegel, Innensechskant 3-8, Torx 25 und 30, Softbox
  • TOUR-Bewertung: Gesamtnote 2,2
  • Fazit: Im unteren Drehmomentbereich liegt der TorqueSet minimal außerhalb der Normwerte. Das größere Manko aber ist die schwer ablesbare Skala, die anfällig für Paralaxenfehler und wenig intuitiv übersetzt ist. Zudem läuft die Verstellmechanik hakelig. Die Ratsche dagegen ist sauber gerastert, lässt sich leicht umstellen und löst deutlich hör- und spürbar aus. Auch wenn der Kunststoffgriff kein Handschmeichler ist, lässt es sich mit dem BBB-Tool angenehm arbeiten. Ein Hinweis für die korrekte Drehrichtung fehlt ebenso wie ein vollwertiges Zertifikat. Der BBB-Schlüssel kommt in einer feinen Softbox.

Birzman Torque Wrench 3-15Nm

  • Preis: 139 Euro
  • Gewicht / Länge: 295 Gramm / 209 Millimeter
  • Prüfsiegel: Hersteller-Prüfung
  • Bereich / Antrieb: 3-14 Newtonmeter / 1/4 Zoll
  • Zubehör: Anleitung, Prüfsiegel, Innensechskant 3-8, Torx 25

Weitere getestete Drehmomentschlüssel

Neben den oben genannten Modellen wurden auch weitere Drehmomentschlüssel getestet, darunter:

  • Wera Bicycle Set Torque 1
  • Topeak D-Torq

Interview mit Dipl. -Ing. Dirk Zedler: “Schrauben nach Gefühl kann Teile zerquetschen”

Dipl.-Ing. Dirk Zedler ist offiziell bestellter und vereidigter Sachverständiger für Fahrräder und Experte für Sicherheit am Rad.

TOUR: Viele Hobbymechaniker ziehen Schrauben am Rad rein nach Gefühl an. Wie gefährlich ist das?

Dirk Zedler: Fahrräder sind unter dem Gesichtspunkt des Maschinenbaus absoluter Leichtbau. Faktisch wird an jedem Detail Gewicht gespart. Dreht man Schrauben nach Gefühl an, kann das nicht nur das Gewinde selbst schädigen. Bauteile aus Carbon können regelrecht zerquetscht werden. Im Ergebnis können vorgeschädigte Bauteile im Betrieb versagen.

TOUR: Reagiert Aluminium genauso empfindlich auf ein zu hohes Drehmoment wie Carbon?

Zedler: Zerquetschen ist hier nicht das große Thema, und wenn eine Delle in den Alu-Rahmen kommt, ist das typischerweise auch kein Bruchkeim. Kritisch kann es bei den Klemmstellen am Lenker werden, wenn hier Einschnürungen auftreten. Dann spricht der Fachmann von Kerbwirkung, und es kann über kurz oder lang zum Ermüdungsbruch kommen.

TOUR: Gibt es nur ein “zu fest”, oder können auch zu geringe Drehmomente Probleme bereiten?

Zedler: Lenker können sich bei einem Stoß abrupt im Vorbau verdrehen oder Vorbauten in Spurrillen auf Gabelschäften. Aber auch Kurbeln oder Pedale können sich vollständig lösen und plötzlich abfallen, wenn diese nicht korrekt festgedreht sind. Besonders kritisch sind auch Schrauben von Sattelstützen. Daher der dringende Rat, sich innerhalb der Drehmomentspannen zu bewegen. Und wichtig: Die Verschraubungen sollten nach etwa zehn bis fünfzehn Betriebsstunden erstmals mit dem Drehmomentschlüssel kontrolliert werden und dann turnusgemäß und je nach Härte des Einsatzes etwa alle 50 Stunden. Genaues steht in der Bedienungsanleitung.

TOUR: Was kann ich tun, wenn trotz korrektem Drehmoment ein Bauteil nicht fest ist?

Zedler: Toleranzen bei der Herstellung sind kaum zu vermeiden, daher muss an erster Stelle geprüft werden, ob die Teile zueinander passen. Bei Klemmungen, bei denen ein Partner aus dem Verbundwerkstoff Carbon ist, ist Fett absolut zu vermeiden. Beidseitig gleichmäßig dünn aufgetragene, reibungsfördernde Carbonpaste wirkt hier Wunder, dann klappt es innerhalb der vorgegebenen Drehmomente.

TOUR: Was tun, wenn ein Bauteil zu fest angezogen wurde?

Zedler: Keine einfache Frage, und auch definitiv nicht pauschal zu beantworten. Einmal zu fest angedreht und dann gleich wieder gelöst, ist das typischerweise kein “Beinbruch”. Beim kritischen Carbon kündigen Knistergeräusche oft schon beim Festdrehen an, dass der Druck zu hoch war. Auch beim Lösen kann man die Geräusche hören. Ist dies der Fall, dann ist es definitiv Zeit für den Austausch. Auch hier rate ich, sich an Experten zu wenden.

Weitere Empfehlungen aus anderen Tests

Neben den oben genannten Modellen wurden auch weitere Drehmomentschlüssel in anderen Tests empfohlen:

  • Hazet 5108-3CT (MOUNTAINBIKE-Testsieger)
  • Pro Bike Tool Torque Wrench Set (MOUNTAINBIKE-Kauftipp)
  • Wera Click-Torque A5
  • Topeak D-Torq Pro

Die Bedeutung des korrekten Drehmoments

Vorbau, Sattelklemme, Lenkergriff: Es gibt kaum mehr eine Schraubverbindung am Fahrrad, die ohne Drehmomentangabe auskommt. Vier, sechs oder zwölf Newtonmeter steht dann häufig klein auf den verschiedenen Bauteilen aufgedruckt oder eingelasert. Doch was bedeuten beispielsweise vier Newtonmeter, wie sie oft an Carbonlenkern gefordert werden? Ungefähr handfest? Für ein derart sensibles Bauteil, das obendrein noch sicherheitsrelevant ist, wäre das in etwa so präzise wie die Angabe eine Prise Salz in der Backanleitung.

Ein ordentlicher Drehmomentschlüssel gehört zur Grundausstattung jeder Hobbywerkstatt.

Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über empfohlene Anzugsmomente für verschiedene Fahrradkomponenten. Bitte beachten Sie, dass dies Richtwerte sind und immer die Angaben des Herstellers Vorrang haben.

Bauteil Drehmoment (Nm)
Schalthebel 5-7
Vorbau 8-12
Sattelstütze 5-7
Bremssättel 8-10

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