Wer etwas für die Umwelt und die eigene Gesundheit tun möchte, fährt E-Bike. Aber gilt das auch für den Großeinkauf im Supermarkt oder den Weg zur Kita? Und was, wenn es regnet? Dann setzen viele Menschen trotz passender E-Bike-Bekleidung doch lieber auf den PKW.
Mit den neuen, überdachten E-Bike-Konzepten muss es künftig vielleicht gar kein Entweder-oder-Szenario mehr geben. Denn auf drei oder vier Rädern, mit gutem Wetterschutz, hoher Reichweite und Platz für Einkäufe oder einen Kindersitz, verbinden sie das Beste aus beiden Welten. Aber wie zukunftsfähig sind die Fahrräder mit Regendach wirklich und welche Infrastruktur brauchen sie?
Dass Elektrofahrräder ein erhebliches Potenzial haben, das Auto im Alltag bzw. bei Fahrten zum Arbeitsweg zu ersetzen ist längst bekannt - ein großangelegter Berliner Praxistest*, der bereits 2015 durchgeführt wurde, belegt dies sogar. Die Teilnehmer haben acht Wochen lang E-Bikes im Alltag getestet. Der PKW wurde bei fast 60 Prozent der Wege durch ein E-Bike ersetzt. Im Entfernungsbereich bis 15 Kilometer war letzteres sogar attraktiver für die Teilnehmer.
Was diese jedoch vom E-Bike-Pendeln abhielt: Regen und Schnee.
Rechtliche Aspekte von E-Bikes mit Dach
Auch wenn einige der neuen E-Bike-Modelle im Gewand eines Miniautos daherkommen - rechtlich gesehen handelt es sich um Fahrräder bzw. Pedelecs, mit denen man legal auf Fahrradwegen in Deutschland fahren darf. Sofern der Motor nur bis zu einer Geschwindigkeit bis 25 km/h unterstützt und Tretbewegungen erforderlich sind, benötigt das Gefährt auch kein Versicherungskennzeichen wie Elektro-Scooter.
Auch ein Führerschein ist nicht notwendig.
Generell werden Fahrräder mit Zusatzantrieb in drei Klassen unterteilt, nur eine davon gilt aus rechtlicher Sicht als ganz normales Fahrrad.
- Pedelec: Elektrisches Fahrrad mit einer Motorunterstützung bis 25 km/h.
- S-Pedelec: Elektrisches Fahrrad mit einer Motorunterstützung bis 45 km/h. Hierfür wird eine Zulassung in Form eines Versicherungskennzeichens benötigt sowie eine Haftpflichtversicherung und die Fahrerlaubnis der Klasse AM (Roller). Und: Es gilt Helmpflicht.
- E-Bikes: Das E-Bike fährt auch ohne Pedalunterstützung auf Knopfdruck. Bei einer Geschwindigkeit über 6 km/h gilt es als Kraftfahrzeug und ist zulassungspflichtig.
Beispiele für überdachte E-Bike-Konzepte
Hopper Mobility
Das überdachte Elektro-Dreirad des Herstellers Hopper Mobility aus Augsburg ist maximal 25 km/h schnell, gilt daher rechtlich als E-Bike bzw. Pedelec und darf auf Radwegen fahren. Die Bedienkonzepte ähneln stark denen eines Autos. Trotz seiner vielen Funktionen ist er sehr kompakt: Auf einen Autoparkplatz passen vier Hopper, was ihn zum perfekten Stadt-Fahrzeug für Privatpersonen oder kleine Auslieferungen/Transporte macht.
Mit einem Stauraum von bis zu 290 Litern kann man Einkäufe entspannt transportieren. Konzipiert wurde der Hopper für zwei Erwachsene oder einen Erwachsenen, der bis zu zwei Kinder mitnehmen kann.
Kosten: Zum Start kostet das überdachte E-Bike 12.900 Euro, die Auslieferung soll 2024 erfolgen.
Podbike Frikar
Vier Räder sorgen bei dem futuristisch anmutenden E-Bike für Stabilität in Kurven oder auf dem Kopfsteinpflaster. Ein Überollbügel und Knautschzonen zur Verteilung der Aufprallenergie bieten den Insassen zusätzliche Sicherheit im Falle eines Unfalls. Es lässt sich mit einer Glashaube (schwingt zum Einsteigen auf) komplett verschließen und schützt die Insassen vor schlechtem Wetter. An heißen Tagen lässt sich die Haube jedoch auch komplett abnehmen.
Optional kann man sich das Kapsel-E-Bike auch mit einer Heizung, einem Luftfilter für die Kabine und einem manuellen Scheibenwischer konfigurieren lassen. Das Podbike Frikar gilt innerhalb Europas als Fahrrad, es ist kein Führerschein oder Versicherungskennzeichen nötig.
CityQ
CityQ nimmt für sich in Anspruch, Autos in High-Tech-E-Bikes mit einem PKW-Gefühl zu verkleinern. Der norwegische und deutsche Hersteller hat eine Reihe von 4-Rad-E-Bikes entwickelt - einschließlich E-Cargo-Bikes. Demnächst kommt ein Passagier-E-Bike auf den Markt, mit dem bis zu 3 Personen oder 1,4 m3 Fracht transportiert werden können.
Die Fahrräder werden in Nürnberg hergestellt und sind derzeit in 4 europäischen Ländern erhältlich. CityQ bietet ein autoähnliches Fahrgefühl mit Sicherheit und Komfort - obwohl es immer noch als E-Bike gilt. Dank der fortschrittlichen Konnektivität ist bei den E-Bikes auch das exakte Tracking und ein Flottenmanagement möglich.
