Die britische Motorradindustrie blickt auf eine reiche und abwechslungsreiche Geschichte zurück, die bis ins Jahr 1885 zurückreicht. In den 1950er und 1960er Jahren war sie die drittgrößte in England (nach Autos und Whisky), und britische Motorräder genossen in der ganzen Welt einen unübertroffenen Ruf. Ihre klassischen Designs sind Teil der Kulturgeschichte geworden. Großbritannien hat einige der kultigsten Marken und berühmtesten Motorräder der Geschichte hervorgebracht. Namen wie Royal Enfield, Triumph und Brough sind aus gutem Grund bekannt.
Der Niedergang und das Comeback
Die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren für die britische Industrie jedoch nicht günstig. Viele Fabriken mussten die Tore für immer schließen, da die Nachfrage von Jahr zu Jahr rapide zurückging. Die britische Motorradindustrie hatte die japanische Hightech-Offensive total verschlafen. Doch angesichts dessen ist es wahrlich kein Wunder, dass die selbstbewussten Insulaner eher die ruhmreiche Commonwealth-Vergangenheit als die gemeinsame europäische Zukunft im Blick haben. In diesem Kontext ist es nur logisch, dass sich die Briten gerade jetzt ihrer ruhmreichen Motorrad-Historie erinnern, die seinerzeit wie fast überall auf der Welt von der japanischen Hightech-Offensive überrollt wurde.
Von Ariel bis Norton - es grollt und donnert wieder im Königreich, von der Kleinserie bis hin zur angedachten Massenproduktion reicht die Palette der Aktivitäten. Die großen Namen der Vergangenheit sind wieder da. Die Wiedergeburt der alten Marken spiegelt irgendwie auch den Zeitgeist auf der Insel wieder.
Legendäre englische Motorradmarken
Im Folgenden werden einige der bekanntesten und einflussreichsten englischen Motorradhersteller vorgestellt:
Triumph
Triumph ist eine britische Motorradmarke mit Sitz in Hincksley in Zentralengland. Es handelt sich um den größten und legendärsten Produzenten von Motorrädern im Vereinigten Königreich. Neben Motorrädern stellt das Unternehmen auch Motorrad-Bekleidung und Zubehör her. Triumph wurde im Jahre 1884 von Siegfried Bettmann, einem aus Nürnberg stammenden Auswanderer, als Handelsunternehmen unter dem Namen S. Bettmann & Co in London gegründet. Es sollte bis zum Jahre 1902 dauern, bis Triumph das erste eigene Motorrad herstellen würde.
Das unter dem Namen No. 1 bekannte Zweirad wurde von einem 2,2PS-Minverva-Motor angetrieben. Seit 1907 verwendet die Firma einen 450 cm³-Motor mit einer Leistung von 3,5PS. Auch die Produktion konnte in jenem Jahr auf 1.000 Stück pro Jahr gesteigert werden. Im Jahre 1936 teilte sich Triumph in zwei Bereiche auf, Automobil und Motorrad. Dies trug ein Jahr später dazu bei, dass mit dem 498 cm³ Speed Twin (T100) das definitive britische Motorrad vorgestellt werden konnte.
Im Laufe der Geschichte des Unternehmens wurden viele legendäre Modelle produziert, die entscheidend zum Mythos Triumph beigetragen haben. Die Thunderbird kam im Jahre 1949 auf den Markt. Sie basierte auf der Speed Twin und bediente sich deren zweimotorigen Antriebs. Die 1956 erschienene Triumph TR6 Trophy zählt zu den erfolgreichsten Modellen des britischen Unternehmens. Die Triumph Bonneville, auch Bonnie genannt, kam im Jahre 1959 auf den Markt.
1990 wagte das Unternehmen dann mit wiedererwachter Motivation einen Neuanfang: Triumph kehrte unter der Führung von John Bloom zu seinen Wurzeln zurück und produzierte sechs neue Modelle im Gründungsort Hinckley. Die Nachfrage stieg in ganz Europa wieder und ermöglichte es dem Unternehmen, zehn Jahre später einen zweiten Produktionsstandort in der Nähe des ersten zu errichten.
Norton
Neben Triumph ist Norton vielleicht die bekannteste aller britischen Marken. Die Norton Motorcycle Company ist eine ursprünglich in Birmingham, England, ansässige Motorradmarke. Das Unternehmen wurde 1898 von James Lansdowne Norton gegründet. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte das Unternehmen einen enormen Aufschwung und produzierte über 100.000 Motorräder für das Militär. Das Unternehmen war vor allem für die 750ccm Norton Commando bekannt, die 1968 eingeführt wurde.
Im Jahr 1912 wurde die R.T. Shelley and Company kaufte das Unternehmen und wandelte es in Norton Motors um. Das Unternehmen stellte Sport-, Militär- und Produktionsmotorräder her. Danach wechselte das Unternehmen mehrmals den Besitzer und die Motorradproduktion wurde 1995 eingestellt.
Wer heute „Norton“ sagt, muss im gleichen Atemzug „Stuart Garner“ sagen, denn ohne den Selfmade-Millionär und Rennsport-Freak wäre die legendäre Marke wahrscheinlich längst Geschichte. Ende 2008 kaufte Garner alle Rechte und Entwicklungen der Marke. 2014 kam mit der Dominator ein zweiter Commando-Ableger dazu, bevor Norton im Herbst 2016 auf der britischen Motorradmesse NEC das erste „all British hypersports model ever“, die Norton V4, präsentierte.
Royal Enfield
Royal Enfield-Motorräder sind seit langem ein Teil des britischen Motorraderbes. Das erste Royal Enfield-Motorrad wurde 1901 gebaut. Die Enfield Cycle Company war verantwortlich für die Entwicklung und anfängliche Produktion der Royal Enfield Bullet, des langlebigsten Motorrads der Geschichte, und produzierte sie in den Varianten 350 ccm und 500 ccm.
