Ducati Multistrada 1260: Standgeräuschmesswerte und Fahrverbote

Das Thema Lärmbelästigung durch Motorräder ist in den letzten Jahren immer präsenter geworden. Insbesondere in Regionen wie Tirol, wo Fahrverbote für Motorräder mit einem Standgeräusch von über 95 dB(A) gelten, sind Motorradfahrer zunehmend mit Einschränkungen konfrontiert. Dieser Artikel beleuchtet die Problematik am Beispiel der Ducati Multistrada 1260 und diskutiert mögliche Lösungsansätze.

Hintergrund der Fahrverbote in Tirol

Seit 2020 gibt es in den Bezirken Reutte und Imst in Tirol auf bestimmten Streckenabschnitten Fahrverbote für Motorräder, deren Standgeräusch im Fahrzeugschein mit mehr als 95 dB(A) eingetragen ist. Diese Maßnahme betrifft viele Motorradfahrer, deren Maschinen eigentlich zulassungskonform sind.

Die Tiroler Landesregierung argumentiert, dass die Prüfung des Standgeräuschs vor Ort einfacher sei als die Messung des Fahrgeräuschs. Kritiker bemängeln jedoch, dass das Standgeräusch nicht unbedingt Rückschlüsse auf das tatsächliche Fahrgeräusch zulässt. So können Motorräder mit niedrigem Standgeräusch im Fahrbetrieb überproportional laut sein und umgekehrt.

Unterschiede zwischen Standgeräusch und Fahrgeräusch

Das Standgeräusch wird bei einer Schalldruckpegelmessung im Nahfeld (nach UN-ECE R 41.04) seitlich hinter der Endtopfmündung gemessen. Dabei wird die Drehzahl bei halber Nenndrehzahl mindestens 1 Sekunde gehalten und dann abrupt der Gasgriff geschlossen. Aus mindestens drei Messungen, die nacheinander nicht weiter als 2 dB(A) voneinander abweichen dürfen, wird der Mittelwert errechnet.

Das Fahrgeräusch hingegen wird unter realen Fahrbedingungen gemessen und berücksichtigt somit auch andere Faktoren wie Windgeräusche und Reifengeräusche. Die Messung des Fahrgeräuschs ist aufwendiger und wird daher seltener durchgeführt.

Ducati Multistrada 1260 und die 95 dB-Grenze

Viele Modelle der Ducati Multistrada, insbesondere die 1260er, überschreiten den Grenzwert von 95 dB(A) im Standgeräusch. Das bedeutet, dass diese Motorräder von den Fahrverboten in Tirol betroffen sind, obwohl sie über eine gültige Zulassung verfügen.

Es gibt jedoch auch positive Nachrichten: Im Zuge eines geplanten Pilotprojekts im deutschen Kreis Holzminden durchsuchte MOTORRAD die Datenbank und erfasste die Standgeräusch-Werte von 414 aktuellen Modellen. Dabei stellte sich heraus, dass 321 davon von den Fahrverboten in Tirol ausgenommen sind, darunter auch die Ducati Multistrada.

Mögliche Lösungsansätze

Für Motorradfahrer, die von den Fahrverboten betroffen sind, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Nachrüstung mit einem 95 dB-Limiter: Der Zubehöranbieter 3P Pedalo Power Parts hat Nachrüstsätze entwickelt, die das Standgeräusch von Motorrädern auf 95 dB limitieren. Diese Kits sind für verschiedene Modelle erhältlich, darunter auch einige Ducati-Modelle.
  • Montage eines leiseren Auspuffs: Es gibt Auspuffanlagenhersteller, die Auspuffe anbieten, die den Grenzwert von 95 dB(A) einhalten. Allerdings ist zu beachten, dass der Austausch des Auspuffs in der Regel eine Eintragung in die Fahrzeugpapiere erfordert.
  • Vermeidung der betroffenen Strecken: Motorradfahrer können die von den Fahrverboten betroffenen Strecken in Tirol umfahren oder alternative Routen wählen.

95 dB-Limiter von 3P Pedalo Power Parts

3P Pedalo Power Parts mit Sitz im nordrhein-westfälischen Sassenberg hat einen 95-dB-Limiter entwickelt, der das Standgeräusch von Motorrädern auf eben diesen Wert reduziert. Dieser Limiter ist besonders für Motorradfahrer interessant, die mit ihrem Bike gerne auch in Tirol unterwegs sind.

Die Drosselung auf ein Standgeräusch von 95 dB erfolgt durch einen Anschlag im Gasgriff, der den Drehwinkel so einschränkt, dass die halbe Nenndrehzahl auf ein Niveau fällt, bei dem maximal 95 dB gemessen werden. Im Prinzip wird das Motorrad also einfach so weit in der Leistung gedrosselt, bis das Standgeräusch 95 dB nicht mehr überschreitet.

Die Leistungseinbußen bei den bisher homologierten Nachrüstsätzen liegen zwischen 2 und 4 kW. Die Ducati Multistrada 1200 beispielsweise verliert von 109 auf 76 kW. Der Nachrüstsatz umfasst die neuen Anschläge für den Gasgriff, ein Fahrgestellnummer-basiertes Teilegutachten zur Eintragung sowie ein neues Typenschild für den Rahmen.

Tabelle: Leistungseinbußen durch 95 dB-Limiter (Beispiel)

Modell Originalleistung (kW) Leistung nach Drosselung (kW) Leistungsverlust (kW)
Ducati Multistrada 1200 109 76 33

Die Problematik der Standgeräuschmessung

Kritiker bemängeln, dass die Standgeräuschmessung nicht repräsentativ für die tatsächliche Lärmbelastung im Fahrbetrieb ist. So können Motorräder mit niedrigem Standgeräusch im Fahrbetrieb aufgrund anderer Faktoren wie Auspuffknallen oder hoher Drehzahlen dennoch als laut empfunden werden. Zudem wird die Standgeräuschmessung unter standardisierten Bedingungen durchgeführt, die nicht immer den realen Fahrbedingungen entsprechen.

Einige Experten fordern daher eine Überarbeitung der Messmethoden und eine stärkere Berücksichtigung des Fahrgeräuschs. Andere plädieren für eine generelle Reduzierung der Lärmemissionen von Motorrädern, um die Belastung für Anwohner und Umwelt zu verringern.

Fazit

Die Fahrverbote in Tirol für Motorräder mit einem Standgeräusch von über 95 dB(A) sind ein kontrovers diskutiertes Thema. Während die Tiroler Landesregierung argumentiert, dass die Maßnahme dem Lärmschutz dient, bemängeln Kritiker die mangelnde Aussagekraft der Standgeräuschmessung und die Einschränkung der Motorradfahrer.

Für betroffene Motorradfahrer gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Fahrverbote zu umgehen oder die Lärmemissionen ihres Motorrads zu reduzieren. Ob diese Maßnahmen jedoch ausreichend sind, um die Akzeptanz von Motorrädern in der Bevölkerung zu erhöhen, bleibt abzuwarten.

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