Taubheitsgefühle nach dem Radfahren: Ursachen und Lösungen

Radfahren ist eine beliebte Sportart, die Herz, Muskeln und Ausdauer stärkt. Allerdings können bei Männern, aber auch bei Frauen, nach längeren Fahrten Taubheitsgefühle im Dammbereich auftreten. Diese können beunruhigend sein, da sie in manchen Fällen mit Erektionsstörungen oder anderen sexuellen Problemen in Verbindung gebracht werden.

Ursachen von Taubheitsgefühlen beim Radfahren

Der Auslöser für Taubheitsgefühle ist meist übermäßiger Druck auf den Dammbereich, also die Zone zwischen dem Sitzbein, wo sich der Nervus pudendus befindet. Als Resultat kommt es im Dammbereich zu einer Neuropraxie des Nervus pudendus, hier insbesondere seiner Verästelung der Nervi perineales, welche in den Bereich der Geschlechtsorgane führen. Dabei handelt es sich um eine Neuropraxie, der mildesten Form einer Nervenverletzung.

Der Druck auf den Dammbereich kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden:

  • Falsche Sitzposition: Ein zu flacher Beckenwinkel, bei dem das Becken zu weit nach vorne in Richtung Lenker abkippt, erhöht den Druck auf den Dammbereich.
  • Ungeeigneter Sattel: Sättel sind nicht dafür gemacht, dass man sitzt, wo es einem beliebt. Jeder Sattel hat eine klar umrissene Zone, die für gutes Sitzen gemacht ist. Sitzt man zu weit vorne auf dem Sattel, nimmt man sich wertvolle Fläche zur Gewichtsablastung und läuft Gefahr, mit der knöchernen Sitzstruktur im Becken keinen Gegenhalt zu finden.
  • Falsche Sattelbreite: Sind Sättel zu schmal gewählt, kann es passieren, dass Du mit der knöchernen Sitzstruktur keinen Gegenhalt mehr auf dem Sattel findest, Du also wieder am Sattel „vorbeisitzt“. Das macht Druck im Dammbereich.
  • Zu weiche Polsterung: Findet die knöcherne Sitzstruktur keinen ausreichenden Gegenhalt im Polstersystem wird der Druck sich weiter im System auf das umgebende Gewebe verteilen, dazu kann auch Dein Damm zählen.

Die Kompression führt zu einer Minderdurchblutung des Penis. Dies geht mit einer verminderten Sauerstoffversorgung einher und hat eine Gewebsveränderung (penile Fibrosierung) zur Folge.

Satteltypen und ihre Auswirkungen

Für die Beurteilung der Sattelform ist entscheidend, wie diese im Querschnitt in der designierten Sitzzone aussieht. Grundsätzlich lassen sich drei Typen unterscheiden:

  • Flache Sättel: Sie entlasten den Dammbereich maximal, erhöhen aber den Druck auf das Sitzbein erheblich.
  • Runde Sättel: Sie belasten mehr umgebendes Gewebe. Ist die Geometrie zu „rund“, kann die Belastung in der Mitte, also im Dammbereich, so stark zunehmen, dass Taubheitsgefühle entstehen können.

Es gilt also, ein "vernünftiges" Mittel zu finden.

Das Gerücht: Radfahren und Impotenz

Schon Ende der 90er-Jahre soll der US-amerikanische Sexualmediziner Irwin Goldstein behauptet haben: „Es gibt zwei Sorten männlicher Radfahrer. Die einen sind impotent und die anderen werden es.“ Vier Prozent aller Hobbyradler, schloss der Arzt damals nach Tests an mehr als 500 Männern, seien impotent. Das Risiko steige mit dem Körpergewicht und wenn jemand wöchentlich mehr als zehn Stunden auf dem Rad sitze.

Eine Studie aus Norwegen bestätigte Goldsteins Warnungen mit folgenden Worten: „Die Häufigkeit von Impotenz und Penis-Taubheit im Radsport scheint größer als bisher angenommen“, lautete das Fazit der skandinavischen Forscher. Jeder fünfte der von ihnen befragten Amateur-Radfahrer klagte beim Radfahren über Taubheitsgefühle im Schritt. 21 der 160 befragten Männer gaben gar an, sie hätten Erektionsprobleme.

Bis zu 90 Prozent der Rennradfahrer klagen über Taubheit im Schritt. Durch den Druck des Sattels kommt es zu kleinsten Verletzungen der feinen Nervenfasern im Dammbereich. Zudem verläuft hier die Arteria pudenda, ein Gefäß, das den Penis durchblutet.

