Viele Motorradunfälle in Kurven sind auf eine fehlende Schräglage zurückzuführen. Eine zu geringe Schräglage in Bezug auf die Geschwindigkeit führt automatisch zu einem größeren Kurvenradius. Geschieht dies z.B. bei einer Rechtskurve, besteht die große Gefahr, in den Gegenverkehr zu geraten. In einer solchen Situation besteht kaum eine Möglichkeit mehr, den Unfall zu vermeiden. Viele Motorradfahrer nutzen nur einen Bruchteil des tatsächlichen Potenzials ihrer Maschine in Kurven.
Die Physik der Schräglage
Physikalisch sind für Straßenmotorräder (abhängig vom Fahrbahnuntergrund und Bereifung) Schräglagen bis zu 40° möglich. Eine Schräglage bis 20° wird als unproblematisch wahrgenommen. Vom Fahrenden wird eine solche Schräglage jedoch als unangenehm bzw. beängstigend wahrgenommen. In Alltagssituationen ist meist eine viel stärkere Neigung möglich, als der Fahrende vermutet. Viele auftretende Kräfte müssen beim Legen nur minimal und zentral stabilisiert werden und weniger Muskelgruppen müssen Arbeit erledigen.
Faktoren, die die Schräglage beeinflussen
- Reifen: Je breiter die Reifen, desto mehr Schräglage braucht ein Motorrad in der Kurve, denn mit zunehmender Breite wandert die Aufstandsfläche der Reifen in Richtung Kurveninneres.
- Luftdruck: Zu geringer Luftdruck wirkt sich insbesondere bei Kurvenfahrten negativ aus. Durch das verstärkte Walken des Reifens steigt die Lenkkraft deutlich an, die Lenkpräzision verschlechtert sich und der Verschleiß nimmt zu.
- Schwerpunkt: Je höher der Schwerpunkt und je schmaler der Reifen, desto weniger Schräglage muss bei gleicher Kurvengeschwindigkeit gefahren werden.
Schräglagentraining: Sicherheit und Vertrauen gewinnen
Die Angst vor derartigen Schräglagen kann nur durch Training und Wiederholung reduziert werden. Beim Schräglagentraining kommt ergänzend eine speziell vorbereitete Maschine zum Einsatz. Diese verfügt über eine Art Stützräder, sodass sie nicht umkippen kann. Gefahren wird mit der eigenen Maschine.
Aufbau und Ablauf eines Schräglagentrainings
- Voraussetzung: Ein reguläres Motorradtraining muss absolviert worden sein.
- Kleine Gruppen: Um jedem Teilnehmer ausreichend Fahrzeit und individuelle Betreuung zu garantieren, finden die Trainings in kleinen Gruppen statt.
- Steigerung: Im Laufe des Trainingstages steigerst du dich schrittweise, bis du deine persönliche Grenze erreicht hast.
Mit einem speziell umgebauten Schräglagenmotorrad kannst du bei verhältnismäßig geringem Tempo (30-40 km/h) Schräglagen bis zu 45 Grad gefahrlos üben. Jeder Teilnehmer wird individuell betreut und kann in seinem eigenen Tempo lernen.
Fahrtechniken für mehr Schräglage
Ohne spezifisches Training akzeptiert unser Körper instinktiv nur begrenzte Schräglagen, obwohl moderne Motorräder und Reifen technisch deutlich mehr leisten können. Vielen Motorradfahrern geht in Kurven buchstäblich die Straße aus, da der menschliche Körper ohne spezielles Training nur eine Schräglage von etwa 20° zulässt. Diese Diskrepanz zwischen natürlichem Empfinden und technischer Möglichkeit führt häufig zu gefährlichen Situationen im Straßenverkehr. Mit unserem speziell umgebauten Schräglagenmotorrad kannst du bei verhältnismäßig geringem Tempo (30-40 km/h) Schräglagen bis zu 45 Grad gefahrlos üben.
Der Lenkimpuls
Beim Motorradfahren spielt der Lenkimpuls, eine initiale, intuitive Lenkbewegung in die entgegengesetzte Richtung der Kurve, die entscheidende Rolle. Diese scheinbar widersprüchliche Aktion (nach links lenken um nach rechts in die Kurve zu gehen und anders herum) ist nötig, um die Dynamik des sich drehenden Rades zu durchbrechen und das Motorrad effektiv in die Schräglage zu bringen.
Verschiedene Kurvenfahrtechniken
- Drücken: Das Motorrad wird noch schräger nach innen gedrückt.
- Legen: Relativ zentral am Motorrad sitzen und sich mit derselben Schräglage wie das Motorrad in die Kurve legen.
- Hanging-off: Den Schwerpunkt so viel wie möglich nach innen und unten verlegen, sich quasi neben das Motorrad nach innen hängen.
In keiner anderen Kurventechnik hast du eine schmälere Silhouette von vorne betrachtet, als beim Drücken.
Die Bedeutung des Grips
Grip bezeichnet das Kraftschlusspotential zwischen Reifen und Straße. Damit diese Verbindung möglichst viel Kraft übertragen kann, muss sich der mehr oder weniger weiche Gummi in den mehr oder weniger tiefen Poren des Asphalts verzahnen können. Die Straßenoberfläche weist je nach Beschaffenheit einen mehr oder weniger guten Reibbeiwert auf, der mit der Größe µ (lies: Mü) bezeichnet wird und Einfluss auf mögliche Schräglage und Bremsweg hat.
Asphaltstrukturen unter der Lupe
Auf die Tiefe der Rauigkeiten im Asphalt kommt es entscheidend an:
- Mikrorauigkeit: Verbessert die Haftung speziell bei Nässe entscheidend.
- Makrorauigkeit: Verbessert vor allem die grobe Verzahnung zwischen Reifen und Asphalt bei trockener Straße.
Schräglage in der MotoGP
Durch die extreme Haftung der Bridgestone-Reifen und die hohen Motorleistungen haben die Piloten allerhand zu tun. Gibt man in Schräglage zu viel Gas, bremst die Traktionskontrolle den Vortrieb ein. Man muss für einen kurzen Moment sehr viel Schräglage fahren, um die Kurve fertig zu fahren, um dann so schnell wie möglich ans Gas zu gehen und die Leistung des Motorrads zu nutzen. Das ist da, wo man Zeit aufholen kann.
| Motorrad | Fahrstil | Fahrzeugschräglage | Kombinierte Schräglage | Geschwindigkeit |
|---|
| Husqvarna 701 | Aufrecht sitzend | 47° | 47° | 57 km/h |
| Husqvarna 701 | Drücken | 57° | 51° | 62 km/h |
| Husqvarna 701 | Hanging-off | 46° | 51° | 62 km/h |
| Ducati Diavel | Aufrecht sitzend | 41° | - | 50 km/h |
| Ducati Diavel | Drücken | 41° | - | 47 km/h |
| Ducati Diavel | Hanging-off | 41° | - | 53 km/h |
| Honda Fireblade | Serienreifen, Hanging-off | 48° | 51° | 61 km/h |
| Honda Fireblade | Qualifier, Hanging-off | 53° | 55° | 65 km/h |
| BMW S 1000 R | Hanging-off | 47° | 50° | 59 km/h |
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