Ducati Multistrada 1200: Erfahrungen und Testberichte

Seit ihrem Marktstart im Jahr 2010 wird die Ducati Multistrada gefeiert. Es heißt, sie biete vier Fahrzeugkonzepte in einer Maschine. Dabei genüge ein Knopfdruck, um sich, und das Bike, in eine andere Lebenswelt zu schießen.

Erster Eindruck und Fahreigenschaften

Mit der Ducati Multistrada stand eine klassische Reisenduro vor uns, die auf den ersten Blick einen unaufgeregten Eindruck machte. Sie unterschied sich kaum von Wettbewerberinnen wie der Yamaha Super Ténéré oder der Triumph Tiger. Doch schon nach dem Aufsatteln sah das anders aus. Das schlüssellose Startsystem begeisterte, wie auch die aufrechte Sitzposition. Probleme an dieser Stelle sieht auto.de bei kleineren Fahrern, gilt es doch das Gestühl der schönen Italienerin in einer Höhe von 850 mm zu erklimmen. Wer damit klarkommt, wird das Leichtgewicht mit 220 kg bei vollem 20 l Tank lieben. Zudem sorgen der kurze Radstand von 1.530 mm und der geringe Lenkkopfwinkel von 25 Grad für leichtes Handling und beste Fahreigenschaften.

Die Abstimmung des Fahrwerks lässt sich per Knopfdruck über vier Modi Sport, Touring, Urban und Enduro verändern. So bietet die Ducati Multistrada in Stellung Touring oder Urban Langstreckenkomfort mit komfortabel-weicher Abstimmung. Bei Sport und Enduro lässt sie sich in einer härteren Gangart über Autobahn und Offroad-Piste treiben. Einen vollwertigen Offroad-Test müssen wir schuldig bleiben, da keine grobstolligen Pneus aufgezogen waren. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Multistrada auch hier eine gute Figur gemacht hätte.

Ausreichend Vortrieb liefert der wassergekühlte Zweizylinder mit 110 kW/150 PS und 119 Nm Drehmoment. Butterweich arbeitet das Sechsganggetriebe.

Motor und Fahrleistungen

Die Maschine schnellt beim ersten harten Dreh am Griff wie entfesselt nach vorn. Im mittleren Drehzahlbereich vibriert der Motor zwar noch stark, doch die alte Krankheit des Testastretta-Aggregats, bei niedrigen Drehzahlen im Schleichgang zu ruckeln und zu zappeln, ist fast vollständig kuriert. Wer will, kann mit der Multistrada jetzt langsam fahren, fast lammfromm. Aber auch richtig schnell: 160 PS bei 209 oder 212 Kilogramm Trockengewicht (je nach Standard- oder S-Ausführung) sind ein echtes Pfund.

Im Zaum hält Ducati den Intensiv-Sporter im Touringgewand mit exzellentem Fahrwerk und knackigen Bremsen, aber vor allem zahlreichen elektronischen Helfern. ABS, Schräglagen-ABS von Bosch, Traktionskontrolle, Wheelie-Control, Tempomat und das semiaktive Dämpfungssystem Skyhook Evo (in der S-Version) sind allesamt individuell justierbar - zusätzlich werden vier voreingestellte Fahrstufen Sport, Touring, Urban und Enduro angeboten.

Fahrmodi und Elektronik

Entsprechend ­ihres Einsatzzwecks bündeln diese Modi zu den Vorspannungs- (nur hinten) und Dämp­fungseinstellungen des Skyhook-Fahrwerks jeweils passende Settings zu Leistung (160 oder 100 PS), Ansprechverhalten (sanft, Mittel, direkt), ABS (vier Stufen) sowie Traktions- und Wheeliekon­trolle (je acht Stufen). Diese Voreinstellungen lassen sich dann im umfangreichen Menü noch einmal frei an die besonderen Wünsche des Fahrers anpassen, etwa indem die Dämpfung in fünf Stufen härter oder weicher ­gewählt wird.

