Die Fahrradbranche sieht sich mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Mehrere Hersteller haben in den letzten Monaten Insolvenz anmelden müssen oder kämpfen mit finanziellen Schwierigkeiten.
Prophete und Cycle Union: Übernahme durch Dutech
Der deutsche Fahrradhersteller Prophete aus Rheda-Wiedenbrück hat Ende letzten Jahres beim Amtsgericht Bielefeld Insolvenz beantragt. Betroffen ist von der Insolvenz auch Cycle Union, ein Tochterunternehmen von Prophete aus Oldenburg in Niedersachsen, welche ebenfalls einen eigenen Insolvenzantrag stellen musste. Prophete hatte nicht nur reguläre Fahrräder, sondern auch E-Bikes und E-Scooter angeboten. Die Räder des Unternehmens fanden sich oft bei Discountern und Supermärkten wie Aldi, Real oder Rewe im Angebot.
Im Geschäftsjahr 2021/22 litt Prophete unter "erheblichen Problemen in der Beschaffung", was sich fatal auf Absatz und Umsatz auswirkte. Zudem belasteten hohe Verbindlichkeiten und volle Lager bei gleichzeitig rückläufiger Nachfrage das Traditionsunternehmen. Als dann Ende November 2022 noch ein Hackerangriff wochenlang die Produktion lahmlegte, geriet der Bike-Hersteller in erhebliche Liquiditätsprobleme.
Gut ein Dutzend Interessenten haben in den vergangenen zwei Monaten beim insolventen Fahrradhersteller Prophete und seiner niedersächsischen Tochter Cycle Union in Oldenburg angeklopft. So schnell die potenziellen Käufer aus dem In- und Ausland vorstellig wurden, so schnell lichtete sich das Feld auch wieder. Nun sind die Würfel gefallen: Der strategische Investor Dutech aus Singapur übernimmt Mutter- und Tochterunternehmen samt der verbliebenen 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
"Das ist ein guter Tag für Prophete und Cycle Union", sagt Insolvenzverwalter Manuel Sack. Die Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück und Oldenburg hätten erleichtert reagiert, sogar geklatscht in den Mitarbeiterversammlungen. "Das ist selten und unüblich zu solchen Anlässen", meint der Experte für Insolvenz- und Sanierungsrecht von der Kanzlei Brinkmann und Partner.
"Wir betrachten Prophete und Cycle Union als strategische Investition. Sie passen sehr gut in unser Portfolio", sagt Europa-Chef Rolf Hellenbrand. Die Standorte blieben erhalten, die Produktion werde nicht verlagert, versichert Hellenbrand.
Pole Bicycles meldet ebenfalls Insolvenz an
Trotz innovativer Ideen und Firmenwachstum meldet der finnische Fahrrad-Hersteller Pole Bicycles Insolvenz an. Der Gründer verkündet die Entscheidung in einem Video. Dabei handelt es sich um den finnischen Hersteller Pole Bicycles, der sich auf Fahrräder mit long, low und slack-Geometrie spezialisiert hat, die Räder besonders stabil machen soll. Die Nachricht der Insolvenz kommt überraschend, da der Fahrrad-Hersteller erst vor wenigen Wochen bekannt gab, dass er ein eigenes Rennteam zusammenstellt.
Zwar habe die Firma bis zuletzt ein Wachstum gehabt, doch in der Fahrrad-Branche gebe es Schwierigkeiten, die das Unternehmen nicht überwinden konnte. Womöglich könnten auch die günstigen Fahrrad-Preise dem Hersteller zugesetzt haben. Die politische Situation mit Streiks habe die Lage des Herstellers weiter verschärft, dann seien die Maschinen für einen Monat ausgefallen, was für den Hersteller das endgültige Aus bedeutete.
Das Unternehmen wurde 2015 von Leo Kokkonen gegründet, die Räder wurden in Finnland designt, konstruiert und angefertigt. Wie es mit Pole Bicycles weitergeht, ist nicht öffentlich bekannt.
BionX: Aktuelle Situation unklar
Nach Berichten in diversen Medien, Socials und Foren tauchte in den letzten Tagen immer wieder der Name BionX in Verbindung mit Insolvenz auf. Zum Insolvenzverwalter wurde Grant Thornton Limited (GTL) bestimmt, eine globale Beratungsfirma und Spezialist für Insolvenzen, die nun auch die Führung übernommen hat. Einzig die BionX GmbH, die in Haar bei München ihren Firmensitz hat, arbeitet mit ihren elf Festangestellten und zwei Teilzeitkräften aktuell wie gewohnt weiter. Das hatte das Unternehmen gestern in einer Pressemitteilung nochmals deutlich gemacht.
