Erektionsstörungen durch Radfahren: Ursachen und Prävention

Radfahren ist eine beliebte Sportart, die viele Vorteile für die Gesundheit bietet. Es stärkt das Herz, kräftigt die Muskeln und verbessert die Ausdauer. Allerdings gibt es Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen des Radfahrens auf die sexuelle Gesundheit von Männern. Immer wieder liest man, dass Männer, die zu lange auf einem Rennradsattel sitzen, angeblich durch das Radfahren impotent werden.

Was ist Erektile Dysfunktion?

Um zu verstehen, warum durch das Radfahren eine erektile Dysfunktion verursacht werden kann, kommt man an einer kurzen Betrachtung der männlichen Physiologie und Anatomie nicht vorbei: Der männliche Penis besteht größtenteils aus elastischem Gewebe, das hauptsächlich aus zwei Schwellkörpern besteht. Während einer sexuellen Stimulation füllen sich diese Schwellkörper mit Blut, wodurch der Penis erigiert wird. Nach Beendigung der Stimulation oder nach einer Ejakulation fließt das Blut wieder ab und der Penis erschlafft. Die nervösen Impulse, die für diesen erhöhten Blutfluss verantwortlich sind, kommen aus dem Gehirn und gelangen über das Rückenmark zum Penis, wo sich wichtige Nerven und Blutgefäße im Perineum-Bereich befinden.

Der Mythos von Impotenz durch Radfahren

Schon Ende der 90er-Jahre soll der US-amerikanische Sexualmediziner Irwin Goldstein behauptet haben: „Es gibt zwei Sorten männlicher Radfahrer. Die einen sind impotent und die anderen werden es.“ Inzwischen weiß man jedoch, dass Radsportler sich im Allgemeinen keine Sorgen um ihre „Männlichkeit“ machen müssen - auch wenn eine groß angelegte Studie unter etwa 2000 Radfahrern zu dem Ergebnis kam, dass durch das Fahren längerer Strecken und durch eine falsche Sitzposition vereinzelt Erektionsstörungen auftreten können.

Wie entsteht eine Erektile Dysfunktion beim Radfahren?

Beim Fahrradfahren wird das Körpergewicht des Mannes zwischen den Beckenknochen auf diesem Bereich konzentriert. Gewicht auf dem Beckenknochen führt dazu, dass das Körpergewicht genau zwischen den Beckenknochen auf diesem Bereich lastet. Dadurch wird Druck auf die Arterien und Nerven, die zum Penis führen, ausgeübt. Zusätzlich kann der Nervus pudendus gegen den Schambeinknochen gedrückt werden, hervorgerufen durch Vorwärtsneigung des Oberkörpers. Da diese Gefäße und Leitungsbahnen im Wesentlichen ungeschützt sind, ist die Gefahr, sie zu beschädigen, relativ groß. Dazu kommt möglicherweise auch eine Gefährdung durch chronisch auf sie einwirkenden Satteldruck.

Mehr als 30 Prozent des Penis’ befinden sich im Inneren des Körpers. Wenn ein Mann auf einem Fahrradsattel sitzt, lastet fast sein gesamtes Oberkörpergewicht auf der Arterie, die den Penis mit Blut versorgt. Diese Kompression durch den Fahrradsattel vermindert die Blutzufuhr zum Penis. Bedingt werden die Erektionsstörungen also in erster Linie durch den Druck des Fahrradsattels - bei extremer Belastung teilweise sogar irreversibel!

Viele Rennradfahrer klagen über Taubheit im Schritt, was in den allermeisten Fällen auf den Druck des Sattels zurückzuführen ist. Bei langen Fahrten kann dieser Druck zu Verletzungen der Nervenfasern und der Arteria pudenda führen, was zu einer Minderdurchblutung und Taubheitsgefühlen im Dammbereich führen kann. Die Rate der Erektionsstörungen war bei den Probanden zwei- bis dreimal höher als bei Nicht-Fahrradsportlern der gleichen Altersgruppe.

Aktuelle Studienlage

Eine Studie "Cycling and penile oxygen pressure: The type of saddle matters", die von der European Association of Urology 2012 veröffentlicht wurde, untersuchte den Einfluss von Fahrradsitzen auf die sexuelle Gesundheit von Männern. Die Studie ergab, dass schmale Fahrradsitze den Sauerstoffgehalt im Penis um bis zu 82 Prozent reduzieren können und damit das Risiko für Potenzprobleme erhöhen. Die Forscher empfehlen breite, gut gepolsterte Sättel mit einer Nasenlänge von nicht mehr als sechs Zentimetern, um den Damm zu entlasten und das Risiko für erektile Dysfunktion zu verringern.

Eine weitere Studie "The impact of bicycle seat shape on the pressure to the perineum of the bicyclist" aus dem Jahr 2014, die im Journal of Sexual Medicine veröffentlicht wurde, führte Druckmessungen mit speziellen Sensoren Druckmessungen auf den Sattel durch. Die Teilnehmer waren 90 männliche Radfahrer, die in drei verschiedenen Sattelpositionen auf einem Fahrrad saßen. Die Ergebnisse zeigten, dass der Druck im Dammbereich am niedrigsten war, wenn ein breiter, gepolsterter Sattel verwendet wurde und der Lenker niedriger als der Sattel positioniert war.