Das semiaktive Fahrwerk des 2015er-Modells funktioniert sehr gut. Musste sich die alte Multistrada den Vorwurf gefallen lassen, für ein Allround-Motorrad prinzipiell zu straff abgestimmt zu sein, sorgen bei der neuen Ducati Multistrada 1200 S weichere Federn für ein deutlich harmo­nischeres, touristischeres, dabei keinesfalls labberiges Fahrverhalten.

Verbrauch und Kosten

Aber auch bei der schönen Südländerin gibt es einen Punkt, der keine Begeisterung auslöst. Es geht wie sooft um den Verbrauch. Während des Tests genehmigte sich die Multistrada im Normalbetrieb 7,1 l/100 km. Das ist eindeutig zu viel, zumal heutige Autos oft günstigere Verbräuche aufweisen.

Bleibt der hohe Durchschnittsverbrauch unberücksichtigt, gibt es an der Ducati Multistrada nichts zu kritisieren. Wer also bereit ist 15.490 Euro für das Basismodell zu investieren, bekommt mit der Ducati Multistrada ein Bike für alle Fälle.

Ducati Multistrada 1200/S gebraucht kaufen

Die Ducati Multistrada 1200/S ist alles andere als eine GS auf Italienisch. Die 1200er ist gespickt mit feinster Elektronik. Funktioniert das auf Dauer?

Wer sich einmal den Luxus einer automobilen Oberklasse „in gebraucht“ gegönnt hat, wird zunächst von all den elektronischen Helferlein an allen Ecken und Enden begeistert gewesen sein. Was aber, wenn der E-Support bei zunehmendem Alter plötzlich rumzickt? Auch Gebrauchtinteressenten für die 2010 neu eingeführte Ducati Multistrada 1200 werden deshalb mit viel Skepsis auf das fette Elektronikpaket des V-Twins schauen.

Technische Daten und Modellpflege

2010 Markteinführung der Ducati Multistrada 1200 mit dem Testastretta-Motor der Ducati 1198. DTC-Traktionskontrolle, elektroni­sches DES-Fahrwerk (nur 1200 S). Ver-sio­nen/Farben: MTS 1200 in Rot und Weiß (14.990 Euro), MTS 1200 S Touring/Sport in Rot, Weiß und Schwarz (17.990 Euro).

2012 Erhältlich als Sondermodell Ducati Multistrada 1200 S Pikes Peak mit Sonderlackierung, leichten Schmiederädern, Termignoni-Endschalldämpfer mit Karbon-Hülle und diversen Kohlefaser-Verkleidungsteilen (20.990 Euro). Weitere Versionen/Farben: MTS 1200 in Rot und Weiß (15 490 Euro), MTS 1200 S Touring in Rot, Weiß und Grau (18.490 Euro), MTS 1200 S Sport in Rot und Schwarz (18.490 Euro).

2013 Größere Modellpflege mit Doppelzündung (Leistung unverändert, mehr Drehmoment), überarbeitetem ABS, bes­serem Windschutz und semiaktivem Skyhook-Fahrwerk (1200 S). Versionen/Farben: Ducati Multistrada 1200/S Touring in Rot und Mattchrom (15.790/18.790 Euro), Ducati Multistrada 1200 S Gran Tourismo in Racing-Grey (20.290 Euro), Ducati Multistrada 1200 S Pikes Peak (21.290 Euro).

2015 Komplett überarbeitetes Modell: Motor mit variabler Ventilsteuerung (160 PS/136 Nm), Kurven-ABS, TFT-Display, neue Verkleidung. Versionen/Farben: Ducati Multistrada 1200 in Rot (16.490 Euro), Ducati Multistrada 1200 S in Rot und Weiß (18.490 Euro), Ducati Multistrada 1200 S D-Air mit Airbag-Bekleidung (19.190 Euro).

Marktsituation und Besichtigung

Ducati-Käufer entscheiden sich im Regelfall für die besser ausgestatteten S-Typen mit Öhlins-Fahrwerk - so auch bei der Multi­strada. Nur knapp 20 Prozent ordern die neu rund 3000 Euro günstigere Standardversion der Ducati Multistrada 1200 mit herkömmlichem Chassis. Entsprechend sieht auch das Gebrauchtangebot für den hochbeinigen V2 aus: Im Regelfall wird die Multi­ als Ducati Multistrada 1200 S mit elektronisch geregeltem Öhlins-Fahrwerk (Kürzel DES) entweder in der Touring- oder der Sportversion angeboten.