Allerdings liefern neue Daten Entwarnung: Laut einer britischen Untersuchung mit mehr als 5.200 Männern beispielsweise besteht zwischen regelmäßigem Radfahren, erektiler Dysfunktion und Unfruchtbarkeit kein ursächlicher Zusammenhang - auch dann nicht, wenn Männer mehr als 8,5 Stunden pro Woche im Sattel verbringen.

Eine internationale Studie aus Saudi Arabien und den USA, für die Wissenschaftler fast 4.000 Männer aus verschiedenen Sportarten miteinander verglichen hatten, liefert ebenfalls Entwarnung: „Radfahrer haben keine schlechtere Sexualfunktion als Schwimmer oder Läufer.“ Wer auf dem Rad das Gefühl hätte, der Penis werde taub, so die Forscher, sollte aber öfter mal kurz aus dem Sattel aufstehen und ein paar Meter im Stehen fahren. Außerdem helfe es, den Lenker etwas höher zu stellen.

Was tun gegen Taubheitsgefühle?

Da der Auslöser einfach festzumachen ist, haben wir mit Lösungsansätzen keine großen Schwierigkeiten.

  • Sattelwahl: Achten Sie auf einen ergonomischen Sattel mit Entlastung des Dammbereichs. Sättel ohne Nase oder mit einer Aussparung können helfen, den Druck zu reduzieren. Breite Sättel sind von Vorteil.
  • Sitzposition: Der Winkel, in dem das Becken stehen soll, darf nicht zu "flach" werden, d.h. nicht zu weit nach "vorne" in Richtung Lenker abkippen.
  • Sattelhöhe und -neigung: Die Wahl des richtigen Fahrradsattels und eine horizontale Sattelstellung oder eine Neigung der Sattelspitze um ein bis drei Grad nach unten bewirkt eine effektive Sitzposition zur Verringerung der perinealen Kompression.
  • Bewegung: Da Du Dich auf dem Sattel bewegst, muss die Breite/ Form zu den räumlichen Bewegungsanforderungen passen, sonst rubbelt und schleift es.
  • Pausen und Positionswechsel: Regelmäßige Pausen und Positionswechsel, sowie das Fahren im Stehen sind ebenfalls von großer Bedeutung, um das Risiko von Potenzproblemen bei Männern zu verringern.
  • Sitzpolster: Finger weg von "fetten" windelartigen Sitzpolstern und massiven, weich gepolsterten "Komfortsätteln". Weniger ist hier definitiv mehr.

Diagnose und Behandlung

Verspüren Männer jedoch während der Ausfahrt oder danach regelmäßig Taubheitsgefühle im Genitalbereich oder haben sie bereits Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen, sollten sie sich von einer Urologin oder einem Urologen untersuchen lassen.

Wir bieten unseren Patienten ein spezielles Diagnoseverfahren an, um zu ermitteln, inwieweit das Fahrradfahren bereits zu Erektionsproblemen geführt hat bzw. führen kann. Hierzu bringen Betroffene ihre Sättel und ggf. ihr Fahrrad mit. Während des Radfahrens auf dem eigenen Sattel erfassen wir die Durchblutung mittels einer speziell entwickelten Elektrode, die an den Penis gelegt wird. Das Fahrrad kann im Anschluss so eingestellt werden, dass die Durchblutung nicht eingeschränkt wird. Auf Wunsch können auch andere Sättel getestet werden, bis ein entsprechend geeigneter Sattel gefunden ist.

Zusammenfassung

Taubheitsgefühle im Dammbereich beim Radfahren sind ein häufiges Problem, das jedoch oft durch einfache Maßnahmen wie die Wahl des richtigen Sattels und die Anpassung der Sitzposition behoben werden kann. Regelmäßige Pausen und Positionswechsel können ebenfalls helfen, den Druck auf den Dammbereich zu reduzieren. Bei anhaltenden Beschwerden sollte ein Arzt konsultiert werden.

Studien zum Thema Radfahren und Erektionsstörungen
Autor(en) Jahr Ergebnisse
Schwarzer, U., Sommer, F., & Klotz, T. 2002 Schmale Fahrradsitze können den Sauerstoffgehalt im Penis reduzieren und das Risiko für Potenzprobleme erhöhen.
Bressel E, Blickhan R, Krampe R. 2003 Der Druck im Dammbereich war am niedrigsten, wenn ein breiter, gepolsterter Sattel verwendet wurde und der Lenker niedriger als der Sattel positioniert war.
Motallebi, V. et al. 2021 Langes Radfahren, insbesondere bei unzureichender Polsterung, ist signifikant mit einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen verbunden.
Kovac, J. R. et al. 2020 Langes Radfahren kann das Risiko von Erektionsstörungen erhöhen, da es zu Nerven- und Durchblutungsstörungen in den Genitalien führen kann.

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