Im Winter 2024/25 gerät die Bike-Branche immer stärker unter Druck. Erstaunlich, könnte man denken. Schließlich hatten die Corona-Jahre einen regelrechten Bike-Boom ausgelöst. Die Verkaufszahlen erreichten für 2022 einen Rekord und die Nachfrage blieb zunächst weiter hoch. Allerdings beklagten Hersteller immer wieder Schwierigkeiten mit Lieferengpässen und steigenden Preisen.
Zuletzt überschwemmte zu allem Übel auch noch die verspätete Ware aus Bestellungen von 2022 und 2023 den schon schwächelnden Markt. Die Folge: Bei Händlern und Herstellern sind die Lager voll wie nie, verkauft wird in der Nebensaison und der aktuellen Konsum-Flaute aber kaum noch etwas. Die Verkäufer überbieten sich mit Rabatten, gleichzeitig müssen immer mehr Bike-Firmen nun Insolvenz beantragen.
Die Herausforderungen der Fahrradbranche
Mehrere Faktoren tragen zu den aktuellen Schwierigkeiten der Fahrradbranche bei:
- Lieferprobleme während Corona: Distributionsprobleme im Nachgang.
- Pleiten wichtiger Zulieferer und Distributoren: Sprick und der größte Distributor für Westeuropa.
- Hohe Lagerbestände: Infolge von Überbestellungen während des Corona-Booms.
- Trübes Konsumklima: Russlands Krieg gegen die Ukraine, steigende Energiepreise und hohe Inflation.
Insolvenzen und Restrukturierungen in der Fahrradbranche
Die schwierige Marktlage hat zu einer Reihe von Insolvenzen und Restrukturierungen geführt. Hier eine Übersicht:
Accell Group
Accell hat angekündigt, den Produktions- und Gründungsstandort Heerenveen in den Niederlanden als Teil ihres Transformationsprogramms umzugestalten. Der Standort wird sich künftig auf strategische Funktionen wie Design, Ingenieurwesen und Support konzentrieren. Die Fertigung wird bis Ende des ersten Quartals 2026 eingestellt und auf bestehende Produktionsstätten verlagert. Diese Entscheidung ist Teil eines umfassenden Plans, die Effizienz zu steigern und die Produktionsprozesse zu vereinfachen.
Zukünftig wird die Produktion in Ungarn zentralisiert, unterstützt durch die Endmontage in Dijon, Frankreich. Dies folgt auf eine frühere Entscheidung, das Werk in der Türkei zu veräußern. Die Schließung in Heerenveen wird rund 160 Arbeitsplätze betreffen, weshalb ein Sozialplan zur Unterstützung der betroffenen Mitarbeiter in Kraft tritt. Die Umstellung soll im September beginnen, wobei Heerenveen aktuell etwa 20 % der Gesamtproduktion von Accell ausmacht.
Der CEO von Accell, Jonas Nilsson, betont, dass die Konzentration auf weniger Standorte unter dem One-Accell-Modell es dem Unternehmen ermöglicht, die Qualität und Konsistenz der Produkte zu verbessern und gleichzeitig die Betriebskosten zu senken.
Die Accell Group versammelt unter sich zahlreiche Marken wie Haibike, Winora, Ghost und Lapierre sowie Batavus, Koga, Raleigh, Sparta, Babboe und Carqon.
YT Industries und 7Anna (NS Bikes, Rondo)
Nachdem Anfang August schon Kult-Versender YT Industries ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet hatte, trifft es nun den nächsten. Die polnische 7Anna-Gruppe bekannter durch ihre Dirt- und Gravity-Marke NS Bikes sowie Rondo (Gravel) Octane One und Creme Cycles (Urban) hat beim Bezirksgericht in Danzig Insolvenz angemeldet. In Deutschland wurden die Marken über Sports Nut aus Tübingen vertrieben.
7Anna bemüht sich zu betonen, dass die Geschäfte während der Restrukturierung normal weiterlaufen, Garantie und Service vorerst erhalten bleiben.
Jetzt hat sich auch Sports Nut als deutscher Vertriebspartner der 7Anna Group zu Wort gemeldet und verkündet, die jahrelange Zusammenarbeit sei bereits zum 31. Juli 2025 beendet worden. Die SAZ zitiert die Tübinger, dass es schon in den Monaten zuvor Anzeichen für die Schwierigkeiten von 7Anna gegeben haben soll. Daher habe Sports Nut keine Vororder mehr für 2026 getätigt und aufgrund der anhaltenden Lieferprobleme sowie fehlenden Zukunftsaussichten die Zusammenarbeit gekündigt.