Nach rund fünfjähriger Bauzeit tummeln sich noch sehr viele in den Vertragswerkstätten top gepflegte Ducati Multistrada 1200/S in den gängigen Verkaufsbörsen oder bei der Händlerschaft. Und auf diese Scheckheftpflege sollte man bei der Ducati besonders achten. Schließlich begleitet eine erhebliche Anzahl von sogenannten Service- und Sicherheitsrückrufen (insgesamt 14!) die noch junge Modellgeschichte der 1200er.

Ducati Multistrada 1200 S im Top-Test

Die Ducati Multistrada 1200 S wollte kein GS-Klon sein, machte ihre eigene Klasse auf und ist damit verdammt gut gefahren. So gut, dass sie selbst schon einen bayerischen Klon erhalten hat. Wir haben die neue Multi im Top-Test.

Die Evolution der Multistrada

Ducati Multistrada 1200 S. Um die aktu­elle, dritte Version von Ducatis „Eine-für-alles-Motorrad“ besser zu verstehen, empfiehlt sich ein kleiner Abriss seiner Entwicklungsgeschichte. 2003 erblickt die Ur-Multistrada das Licht der Welt: mit hochbeinigem Fahrwerk, luftgekühltem 1000-Kubik-Zweiventiler und po­larisierend-extravagantem Terblanche-Design.

Multi zwei null: gefälliger, weil näher an der geliebten Ducati Superbike-Optik, und mit dem hochmodernen Testastretta-Treibsatz eben jenes Superbikes. Stramme 150 Pferdchen, die ihre performante Herkunft kaum verhehlen wollten. Ab 2012 mit Doppelzündung und damit erheblich verbesserter Laufkultur, Multi zwei fünf. Im Rahmen derselben Modellpflege eingeführt, erhält die teurere S-Variante das semiaktive Sky­hook-Fahrwerk.

Motor und Fahrleistungen

Jetzt also Multi drei null. Wichtigste Neuerung: Desmodromic Variable Timing, DVT. Die varia­ble desmodromische Ventilsteuerung soll die Laufkultur verbessern, das Drehmoment steigern und Verbrauch sowie Abgasemissionen senken.

Wir toptesten an dieser Stelle die 18.490 Euro teure Ducati Multistrada 1200 S (Weiß kostet 200 Euro Aufpreis), der neben dem elektronischen Fahrwerk der neuesten Ausbaustufe (Skyhook Evo) 330er-Scheiben und Brembo M50-Sättel, TFT-Display und ein paar weitere Goodies vorenthalten bleiben. Beide, MTS 1200 und Ducati Multistrada 1200 S, rollen mit jetzt nominell 160 Cavalli rampante an den Start.

Die Ergonomie der neuen Ducati Multistrada 1200 S ähnelt der alten weitgehend. Und weil die bereits ziemlich gelungen war, darf dieses Kapitel in Kürze so zusammengefasst werden: hohes, aufrecht-bequemes Logieren hinterm ebenfalls hohen, breiten Lenker, entspannter Kniewinkel, genügend Platz für Fahrer großer Statur und ebensolche Sozia. Für Kleinere lässt sich die Standardsitzbank um 20 Millimeter auf 825 Millimeter tiefer­legen.

Fahrwerk und Handling

Kommen wir zu den Fahrmodi, vier verschiedene stehen zur Auswahl: Touring, Sport, Urban und Enduro. Entsprechend ­ihres Einsatzzwecks bündeln diese Modi zu den Vorspannungs- (nur hinten) und Dämp­fungseinstellungen des Skyhook-Fahrwerks jeweils passende Settings zu Leistung (160 oder 100 PS), Ansprechverhalten (sanft, Mittel, direkt), ABS (vier Stufen) sowie Traktions- und Wheeliekon­trolle (je acht Stufen).