In Phase 1 stellt die GTL nun alle Vermögenswerte zusammen und erstellt neben einer umfassenden Dokumentation samt NDA zudem einen sogenannten Datenraum, mittels dem sich interessierte Käufer ausführlich informieren können. In Phase 2, mit einem Zeitfenster von 60 Tagen, sollen dann die zusammengestellten Informationen an die potentiellen Käufer gesendet werden. Zudem möchte man mit Marktbegleitern sprechen, die entweder Interesse am Ganzen oder auch Teilen des Unternehmens haben könnten oder dies in der Vergangenheit bereits geäußert haben. Zwanzig Tage sind danach in Phase 3 mit Verhandlungen mit dem Anteilseignern und den Interessenten vorgesehen, wobei man dafür sorgen möchte, dass der Verkauf schnellstmöglich über die Bühne geht.
Vanmoof: Schwierigkeiten und Rettungsversuche
Wer aufmerksam die niederländische Wirtschaftspresse verfolgt, konnte bereits im Januar 2023 lesen, dass Vanmoof händeringend nach frischem Kapital suchte. Eine Summe zwischen zehn und 40 Millionen Euro sei nötig, um das Fortbestehen der Marke über das erste Quartal 2023 hinaus zu sichern. Am 13. Juli 2023 reichte Vanmoof am Gericht in Amsterdam einen Antrag auf Gläubigerschutz und Zahlungsaufschub ein. Den gewährt das Gericht in einer ersten Reaktion auch. Schon am 17. Juli 2023 revidierte es allerdings seine Entscheidung.
Einige Medien berichten, dass wichtige Manager still und leise bereits Vanmoof verlassen hätten. Zudem agieren die Brand Stores und zertifizierten Werkstätten in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Japan, Österreich, Schweden und den USA als eigenständige Unternehmen. Sie versuchen vermutlich langsam zum Tagesgeschäft überzugehen. Theoretisch können die zertifizierten Werkstätten ihre Geschäfte derzeit weiterführen.
In einem Statement vom 13. Juli 2023 versichert Vanmoof, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sich um Angelegenheiten wie Reparaturen oder ausstehende Lieferungen zu kümmern. Allerdings sind andere zentrale Funktionen wie das Orten des Bikes, die Navigation und das Einstellen der automatischen Schaltung komplett auf sie angewiesen. Laut unserer Informationen laufen die Server von Vanmoof und damit die App noch. Aktuell läuft die App von Vanmoof.
Vanmoof-Konkurrent Cowboy hat schnell gehandelt und ein App namens Bikey als Alternative quasi über Nacht entwickelt. Mithilfe von Bikey könnt ihr den digitalen Schlüssel eures Vanmoof-E-Bikes auslesen und für die künftige Verwendung unabhängig vom Betrieb der Vanmoof-Server speichern. Eine vergleichbare Lösung scheint übrigens die Moofer App zu sein.
In den kommenden Wochen werden die Treuhänder alles daransetzen, Interessenten zu finden, die das Geschäft von Vanmoof fortführen wollen und können. Gelingt dies nicht, droht ein Verkauf der Vermögenswerte und die mögliche Zersplitterung des gesamten Unternehmens.
Hilfsangebote für Vanmoof-Kunden
Schon in der vergangenen Woche rief der deutsche Fahrradhersteller Diamant eine Aktion ins Leben, die sich an diejenigen richtet, die aktuell ein E-Bike bei Vanmoof bestellt und dafür auch schon eine Anzahlung geleistet haben. Für den Moment gilt das Angebot ausschließlich in Deutschland und Österreich. Wer bereits ein Vanmoof fährt, sorgt sich wahrscheinlich darum, wohin sie oder er sich im Falle einer anstehenden Reparatur oder eines Austausches des Akkus künftig wenden kann. An diese Klientel richtet sich Upway, ein aus Frankreich stammendes Unternehmen, das gebrauchte E-Bikes wiederaufbereitet.
Ab dem 1. September nimmt Upway E-Bikes von Vanmoof für eine Wartung entgegen. Bereits vorher könnt ihr euch für diesen Service anmelden. Zum Service gehören die Abholung des Fahrrades bei euch zuhause, die Inspektion, eine mögliche Reparatur sowie der Transport zurück an euch. Das alles kommt im Paket für einmalig 89 Euro. Nicht einberechnet sind dabei die Teile, die im Rahmen einer Reparatur eventuell ersetzt werden müssen.
Sowohl Diamant als auch Upway betonen, dass Auslöser für die jeweiligen Angebote die unverschuldete Misere der Vanmoof-KundInnen und Vanmoof-Fahrenden sei. Beide wollte in erster Linie mit den Maßnahmen das Fahrradfahren unterstützen.
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