Pierer Mobility Gruppe
Die Pierer Mobility Gruppe treibt ihren Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft schneller voran als ursprünglich geplant. Während das Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 noch über 50.000 Fahrräder absetzte, sollen die Lagerbestände der Marken Husqvarna und Gasgas bis Ende des Jahres vollständig abverkauft sein.
Bereits Ende 2024 berichteten wir über die kuriose Meldung, dass das zu Pierer gehörende Unternehmen KTM tausende E-Bikes an die Belegschaft verschenkte, um Lagerkosten zu sparen. Wie das Unternehmen im Rahmen der Veröffentlichung vorläufiger Geschäftsergebnisse für das erste Halbjahr 2025 mitteilt, verläuft der sogenannte "Wind-down" des Geschäftsfeldes Fahrrad schneller als erwartet.
Trotz des Rückzugs versichert Pierer Mobility, dass sämtliche Garantie-, Service- und Ersatzteillieferungen gemäß den gesetzlich vorgeschriebenen Gewährleistungserfordernissen weitergeführt werden. Kundinnen und Kunden, die bereits ein Fahrrad der betroffenen Marken besitzen, sollen also weiterhin Unterstützung erhalten.
Die Fahrradmarke Felt bleibt von den Ausstiegsplänen unberührt. zu Plänen für die Marken Syntace und Liteville, die ebenfalls zum Pierer Konzern gehören, ist derzeit noch nichts bekannt.
UVEX Group
Die Uvex Group, ein traditionsreiches Familienunternehmen aus dem fränkischen Fürth, positioniert sich für die Zukunft mit einem neuen Mehrheitseigentümer. Der US-amerikanische Private-Equity-Investor Warburg Pincus übernimmt die Mehrheit an dem Spezialisten für Schutz- und Sicherheitsausrüstung. Die bisherigen Gesellschafterfamilien Winter und Grau behalten eine Minderheitsbeteiligung und wollen die Entwicklung des Unternehmens weiterhin aktiv mitgestalten.
Mit dem Einstieg von Warburg Pincus verfolgt Uvex ambitionierte Expansionspläne. Neben der Beschleunigung des internationalen Wachstums stehen der Ausbau des Premium-Sortiments und die Erschließung neuer Geschäftsfelder im Fokus. Auch strategische Zukäufe seien Teil der künftigen Expansionsstrategie, heißt es von Seiten des Unternehmens.
Die Uvex Group vereint unter ihrem Dach eine Reihe bekannter Marken, darunter Uvex Safety, Alpina, Hiplok und Filtral. Mit rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit - davon 60 Prozent in Deutschland - hat sich das Unternehmen als bedeutender Akteur im Bereich Sportausrüstung, aber auch Arbeitsschutz etabliert.
Canyon
Wie zahlreiche Wirtschaftsnachrichtenmedien berichten, hat offenbar auch der deutsche Direktversender Canyon mit schlechten Zahlen zu kämpfen. Die Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) hat als Mehrheitseigentümerin von Canyon aufgrund der nach wie vor schwierigen Marktsituation eine deutliche Korrektur des Unternehmenswerts vorgenommen.
Im jüngsten Geschäftsbericht bewertete die GBL ihre Mehrheitsbeteiligung von 49,8 % am Unternehmen Canyon mit 261 Millionen Euro. Im Vorjahr lag der Wert nach dem ersten Quartal noch bei 454 Millionen Euro. Das bedeutet ein Minus von etwa 42,5 % oder 192 Millionen Euro, die die GBL jetzt abschreiben muss.
Als Gründe werden von GBL die nach wie vor schwierige Marktlage mit hohen Lagerbeständen und den darauf folgenden dramatischen Rabattschlachten angeführt, aber auch Qualitätsmängel bei einzelnen E-Mountainbikes.
Auch wenn die finanzielle Lage in Teilen der Fahrradbranche aktuell sehr schwierig scheint: Canyon bleibt zuversichtlich und wird mit einem Store in München sogar sesshaft.
BMC Group
Die BMC Group hat heute weitreichende Maßnahmen zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit angekündigt. Der Schweizer Hersteller hatte bereits im vergangenen Jahr erste Schritte unternommen, um die Lieferantenbestellungen anzupassen und Lagerbestände abzubauen. Angesichts der anhaltend herausfordernden Marktlage sieht das Unternehmen nun weiteren Handlungsbedarf, um die wirtschaftliche Stabilität langfristig zu gewährleisten.
Teil der geplanten Maßnahmen ist eine Reduzierung des Personalbestands um circa 40 Stellen weltweit. Für die potenziell betroffenen Mitarbeitenden in der Schweiz wurde ein Konsultationsverfahren eingeleitet.