Unabhängig von allen Einstellmöglichkeiten überzeugt auch das Grundhandling, auch wenn die neue mit DVT und ein paar Extras (Hauptständer) immerhin 249 Kilo, also 15 Kilo mehr auf die Waage bringt. Sie lässt sich schön homogen übers Vorderrad fahren, lenkt zielgenau und handlich ein. Zwar rührt sie sich bauartbedingt bei Wellen in Schräg­lage etwas über den Lenkkopf, bleibt aber stets stabil.

Per Knopfdruck auf den aktuellen Beladungszustand eingestellt, fährt die Ducati Multistrada 1200 S zudem auch mit zwei Personen irre souverän.

In Sachen elektronischer Helferlein spürt man, dass Ducati an der Panigale viel Know-how erarbeitet hat. Besonders die achtstufige Traktionskontrolle DTC der Ducati Multistrada 1200 S gefiel mit zuverlässig transparentem Regelverhalten und sehr weichem Eingreifen.

Alltagsnutzen und Verbrauch

Der Testverbrauch der Ducati Multistrada 1200 S liegt mit 4,9 Litern um rund einen halben Liter unter dem 2014er-Modell, hier wirkt sich das DVT offenbar positiv aus. Bei 20 Litern Tankinhalt ergibt das sehr gute Reichweiten. Der Wind­schild lässt sich pfiffig mit nur einer Hand während der Fahrt verstellen und hält den Fahrtwind ordentlich ab, sorgt allerdings für leichte Turbulenzen um den Helm.

Das LED-Licht in der Ducati Multistrada 1200 S gehört mit zum Besten, was es derzeit in einem Motorrad gibt. Brillant hell und mit idealer Ausleuchtung. Dazu schaltet sich ab sieben Grad Schräglage noch ein Kurvenlicht ein.

Variable Ventilsteuerung DVT

Im Automobilsektor längst gang und gäbe, im Motorradbau bisher höchstens eine Randerscheinung: die variable Ventilsteuerung. Nun unternimmt Ducati mit DVT einen Vorstoß.

Auf Ein- und Auslassnockenwelle sitzen hydraulisch betätigte Aktuatoren, die den Drehwinkel der Nockenwellen je nach Drehzahl- und Lastzustand um gut 20 Grad anpassen können. Die von Ducati veröffentlichte ­Kurve legt nahe, dass damit ­Ventilüberschneidungen zwischen null und fast 50 Grad möglich sind.

Das Ergebnis: spürbar bessere Laufkultur, und der Verbrauch sank um rund einen halben Liter.

Fazit

Die Ducati Multistrada 1200 S begeistert durch ihre Vielfältigkeit. Der Name ist gewissermaßen Programm. Sowohl die gemütliche Urlaubstour, wie auch den verschärften Feierabendritt meistert die Diva souverän und mit Bravour auf allen möglichen Untergründen.

Nicht zuletzt die hervorragende Reifenwahl, als Erstausrüstung kommt der Pirelli Scorpion Trail II zum Einsatz, trägt zu dem ausgesprochen guten Gesamtbild der nicht ganz günstigen Maschine bei. Dies betrifft sowohl Anschaffungs- wie auch Wartungskosten.

Die Stärken der Multistrada 1200 S

  • Grund 1: Der Motor mit DVT für geschmeidigere Leistungsentfaltung.
  • Grund 2: Die komfortablere Sitzposition.
  • Grund 3: Die umfangreiche und gut funktionierende Elektronik.

Die neue Ducati Multistrada 1200 S ist eine durchaus gelungene Neuauflage der extra-sportlich orientierten Reiseenduro. Die Schwächen der Vorgängerin wurden offensichtlich genau analysiert und ausgebessert: Der Motor werkt dank DVT-System nun auch im unteren Drehzahlbereich harmonisch und die Sitzposition wird nun auch komfortorientierten Fahrern gerechter.

Die Elektronik wurde massiv aufgerüstet, so unfangreich ist keine andere Reiseenduro ausgestattet. Angefangen bei den vielfach abstimmbaren Modi, die Leistungsentfaltung und Fahrwerk betreffen, werkt auch die Bremse samt Kurven-ABS auf höchstem Niveau.

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