Wie viele andere Motorradmarken ging auch Royal Enfield in den 1960er Jahren in Konkurs, doch zu diesem Zeitpunkt war die Bullet bereits ein großer Erfolg im postkolonialen Indien, wo Motorräder aus importierten Bausätzen zusammengebaut wurden. Das Bullet-Motorrad wird in Indien immer noch verkauft, aber das in indischem Besitz befindliche Unternehmen Royal Enfield baut auch neue Modelle, wenn auch im traditionellen Stil.
Vincent
Bei Motorradfans weckt der Name Vincent Nostalgie. Vincent Motorcycles war von 1928 bis 1955 ein britischer Motorradhersteller. Das Unternehmen wurde von Philip Vincent gegründet, der eine bestehende HRD-Produktionsstätte kaufte und sie ursprünglich in Vincent HRD umbenannte. In der Blütezeit der britischen Automobilindustrie waren die 500ccm- und 1000ccm-Motoren, die das Werk verließen, nicht nur technisch auf dem neuesten Stand, sondern auch stilistisch erhaben.
Im Jahr 1948 schufen sie die Vincent Black Shadow, die damals das schnellste Serienmotorrad der Welt war und Geschwindigkeiten von bis zu 125 km/h erreichte. Die in nur 1.700 Exemplaren handgefertigte Vincent Black Shadow führte eine Reihe von technischen Innovationen ein und war sofort an ihrer unverwechselbaren, überwiegend schwarzen Farbpalette zu erkennen, die auch den Großteil des Motors umfasste.
BSA (Birmingham Small Arms)
BSA (Birmingham Small Arms) - die 1861 gegründete Marke begann mit der Herstellung von Waffen und Munition und ging dann zur Produktion von Fahrrädern und Motorrädern über. Ihr erstes Modell, ein 3,5-PS-Motorrad (BSA 3½), wurde von 1910 bis 1913 verkauft und während des Ersten Weltkriegs als Kuriermaschine in Großbritannien eingesetzt. Ihr erstes speziell gebautes Motorrad war ein Sidevalve Model E 7hp V-Twin aus dem Jahr 1919, das nach militärischen Standards gebaut wurde.
Weitere Marken
Neben den oben genannten Herstellern gab es noch viele weitere englische Motorradmarken, die im Laufe der Geschichte eine wichtige Rolle gespielt haben, darunter:
- Ariel
- Brough Superior
- Hesketh
- Matchless
- Scott
- Rudge
- Velocette
- AJS
- Wooler
- Douglas
- Sunbeam
MADE IN ENGLAND - British Beauties
Die aktuelle Sonderausstellung MADE IN ENGLAND - British Beauties widmet sich den eleganten und ikonischen Motorrädern, die das Prädikat “Made in England” tragen. Diese herausragenden Modelle bestechen nicht nur durch ihre technische Exzellenz, sondern auch durch ihr besonderes Design, das sie zu echten “British Beauties” macht.
Die Ausstellung präsentiert eine sorgfältig kuratierte Auswahl von Marken und Modellen, die den globalen Ruhm englischer Motorräder begründet haben. So war BSA zeitweise der größte Motorradhersteller der Welt, während Norton durch zahlreiche Rennerfolge zur Legende wurde. Triumph wiederum steht für eine unverwechselbar coole Identität, die Motorradfans weltweit begeistert.
Ein besonderer Teil der Ausstellung beleuchtet die Geschichten von 15 Persönlichkeiten, die einen bedeutenden Einfluss auf die englische Motorradgeschichte hatten. Diese Auswahl umfasst nicht nur Engländer, sondern auch Persönlichkeiten von den gesamten britischen Inseln, die mit ihren individuellen Geschichten Einblicke in diese beeindruckende Historie geben.
Der Motorradrennsport spielt auf den britischen Inseln eine herausragende Rolle. Die Tourist Trophy (TT) gilt seit über 100 Jahren als ultimativer Test für Mensch und Maschine. Diese legendären Rennen haben nicht nur Rennmaschinen, sondern auch die Entwicklung von Serienmotorrädern maßgeblich beeinflusst.
Bereits 1887 führte England die Produktkennzeichnung ein, die das Herstellungsland zu einem Statement machte. Diese Maßnahme, ursprünglich auch zum Schutz vor Konkurrenzprodukten wie „Made in Germany“ eingeführt, zeigt bis heute ihre Relevanz. Die Herkunft von Produkten ist heutzutage oft diffus, doch einige „Made in England“-Marken sind nach wie vor aktiv und haben sich in der internationalen Szene etabliert.
Ausgestellte Modelle
Die Ausstellung umfasst Leihgaben aus 3 Privatsammlungen:
- Triumph: Tiger 100 (1939), T120 Bonneville (1962), Trident T160 (1975)
- BSA: Y13 (1936-1938), A10 Super Rocket (1962), A65 Firebird Scrambler (1971)
- Norton: CS1 (1929), Manx 30M (1961), Commando 750 (1969), Wankel Prototyp (1973), Wankel Schnittmotor (1971)
- Brough Superior: Mark 1 (1922)
- Vincent: Comet (1950), Dearden Black Lightning (1949)
- Royal Enfield: JAP Desmo Special (1924)
- Matchless: Silver Hawk (1932)
- Scott: Power Plus TT Replica (1930)
- Rudge: Ulster (1938)
- Velocette: Thruxton (1969)
- AJS: 7R Boy Racer (1961)
- Wooler: Flat Four (1955)
Zusätzlich in der Dauerausstellung: Douglas, Sgonina, Wilkinson, Sunbeam, BSA, Norton, Scott, Mercury.
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