Bergamont E-Cargoville Rooftop Concept
Auf der Eurobike-Messe 2023 zeigte Bergamont mit seinem neuen Konzept, wie E-Lastenräder künftig aussehen könnten. Das abnehmbare Dach passt auf die bestehenden E-Cargoville LJ-Modelle des Hamburger Fahrradherstellers und macht diese somit noch flexibler.
Wir als Fahrradhersteller möchten den urbanen Mobilitätswandel mit unseren neuen Modellen vorantreiben. Menschen, die ihr Fahrrad bei ungünstigen Wetterbedingungen bislang noch stehengelassen haben, könnten von den Vorzügen des überdachten E-Lastenrades profitieren - das war der Grundgedanke.
Quadvelo
Neben Schutz vor Wind und Wetter - das Quadvelo kann durch zwei optionale Türen komplett verschlossen werden - punktet das Gefährt des belgischen Unternehmens Eurocircuits NV mit einer Ladefläche hinter dem Fahrersitz. Außerdem ist es möglich, in diesem Bereich einen Kindersitz anzubringen. Dank seines leichten Rahmens aus Aluminium, bringt das E-Bike trotz großzügiger Ausstattung nur 85 Kilogramm auf die Waage.
Besonders im Stadtverkehr könnte ein Fahrzeug dieser Art Entlastung schaffen.
Canyon E-Bike mit Dach (Prototyp)
Zu diesem Zeitpunkt ist das Canyon E-Bike mit Dach noch ein Prototyp, eine Vision. Es ist schnell und stabil genug für den Straßenverkehr und dennoch leicht und wendig genug für den Radweg, wenn man am nächsten Stau vorbeifahren möchte. Das E-Bike bietet einen vollständig verschließbareren Fahrgastraum, der von einer innovativen Panorama-Kapsel umgeben ist. Wenn die Kapsel nicht zum Schutz vor Wind und Wetter geschlossen ist, kann sie zum Öffnen des Cockpits auf zwei Schienen nach vorne geschoben werden.
Außerdem bietet sie hinter dem Fahrer genügend Platz für ein Kind, den Einkauf oder etwas Gepäck.
Infrastruktur und Verkehrswende
Kann ein überdachtes E-Bike das Auto als Alltagsgefährt ersetzen? Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie viele Kilometer man bereit ist pro Tag oder Arbeitsweg zu fahren. Dass die Niederlande und Dänemark zu den Vorreitern für eine gelingende Verkehrswende gelten, ist kein Geheimnis. Längst nutzen Berufspendler dort das E-Bike als Auto-Ersatz.
Noch ist derzeit wenig darüber bekannt, wie viele überdachte E-Bikes dort tatsächlich unterwegs sind. Das E-Dreirad LEF gehört in den Niederlanden allerdings schon zum Alltag. Es wird durch einen 1.000 Watt starken Hinterradmotor betrieben und gilt in Deutschland daher als versicherungspflichtiges Kleinstfahrzeug. In den Niederlanden ist es jedoch einem Fahrrad gleichgestellt und darf dort ohne Führerschein gefahren werden.
Ein E-Bike mit Dach bringt viele Vorteile mit sich und kann ein kleines Auto in der Stadt voll ersetzen. Sicherlich müssen die neuen Modelle einen hohen Nutzwert und viel Komfort mitbringen, um Autofahrer vom Umstieg aufs E-Bike zu überzeugen. Einige Hersteller haben sich bereits gut positioniert, bei anderen ist es noch unklar, ob die überdachten Pedelecs tatsächlich in Serie gehen.
Nicht zuletzt braucht es für eine gelingende Mobilitätswende aber auch noch mehr gute Radwege und diebstahlsichere Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen und anderen Verkehrsknotenpunkten.
Expertenmeinung
"Neue Cargo-Konzepte stehen im Mittelpunkt des zukünftigen Wachstumspfades, jedoch hat auch hier das Wachstum Grenzen", meint der Berliner Zukunftsforscher Dr. Stefan Carsten auf Nachfrage von Focus E-Bike. "Allzu starr und unflexibel - das wird beim Kunden nicht gut ankommen, wie Citkar und Bio-Hybrid-Pleiten in der jüngeren Vergangenheit beweisen. Flexible Rooftop-Konzepte versprechen Anpassungsfähigkeit an das Wetter und die Transportaufgabe - sie werden in Zukunft den Markt dominieren", so die Prognose des Experten.
Ein fixes Dach sei jedoch nur für Spezialanwendungen sinnvoll, beispielsweise im Gewerbe, für Events oder in geeigneten Räumen. Auch wenn sich die Infrastrukturen kontinuierlich in die richtige, sprich: separierte, breite, geschützte Radwege, entwickeln, gehe es doch nur langsam voran.
Die Qual der Wahl
Fahrrad oder Auto? Personen oder Pakete? Elektrisch oder sportlich? Die neuen Konzepte der Fahrradindustrie erfüllen beinahe jeden Wunsch und die Differenzierung der Produktpalette scheint gerade erst begonnen zu haben.
Verwandte Beiträge:
- Elektro-Dreirad für Erwachsene mit Dach: Der Ultimative Test & Vergleich für Perfekten Komfort
- Elektro Dreirad mit Anhänger: Test & Kaufberatung – Die besten Modelle 2024
- Elektro Moped mit Pedalen: Testsieger, Kaufberatung & Modelle 2024
- Elektro Dreirad Mountainbike Test & Vergleich: Modelle & Funktionen
- Radwegpflicht: Wann muss ich den Radweg benutzen?
- Ann-Kathrin Bendixen: Unglaubliche Verwandlung von "Affe auf Bike" zu "Let's Dance"-Star!
Kommentar schreiben