Neuere Studien unterstreichen die Wichtigkeit des Sattels und Entlastung des Dammbereichs immer wieder:

  1. Motallebi et al. (2021) führten eine systematische Überprüfung und Meta-Analyse durch, um den Zusammenhang zwischen Radfahren und Erektionsstörungen zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigten, dass langes Radfahren, insbesondere bei unzureichender Polsterung, signifikant mit einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen verbunden ist.
  2. Kovac et al. (2020) führten ebenfalls eine systematische Überprüfung der Literatur durch und stellten fest, dass langes Radfahren das Risiko von Erektionsstörungen erhöhen kann, da es zu Nerven- und Durchblutungsstörungen in den Genitalien führen kann.
  3. Riccetto und Silva (2020) veröffentlichten einen Übersichtsartikel, in dem sie die bisherigen Erkenntnisse zur Verbindung zwischen Radfahren und sexueller Funktion zusammenfassen. Sie betonen dabei, dass weitere Studien erforderlich sind, um den Zusammenhang zwischen Radfahren und sexueller Funktion genauer zu untersuchen.
  4. Choi et al. (2020) führten eine randomisierte, kontrollierte Untersuchung durch, um den Einfluss der Sattelhöhe beim Radfahren auf den Blutfluss zum Penis bei jungen, gesunden Erwachsenen zu untersuchen. Sie stellten fest, dass eine niedrigere Sattelhöhe zu einem verbesserten Blutfluss im Penis führte.
  5. Salonia et al. (2019) veröffentlichten einen aktuellen Überblick über die Verbindung zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und männlichen sexuellen Störungen. Sie stellen einen Zusammenhang zwischen längerem Radfahren und einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen her und empfehlen eine Verbesserung der Sattelkonstruktion, um den Druck auf das Perineum zu reduzieren.

Was können Radfahrer tun, um Erektionsstörungen vorzubeugen?

Es gibt mehrere Maßnahmen, die Radfahrer ergreifen können, um das Risiko von Erektionsstörungen zu minimieren:

  • Wahl des richtigen Sattels: Ein ergonomischer Sattel mit Entlastung des Dammbereichs ist entscheidend. Die Sattelauswahl sollte so erfolgen, dass der Sattel keinen Druck auf den Damm unterhalb des Schambeins ausüben kann und der Sitzdruck auf die Sitzbeinhöcker verlagert wird. Breite Sättel sind von Vorteil. Ein breiter, gepolsterter Sattel, der die Sitzbeinhöcker optimal unterstützt, ist empfehlenswert. Patienten mit Prostatabeschwerden beziehungsweise Gefäß- und Nervenerkrankungen und Männer, die häufig Sensibilitätsstörungen nach längeren Fahrradfahrten haben, sind mit einem breiten und gegebenenfalls geteilten Sattel gut beraten.
  • Sattelposition: Die Wahl des richtigen Fahrradsattels und eine horizontale Sattelstellung oder eine Neigung der Sattelspitze um ein bis drei Grad nach unten bewirkt eine effektive Sitzposition zur Verringerung der perinealen Kompression. Den Sattel horizontal einstellen beziehungsweise die Sattelspitze um ein bis drei Grad nach unten neigen.
  • Sitzposition: Die perineale Kompression durch eine effektive Sitzposition vermindern. Um das zu erreichen, sollten die Beine nicht völlig gestreckt sein, wenn sich die Pedale an der tiefsten Stelle befinden, und die Knie etwas gebeugt sein.
  • Regelmäßige Pausen: Regelmäßige Pausen und Positionwechsel, sowie das Fahren im Stehen sind ebenfalls von großer Bedeutung, um das Risiko von Potenzproblemen bei Männern zu verringern. Alle zehn Minuten die Position wechseln und im Stehen fahren. Das ist wichtig, um den Blutfluss aufrechtzuerhalten, ist.
  • Druckanalyse: Besonders Patienten mit urologischen Voroperationen sollten zusätzlich eine Druckanalyse i.R. der Sattelanpassung durchführen lassen.
  • Weniger als drei Stunden pro Woche sind ungefährlich: Wer weniger als drei Stunden Fahrrad pro Woche fährt, läuft jedoch keine Gefahr, Erektionsstörungen zu bekommen.

Weitere Empfehlungen

  • Auf eine ausreichende Sattelbreite achten: Hierzu setzt man sich am besten auf eine Wellpappe. Nach einer Minute Sitzen kann man die Abdrücke der Sitzbeinhöcker erkennen und die äußeren Ränder abmessen. Beim Sattelkauf an diesen Maßen orientieren.
  • Spinning: Für Radfahrer, die auch gerne in der Halle trainieren, empfiehlt sich das “Spinning“. Während des Trainings sind viele Wechsel der Körperposition an der Tagesordnung.
  • Ruhepausen: Zur Vorbeugung von penilem Taubheitsgefühl und erektiler Dysfunktion auf langen und anstrengenden Fahrradtouren Ruhepausen machen.

Das Fazit

Trotz hartnäckiger Gerüchte: Auch regelmäßiges Rennradfahren schadet der Fruchtbarkeit nicht, wie aktuelle Daten zeigen. Auch kommt es durch das Radfahren normalerweise nicht zu Erektionsproblemen. Es kann also Entwarnung gegeben werden, egal wie schlecht der Fahrradsattel beziehungsweise wie ungünstig die eingenommene Position auf dem Fahrrad ist. Wenn Männer jedoch während der Ausfahrt oder danach regelmäßig Taubheitsgefühle im Genitalbereich verspüren oder sie bereits Schwierigkeiten haben, eine Erektion zu bekommen, sollten sie sich von einer Urologin oder einem Urologen untersuchen lassen.

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