Im Zuge der strategischen Neuausrichtung plant die BMC Group, sich künftig auf ihre Kernsegmente zu konzentrieren. Der Fokus soll dabei auf Rennrädern und Gravelbikes liegen. Ergänzt wird das Sortiment durch Modelle aus den Bereichen Triathlon, MTB-Cross-Country, E-Road und Bahn. Für die Marken Scor und Adicta Lab sind vorerst keine neuen Produkteinführungen geplant. Diese Marken sollen zwar weitergeführt werden, allerdings liegt der Schwerpunkt hier zunächst auf der Kundenbetreuung und dem Abverkauf des bestehenden Sortiments. Das Unternehmen gibt an, die weitere Entwicklung dieser Marken laufend zu prüfen.
Parallel zu den strukturellen Anpassungen kommt es auch zu personellen Veränderungen im Verwaltungsrat der BMC Group. Der bisherige Verwaltungsratspräsident Erwin Steinmann sowie Herbert Bächler treten altersbedingt zurück. Die Nachfolge im Präsidium übernimmt Alessandro Celli, der dem Verwaltungsrat bereits seit fünf Jahren angehört.
Weitere Entwicklungen
- Rocky Mountain: Der kanadische Fahrradhersteller wurde von einer Gruppe kanadischer Investoren übernommen.
- KTM: Im Dezember machte die spektakuläre Insolvenz von KTM Motorrad Schlagzeilen. Die Produktion von GasGas und Husqvarna pausiert, Lagerbestände sollen weiter abverkauft werden.
- Flyer: Verlegt die E-Bike-Produktion ins Werk von Kettler Alu-Rad in St. Ingbert, Deutschland.
- Llobe: Der E-Bike-Hersteller musste Insolvenz anmelden.
Auswirkungen auf Verbraucher
Die aktuelle Situation in der Fahrradbranche bietet Verbrauchern sowohl Chancen als auch Risiken:
- Rabatte: Handel und Hersteller locken mit zum Teil hohen Rabatten, besonders bei klassischen Trekkingrädern, Mountainbikes und manchen E-Bikes.
- Preiserhöhungen: Rohstoffe, Komponenten und Transportkosten sind teurer geworden, was langfristig zu Preiserhöhungen führen könnte.
- Garantie und Service: Trotz Insolvenzen versichern viele Hersteller, dass Garantie-, Service- und Ersatzteillieferungen weiterhin gewährleistet sind.
Die Zukunft der Fahrradbranche
"Die Befragten sind sich einig: Im laufenden Jahr und 2025 bleibt es für Fahrradhersteller schwierig. Die Konsumlaune ist aufgrund von Unsicherheiten wie die hohe Inflation, schwache Konjunktur und politischen Verwerfungen weiterhin getrübt. Schnelles Handeln ist daher notwendig, damit die Umsätze und Gewinne nicht noch weiter einbrechen. Oberste Priorität hat die Sicherstellung der Liquidität, etwa durch den Abbau von Lagerbeständen und Fixkosten sowie die Optimierung des Working Capital. Ebenso wichtig ist aber auch der Aufbau von professionellen Prozessen und Planungssystemen, um auf Marktveränderungen schneller und flexibler reagieren zu können."
Wenn Hersteller künftig erfolgreich sein wollen, müssen sie insgesamt flexibler werden und schneller auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren.
Tabelle: Übersicht der wichtigsten Entwicklungen
| Unternehmen | Entwicklung |
|---|---|
| Accell Group | Umstrukturierung, Verlagerung der Produktion |
| YT Industries und 7Anna | Insolvenzverfahren |
| Pierer Mobility | Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft |
| Uvex Group | Übernahme durch US-Investor |
| Canyon | Wertverlust, schwierige Marktlage |
| BMC Group | Stellenabbau, strategische Neuausrichtung |
| Rocky Mountain | Übernahme durch kanadische Investoren |
| Flyer | Verlagerung der Produktion nach Deutschland |
| Llobe | Insolvenz |
Verwandte Beiträge:
- Triumph Mountainbike Test & Kaufberatung: Modelle, Preise & Erfahrungen
- Decathlon Mountainbike 26 Zoll: Test & Kaufberatung
- Ist Fahrradfahren Sport? Kalorienverbrauch & gesundheitliche Aspekte
- E-Dreirad mit Akku: Test & Vergleich der besten Modelle für Senioren & Erwachsene
- Motorrad Auspuff Dichtung Arten: Ultimativer Guide für perfekte Abdichtung & Leistung
- Harley-Davidson: Wie Innovation und Tradition die Motorradwelt revolutionieren
Kommentar schreiben